Mit der M.S. Tamara zur Rettbergsaue

Reisebericht

Mit der M.S. Tamara zur Rettbergsaue

Reisebericht: Mit der M.S. Tamara zur Rettbergsaue

Weder die Anreise, noch das Ziel lassen den Gedanken aufkommen, dass man nach 15minütiger Flussschiffahrt ein urwaldähnliches Biotop vor den Toren Wiesbadens betreten wird. Die Rettbergsaue, eine der größten Rheininseln, gerade mal 3 km lang und max. 300 m breit, ist wegen ihrer reichhaltigen Vogel- und Pflanzenwelt zu 90 Prozent der Fläche als Naturschutzgebiet ausgewiesen.

Heimischer Urwald



Ankunft auf der Aue - kein Urwald , aber schlechtes Wetter in Sicht.

Blick von der Rettbergsaue zum...

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Mäßige Temperaturen um 20° Celsius, starker Wind und Regen waren für den vergangenen Sonntag vorausgesagt. Also nicht das, was man so kurz nach dem kalendarischen Sommerbeginn erwartet. Für mich war das aber der richtige Tag, die Rettbergsaue nach vielen Jahren wieder einmal zu besuchen. Denn bei schönem Wetter pilgern auch Familien mit ihren Kindern zu den beiden abgeteilten Freizeitgeländen mit weißem Sandstrand nahe der Anlegestellen des Fährschiffs "Tamara". Dahinter, das wusste ich aus Erfahrung, beginnt die botanische Wildnis. Und die hat es mir als Großstädter und Naturliebhaber schon immer angetan.

So waren es gerade mal zwei Dutzend, dem Wetter trotzende Passagiere, die das Schiff auf dem Schiersteiner Teil der Insel verließen. Nur zwei davon begegneten mir später auf meiner Wanderung durch die Wildnis.

Vorher kommt man am "Inselcafé" (nicht) vorbei. Ein guter Grund, von dessen Terrasse einen Blick auf eine der "Rhein-Lagunen" und auf die Picnic-Wiese zu werfen. Bei hessischem "Handkäs mit Musik" und einem Glas Apfelwein vergehen leicht Zeit und Raum. Und das schräg gegenüber einer Großstadt, nur wenige Kilometer Luftlinie entfernt. Ein Traum: Da störten weder spielende Kinder an der Aue, noch Erwachsene beim Grillen auf der Wiese. Nur eine Hornisse auf meinem Glas irritierte mich. Der Inhalt war aber nach nicht ihrem Geschmack. Als ein Zaunkönig neben mir auf dem Terrassengeländer ein fröhliches Zwitschern von sich gab, war es Zeit zum Aufbruch in die Wildnis.



Eine Aue in der Rettbergsaue



Auf zur Spitze der kleinen Insel

Endstation Wildnis auf der...

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Schon nach wenigen Metern gibt es keinen Weg mehr, nur meterhohe Wildppflanzen, dichten Baumbewuchs und vermodernde Zeugen des letzten Hochwassers im Winter: Angeschwemmte Holzriesen als Grundlage für botanisches Sein und Werden - und als Barrierre für den Wanderer. Erlen und Weiden prägen dieses Paradies, keine menschlichen Fußspuren sind zu erkennen oder - wenn schon - überwachsen. Es gibt ohne Machete kein Weiterkommen. Erstens hatte ich keine dabei und zweitens ist der Gebrauch in Naturschutzgebieten nicht erlaubt.

Dabei wollte ich doch nur die Spitze der Insel erkunden, mit Blick zu den beiden Rheinarmen, die die Aue umspülen und mit Aussicht zum nahen Rheingau. Pustekuchen. Also zurück durch das Gestrüpp auf neuen Pfaden, an einem vom Rhein gespeisten Inselflüsschen vorbei. Ein Schwan und eine Entenfamilie deuteten mir gegenüber an, dass ich in ihrem stillen Hohheitsgebiet nichts zu suchen habe. Der eine durch aufgeblähte Flügel, die anderen auf der Flucht.



Schwemmholz vom letzten Rheinhochwasser



Also zurück in den anderen Teil der Wildnis

Ein Flusskreuzfahrtschiff auf...

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Als ich ein zweites Mal das Freizeitgelände passierte, bemerkte ich die fragenden Blicke der Liegestuhlbenutzer: "Wo will der hin, tausend Meter weiter ist der Weg in seiner Richtung doch gesperrt". Sie behielten Recht. Aber vorher wanderte ich auf einem zugewachsenen Pfad entlang des Rheinufers, farbenprächtig gesäumt von Gräsern und Wildblumen. So konnte ich zwischen Erlen, Weiden und Weißdorn gelegentlich den regen Schiffsverkehr auf dem Fluss beobachten.

Schiffe aus Belgien, den Niederlanden und der Schweiz ließen sich aufgrund ihrer Heckflaggen unschwer identifizieren. Die einen gegen den Strom in Richtung Basel, die anderen flussabwärts etwas schneller auf dem Weg nach Rotterdam. Und manche auf der Überholspur.

Die Wettervorhersage traf zu. Der Himmel verdunkelte sich gegen Mittag, der stürmische Wind ließ aber glücklicher Weise nach. Denn schon stand ich vor dem Verbotsschild mit dem Hinweis, wegen abfallender Äste zurückkehren zu sollen. Von wegen: Denn gerade hier beginnt der eigentliche Urwald mit riesigen Bäumen, schmarotzendem Geflecht und dürrem Unterholz im Halbdunkel. Ich war davon fasziniert, allein in der Fremde, und doch nur wenige Kilometer von meiner Wohnung entfernt.

Ein Schild vor der verschlossenen Eingangspforte zur "Biebricher" Freizeitanlage mit einem hohen Zaun vom Rheinufer bis in den Urwald ließ mich nachdenken: Gut für den Naturschutz, schlecht für des Lesens Kundige, die vorherige Verbotsschilder missachteten. Also wanderte ich zurück in die Richtung, aus der ich verbotswidrig gekommen war. Ich passierte dabei die Schiersteiner Autobahnbrücke, die wohl jeder Autofahrer kennt, der die BAB 643 von Rheinland-Pfalz nach Hessen befahren hat. Sie überspannt, obwohl dicht befahren, die Rettbergsaue und "teilt" sie in luftiger Höhe - ohne dass die Natur davon Notiz nimmt. Sie hat sich längst daran gewöhnt.

Als ich Stunden später an den Liegestuhlbenutzern vorbei zur Anlegestelle stapfte, grüßten mich diese mit einem seltsamen Lächeln. Ich grüßte im Bewusstsein, dass ihnen einiges von dieser wunderschönen Insel verborgen geblieben sein könnte, freundlich zurück.



Auf der Überholspur



Zurück nach Biebrich

Richard Wagners Refugium

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Die "Tamara" erschien pünktlich gemäß Fahrplan und brachte mich zurück in die Zivilisation. Das Wetter meinte es gut mit mir. Denn es klarte auf, und der Wind ließ nach. Deshalb nestelte ich noch einmal meine Kamera aus der Jackentasche, um vom Oberdeck des Fährschiffs einige Bilder vom Biebricher Rheinufer mit nach Hause zu nehmen. Das Ergebnis der kurzen, aber erlebnisreichen Reise zu einem nahen Naturparadies seht Ihr hier. Zur Nachahmung empfohlen, falls jemand im Sommerhalbjahr in meine Gegend kommt. Denn ab Mitte September bis Ende April ist die Insel für Besucher nicht zugänglich.



Schloss Biebrich am Wiesbadener Rheinufer



Nachwort

Mit einem Bericht über die gutbesuchten Niagarafälle, das Delta des Amazonas oder die Einsamkeit Patagoniens kann dieser Ausflug zu einer benachbarten Rheininsel natürlich nicht mithalten. Das soll er auch nicht. Wenn der Beitrag Besuchern aus dem hohen Norden, dem tiefen Süden oder dem Osten Deutschlands auf dem Weg durch Hessen Anregungen für einen Zwischenstopp vermittelt, ist sein Zweck erfüllt.

Aus diesem Grund habe ich die im Bericht verwendeten Fotos mit einem Hinweis auf meinen Reisebericht versehen. Denn für sich allein gestellt - wie in der GEO-Reisecommunity nicht zu vermeiden - geben manche Motive wenig her.


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Kommentare

  • pleuro

    Hier gilt das Motto: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah!
    Ich habe Dich gerne auf Deinem heimatlichen Spaziergang begleitet.
    LG Anne

  • ToniE

    Gerade wollte ich mir das Zitat von Goethe suchen. Pleuro war schneller.
    Es bleibt aber eine nette Idee für einen Ausflug in nächster Zeit.
    Kompliment für den schönen Bericht.
    Toni

  • mamaildi

    Schade, dass ich dieses Kleinod nicht entdeckt habe, als ich in der Nähe wohnte. Ein kleines, feines Reiseziel "hinter der Haustür" stellst du hier in deinem lebendigen Bericht mit passenden Bildern vor - da bin ich gerne mitgewandert.
    LG Ildiko

  • Blula

    Lieber Eberhard!
    Vielen Dank für's Mitnehmen! Deinen so lebendig geschriebenen Bericht habe ich genossen.
    LG Ursula

  • cirrus

    Der Besucher aus dem hohen Norden ist begeistert...!!!
    Wegen der Enkelkinder habe ich auch länger
    auf der Terasse gesessen und gelesen...
    man kann sie von da gut im Blick haben :-))))
    Die dichte Wildnis ist ja leider wirklich ganz gut "geschützt".
    LG Christel

  • Schriddels

    Ich wusste ja nicht das es so was auch in unserer Heimat gibt, da will ich auch hin, nein da fahre ich mit meiner Barbara hin, danke für den schönen Bericht.
    LG Wolfgang Schriddels

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