Von Gandhi bis zu Slumdog Millionaire

Reisebericht

Von Gandhi bis zu Slumdog Millionaire

Reisebericht: Von Gandhi bis zu Slumdog Millionaire

Oder mein persönliches Kultur Schleudertrauma in Indien

Faszination

Die Schweiz ist als Reisedestination überfüllt mit netten Klischees. Indien andererseits, ist eher behaftet mit Vorurteilen. Zurecht natürlich. Faszination und Irritation wechseln im Sekundentakt. Das Land ist voller Widersprüche - mit einer teils brutalen Radikalität. Wer die Angewohnheit hat, das Andersartige mit der eigenen Elle zu messen und anschliessend zu (be)werten, soll zum Selbstschutz lieber zuhause bleiben. Wer Indien verstehen will, muss eintauchen, manchmal den Kopf ausschalten und dafür mit allen Sinnen sämtliche Eindrücke aufsaugen. Verstehen, dass die Regeln hier ganz anders sind.



Rajasthan

Der Bezirk Rajasthan besitzt das kulturelle Gross-Erbe Indiens. Pinke, blaue, sogar goldene Städte säumen unseren Reiseplan. Ein Hauch Pakistans in der Wüste bei Jaisalmer, etwas James Bond in Udaipur und allgegenwärtige Spiritualität in Pushkar. Weiter gehts zum grossartigen Taj Mahal. Da wird einem nicht zuviel versprochen (bei den Zuständen an Bahnhöfen übrigens auch nicht, aber das ist ein anderes Thema). Zeremonien von Verbrennung und Einäscherung erleben wir am heiligen Ganges bei Varanasi gezwungenermassen mit. Bei Sonnenaufgang soll es besonders schön sein, sagt Lonely Planet. Und Bombay natürlich. Das ist Indien, dachte ich. Kenne ich noch vom Städte Quartett als Kind. Mumbai heisst es Heute. Leider empfängt einen dort aber der umgekehrte Kulturschock. Ich nenn das, trotz Britischer Kolonial Vergangenheit, das 'we are all living in America'-Phänomen. Es fühlt sich an, wie wenn man Wochen im vietnamesischen Festland unterwegs war und dann nach Ho Chi Minh City einfährt, oder nachdem Guatemala, Honduras und Nicaragua off the beaten track bereist wurde, und man anschliessend die Grenze nach Costa Rica überquert. Mit anderen Worten: Viele können plötzlich Englisch und es gibt Starbucks und McDonalds. Also all das, was man als Traveller eigentlich nicht sehen will, beziehungsweise zu Hause lassen wollte. Der vollständigkeitshalber will ich auf eine wichtige Kehrseite der 'Medaille' hinweisen: Sage und schreibe 55% der Bevölkerung Mumbais lebt in Barackenstädten und Slums in Vororten. 'Dharavi' steht sogar bei allen Slums Asiens, unrühmlich, zuoberst auf dem Podest.



Varanasi Man



Kulinarische Highlights

Aber alles der Reihe nach. In den Gassen von Delhi weht uns abwechselnd der Duft von Räucherstäbchen, Müll, frischen Tee, Urin, gebrannten spanischen Nüssen, Abgas und dann wieder betörenden Gewürzmischungen in die Nasen. Kulinarische Highlights gibt es wirklich an jeder Strassenecke. Wir lieben es, uns auf die klapprigen Holzbänke zu setzen und uns von Masala Chai Tee und Samosas verzaubern zu lassen. Die leckeren, klebrigen Jalebis dürfen zum Nachtisch natürlich nicht fehlen. Dann gehts endlich aufs Land, wir fahren nach Rajasthan mit seinen vielen heiligen Städten. Pushkar ist eine davon. Da sucht man vergebens nach 'Chicken' auf dem Speiseplan, alles ist vegetarisch. Es gibt eigentlich auch keinen Alkohol. Dafür wird einem jede Menge Marihuana (auf den Strassen, leise flüsternd, im Vorbeigehen) angeboten. Ich lehne das Opium ab. Auch das Crack. Aber ein Bier, das wär nicht schlecht, denke ich. Ich frage also den heimlichen Drogen Verkäufer, ob er den nicht ein Bier auftreiben könne, doch dieser entgegnet mir ganz empört: "I'm not a Dealer!" und weg ist er - ja, Auffassungen können zuweilen unterschiedlich sein.



Street Food



Hooorn please

Themawechsel: In Jaipur, der Hauptstadt Rajasthans, waren wir im Kino. Das ist ein Erlebnis. Es wird so ganz anders zelebriert. Einlass in den Saal findet mit 50 minütiger Verspätung statt, "der andere Film dauert eben noch" heisst es. Dann ist es soweit. Die Einheimischen kreischen schon bei den Vorschauen. Bei jedem Erscheinen bekannter Filmstars auf der Leinwand wird euphorisch geklatscht, gejohlt und gepfiffen. Der Geräuschpegel ist konstant hoch (während 3 Stunden!). Die Schauspieler werden angefeuert, als wären Sie ebenfalls im Saal und müssten, wie im Theater, zu Höchstleistungen angespornt werden. Dann das Grande Finale: Die abschliessende Kusszene. Die Schönste und der Klügste haben doch noch zueinander gefunden. Der Lärmpegel ist am Zenit. Ein Genuss.

Das Alltagsleben hingegen, ist nicht konstant von jeglicher Komplexität befreit wie der Bollywood Streifen am Vorabend. Wer kein Hindi spricht, ist auf die Körpersprache angewiesen. Und da gibt es dieses indische, rätselumwobene Kopfschütteln. Es ist nicht einfach zu entschlüsseln. Je nach Neigewinkel des Hauptes zur linken Seite, bedeutet die Geste: "it's okay", "i don't know" oder "yes". Die Grenzen sind fliessend. Ein heftiges, rasch wiederholtes seitwärts Kopfschütteln jedoch, ist einfach - der Rikschafahrer ist wirklich nicht einverstanden mit dem Preisvorschlag für die nächste Fahrt...

Apropos Strassen. Da begegnet einem so einiges. Falschfahrer, Kühe, Kamele, Elefanten, Affen, schlafende Hunde, jede Menge Müll der umkurvt werden will und sogar Autofahrer, Velo- und Moto Rikschas, tausende ohrenbetäubende Motorräder oder Fussgänger. Einige mit roten Haaren (mit Henna gefärbt; es soll auch in der täglichen (Verkehrs-) Hitze für einen kühlen Kopf sorgen). Gefahren wird, wo der Strassenzustand gerade am besten ist. Grundsätzlich gilt Linksverkehr. Lastwagen tragen sogar eine Aufschrift am Heck: "Hooorn please". Gehupt wird, wie überall in Südostasien, so viel wie möglich, so viel wie nötig. Ein System dahinter suchte ich vergebens.



Art in Jaisalmer



Die Bereicherung

Wer sich mit Indien und Hinduismus befasst, kommt am Kastensystem nicht vorbei. Hineingeboren werden Sie, als Rajput, Brahman oder im schlimmsten Fall als Kastenlose. Moderne Inder streiten die Allgegenwärtigkeit des Kastensystems ab. Hackt man nach, erfährt man meistens das Gegenteil. Eines Abends treffen wir, wie sich später herausstellt, einen Brahman und einen Rajput. Da beide Herren Kinder im ähnlichen, heiratsfähigen Alter haben, mache ich während der Hinduismus-Kultur-Diskussion den Vorschlag, dass diese doch heiraten könnten. Beide lehnen mit einer echten, nicht gezögerten Vehemenz ab. Das gehe nicht, die Traditionen der Familien lasse dies nicht zu. Beide hatten Minuten vorher noch in knappem, aber gut verständlichen Englisch "Cast system no matter - life is only about heart - we modern people" gepredigt. Da ist sie also wieder. Die himmelhoch jauchzende Spiritualität, und die vielen (uns) unbegreiflichen Sehnsüchte.

Die bekannten Vorurteile hingegen lassen sich teilweise entkräften. Ja, der Gestank in den Strassen gibt es tatsächlich. Aber nur für wenige Sekunden. Man kann sicher sein, im handumdrehen sorgt frisch zubereitetes Curry für wohltuende Abwechslung. Das hebt die Stimmung und entschädigt überproportional.Was den Müll betrifft, stelle ich mir einfach vor, am Vorabend hätte in der ganzen Stadt eine rauschende Party stattgefunden - das macht das Ertragen leichter, glauben Sie mir. Und den Stundentakt, ja den haben Sie höchstens im Stromunterbruch erfunden. Kein Wunder bei den abertausenden Stromleitungen. Als Fazit, bin ich mir nicht sicher, ob ich bei den vielen Beobachtungen des Alltagslebens die sicher geglaubte Vergangenheit gesehen habe, oder die wahrscheinliche Zukunft. Ich bin bereichert, und doch habe ich mehr gesehen als verstanden.



The Camel Safari Shoes


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • konradw

    Ein wunderbarer Bericht, welcher die unglaubliche Vielfalt, die Überflutung der Sinne und das "Verstehen und Begreifen können" bis an die Grenze wunderbar darstellt.
    Gruß
    ´Werner

  • Linda52

    Ausgezeichneter Artikel.
    Complimenti!!
    L.G. Gerlinde

  • Lana

    Ein stilistisch hervorragender Bericht, der es versteht im Leser alle Sinne anzusprechen, der das in einem Europäer letztendlich immer unverständlich Bleibende doch sichtbar macht und dem es gelingt, den Leser mitten in den Bericht hinein zu führen. Danke! LG Brigitta

  • MaoMao

    Sehr interessant geschrieben. Lg Thomas

  • INTERTOURIST

    Lobhodelleien sind mir fremd.
    Ich kann mich jedoch nicht erinnern, wann ich das letzte Mal einen so flüssigen, schlüssigen und kurzweiligen Reisebericht gelesen habe.
    Wenn ich so schreiben könnte, bräuchte ich keine Kamera mehr.
    Aber auch Deine Bilder dazu sind jenseits der Touriknipskitschbilder, kreativ und anders.
    Es ist wirklich schade, dass solch eine Bericht nur in einem online Forum zu lesen ist. Wenn ich manchmal sehe was in der Presse für ein oberflächlicher Mist über It-locations wie Cuba, Indien; Marokko oder andere Länder zu lesen ist, dann wäre Dein Berichet eine erfrischende Abwechsung und Bereicherung dazu.

    Eines gelingt mir allerdings nicht - den Kopf auszuschalten.
    Ich empfinde es als ernüchternd, feststellen zu müssen, dass Indien auch eine verlogene Doppelmoralgesellschaft ist. Da scheinbar unüberwindliche Kastensystem verhindert aus meiner Sicht eine notwendige gesellschaftliche Erneuerung. Es verweigert Millionen den Zugang zu Bildung, weshalb es Indien auch nie gelingen wird ein zweites China zu werden.

    Das von Dir aus meiner Sicht etwas heruntergespielet Müllproblem, hat in den vergangenen zehn Jahren Ausmaße angenommen, die kaum noch in den Griff zu bekommen sind. Die WHO läutet da schon seit Jahrzehnten die Arlarmglocken - ohne Erfolg. Was kümmert es auch einen indischen Beamten, wenn hundertausend Menschen an der Pest sterben.
    Es trifft doch eh zuerst die Unberührbaren und die unteren Kasten.

    Viele Grüße
    Jörg

  • Lana

    Danke, Intertourist, dass Du die knallharte Realität Indiens benennst, dem ich mich anschließen will als Frau, die betroffen ist von den Geschehnissen um die Vergewaltigung einer jungen Studentin, die tödlich endete. Erst jetzt wird einer breiten Öffentlichkeit die Gefährdungen der Frauen in Indien- und nicht nur dort- im vollen Ausmaß vor Augen geführt. Das ist gut und man kann nur hoffen, dass politische Entscheidungen (siehe Zeitbericht in der letzten Woche auf der Titelseite) zu Veränderungen führen. LG Brigitta

  • salzundbrot

    Mit wenigen Bildern haben Sie die ganze Vielfalt eingefangen, mit einem kurzen Artikel ein umfassendes Bild gemalt. Wie in jedem Land gibt es auch in Indien hinter dem Sichtbaren so manches wirkliches Problem, aber das ist eine andere Geschichte.
    Sehr schön - vielen Dank! LG Margit

  • nach oben nach oben scrollen
Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Von Gandhi bis zu Slumdog Millionaire 4.82 11

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps