Siebenbürgen, Targu-Mures, Marosvásárhely, königliches Neumarkt

Reisebericht

Siebenbürgen, Targu-Mures, Marosvásárhely, königliches Neumarkt

Reisebericht: Siebenbürgen, Targu-Mures, Marosvásárhely, königliches Neumarkt

Europäische Stadt im Osten

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Königliches Neumarkt

Targu-Mures ist das geistige und kulturelle Zentrum des magyarischen Gebietes in Siebenbürgen, Universitätsstadt und wirtschaftlicher Schwerpunkt. An vielen öffentlichen Gebäuden, an der Radiostation und dem Tiergarten künden Anschriften in rumänisch, deutsch und ungarisch, dass seit mehr als tausend Jahren die drei Nationen zusammen leben. Man liebte sich nicht immer, heiratete trotzdem über die Nationalitätenschranken hinweg und arbeitete wieder schnell zusammen, wenn es um den Wohlstand, Lebensart und die Vitalität der Stadt ging.

Prägend ist das magyarische Bürgertum, meist reformiert und immer zu einem Aufstand gegen Österreicher und Türken gut. Die ungarische Leichtigkeit des Seins, die Eleganz und der Lebensstil des alten königlichen Ungarns verbinden sich mit deutschem Bürgersinn und rumänischer Ursprünglichkeit.
Im deutschen Bewusstein ist das magyarische Gebiet ein unbekannter weißer Fleck.



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Rosenplatz, Neumarkt am Mieres

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Das Flugticket von Deutschland nach Targu-Mures kostet nicht mehr als die Zugfahrkarte von Dortmund nach Bremen. Ich probiere im Flugzeug die Rückenlehne nach hinten zu stellen. Geht nicht. Der Mann neben mir flüstert mir zu: „Holzklasse, von vorne bis hinten“. Das Flugzeug ist aber sauber und der Mitreisende sagt mir, dass die ungarische Fluglinie immer pünktlich und zuverlässig sei. Ich frage ihn, vie viel Tage er bleibt. Er antwortet: „Drei Monate“. Es gibt Westler, die sich dort eine Wohnung oder ein Haus kaufen, doch keiner gehe damit hausieren, wie mit einem Anwesen in der Toscana. Nach zwei Stunden landet das Flugzeug in Targu-Mures.

Als Student bin ich einmal für wenige Märker von Targu-Mures nach Bukarest geflogen. Ein Flug pro Tag mit der staatlichen Fluggesellschaft hin. Ein Flug zurück. Die Iljuschin 14 hat beim Start wie 100 Traktoren geröhrt. Die Mitreisenden mit eisernem Klassenkämpfergesicht haben in ihren dicken Ledertaschen wohl früh die Berichte nach Bukarest und abends die Anweisungen zurückgebracht. Als Ausländer bin ich peinlich und mehrfach kontrolliert worden, obwohl ich ohne Gepäck gereist bin.
Jetzt bin ich mit einem westlichen Airbus einer ungarischen Gesellschaft in Rumänien gelandet. Der Kontrolleur würdigt meinem Personalausweis nur einen kurzen Blick. Einen Zollbeamten sehe ich nicht. Die Hallen sind bunt. Mit dem Shuttlebus bin ich eine halbe Stunde später in der Innenstadt.



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Eingang zum Ost-Woodstock

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Nach der Einquartierung gehe ich auf dem Hauptplatz (Platz der Rosen) bummeln. Um ihn herum prächtige barocke Häuser im Stil der Donaumonarchie und Jugendstilhäuser mit typisch ungarischer Ausprägung, dann rumänisch orthodoxe Kirchen. Selbst die in der kommunistischen Epoche gebaute Komplexe und das Theater haben die Eleganz, die sich einer „Király város“ , einer königlichen Stadt (vergleichbar Freie Reichsstadt) ziemt (Dass der ungarische König meistens auch Kaiser war, ist nebensächlich.) In der Hitze des Spätsommertags gehen die Leute in die Biergärten, wo Musikgruppen spielen, modern oder folkloristisches vom Zigeuner. Am Abend ist der Burghof bewirtschaftet. Die Jugend ist am Mieresufer zum Woodstock-Festival. Das Ost-Woodstock findet ja auf der Margaretheninsel in Budapest statt und nennt sich Sziget, Insel. Hier in Targu-Mures heißt es „Halbinsel“, man kann es sich leisten zu untertreiben. Die starke Kommerzialisierung hat aber, sagt man, dem Flair geschadet. Sicher haben auch Betreiber von Nachtclubs die Stadt als Staffage für ihre Etablissements ausgesucht, aber nie entsteht das Gefühl, dass hier eine verlängerte (horizontale) Werkbank für Westeuropäer im Entstehen ist. Die Nobelitaliener haben in den Restaurants Preise wie in München. Ohne Tischreservierung für den Abend geht nichts.



An den staatlichen Gebäuden fallen die vielen Europafahnen auf. Unter ihnen wird geheiratet, die Geburt angemeldet, das Abiturzeugnis ausgegeben. Sind die Einwohner fanatisch wie frische Konvertiten? Ist es das bisschen Geld, das doch aus Europa angekommen ist und das Grau des Sozialismus vertrieben hat? Europa ist Hoffnung, nach einer Zeit, in der man selbst im Winter nachts um drei Uhr auf dem unbeleuchteten Boulevard anstand um einen Liter Milch für das Kleinkind zu bekommen. Der Verdienst ist jetzt nicht einmal der zehnte Teil eines westeuropäischen Verdienstes, aber die alte Lebensfreude ist zurückgekehrt. In Targu-Mures haben schon immer die drei Nationalitäten gelebt und sich in der Kunst geübt, dann eben aus dem kulturellen Reichtum das Bestmögliche zu machen. Irgendwann habe ich verstanden, dass die Stadt schon immer ein kleines Europa war und dafür Strategien und Fertigkeiten entwickelt hat. Nicht die Stadt ist nach Europa gekommen, sondern Europa hat sich der Stadt angeschlossen.

Man ist stolz auf die Dreisprachigkeit. Nur die Bezeichnung „Neumarkter Bier“ kommt ohne ungarischem oder rumänischem Untertitel aus. Trotzdem darf man nicht zu viele deutsche Sprachkenntnisse erwarten. Im Kulturpalast (Jugendstil) gibt es keinen Führer auf Deutsch und die Berufseinsteiger sind im Englischen wesentlich geübter. Nach dem Umbruch konnten die deutschstämmigen Siebenbürger endlich gehen und die meisten taten das auch. Nur ihr guter Ruf ist geblieben.



Sezession am Kulturpalast



Kirchenburg, Neumarkt

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Die Universitätsstadt mit sechs Hochschulen, darunter auch eine für Theaterwissenschaft, hat viele kulturelle Einrichtungen und Museen. Der Kulturpalast (Jugendstil) beherbergt einen Konzertsaal, eine Kunstgalerie und Schauräume, daneben im selben Stil das Stadthaus. Für das Theater wurde das Städtel weitestgehend abgerissen, die Synagoge steht noch. Die mittelalterliche Bibliothek Teleki mit dem grandiosen Lesesaal ist sehenswert. Die rumänisch orthodoxe Kirche und die barocke katholische stehen nebeneinander, darüber in der Burg die ungarische reformierte Kirche im gotischen Stil.
In den Wehranlagen der Burg haben sich Künstler und Mitglieder kulturelle Zirkel eingerichtet. Sie unterhalten sich gerne über ihre Arbeit. Ausländer sind keine Fremden, aber Neugierde auf Ausländer gibt es nicht. Beim Streifen durch die Burg höre ich Orgelmusik aus der ungarisch reformierten Burgkirche. An der Barockorgel übt eine Dame ein bekanntes Werk von Johann Sebastian Bach. Sie bemerkt mich, wechselt einige freundliche Worte, übt weiter. Am Abend im Konzert sehe ich, dass sie, Professorin an der Musikakademie, die Solistin ist.
Künstler, Leute vom Theater und wer sich zur Boheme zählt, bevölkert die Cafes in der Nähe der Kunstakademien. Die Stadt ist nicht klein, aber noch immer überschaubar und menschlich geblieben.



Kirche in der Burg



Überall Kunstwerke, Lagerung im...

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Wenn ich mich auf den Weg durch die Stadt mache, habe ich eine Vorstellung, welche Sehenswürdigkeit ich heute anschauen werde, ohne mich zu zwingen auch dort anzukommen. Vielleicht bleibe ich in einer Szenenkneipe länger hängen, entdecke im Burghof eine Menge dort zwischengelagerte Kunstwerke, lasse mich von der Stimmung eines Parks, eines Stadtviertels einfangen. Vielleicht komme mit Kunstschaffenden ins Gespräch. In der bleiernen Zeit der Diktatur waren diese die Stimme des Volkes, überschütteten mit ihren Werken die Stadt und Orte der Umgebung und setzten den diktierenden Proleten das Menschenbild des genügsamen und sozial eingestellten Magnaten entgegen. Werke, die keinen Platz im öffentlichen Raum bekommen konnten, leben in den Hinterhöfen weiter. Wer nur etwas sensibel ist, fühlt den Lebenswillen und Optimismus.



Überall Kunstwerke, Lagerung im Burghof.



Ein junges Glück, besiegelt...

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Zugegeben, die elegantesten Kaffeehäuser wurden in Banken verwandelt. Die Familien aus besserem Haus flanieren am Sonntagnachmittag nicht mehr mit ihren heiratsfähigen Töchtern auf dem Rosenplatz. Schade auch, denn das war für uns Studenten eine gute Möglichkeit unkompliziert eine ganze Bevölkerungsschicht kennen zu lernen. (Ein Bekannter berichtete aber, dass die Institution „Schwiegermutter“ oder „Schwiegervater“ für lange Zeit nicht abzuschütteln war.) .
Verschiedene Ereignisse geben der Stadt den Rhythmus vor. Schon Tage vor dem Fest der Verleihung der Abiturzeugnisse stellt sich eine euphorische Stimmung ein. Modehäuser, Coiffeure, Blumenläden fluten die Stadt mit einer überraschenden Eleganz. Prinzessinnen und Prinzen huschen geschäftig durch die Straßen.

An jedem Samstag, vormittags von 10 Uhr bis 1 Uhr finden im Hochzeitspalast am nördlichen Ende des Rosenplatzes die Trauungen statt. Die Hochzeitsgesellschaften formieren sich im Park unter der Burg und eine Kapelle mit teils skurrilen Musikern führt den Zug an. Immer sind mehrere Züge unterwegs, behindern sich aber nicht. Nach der Trauung findet die Fortsetzung oft in eine der drei nebeneinander liegenden Kirchen statt. In der ungarisch reformierten Burgkirche geht vornehm zu, mit klassischer Musik und tollem Schmuck. Da fährt schon mal eine Kalesche vor. Exotischer ist für Westeuropäer die Trauung nach byzantinischem Ritus in der rumänisch orthodoxen Kirche. Die barocke katholische Kirche (ungarisch) durchweht noch ein leiser Hauch aus der vergangenen Donaumonarchie. Nirgends kann man das Lebensgefühl aller Schichten besser erfassen als in diesem grandiosen Fest der Selbstdarstellung. Regelmäßig stehen westeuropäische Fremdenführer mit einem kümmerlichen Rest ihrer Truppe da und warten, dass sich ihre Leute vom Spektakel losreißen können. Interessant sind die vielen kleinen Beobachtungen, die einen Einblick zulassen.



Nach der Zeremonie



Denkmal 1989

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Die jungen Leute, die 1989 während des von oben inszenierten Umsturzes getötet wurden, weil sie an die Echtheit der Ereignisse glaubten, werden an ihrem Denkmal nicht mehr mit spontan abgelegten Blumensträußen geehrt. Die jungen Helden eines freien Europas bekommen die Nationalfahne und die europäische Fahne gleichberechtigt.


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