Super Strände, schöne Städte, schlechte Straßen - Mit dem Fahrrad durchs Baltikum

Reisebericht

Super Strände, schöne Städte, schlechte Straßen - Mit dem Fahrrad durchs Baltikum

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29.08.2008

1. Tag: Mit dem Zug nach Norden

Im Zug nach Hamburg

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Früh morgens klingelt der Wecker. Ein Blick aus dem Fenster offenbart: Nicht gerade das schönste Urlaubswetter; es ist bedeckt und sieht so aus, als könnte es jeden Moment anfangen leicht zu regnen. Schnell packen wir die Packtaschen auf die Räder und los geht es. Die erste „Etappe“ ist ein Katzensprung: zum Bahnhof ist es nur knapp ein Kilometer. Wir sind beim Bepacken der Räder schneller als erwartet und fahren einen Zug früher nach Wuppertal als geplant. So haben wir am Wuppertaler Hauptbahnhof noch genügend Zeit uns ein paar Croissants zum Frühstück zu besorgen. Wir warten auf Mario. Dem fiel es nicht ganz leicht aus dem Bett zu kommen, doch er ist rechtzeitig am Bahnhof. Ab jetzt sind wir zu dritt unterwegs. Da es in Wuppertal leider nicht an jedem Bahnsteig einen Aufzug gibt, transportieren wir die Räder per Gepäckförderband hinauf aufs Gleis und nach kurzer Wartezeit sitzen wir bereits im IC nach Hannover. Dort gibt es ebenso wie in Hamburg Aufzüge und wir haben viel Zeit zum Umsteigen. So verläuft die Zugfahrt sehr entspannt – trotz der 3 Räder und insgesamt 16 Gepäckstücke und einer Reisegruppe mit 13 Fahrrädern, die in Hannover ebenfalls in den IC nach Hamburg steigt. Noch nie habe ich eine so entspannte Reise mit Fahrrad und Zug erlebt – und ich bin schon häufig mit Rad und viel Gepäck im Zug gereist. Nur im Regionalexpress von Hamburg nach Kiel wird es dann doch noch eng – im wahrsten Sinne des Wortes. Als wir einsteigen ist der Zug noch völlig leer und wir machen uns mit unserem vielen Gepäck recht breit, doch mit der Zeit wird er immer voller und voller. Schon bald müssen wir unser Gepäck platzsparender verstauen um nicht allzu viele Sitzplätze zu blockieren. Für die letzten Fahrgäste gibt es aber ohnehin nur noch Stehplätze: Feierabendverkehr.



Unser Gepäck



Sonne und dunkle Wolken in Kiel

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Je weiter wir nach Norden kommen, desto besser wird das Wetter. In der Wolkendecke zeigen sich immer mehr blaue Lücken und lassen die Sonne hindurch. Kiel empfängt uns mit Sonnenschein – und schwarzen Wolken am Horizont, aus denen aber zumindest bei uns kein Regen mehr fällt. Nach einer kleinen Stärkung mit leider nicht mehr ganz frischen Sandwiches am Kieler Hauptbahnhof machen wir uns auf den Weg zum Ostuferhafen. Die Fähre nach Klaipeda fährt leider nicht, wie die mir bereits bekannte Fähre nach Oslo, unmittelbar in der Nähe des Bahnhofs ab. Dank Google Maps finden wir den Weg zum Ostuferhafen aber problemlos und genießen auf den ca. 7 km die überwiegend breiten Radwege – wie schön wäre es doch, wenn es einen solchen Luxus für Radfahrer auch in Remscheid gäbe...



Da die Anreise so problemlos verlief, sind wir sehr zeitig am Fährhafen, es ist ca. 18 Uhr. Die Fähre fährt erst um 22 Uhr, doch da es sich um ein kombiniertes Fracht-Passagier-Schiff (Ro-Pax) handelt, müssen wir bereits um 19 Uhr am Terminal sein. Warum, das erfahren wir am Check-In Schalter im Hafengebäude. Dort erhalten wir unsere Bordkarten und die Info, dass wir um 19 Uhr am Schalter nebenan unsere Kabinenschlüssel und die Kärtchen für die gebuchten Mahlzeiten erhalten. Wir haben Frühstück und Abendessen gebucht – wie wir dachten beides für den morgigen Tag. Dem ist aber nicht so: das Abendessen gibt es bereits heute, morgen gibt es gar kein Abendessen mehr auf dem Schiff. Doch heute Abend wollen wir auf der Fähre gar nichts mehr essen. Zum Glück können wir problemlos „umbuchen“. Statt Abendessen heute, bekommen wir nun morgen Mittagessen. Um 21 Uhr müssen wir hinter das Gebäude fahren und dort an der Haltestelle des Shuttlebusses für die Fußpassagiere warten. Die Zeit bis dahin verbringen wir in der „Hallo-Pizza“ im Hafengebäude: sehr lecker! Durch die Fensterscheiben können wir den LKW-Verkehr im Hafen beobachten. Von der Fähre herunter kommen sehr viele Viehtransporter mit Kälbern aus Litauen. Auf die Fähre drauf fahren vor allem Transporter mit Neuwagen. Doch auch auf unserem Schiff sind nachher zwei Viehtransporter: mit Schweinen. Kälber von Litauen nach Deutschland. Neuwagen und Schweine von Deutschland nach Litauen. Freier Handel in Europa – live. Ich frage mich nur, ob es wirklich notwendig ist, lebende Tiere über so weite Strecken durch ganz Europa zu transportieren.



Ostuferhafen Kiel



Warten auf den Shuttlebus

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Pünktlich um 21 Uhr stehen wir mit unseren Rädern hinter dem Hafengebäude. Dort warten auch bereits die anderen Privatfahrzeuge, es sind nicht viele, vielleicht 50: nur sehr wenige deutsche PKW, vor allem Litauer, darunter auch ein kleiner Lieferwagen – das Dach sehr abenteuerlich vollgepackt mit alten Fahrrädern. Ein niederländisches Pärchen mit Motorrad. Wir sind die einzigen Radfahrer, zumindest mit Fahrrad. Denn unter den Fußpassagieren, die in den Shuttlebus steigen ist auch eine kleine Reisegruppe älterer Frauen, die eine einwöchige organisierte Radtour auf der Kurischen Nehrung und im Memeldelta gebucht haben. Ihre Räder bekommen sie aber in Litauen gestellt. Der Fahrer des Shuttlebusses erklärt uns sehr freundlich den weiteren Ablauf: Wir werden gleich hinter ihm her durch das Hafengelände und dann aufs Schiff fahren. Dabei sollen wir vor allem auf die im ganzen Hafenbereich verlaufenden Gleise acht geben. So gelangen wir mit Geleitschutz auf die Fähre. Dort steht ein auf dem Frachtdeck ein großer Container mit Schließfächern, in denen wir einen Teil unseres Gepäcks lassen. Die Räder kommen hinter den Container.



Fahrradtransport nach Litauen

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Nachdem alles sicher verstaut ist, geht es hinauf zu den Kabinen. Ab jetzt sind wir quasi schon in Litauen: an Bord gilt die litauische Zeit und das Personal spricht kein oder nur noch sehr schlecht deutsch – Englisch ist aber kein Problem. Wir haben eine Dreibettinnenkabine gebucht und ich rechne mit einer der üblichen engen „Schachteln“ wie ich sie von meinen bisherigen Fährüberfahrten kenne: doch wir werden positiv überrascht. Die Kabine ist deutlich größer als sonst in dieser Kategorie und auch die Betten sind wesentlich breiter – schön! Doch erstmal geht es hinauf auf Deck, von wo wir die weitere Beladung des Schiffes mit den PKW und noch einigen letzten LKW beobachten. In die andere Richtung fällt der Blick auf die sich im Wasser spiegelnde „Skyline“ von Kiel. Pünktlich legt die Fähre ab und wir bleiben noch eine Weile an Deck, bis wir den Hafen verlassen und rundherum fast nur noch Dunkelheit zu sehen ist. Die See ist absolut ruhig, so gut wie keine Wellen.

Route: Remscheid – Wuppertal – Hannover – Hamburg – Kiel
Strecke Fahrrad: ca. 8 km



Kiel bei Nacht


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Kommentare

  • ToniE

    Bewunderung!
    So eine gigantische Tour. 1.100 km Fahrrad!
    Bewertung: Hervorragend
    (auch wenn ich zugeben muss, nicht alle 23 Seiten gelesen zu haben)
    TONI

  • stopfkuchen

    Hallo Debby,
    kann mich Toni in allen Punkten nur anschließen, alle Achtung!!
    Auch ich habe es (bis jetzt) noch nicht geschafft, alles zu lesen, dafür haben einige der schönen Bilder und einige Ortsnamen eigene Erinnerungen geweckt. - Vielen Dank für den Bericht!
    Gruß, Steffi

  • AndreCravan

    Labas Debby,

    ich habe jetzt die ersten 13 Seiten gelesen und will mit meiner Bewertung nicht länger warten :) Absolut schön be- und geschrieben! Besonders der Teil Litauen und südwestliches Lettland weckt bei mir lebendige Erinnerungen. Zeitweise habe ich die gleichen Routen genutzt und ähnliches erlebt. Wunderschöne Bilder! Danke für den tollen Bericht. Ich verspreche, ihn zu Ende zu lesen!

    Iki pasimatymo!

  • visufix (RP)

    Wow...
    das ist ja vom Umfang her ein ganzes Buch! Vielen Dank, das Du uns diese Region näher gebracht hast.

    Grüße und viele weiter schöne Touren:
    Martin

  • A1B2CC

    Hallo debby, ich habe gerade die letzte Seite gelesen und bin von diesem tollen Bericht überwältigt. Er war einfach toll. Ihr habt so viel tolles erlebt. Mein Eindruck vom Baltikum ist bestätigt worden. Traumhaft sind auch die Bilder. Gut gegliedert und anschaulich vermittelt. Sicherlich sind das nur Ausschnitte/ Bruchteile von dem, was ihr wirklich erlebt habt. Man kann sich jedoch genau vorstelleb, wie es war. Danke danke. Für die nächsten Touren egal in welche Gebiete der Welt viel Spaß. Liebe Grüße von A1B2CC alias Christian!!

  • debby83

    Vielen Dank für eure so positiven Kommentare! Es freut mich sehr, dass euch der Bericht gefällt - obwohl er so lang ist. Aufgrund der Länge erwarte ich auch nicht, dass jeder den Bericht komplett liest. Ich habe versucht ihn so aufzubauen, dass man auch nur die Abschnitte lesen kann, die einen besonders interessieren - oder die Reise nur an Hand der Fotos nachvollziehen kann. An alle, die den Bericht trotz seiner Länge komplett gelesen haben: Respekt! Das freut mich natürlich besonders. VIELEN DANK!

  • Bille

    Ein beeindruckender Bericht. Ich habe ihn in vier Teilen, oder waren es fünf(?), gelesen.
    Wie lange hat es gedauert, ihn zu schreiben?
    Mein Kopf ist ganz voll mit Deinen Erlebnissen.
    Danke

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  • kawasakipower

    Hallo Debby
    Das ist ein abendfüllender Bericht,da muß ich noch mal ran.
    Aber bis jetzt,tolle Eindrücke.

    Lg Melanie

  • Blula

    Liebe Debby,
    habe vorhin diesen Deinen r i e s i g e n Reisebericht entdeckt. Ich bin ja platt.. Einfach gigantisch... sowohl diese fantastische Tour als auch der Wahnsinnsbericht mit den tollen Fotos. Ich werde ein paar Tage brauchen, um ihn zu Ende zu lesen. Vielen Dank! LG Ursula

  • Blula

    Hallo Debby!
    Habe mich jetzt "durchgelesen". Bin wirklich stark beeindruckt von Deinem tollen Bericht. Würde Dir, wenn das möglich wäre, gern nochmals 5 Punkte dafür geben.
    Herzliche Grüße! Ursula

  • liebilein

    Wirklich ein beeindruckender Bericht. Lebendig und persönlich geschrieben und schön bebildert.
    Hut ab vor der sportlichen Leistung.
    Möchte mir gar nicht vorstellen, wie viele Abende ihr in die Vorbereitung investiert habt. Müssen unendlich viele gewesen sein.

  • debby83

    @ alle: Nochmals vielen Dank für eure so positiven Kommentare!

    @lieblein: Es waren sehr viele Abende, wie viele, weiß ich selbst nicht. Aber mir macht das Planen von solchen Reisen sehr viel Spaß. Ist für mich fast so schön wie die Reise selbst und das Bilder anschauen und Berichte schreiben danach. Also keine Last oder Arbeit, sondern vor allem Vorfreude, auf das, was kommt.

  • ameleat

    Ich erkenne eine verwandte Seele. Ich habe Teile des Reiseberichtes gelesen und mich davon zu einem eigenen Reisebericht inspirieren lassen, der aber noch in Arbeit ist. Wir sind auf einer anderen Route durch die selben Länder geradelt. Unsere Motivation war eine andere, unsere Erlebnisse zusammengenommen ergeben ein vollkommeneres Bild.
    Das Planen hat auch mir Spaß gemacht, und da ich immer alles wie einen Generalstabsplan vorbereite, damit wir jeden Tag ein Ziel und eine Unterkunft haben, dauert die Planung mehrere Wochen. Weiter so! Ich freue mich auf die nähsten Berichte.

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  • Raudi

    Hallo Debby, Habe jetzt fast 3 Stunden gebraucht um deine schönenen und Informativen Reisebericht zu Lesen ! Bericht und die Bilder verdienen meiner Meinung nach Fünf Punkte. Mir hat dein Bericht sehr gut gefallen

  • jeckop2rad

    Hallo Debby
    Auf der Suche nach Informationen über Radreisen im Baltikum stießen wir auf Deinen Bericht und waren schon nach den ersten Seiten begeistert.
    Kurzweilig, informativ, mit tollen Fotos und wertvollen Tipps angereichert!
    Absolut empfehlenswert.

  • frankas (RP)

    Aktuelle Informationen zum Radfahren in Litauen, Lettland, Estland gibt es unter
    www.balticcycle.eu
    (ein Projekt von Baltischen Radfahrerorganisationen)
    oder mich persönlich fragen, ich lebe in Vilnius ;-))

  • frankas (RP)

    Und danke für die persönlichen Erfahrungen, ich denke das hilft allen anderen Reisewilligen weiter. Ich werd's mal verlinken (bei fing alles mit 'ner Radtour Greifswald-Tallinn im Jahr 1994 an) ...

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