Rügen: Mit dem Rad von Bergen nach Stralsund

Reisebericht

Rügen: Mit dem Rad von Bergen nach Stralsund

Reisebericht: Rügen: Mit dem Rad von Bergen nach Stralsund

Der Reisebuchautor Guido Block-Künzler ist von Rügen aus mit dem Rad rund um Mecklenburg-Vorpommern gefahren. Darüber hat er das Reisebuch "Einmal Rügen und zurück - mit dem Rad um Mecklenburg-Vorpommern" geschrieben. Hier eine gekürzte Zusammenfassung der ersten Tage auf Rügen.

Bergen: „Bitte alle aussteigen!“

„Bitte alle aussteigen!“ Schlaftrunken hebe ich in Bergen mein Rad aus dem Zug. Die wenigen Fahrgäste werden abgeholt. Etwas verloren stehe ich auf dem Bahnhofsvorplatz - wie ein einsames Robbenbaby am Strand von Binz. Es ist bereits deutlich nach Mitternacht. Nur wenige Kneipen sind noch offen. Torkelnd kommen mir zwei Jugendliche entgegen, Bierflaschen in der Hand. Sie beachten mich nicht. Hinter dem Marktplatz wird es still. Die Straße nach Binz führt durch einen dunklen Wald. Es geht hoch, runter, hoch – in kurzen Abständen. Das ist meine erste Begegnung mit den geomorphologischen Besonderheiten der Ostseeküste. Das Endmoränenrodeo wird mir noch viel Freude bereiten. Irgendwann biege ich links ab Richtung Küste. Dort liegt Prora, das unvollendete Ostseebad der Nazi-Organisation „Kraft durch Freude“. Inzwischen ist es weit nach Mitternacht. Die schmale Alleenstraße hat keinen Radweg. Nachdem mich der dritte Laster gegen die Leitplanke gedrückt hat, gebe ich auf. Als Roadkill will ich nicht enden. Auf dem Grünstreifen einer schmalen Seitenstraße schlage ich meine tragbare Höhle auf. Eine Regenfront naht.
Am nächsten Morgen brummt mir ein Geländefahrzeug die Ohren voll. Ich öffne einen Spalt. „Sparprogramm? Campingplatz kostet. Ganz schön mutig!“ bellt mir der Fahrer entgegen. Irritiert schaue ich ihn an. Wenn auf dieser Sonnenbank für Echsen mehr als eine Handvoll Fahrzeuge am Tag fahren, fresse ich einen Besen. Heute Morgen sitzt einer der Gattung Oberlehrer drin. Ein Lieferservice von Starbucks wäre mir lieber gewesen. Catweazles Urururenkel tut grad so, als ob ich mitten auf der Fahrbahn übernachtet hätte. Ich grüße freundlich – und er zieht weiter. Auch ich ziehe weiter. Es ist schon spät am Tag – und mein Freund Peter erwartet mich am frühen Nachmittag in Binz.
Grinsend kommt er mir am Bahnhof entgegen. Peters gute Laune ist ansteckend. Nach den Erlebnissen des Vortages ist sie Balsam für meine wunde Seele. Wir radeln entspannt zur Strandpromenade, binden unsere Esel fest und machen einen Strandspaziergang. Eigentlich ist die Prorer Wiek wunderschön. Nach Osten hin versperrt allerdings eine nicht unbedingt architekturpreisverdächtige Seebrücke die Sicht. Davon abgesehen präsentiert sich der nobelste Badeort auf Rügen, das „Nizza des Ostens“, über weite Strecken mit glanzvoller Bäderarchitektur. Ziergiebel, Türmchen und ziselierte Schmuckblenden bestimmen die Fassaden in der ersten Reihe. Eigentumswohnungen mit Ostseeblick kosten hier bis zu zehntausend Euro - pro Quadratmeter! Dennoch sind kaum noch Wohnungen zu haben. Der Immobilienmarkt ist beinahe leergefegt. Immer noch zweieinhalbtausend Euro kostet hier die Wohnungsmiete – pro Woche! Das ist selbst für Peters Geldbeutel zu viel. Ohnehin wollen wir nur über Nacht bleiben. Der Strand ist immerhin kostenlos. Dort gehen wir zwischen bussardgroßen Silbermöwen und befrackten Saatkrähen spazieren. Der Strand ist acht Kilometer lang. Richtung Prora nehmen wir doch lieber die Räder.



Binz



„Kraft durch Freude“: Der Koloss von Prora

„Ich will, dass dem Arbeiter ein ausreichender Urlaub gewährt wird und das alles geschieht, um ihm diesen Urlaub sowie seine übrige Freizeit zu einer wahren Erholung werden zu lassen. Ich wünsche das, weil ich ein nervenstarkes Volk will, denn nur mit einem Volk, das seine Nerven behält, kann man wahrhaft große Politik machen.“ Des Führers Wille wurde durch die nationalsozialistische Gemeinschaft „Kraft durch Freude“ umgesetzt. Für die faschistischen Ideologen war Freizeit kein Selbstzweck. „Das Ziel der Organisation ist die Schaffung der nationalsozialistischen Volksgemeinschaft und die Vervollkommnung und Veredelung des deutschen Menschen.“ So wurde die Freizeit von den Nazis gestaltet, überwacht und gleichgeschaltet. Endziel: ein kriegstüchtiges Volk.
Geblieben ist von der nationalsozialistischen Organisation bis heute der sogenannte Koloss von Prora. Er besteht aus acht auf einer Länge von etwa viereinhalb Kilometern entlang der Küste aneinandergereihten baugleichen Häuserblocks. Die sehen aus wie Kasernen – und bröckeln vor sich hin. In den Gästehäusern sollten ursprünglich zwanzigtausend „Volksgenossen“ gleichzeitig Urlaub machen können. Zu Beginn des Zweiten Weltkrieges wurden die Bauarbeiten jedoch eingestellt. Die Sowjetarmee versuchte sich am Rückbau – offensichtlich war ihr Pulver zu nass. Beim Anblick der tristen Gebäude bedauere ich das sehr. Auch Peter ist wenig begeistert: „Deprimiert mich, weg hier!“ Wir fahren weiter Richtung Sassnitz.
In Sichtweite zum überdimensionierten Hafen steht ein fahrbarer Jagdunterstand von der Größe eines Plumpsklos. Wir beschließen, hier zu übernachten. Das Restaurant in der Nähe ist leer und hat eigentlich schon geschlossen. Es verströmt den Charme der Nachwendezeit – mit Farbe aufgepepptes realsozialistische Flair. Die freundliche Wirtin zapft uns zwei Bier und verschwindet in der Küche. Zurück kommt sie mit zwei saftigen Schnitzeln und knackigen Bratkartoffeln. Satt und zufrieden verlassen wir den heimeligen Ort. Am Strand schlage ich für Peter meine tragbare Höhle auf und schiebe meinen Biwaksack unter den Jagdunterstand. Es beginnt zu regnen. Windböen fegen über uns hinweg. Den Rest des Abends verbringen wir – eng an die Wand der Hütte gepresst – bei einem guten Dornfelder und ebensolchen Gesprächen. Auch ein Regierungsdirektor kommt mal ohne Dorint aus, wenn er dem Ruf der Freundschaft folgt.
Am nächsten Morgen ist der Spuk vorbei. Die Sonne wärmt mir nach der Morgentoilette im Meer den Pelz. Um diese Jahreszeit ist die Ostsee schon sehr frisch. Ohnehin bringt sie es selten auf Temperaturen über siebzehn Grad. Die Zeiten, als der Landstrich noch am Äquator lag, sind schon ein paar Tage vorbei.



Jasmund: Deutschlands kleinster Nationalpark

Wir frühstücken ausgiebig, wenn auch spartanisch. Danach brechen wir Richtung Kreidefelsen auf – ohne die hat man Rügen nicht wirklich gesehen! Für Caspar David Friedrich waren die Felsen das Motiv für eines seiner bekanntesten Gemälde, für Millionen von Urlaubern sind sie Sehnsuchtsziel. Auf der Landstraße zum Königsstuhl geht es auf und ab, Endmoränenrodeo eben. Mein lahmer Esel zottelt hinter Peters flottem Hengst her. Und das alles, damit wir uns eine Jahresdosis Herzrasen und weiche Knie holen können!
Entstanden ist die weltweit einmalige Kreide-Kliffküste aus kalkhaltigen Schalen, Skeletten und Panzern von Kleinlebewesen vor mehr als fünfzig Millionen Jahren. Geformt wurde die Landschaft allerdings erst in der Weichseleiszeit. In geologischen Zeiträumen gesehen ist das erst wenige Minuten her. Genauer: zwölftausend Jahre. Seit zwanzig Jahren ist die Gegend Deutschlands kleinster Nationalpark.
Am Königsstuhl angekommen erwarten mich über hundert Meter Abgrund. So sieht er also aus, der Sehnsuchtsort der Romantiker. Ich bin ein Kind des sanft gewellten Mittelgebirges. Daher nähere ich mich dem hölzernen Geländer in Zeitlupe. Ein kurzer Blick in den Abgrund reicht mir. Damit ist meine Abenteuerlust für heute ausgereizt. Ein bis zwei Unvorsichtige kollern jedes Jahr über die Kante. Ich überlasse das gerne anderen. Nach den Regenfällen des Sommers sind Teile der Küste abgerutscht. Die Kreidefelsen sind einer ständigen Erosion ausgesetzt. Mit jedem Sturm brechen große Stücke aus den Felsen und reißen gelegentlich auch Bäume mit ins Meer. Während Peter zur Aussichtsplattform läuft, suche ich den Stammplatz der Memmen auf: eine Bank in sicherer Entfernung zum Abgrund.
Die markante Küste ist, ich deutete es bereits an, in die Kulturgeschichte eingegangen. Das berühmteste Werk der Frühromantik entstand hier. Caspar David Friedrich besuchte Rügen mehrfach – zu Fuß. Diese Art der Entschleunigung war damals unter Dichtern und Denkern äußerst beliebt. Nach einer seiner Wanderungen entstand 1818 das Gemälde Kreidefelsen auf Rügen. Friedrich kam aus der Gegend. Er wurde 1774 als Handwerkersohn im nahen Greifswald geboren. Streng genommen ist der berühmteste deutsche Maler ein Schwede. Zwischen dem Dreißigjährigen Krieg und dem Wiener Kongress gehörte Vorpommern zweihundert Jahre zum Königreich Schweden. So what: Auf jeden Fall war er ein Pommer!
Friedrich war der Prototyp des Romantikers: introvertiert, weltscheu, naturverbunden und religiös. Seine Gedanken kreisten um Werden, Sein und Vergehen. Er war kein Mensch, der das Leben als immerwährenden Ponyhof sah. Friedrich war ein Grübler: „Warum, die Frag’ ist oft zu mir ergangen, wählst du zum Gegenstand der Malerei so oft den Tod, Vergänglichkeit und Grab? Um ewig einst zu leben, muss man sich oft dem Tod ergeben.“ Er stand in seiner Auffassung von Natur im Gegensatz zum Realismus der Klassizisten – die lange Mainstream waren. Sie interessierte nur die äußere Form: „Der einzige Weg für uns, groß, ja, wenn es möglich ist, unnachahmlich zu werden, ist die Nachahmung der Alten“ (Johann Joachim Winkelmann). Davon war Friedrich weit entfernt. Er kopierte nicht, weder die griechische Kultur noch die Landschaft vor ihm. Er sah die Natur als Spiegel menschlicher Empfindungen: „Also nur was man mit leiblichen Augen gesehen und nachgeäfft, sei Aufgabe und Forderung unserer Zeit. Ich gestehe, dass ich nimmer und nie dieser Meinung beistimmen werde. Allerdings gestehe ich gerne, dass diese Bilder, so allen diesen Forderungen dieser Zeit entsprechen sollen, viele und große Verdienste haben und mich der treuen Nachahmung des Einzelnen erfreut. Aber das Ganze hat für mich wenig Anziehung, eben weil ich das innige geistige Durchdrungensein des Künstlers von der Natur vermisse.“
Caspar David Friedrich setzte seine Landschaftsbilder oft zusammen. Die Zuordnung zu einer real existierenden Landschaft ist daher selten möglich. So verhält es sich auch mit seinem berühmten Gemälde Kreidefelsen auf Rügen – zumal zweihundert Jahre zwischen dem Gemälde und der heutigen Abbruchkante liegen. Ohnehin meinte Friedrich ,,Der Künstler sollte nicht nur das malen, was er vor sich sieht, sondern auch das, was er in sich selber sieht. Sieht er dennoch nichts in sich, so kann er auch das weglassen, was er vor sich sieht.“



Blick über den Abgrund am Königsstuhl im Nation...



Theodor Fontane: „Nach Rügen reisen heißt, nach Sassnitz reisen.“


Auf dem Rückweg fahren wir öfter bergab. Kein Wunder: Der Königsstuhl ist über hundert Meter hoch, der Hafen von Sassnitz liegt praktischerweise auf Meereshöhe. Am Bahnhof verabschiede ich mich von Peter und schaue mir die Stadt an. „Nach Rügen reisen heißt, nach Saßnitz reisen.“ lässt Theodor Fontane in seinem Roman Effi Briest sagen. Die Bäderkarriere der Kleinstadt liegt allerdings einige Jahr-zehnte zurück. Sie begann damit, dass der in Berliner romantischen Kreisen verkehrende protestantische Theologe Friedrich Daniel Ernst Schleiermacher 1824 seine Frau und seine Kinder für längere Zeit nach Sassnitz schickte. Er war mit Henriette von Willich nicht gerade glücklich verheiratet. Seine junge Frau hatte einen Hang zum Okkultismus. Das soll nicht der einzige Unterschied gewesen sein. Dennoch zeugten sie vier Kinder. Zusammen mit den beiden, die Henriette in die Ehe brachte, war das ein halber Kindergarten. Kein Wunder, dass er seine Frau zur Kur schickte – und sich selbst im fernen Berlin bei intellektuellen Salongesprächen erholte. Er war jedoch kein Salontiger. Sein Hauptwerk Über die Religion hat den modernen Protestantismus nachhaltig geprägt. Schleiermachers Reden und die Glaubenslehre nach Ulrich Barth haben „am stärksten zur Genese und Ausgestaltung des modernen Protestantismus beigetragen“.
Nach der Bäderkarriere versuchte sich das ehemalige Fischerdorf erfolgreich als „Tor zum Norden“. Wenn heute Fähren starten, dann allerdings vom Vorort Mukran. An der anderthalb Kilometer langen Mole des Stadthafens liegen nur noch kleine Ausflugsschiffe, Kutter und ein paar Freizeitsegler. Das war in der Nacht vom 11. auf den 12.April 1917 anders. In jener Nacht lag hier die Fähre zum schwedischen Trelleborg vor Anker. Am folgenden Tag ging Wladimir Iljitsch Uljanow an Bord. Besser bekannt war der glatzköpfige Herr mit Spitzbart unter seinem Kampfnamen: Lenin (der von der Lena, seinem sibirischen Verbannungsort). Er war auf dem Weg vom Züricher Exil nach Russland - im plombierten Waggon. Die deutsche Oberste Heeresleitung wollte die Februarrevolution zur Destabilisierung des Kriegsgegners nutzen – und goss Öl ins Feuer, indem sie Lenin und andere russische Revolutionäre nach Russland beförderte. Dort sollten sie den Kriegsgegner aufmischen und nach dem Sturz der liberalen Übergangsregierung einen Separatfrieden mit dem Kaiserreich schließen. So kam es dann auch. Das vom Bürgerkrieg erschütterte Land schloss im März 1918 in Brest-Litowsk einen Friedensvertrag. Lenin hat den Deal zeitlebens dementiert. Die Akten des Auswärtigen Amtes lassen jedoch keinen Zweifel aufkommen: Lenin ließ sich vom Deutschen Kaiser kaufen. Ohne Hilfe Wilhelms II. hätte die von Lenin angeführte Oktoberrevolution kaum stattgefunden, die Bolschewiki ihr erstes Jahr an der Macht vermutlich nicht überlebt. Der SPIEGEL recherchierte zum 90. Jahrestag in deutschen, Schweizer und schwedischen Archiven. Danach begann die Geheimaktion mit einem Umsturzplan von Parvus. Das war der Deckname von Alexander Helphand - Verleger, Lebemann, radikaler Sozialist, Freund Trotzkis und Rosa Luxemburgs. Er war der wichtigste Kontaktmann der Deutschen zu Lenins Bolschewiken: „Parvus legte Anfang 1915 einen detaillierten, 23-seitigen Plan zum Sturz des russischen Zaren vor, der die Diplomaten der Wilhelmstraße offenkundig überzeugte - nur wenige Wochen später erhielt Parvus wie gewünscht Sprengstoff, einen deutschen Pass und reichlich Geld: eine Million Mark.“
Der Sturz des Zaren zwei Jahre später fand ohne Lenin statt. Der saß in der Schweiz fest, „eingepfropft wie in einer Flasche“ (Helphand) – bis der Deutsche Kaiser ihn erlöste. Wie erwartet, beseitigte Lenin die aus der Februarrevolution hervorgegangene Regierung unter Alexander Kerenski. Der Führer der Russischen Revolution errichtete einen neuen Staat: den ersten sogenannten Arbeiter-und-Bauern-Staat. Sein Mittel: Massenterror. Leitmotiv des „Roten Terrors“ war der Satz des stellvertretenden Leiters der Geheimpolizei Tscheka: „Wir führen nicht Krieg gegen einzelne. Wir vernichten die Bourgeoisie als Klasse.“ (Martin Iwanowitsch Latsis 1918 in der Zeitschrift Krasnnyi terror - Der rote Terror). Lenin selbst rechtfertigte den strategisch gesteuerten Roten Terror 1918 mit eiskaltem, menschenverachtendem Zynismus: „Die englischen Bourgeois haben ihr 1649, die Franzosen ihr 1793 vergessen. Der Terror war gerecht und berechtigt, als die Bourgeoisie ihn zu ihren Gunsten gegen die Feudalherren anwandte. Der Terror wurde ungeheuerlich und verbrecherisch, als sich die Arbeiter und armen Bauern erdreisteten, ihn gegen die Bourgeoisie anzuwenden.“
Kaum war Lenin tot, griff Stalin nach der Macht. Er war noch skrupelloser und hat alle Möglichkeiten ausgeschöpft, die sich einem Machtmenschen innerhalb des allmächtigen Parteiapparates boten. Hannah Arendt, die deutsch-amerikanische Intellektuelle (The Origins of Totalitarianism, 1955), warf Lenin vor, durch sein Konzept der elitären Kaderpartei den Weg des sowjetischen Systems in den Totalitarismus bereits vor der Revolution erleichtert zu haben. Der Historiker Heinrich August Winkler stellt fest: Aus Lenins Oktoberrevolution ging „das erste der totalitären Regimes des Zwanzigsten Jahrhunderts hervor“. Die DDR-Oberen übertrafen sich im Kotau. In den siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts wurde ihr Bedürfnis nach einem eigenen Museum für den selbsternannten Führer der Weltrevolution über-mächtig. Sie schickten ihre Emissäre durch das Land. Die fanden einen Waggon, der dem Original halbwegs ähnlich sah – und stellten ihn auf ein Abstellgleis im Sassnitzer Bahnhof. Dort stand er jahrzehntelang, reichlicher mit Devotionalien bestückt wie eine katholische Kirche.
Vom Tor zu den Kreidefelsen fahre ich durch einen heftigen Regenschauer zurück zum Strand bei Mukran. An ein Fischerboot gelehnt, sehe ich der Sonne beim Untergehen zu. Eine Flasche Störtebeker („Das Bier der Gerechten!“) leistet mir Gesellschaft. Früh am nächsten Morgen breche ich Richtung Binz auf. Als ich dort ankomme, ist auf der Promenade schon einiges los. Die Restaurants sind voll. Die Wolkendecke bricht auf. Inzwischen ist es Mittag geworden. Als ich an der Künstlerpromenade ankomme, ziehen tiefschwarze Wolken auf. Ich nehme den Radweg nach Putbus, der am Schmachter See vorbeiführt. Kaum bin ich dort angekommen, beginnt der Weltuntergang. Die Gartenbrigade flüchtet sich in ihr Auto, ein Radfahrer mit mir unter die Bäume des kleinen Parks. Nach einer halben Stunde ist der Spuk vorbei. Ich fahre weiter. Es hügelt ordentlich. Ich verliere den Radweg rund um Rügen irgendwann und fahre mangels Alternative querfeldein. Das Erste, was ich von Putbus sehe, sind Datschen. Sie bereiten nicht auf das vor, was unmittelbar danach kommt: eine klassizistische Kleinstadt in strahlendem Weiß. Sie überdauerte alle Kriege und die realsozialistischen Stadtplaner: ein Kleinod, das nicht von dieser Welt zu sein scheint. Das sah der preußische König Friedrich Wilhelm IV. auch so: „Ich komme ihnen wieder mit einer kleinen Völkerwanderung, da Sie lieber Fürst, nun das Unglück haben, den schönsten Teil der Insel zu
bewohnen und das Ungeschick gehabt haben, daraus ein irdisches Paradies zu machen, so müssen wir bei Ihnen landen.“ Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts machte Malte I. Fürst zu Putbus aus dem Flecken „hinter dem Holunderbusch“ (epod boz) eine Bilderbuchstadt. Damit wollte er Bad Doberan und Heiligendamm den dicken Finger zeigen. Mit Lauterbach legte er sich auch ein Seebad zu.
Ich rolle hinunter zum Rügischen Bodden. Im Hafen von Lauterbach reihen sich die Fischrestaurants aneinander. Drei Kilometer davor liegt das ehemalige Urlaubsziel des DDR-Ministerrates. Aus dieser Zeit stammen die elf Gebäude im Stil einer Fischersiedlung. Dass die Bonzen hier Natur pur vorfanden, das hatten sie den Nazis zu verdanken. Die stellten die Insel bereits 1936 unter Naturschutz, weil sie bei Badetouristen aus Putbus immer beliebter wurde. Blut und Boden, Naturschutz und Faschismus! Heute werden nur noch dreißig Besucher täglich auf die Insel gelassen - und dies auch nur zu einem geführten Rundgang. Das exklusive Vergnügen lohnt sich. Auf Vilm kommen nahezu alle Küstenformen der südlichen Ostsee vor. Die Insel gehört seit 1990 zum Biosphärenreservat Südost-Rügen und ist gleichzeitig Europäisches Vogelschutzgebiet und FFH-Gebiet nach der Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie.
Ich fahre weiter Richtung Süden. Kurz hinter Lauterbach entdecke ich einen Badestrand. Er ist menschenleer. Ich setze mich auf eine Bank und genieße die Ruhe, die vom Bodden ausgeht. Das Meer schwappt träge ans Ufer. Schwäne lassen sich von den sanften Wellen schaukeln. Hinter mir geht die Sonne unter. Ihre letzten Strahlen leuchten die Wolkengebirge über Vilm an. Ich rolle meinen Biwaksack vorsichtshalber unter einer Tischtennisplatte aus.
Tiefenentspannt wache ich am nächsten Morgen auf. Leider dauert der Zustand nur bis Mittag an. Vor Garz perforiert der Feldweg mein Hinterrad. Ich drehe Rosinante auf den Rücken, nestele den Schlauch unter ihrem Mantel hervor und setze die Pumpe an. Bereits beim ersten Zug verabschiedet sich die Pumpe. Na prima! Es gibt weit und breit keinen Radlerladen – auch keine Tankstelle. Der Kassierer des Supermarktes in Garz schickt mich ein Dorf weiter. Samtens ist auch nicht der Nabel der Welt. Erstmals im Jahr 1318 als Samtensze erwähnt bedeutet es so viel wie einsam. Einsam ist es auch an der einzigen Tankstelle. Die verkauft ausschließlich Gas. Pressluft haben sie nicht.



Putbus auf Rügen



Über den Strelasund

Am nächsten Morgen fährt mich die Deutsche Bundesbahn über den alten Rügendamm nach Stralsund. Vor siebentausend Jahren befand sich hier noch ein bewaldetes Tal mit einem tief eingeschnittenen Flusslauf. Später drang von beiden Seiten das Meer ein. Der Sund störte bereits den schwedische Kronprinzen General Bernadotte. Der wollte eine feste Strelasundquerung, damit er seine Truppen schnell in Sicherheit bringen konnte. Nach dem Sieg der Österreicher, Preußen, Russen und Schweden über Napoleon Bonaparte in der Völkerschlacht bei Leipzig braucht er die nicht mehr.
Etwa sechzig Jahre später gewann ein Projektentwurf von Robert Bassel den Schinkelwettbewerb. Die Urkunde darüber sollte das einzig handfeste Ergebnis der Planung bleiben. Als die Eisenbahnfähre später bis zu neunzig Mal täglich hin- und herfahren musste, war die Deutsche Reichsbahn an einer festen Verbindung interessiert. Ihr fehlte jedoch das Geld. Das spielte kurze Zeit später für die Nazis keine Rolle. Hitler setzte den Reichsarbeitsdienst ein. Der RAD stellte nicht nur für den Dammbau billige Arbeitskräfte. Er war ein wichtiger Bestandteil der nationalsozialistischen Wirtschaft und des Erziehungssystems im deutschen Faschismus. Ab Juni 1935 musste dort jeder Jugendliche sechs Monate dienen. „Der Ehrendienst am deutschen Volke (…) soll die deutsche Jugend im Geiste des Nationalsozialismus zur Volksgemeinschaft und zur wahren Arbeitsauffassung, vor allem zur gebührenden Achtung der Handarbeit erziehen.“ (Reichsarbeitsdienstgesetz vom Juni 1935).
Es blieb nicht beim Dammbau. „Den Feldzug gegen Polen machte der RAD in Form von Baukompanien und Baubataillonen mit. Nach Abschluss des Polenfeldzuges wurde in den eroberten Gebieten, die zur Kolonisation vorgesehen waren, die sogenannte Volkstumsarbeit neben der Kultivierung zum wichtigsten Einsatzgebiet des RAD. Der Arbeitsdienst sollte kulturell und weltanschaulich auf die nach Polen umgesiedelten sogenannten Volksdeutschen einwirken und diesen den Nationalsozialismus näher bringen.“ (Michael Hansen in seiner Dissertation Idealisten und gescheiterte Existenzen. Das Führerkorps des Reichsarbeitsdienstes). Die Dienstleistenden waren paramilitärisch gekleidet und organisiert. Per Rad fuhren sie der Ostfront bis Stalingrad hinterher – um nach Ablauf der Dienstzeit umgehend zu Frontsoldaten zu mutieren. Erst nach Kriegsende wurde der RAD durch das Kontrollratsgesetz Nr. 2 verboten und aufgelöst, sein Vermögen beschlagnahmt.
Das Festlandufer bei Stralsund, auf das ich gerade zufahre, ist flach. Rechter Hand gleiten die Pfeiler der neuen Rügenbrücke an mir vorbei. Die Idee sei gewesen, „für eine maritime Stadt wie Stralsund die Form der Segeljachten aufzunehmen.“ Das sagte André Keipke, einer der beteiligten Ingenieure. Dumm nur, dass die stationäre Segeljacht die Kirchtürme der benachbarten historischen Stralsunder Altstadt überragt. Vor dem Hintergrund des Streits um die Dresdner Waldschlößchenbrücke sagte einer der Erbauer: „In der Tat gab es fast das gleiche Problem. Von Anfang an aber wurde in Stralsund mit der UNESCO zusammengearbeitet.“ Dennoch haben bis heute nicht alle ihren Frieden mit der neuen Strelasundquerung gemacht.
Links taucht eine riesige Halle auf, die das Stadtbild prägt, wenn man von Osten kommt. Die Volkswerft wurde 1948 auf dem Gelände der enteigneten Kröger-Werft am Ufer des Strelasunds gegründet. Grundlage der Enteignung war das Gesetz Nr. 4 zur Sicherung des Friedens durch Überführung von Betrieben der faschistischen Kriegsverbrecher in die Hände des Volkes. Die Werft wurde als VEB Volkswerft Stralsund in das Handelsregister eingetragen. Sie baute fast die gesamte Fischfangflotte der DDR. Mit der politischen Wende brach der Absatzmarkt komplett ein. Dennoch ging es weiter. Derzeit baut die Werft fünf Spezialfrachtschiffe zur Versorgung von arktischen und antarktischen Forschungsstationen.
Nur wenige Schritte vom Bahnhof entfernt finde ich einen gut ausgestatteten Radlerladen. Im nahen Park versuche ich, den Schlauch zu flicken, während sich Nieselregen über die Stadt legt. Das kann nur schief gehen! Lange bleibt mir diese Erkenntnis vorenthalten. Bei Loch Nummer zehn gehen mir schließlich die Flicken aus. Gleichzeitig trennen sich die Ersten bereits wieder vom Schlauch. Meine provisorische Regenschirmwerkstatt ist damit gescheitert. Also gönne ich meiner klapprigen Mähre einen neuen Schlauch. Sie dankt es mir nicht. Nach wenigen Kilometern drückt sie ihn aus dem Reifen. Das geschieht, dank eines gnädigen Schicksals, vor einem Baumarkt.
Am frühen Abend erreiche ich in Devin den Strand. Seit Anfang des 20. Jahrhunderts erholen sich die Stralsunder in dem Dorf. Es hat sich längst darauf eingerichtet und verfügt über Badeanstalt, Park und Kurhaus. Mir reicht die wacklige Bank am einsamen Strand. Hinter dicken Wolkenbänken bricht immer wieder die untergehende Sonne durch und leuchtet die neue Rügenbrücke an. Im Bodden dümpeln Freizeitboote, dazwischen ein Schwanenpaar mit seinem Nachwuchs. Irgendwann verkrümele ich mich bettschwer in meinen Biwaksack.
Am nächsten Morgen erwartet mich frei nach Robert M. Pirsig The Art of Mountainbike Maintenance – Zen und die Kunst, ein Rad zu reparieren. Zunächst lege ich meinen Drahtesel aufs Kreuz. Kopfüber im Greifswalder Boddensand macht er keine besonders gute Figur. Geradezu jämmerlich sieht er aus, nachdem ich ihm das notleidende Hinterrad entrissen habe. Auf der Strandbank sitzend hebele ich den aufgeschlitzten Mantel aus der Felge und tausche ihn aus. Im Bauschuttcontainer eines Neubaugebiets findet der alte Mantel seine vorletzte Ruhe. Möge er eingehen in den ewigen Kreislauf des Werdens und Vergehens: Ommmmanipadmehummmmmmmm.

Dies ist ein Auszug aus meinem Reisebuch
„Guido Block-Künzler: Einmal Rügen und zurück. Mit dem Rad rund um Mecklenburg-Vorpommern.“
Edition Block-Künzler Outdoor-Reiseberichte
www.outdoor-reiseberichte.info
1. Auflage, BoD, Mai 2012.



Blick auf den Strelasund


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