Es war ein Auftrag, der ihm sein Heimatland von einer völlig neuen Seite zeigte: Auf der Suche nach den kulinarischen Höhepunkten Italiens legte Fotograf Pietro Paolini rund 3000 Kilometer zurück. Von den Alpen bis zum Ätna auf Sizilien, mit seinem Wohnmobil. Und ausgerechnet im abgelegenen Grana-Tal im Piemont, ausgerechnet an einem Sonntag, versagte seine Gangschaltung. Glücklicherweise tat sie dies in der Nähe des Dörfchens Castelmagno - rund 90 Einwohner, darunter zwei fähige Mechaniker. Die beiden reparierten Paolinis Motor gleich auf offener Strasse, Sonntag hin oder her, und verlangten dafür keinen Cent. Paolini übergaben sie währenddessen in die Obhut von Giorgio Amedeo, den überregional bekannten Produzenten des aromatischen Castelmagno-Alpen-Käses.
Natürlich musste Paolini den Käse degustieren: Er aß vom jungen, vom reifen, vom scharfen und vom milden, am Ende folgte eine Einladung zum Essen. Paolini blieb, trotz reparierter Gangschaltung, und behielt die Gastfreundschaft im Norden Italiens in bester Erinnerung: „In Italien ist vor allem der Süden für seine Gastfreundschaft bekannt. Die Leute aus dem Norden sind da in der Regel etwas zurückhaltender.“ Paolini aber war überall gleich willkommen, das habe ihn tief beeindruckt, sagt er.
Überhaupt habe er auf dieser Reise viele Klischees über Bord geworfen und Neues gelernt. Zum Beispiel, dass nicht nur guter Käse jahrelang in dunklen, feuchten Kellern lagern muss, sondern auch guter Schinken. In der Po-Ebene hat er Culatello-Schinken probiert, fünfjährigen, zweijährigen, einjährigen: „Der Unterschied ist riesig. Nie zuvor hatte ich ein solch intensives Geschmackserlebnis.“
Ganz ohne Klischees verlief Paolinis Reise dennoch nicht. In Sizilien wurde er – einmal mehr – zum Essen eingeladen, von einem Arbeiter, der Clementinen- und Orangenhaine bestellt. Kein normales Essen, sondern eine Art Wettessen. Der Arbeiter wollte dem Fotografen aus Florenz unbedingt beweisen, dass die sizilianischen Würste besser schmecken als jene aus der Toskana. Dabei scheute er weder Kosten noch Mühen: drei Kilogramm Würste tischte er auf, damit sich Paolini ein differenziertes Urteil bilden konnte. Hunger musste der Fotograf auf seiner Reise durch Italien nie leiden.
Wie viele Kilos hat er denn zugenommen? „Das weiß ich nicht mehr so genau.“ Aber das ist auch nicht wichtig. Schließlich geht es um viel mehr als Essen. Es geht um ein italienisches Kulturgut.
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