Provence: Auf der Route Napoléon von Cannes bis nach Grenoble

Zum Glück musste der Kaiser den Weg über die Berge nehmen, als er 1815 zurück an die Macht nach Paris eilte. Die "Route Napoléon" führt durch die schönsten Landschaften Südfrankreichs
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Entenflott: Mehr als Napoleon verehren die Franzosen ihren 2CV, wie dieser Herr

Napoléon, ein Sympathieträger?

Mit Napoleon hätten sich Véronique und Daniel partout nicht verstanden. Es wäre laut geworden, garantiert. Und das gleich aus mehreren Gründen. In Saint-Auban, einem Nest bei Castellane, führen Véronique und Daniel Bazzali nicht nur eine stürmische Beziehung, sondern auch das einzige Restaurant am Ort, "Le Tracastel", in dem sie mit ihren Gästen gern bis in die Puppen plaudern, wie sich das für ein Wirtspaar gehört. Und wenn man sie dann nach Napoleon fragt, der vor zwei Jahrhunderten im Nachbarort Séranon auf der Durchreise nach Paris eine Nacht in einem Bauernhaus verbrachte, zischt Daniel, selbst Korse wie der Kaiser: "Tyrann. Diese Kriegsherrlichkeit! Diese Machtfülle! Dieses Feldherrengehabe!" Und Véronique erzählt mit rollenden Augen vom docteur drei Häuser weiter, einem Landarzt, von dem in Saint-Auban jeder munkelt, er hüte eine Napoleon-Kollektion. "Ach, das Mysterium des Herrn Docteur!", stöhnt Véronique gespielt. "Keiner weiß, was er wirklich hat. Waffen? Gürtelschnallen? Stiefel? Kämme? Bücher? Noch nie hat Monsieur jemanden in sein ach so geheimes Gärtchen gelassen." Daniel, diesmal staubtrocken: "Der hat bestimmt auch ein Metro-Ticket von Napoleon."

Und garantiert hätte der ewig Eilige, vom Ehrgeiz getriebene kleine Mann Véroniques Wildschweinragout, die hausgemachte Entenleberpastete und die gefüllten Tomaten achtlos hinuntergeschlungen. Die resolute Pariserin hätte ihn – Feldherr hin, Kaiser her – zu mehr Respekt vor ihrer Küche ermahnt. Und dann hätte sie auf ihn eingeredet, eben nicht nach Paris weiterzuziehen, sondern genau in dieser Gegend zu bleiben. "Es ist diese Landschaft, die mich mein Paris vergessen lässt", sagt sie mit Inbrunst. Hier gehen Provence und Alpen ineinander über, passen Schneegipfel und Lavendelfelder auf ein Foto, schichtet sich Gestein zur natürlichen Mauer, liegen hunderte Meter Fels wie Wellen in den Hängen, als wären sie in der Sonne geschmolzen. Und mitten durch die Berge zieht sich ein tiefer Schnitt: die Gorges du Verdon, eine Schlucht, die Abenteurer, Kajakfahrer und Kletterer vergöttern.

Urfranzösische Dörfer statt Napoleon'sche Hektik

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Highlight auf dem Weg nach Norden: Vor der Festung von Sisteron hoch über der Durance hatte Napoleon einen Heidenrespekt

Für all das hatte Napoleon kein Auge, keinen Sinn, im März 1815. Er war ein Durchreisender, wollte zurück an die Macht, nach Paris. An seinem Verbannungsort, der Insel Elba, war er seinen Bewachern entwischt und hatte sich kein Jahr nach seiner erzwungenen Abdankung – mit 1000 Getreuen bei Cannes auf den Weg gemacht. Dabei wählte er nicht die naheliegende Route durchs Rhônetal, wo er mit dem Widerstand der königstreuen Städte rechnen musste. Sondern jenen beschwerlichen Umweg von Grasse über die Alpen in Richtung Grenoble, die in etwa der heutigen Route Nationale N 85 entspricht. Ganz zufällig war er für sein Comeback auf einer der schönsten Strecken Frankreichs unterwegs. Sie heißt heute "Route Napoléon". Der verbannte Kaiser wollte den König und das Volk in den Städten und Dörfern überrumpeln, ein Gewaltmarsch. Wer heute aber auf dieser 335 Kilometer langen Strecke reist, wird alles andere als die Napoleon'sche Hektik spüren, kann

urfranzösische Dörfer und Restaurants wie "Le Tracstel" entdecken, tagelang durch die Berge wandern und die wenigen Spuren suchen, die Napoleon hinterlassen. hat.

Hier eine mysteriöse Kollektion wie in Saint-Auban, dort sein Fauteuil in Grasse, ein hässlicher, rustikaler Sessel in Rot-Weiß, heute im Privatbesitz einer alten Dame, oder ein verstaubter Tisch in einer Scheune in Séranon, an dem er gegessen haben soll. Einzelne verstreute Devotionalien, gehortet von ein paar einfachen Leuten, nach denen man sich durchfragen muss, von einem Nachbarn zum anderen. Keine „Napoleon-Teller“ in den Restaurants. Keine Napoleon-Flaschenöffner oder Napoleon- Hüte an den Kiosken. Nicht mal Napoleon-Postkarten. Das macht die Route Napoléon heute zu einem sympathischen Weg voller Attraktionen ohne aufdringliche touristische Begleitmusik.

Das Größte hier: die Landschaft wandernd zu erobern

Eine ihrer schönsten Stellen ist der Col de Corobin, gut 1200 Meter hoch, auf halbem Weg zwischen Grasse und Gap. Bei Chaudon-Norante verlässt man die N 85 und folgt einer engen, asphaltierten Bergstraße, deren Verlauf dem Weg von Napoleons Tross ziemlich genau entspricht. Oben am Pass, wo man in die Ferne und in die Tiefe blickt, lässt der Wind die Bäume singen. Man blickt über eine urgewaltige, monumentale Landschaft: apokalyptische Felsabbrüche und rundgeschliffene Riesenkiesel, sattgrüne Wälder, türkisfarbene Seen und aschbraune Haufen aus schwarzem Mergel, die an Mondlandschaften erinnern. Es ist der Blick in Europas größten geologischen Naturschutzpark – mit Geröllfeldern, die kein Ende zu haben scheinen. Knorrige Bäume rahmen die großen Platten ein, die berühmt sind für ihre Fossilien.

Es ist eine wilde, unverfälschte Landschaft, durch die noch Wölfe streifen und über der Geier ihre Runden drehen. In einem der Täler, die man von hier aus erahnt, ganz am Ende, wo die Straße aufhört und nur noch neun Menschen im verfallenden Weiler Chavailles leben, wohnt Jean-Louis Bietrix. Bietrix hat einmal in der Garde Republicaine gedient und auf dem Motorrad Staatspräsident Giscard d’Estaing eskortiert. Der 56-Jährige ist ein braungebrannter Mann mit blauen, unerschrockenen Augen, er hat kein einziges graues Haar, ist durchtrainiert bis zum kleinen Zeh, und wenn er von der Wildschweinjagd erzählt, hat man das Bild vor Augen, wie er sie mit bloßen Händen packt und zu Boden drückt.

Jean-Louis Bietrix kennt den Spaß, den es bereitet, auf dem Motorrad oder im Auto über die Route Napoléon zu kurven. Aber nichts ist befriedigender, sagt Bietrix’ ganze Erscheinung, als diese Landschaft aus eigener Kraft zu erobern. Mit seinen Kunden steigt der Bergführer auf fast jeden Gipfel, er führt sie zu den Objekten des Landart-Künstlers Andy Goldsworthy, der in einigen Tälern Kunstobjekte hinterließ, die nur zu Fuß erreichbar sind, und zu den Verstecken und Kampfplätzen der Mitglieder der Résistance, die in diesem unwegsamen Gelände gegen die deutschen Besatzer kämpften. Und: Er geht mit ihnen den "Trek Napoléon" auf den Spuren des Kaisers. In sechs Tagen von Castellane nach Digne-les-Bains, 110 Kilometer zu Fuß. "In gewisser Weise bewundere ich ihn und seine Leute", sagt Bietrix. "Ihre Ausrüstung war nach heutigen Maßstäben lächerlich, aber sie machten mehr als 50 Kilometer am Tag. Es war Winter, kalt und glatt, die Wege waren enge, steinige Pfade. Sie hatten eine unglaubliche Willenskraft."

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Grasse bei Kaiserwetter

Zu Besuch in Volonne

Es war der 5. März 1815, ein Sonntag, als Napoleon Bonaparte und sein Gefolge durchs Dörfchen Volonne am Fluss Durance zogen. Napoleon, so heißt es, probierte im Gasthaus "Poisson d’Or" eine Ente auf Oliven und hinterließ nicht weit davon die menschlichste aller Spuren bei seiner Rückkehr an die Macht. Also Volonne. Auf dem Boule-Platz wird gespielt, in den Rinnen der Gassen kullern Maulbeeren, die Türen eines Peugeot sind geöffnet und zittern vom Rap. Auf dem kleinen Dorfplatz, der eine halbe Stunde zuvor noch menschenleer war, wird großes Sonntagnachmittagskino geboten. Es fängt damit an, dass ein Holländer mit seinem Wohnwagen in einer Gasse stecken bleibt. Die Alten im "Café des Arts" blicken nur kurz von ihren Karten auf, ein paar Junge erheben sich süffisant grinsend, um den Wohnwagen vor aller Augen abzuhängen, von Hand zu drehen und durch die eng stehenden Korbstühle zu bugsieren. Die Bedienung wäscht die Aschenbecher am Brunnen, der auch ein Kriegerdenkmal ist; später schlabbern dort Hunde, dann bespritzen sich Kinder, die auf dem Brunnenrand balancieren. Mauersegler rasen in halsbrecherischem Tempo um die gestutzten Platanen. Ein fast zahnloser Mann taucht auf, er trägt einen Welpen auf dem Arm, der im Verlauf des Nachmittags wie eine Trophäe durch Dutzende Hände wandert.

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Napoleon-Kirschen sind im Sommer kiloweise zu haben

Die Frau vom Sandwich-Laden serviert ihre Bestellungen an den Tischen des "Café de l’Industrie". Ein Kartenspieler scheucht einen großen Hund unter den Stühlen auf. "Cherche le chat!", ruft er, "Such die Katze!", der Hund wirft drei Stühle um und rennt fast in ein Auto, bis ihn sein Besitzer wieder einfängt. Gegenüber der Pizzeria, dem einzigen Restaurant am Platz, baut einer seinen mobilen Pizzastand auf, seine Kunden verriegeln den Platz mit ihren Autos zeitweise komplett, ohne dass sich irgendjemand darüber aufregt. René Ceccaldi, ein älterer Herr mit weißem Schnauzer, trödelt vorüber. Ein Netz mit silbernen Boulekugeln baumelt an seinem Arm. Er hat den entscheidenden Tipp, schnippt mit dem Finger: "Ich weiß, wohin Sie wollen. Folgen Sie mir."

Den Boule-Platz, auf dem schon seine Mitspieler warten, lässt er links liegen. Vor dem letzten unscheinbaren Haus des Dorfes bleibt er stehen, deutet auf einen Eckstein, auf dem im provenzalischen Dialekt eingraviert ist: "Eishi lou de 5 mars 1815 Napoléon P. P." Monsieur Ceccaldi grinst: „Das heißt: Hier, am 5. März 1815, kam Napoleon vorbei und trat aus.“ Er hüstelt: "Na ja, P. P. steht für ,passa et pissa‘. Salopp gesagt: Napoleon hat hier also an die Hausecke gepinkelt." Auf dem Rückweg zum Dorfplatz nuschelt Monsieur, dieser Napoleon sei ja auch nicht besser gewesen als andere Diktatoren. Das Comeback des Kaisers über die Berge, sagt er, mag abenteuerlich gewesen sein. Aber ein Held sei der kleine Mann bestimmt nicht, nur eine interessante Figur der Geschichte. Es gibt noch andere Symbole dafür, mit wie viel Distanz und leiser Ironie die Franzosen mit ihrem ehemaligen Herrscher umgehen und wie wichtig er wiederum für ihr Selbstverständnis ist. Auf einer bröckelnden Hauswand in Séranon verblasst seine aufgemalte Silhouette mit dem berühmten schwarzen mantel, der rechten Hand in der Weste und dem Zweispitz-Hut seit vielen Jahren - als Werbefigur für Cognac.

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Bei Laffrey ritt der Feldherr allein den königstreuen Truppen entgegen. Eine Reiterstatue erinnert an die heikle Begegnung

Info Route Napoléon

Übernachten

Le Clos de Lumière. Das ehemalige Bauernhaus liegt einsam auf 1150 Meter Höhe in den Bergen. La Rochedes- Arnauds (15 km von Gap), Tel. 04-92 57 90 31, www.leclosdelumiere. com

Lou Jas. Einfache Herberge in einem kleinen Dorf. Die dazugehörige

"Pizzeria" serviert auch regionale Kost (Wildschwein und Lamm). Soleilhas (20 km östlich von Castellane), Rue de Bayles 110, Tel. 04-93 60 43 54, www.hotel-restaurant-loujas.com

Hotel-Pension Villa Gaia. Altes Herrenhaus mit Park, Bibliothek, Speisesaal und Dampfbad. Vorzügliche provenzalische Küche (auf Wunsch auch vegetarisch). Am Stadtrand von Digne-les-Bains, Route de Nice 24, Tel. 04-92 31 21 60, www.hotel-villagaia-digne.com

Le Vieil Aiglun. Zwei Ferienhäuser, fünf Gästezimmer, Pool, table d’hôtes im Gewölbekeller. Das einst verfallene Minidorf hat ein belgisches Ehepaar mit viel Geschmack restauriert. Aiglun (10 km westlich von Digne), Tel. 04-92 34 67 00, www.vieil-aiglun.com

Camping Mandala. Vermietet werden auch kleine Chalets und Jurten. Prads Haute-Bléone (26 km nordöstl. von Digne), Tel. 04-92 32 50 26, www.camping-mandala.fr

Essen und Trinken

Le Tracastel. Das Restaurant (mit kleinem Hotel) bietet gute provenzalische Küche. Saint-Auban (30 km östl. von Castellane), Tel. 04-93 60 43 06, www.hotel-restaurant-gite.letracastel.fr

L ’Olivier. Mag die Einrichtung auch uninspiriert sein, das Essen ist exquisit. Digne-les-Bains, Rue de Monges 1, Tel. 04-92 31 47 41, www.resto-lolivier.fr

Le Chaudron. Deftige regionale Küche, z. B. pieds et pacquets, Lammkutteln und -füße in Tomaten, Rotwein, Weinbrand und Kräutern. Digne-les-Bains, Rue Hubac 40, Tel. 04-92 31 24 87

Unternehmen

Reiten. Die Pferde- und Eselnarren stellen sogar das Sattelzeug auf ihrem Hof "Les Crins du Col" selbst her. La Bréole (nahe Lac de Serre-Ponçon), Tel. 04-92 85 57 02, http://lescrinsdu col.free.fr

Wandern. Mit Jean-Louis Bietrix auf den Spuren Napoleons oder zur Landart von Andy Goldsworthy. Digneles- Bains, Tel. 04-92 32 27 44, www.randolavande.fr

Bahnfahren. Der "Train des Pignes“" rattert seit 1902 zwischen Digneles-Bains und Nizza; er passiert mehr als 30 Tunnel, Brücken und Viadukte. Einfache Strecke 151 km, 3,5 h, Tel. 04-97 03 80 80, www.trainprovence.com

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