Beromünster, die Stiftskirche und ihr Bezirk als Universum

Reisebericht

Beromünster, die Stiftskirche und ihr Bezirk als Universum

Reisebericht: Beromünster, die Stiftskirche und ihr Bezirk als Universum

Eine kleine Bilderreise an einen Ort, der zu einem einmaligen Schweizerischen Kulturgut gehört.

Stift Beromünster, kulturelles Zentrum

Wer sich an schönen kirchlichen Bauten und ihrer Geschichte erfreut, kann hier fündig werden. Eine etwas andere Reise !



dreigeteilt



Wohin uns Reisen führen können

Reisen können uns an Orte führen, die gar nicht so weit abseits liegen und doch von vielen nicht beachtet werden. Reisebücher verschwenden üblicherweise keine Worte für das, was über Jahrhunderte entstanden und gewachsen ist, auch nicht über die Sorge um Finanzen und um den Erhalt alter Baustruktur.

Ich war schon oft hier, das letzte Mal mit Freunden anlässlich eines Konzerts mit Alter Musik in der Stiftskirche Beromünster. Wir sassen damals im Seitenschiff und die Töne von den verschiedenen Orgeltischen, erfüllten den Raum und liessen uns merken, dass dies kein Konzertsaal im heutigen Sinne ist. Aber wir haben uns von Licht, Musik und Farben beschenken lassen.



Barockorgel



Kirchenraum

So will ich mich zuerst dem Innern der Kirche widmen, die uns weit in die Geschichte zurückdenken lässt. Von aussen fallen mir der Eingangsbereich und der hohe Kirchenturm auf, der sich sozusagen nie ganz ablichten lässt. Dreigeteilt ist der Eingangsbereich der Stiftskirche Beromünster. Die Zahl Drei hat im religiösen Kontext eine spezielle Bedeutung. Die Dreifaltigkeit wird auf diese Weise ins Spiel gebracht: Die Dynamik der göttlichen Dreiheit als Tor zum Kirchenraum, für mich ein schöner Gedanke. Sozusagen in bester Gesellschaft treten wir ein und lassen uns von der prachtvollen Ausstattung bezaubern.



Blick in den Chorraum



Die Stiftskirche von Beromünster und die sie umgebenden historischen Bauten gelten als Juwel sakraler Baukunst. Seit 1970 wird der ganze Stiftsbezirk, dem über 30 Häuser angehören, aufwändig und stilgerecht restauriert. Bei den Bauarbeiten und den archäologischen Gutachten wurde festgestellt, dass eine bis jetzt unbekannte mittelalterliche Befestigungsanlage um den Stiftsbezirk bestanden hat. Mehrfach erlebte der engere Kirchenbezirk Plünderungen und Brandschatzungen. 1352 und 1386 fügten die Eidgenossen dem Stiftsbezirk im habsburgischen Michelsamt schweren Schaden zu. Grund dafür waren die zahlreichen Kriegszüge gegen die ungeliebten habsburgischen Vögte. Die Restaurationsarbeiten sind noch nicht abgeschlossen. Das Stift kann die Aufwändungen aus seinen finanziellen Mitteln, die es aus der Waldwirtschaft und den Vermietungen bezieht, nur ungenügend abdecken. Es ist deshalb auf Spenden aus dem Freundeskreis der Stiftung angewiesen. Die öffentliche Hand, Vertreter aus Politik, Wirtschaft und Kultur, zeigen sich verantwortlich für den Weiterbestand dieses einmaligen Kulturguts, das immer noch sein Dornröschendasein lebt...

Schweres und Leichtes harmoniert im Seitenschiff. Die schweren Marmorsäulen und die barocken Verzierungen tauchen den Kirchenraum in eine fast heitere Atmosphäre. Die Stiftskirche Beromünster gehört zu der kostbaren Gesamtanlage. Die im 11. Jahrhundert als romanische Basilika erbaute Kirche erhielt im 17. und 18. Jh. ein barockes Gepräge. Die Rokoko - Einflüsse kommen aufs Schönste in der hellen, mit türkisblauer Stuckatur geschmückten Kirche zur Geltung.



Himmelwärts



Wenn ich das Deckenmedaillon des Hauptschiffs anschaue, kommt es mir so vor, als hätten die Baumeister und Künstler der Chorherren dem Himmel vorgegriffen. Die Aufnahme Mariens in den Himmel, umgangssprachlich als Mariae Himmelfahrt bekannt, ist das Glaubensgut der Katholiken, durch Pius Xll. Im Jahre 1950 zum Dogma erklärt. Schon seit Jahrhunderten haben sich zahlreiche Künstler an diesem Thema versucht, haben diese frauenzentrierte Theologie unter das Volk gebracht, ohne grosse liturgische Auswirkung. Hier zeigen die Chorherren die frauliche Mitte und bekennen sich zu einer Theologie, die nicht nur männerzentriert erscheint. Auch das ist für mich Reisen: Ideen, Gedanken nachzuvollziehen, die schon lange zurückliegen, sie wieder mit Orten zu verbinden, die uns nachhaltig in Erinnerung bleiben werden.



Kanzel



Die Kanzel mit ihrer goldenen Bildplatte stellt die Taufe Jesu im Jordan dar, ein Ereignis, das uns sehr geläufig ist. Der einfache Mann, Johannes im härenen Gewand, zeigt sich hier an der Kanzelaussenseite in kostbarster Ausführung, was mich angesichts des Mannes, der sich von Heuschrecken und wildem Honig ernährt haben soll, mit Heiterkeit erfüllt. Überhaupt: Hier gibt es nichts Ernstes, Schweres, sogar die Säulen, zwischen Hauptschiff und Seitenschiffen verbinden sich zu einer heiteren Allianz. Wenn wir doch alles nicht immer so schwer nehmen würden. Noch einmal die Taufzene auf dem Taufbecken, eine Kostbarkeit !
Leider ist gerade ein Bus mit Besuchern angekommen, die den Raum verstellen. Bis sie wieder draussen sind, widme ich mich der Geschichte dieses Orts



Taufbrunnen



Geschichte

Zitat aus der öffentlichen Seite http://www.stiftberomuenster.ch/geschichtlicher-ueberblick/
„Nach der Überlieferung soll der Sohn von Graf Bero hier auf einer Bärenjagd getötet worden sein. An der Stelle, wo man die Leiche fand, liess der Vater eine Kirche erbauen. Sie diente dem aargauischen Grafengeschlecht als Grabstätte. Sicher ist, dass 1034/36 Graf Ulrich der Reiche von Lenzburg eine im Kern bis heute erhaltene frühromanische Basilika errichtete und das Stift mit umfangreichen Gütern und Rechten ausstattete. In seiner Schenkungsurkunde von 1036 wird das Stift zum erstenmal erwähnt.

Der Kernbesitz des Stiftes lag im Michelsamt (Region um Beromünster, dazu Ermensee und Schongau im Seetal), umfasste aber auch Güter und Rechte im Gebiet des Sempachersees, des Wiggertales und der Innerschweiz und reichte in Streubesitzungen bis in die Nord- und Westschweiz und nach Süddeutschland. Dazu kamen Patronats- und weitere Rechte in über 20 Pfarreien.

Das Lenzburger Stift kam im Jahr 1173 an die Grafen von Kyburg, 1264 an die Habsburger. Mehrmals wurde die Stiftskirche in dieser Zeit bei Überfällen des kyburgischen Vogtes und bei den kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen den Habsburgern und den Eidgenossen durch Brände und weitere Zerstörungen geschädigt. Bei der Eroberung des habsburgischen Aargaus durch die Eidgenossen 1415 kam das Stift mit dem ganzen Michelsamt an Luzern. Die bisher mehrheitlich adeligen Chorherren wurden nun mehr und mehr durch Söhne der Luzerner Patrizierfamilien abgelöst. Von deren Reichtum und Kunstverständnis zeugen noch heute die herrschaftlichen Stiftshäuser (Chorhöfe) rings um die Kirche. Einige davon erinnern durch ihre Namen an die Erbauerfamilien (Pfyffer, Hertenstein, an der Allmend, Fleckenstein, Amrhyn, Cysat etc.). Das Stift beschäftigte in dieser Zeit ungezählte Künstler und Kunsthandwerker, die sich weitgehend im Flecken zu Füssen des Stiftsbezirks niederliessen.

Die Erschütterungen beim Franzoseneinfall 1798 hat das Stift zwar überstanden, aber nicht ohne massive Einbussen. Schwerer als der Verlust eines grossen Teils des Kirchenschatzes und die finanzielle Belastung durch Kriegssteuern wog die Auflösung der Feudalrechte durch die Revolution. Dadurch verlor das Stift seine Besitzungen und die damit verbundenen Einkünfte. Seit dem Wessenberg-Konkordat von 1806 sind die 18 Chorherrenpfründen für betagte Geistliche der deutschsprachigen Bistümer der Schweiz reserviert.“



Blick über die Mauern



Überblick

Einen guten Überblick über den Stiftsbezirk gibt die Tafel auf der linken Seite der Grünfläche. Hier kann man sich vergewissern, dass diese spezielle Wohnform heute wohl einmalig ist.



Plan Anlage Stift Beromünster



Chorherren

Wie beschäftigt sich ein „pensionierter“ Geistlicher, ein Chorherr?
Die Chorherren sind aktive Gestalter der Gottesdienste, helfen in den Pfarreien aus und betreuen Archive und Bibliothek, tragen Sorge zu den Kulturschätzen. Kein Museum also, sondern eine lebendige Gemeinschaft ...



Ahnentafel



Propst und Kustos bewohnen zwei herrliche Gebäude, die Propstei und die Kustorei hinter der französisch anmutenden Gartenanlage. Der Reichtum der Söhne aus Patrizierfamilien, die in französischen Kriegsdiensten unermesslich reich geworden waren, hat hier seinen Niederschlag gefunden. Heute sind die Gebäude Arbeitsorte für die Verwaltung und Führung des Gemeinwesens.



Aus der Feudalzeit



Ich schliesse meinen Besuch mit einem Blick auf den Friedhof, der mit den bunt bemalten Schmiedeisenkreuzen fast heiter wirkt. Dieser Ort stellt für mich ein kleines Universum dar. Gebäude um ein Zentrum versammelt, Heiteres und Ernstes nah beisammen. Ein Reiseziel, das uns auf andere Gedanken bringt...



Friedhof Stiftskirche 1


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Kommentare

  • Hage

    Liebe Ursula, vielen Dank für diesen interessante Reisebericht mit viele schönen Fotos. Ich hatte den Namen Beromünster schon einmal gehört, konnte mir aber bis jetzt so nichts darunter vorstellen.
    LG Hans-Geoerg

  • Blula

    Liebe Ursula!
    Von wegen kleine Bilderreise.....!! Das war wieder ein äußerst gehalt- und anspruchsvoller Bericht von Dir, umrahmt von guten Fotografien. Ich sage ganz einfach Danke! Mir geht es wie Hans-Georg... auch mir war der Name Beromünster bekannt, aber, nun habe ich endlich auch mal einiges von diesem schönen Stift und dem Kulturzentrum erfahren können.
    LG Ursula

  • pleuro

    Eine Reise zu Stille und Besinnlichkeit - das gehört zum Leben und bringt uns selbst ein Stück näher. Danke, liebe Ursula, für diese Reise, auf der ich Dich immer wieder gern begleiten werde.
    Liebe Grüße
    Anne

  • agezur

    Klöster und Stifte sind seit alten Zeiten Zentren von Kultur und Wissenschaften. Immer wieder zeigt es sich, dass man auch heute noch viel davon bei einem Besuch erfahren kann. Die schönen Bilder, die du mitgebracht hast, bilden eine gute Ergänzung zum interessanten Bericht !
    LG Christina

  • traveltime

    Ein schöner Bericht, nur schade das soviel Kunst und Kultur auch meist in der Geschichte seine Schattenseite hat.
    Interessant,gut geschrieben mit schönen Fotos unterlegt.
    LG Rolf

  • Zaubernuss

    @alle: Ich danke Euch für die freundlichen Kommentare. Die Schattenseiten der Kultur, wie sie Rolf benennt, spiegelt uns Menschen mit unseren nicht immer geglückten Unternehmungen... Für mich kein Grund, mich von Kunst und Kultur zu distanzieren, eher ein Impuls, mich mit ihr noch mehr anzufreunden, weil ich viele Entwicklungs -möglichkeiten entdecke.
    LG: Ursula

  • trollbaby

    Liebe Ursula!
    Herzlichen Dank für diesen sehr informativen Bericht, der in mir beim Lesen eine gewisse Ruhe aufkommen hat lassen! Wie wunderschön diese Stiftskirche doch ist! Und ja, Du hast recht: Warum in die Ferne schweifen, wenn das Gute liegt so nah! Man übersieht nur allzu gern, dass in unmittelbarer Nähe wahre Schätze zu finden sind. Du hast mir diesbezüglich wieder die Augen geöffnet!
    LG Susi

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  • Zaubernuss

    Lieben Dank, Susi!
    LG: Ursula

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