A few good Aussies (Australian Lifestyle)

Reisebericht

A few good Aussies (Australian Lifestyle)

Reisebericht: A few good Aussies (Australian Lifestyle)

Nach dem zweiten schmalzigen „Darling“, das mir die Verkäuferin über den Tresen zuhaucht, werde ich unsicher. Ich habe doch nur ein Mineralwasser bestellt. Will sie vielleicht mehr von mir? Als das nächste „Darling“ jedoch nicht mir, sondern einem weitaus älteren „Mate“ hinten in der Schlange gilt, entspanne ich mich wieder. Und die den Australiern nachgesagte Oberflächlichkeit scheint vollauf bestätigt.

Eine freundliche Kassiererin in einem riesigen Einkaufszentraum, noch dazu während der stressigen Vorweihnachtszeit, ist für uns Mitteleuropäer eine reine Traumvorstellung. Doch das gewohnte „How is it going“ klingt heute anders. Schon wieder oberflächliches Geplapper? Irrtum! Die Dame an der Kassa scheint zu spüren, dass ich nicht gut drauf bin. Sie läßt sich Zeit und verwickelt mich in ein lustiges Gespräch. Zu guter Letzt ringt sie mir sogar noch ein Lächeln ab und verabschiedet mich mit einem „And now enjoy your day“. Ungläubig werfe ich einen Blick zurück in die Schlange hinter mir. Statt ungeduldiger und mürrischer Zeitgenossen sehe ich in verständnisvolle und lächelnde Gesichter. Und die australische Oberflächlichkeit scheint vollends widerlegt.



Sydney Opera House



Ein sonderbares Volk sind sie wirklich, diese Australier. Der Nationalstolz wird sichtbar getragen. Frauchen hüllt sich in Bikinis, Hotpants und Tops, die direkt aus der australischen Flagge geschneidert zu sein scheinen. Männchen trägt ihn in Form von Tätowierungen der Sterne des Southern Cross’ zur Schau: auf Armen, Rücken und hin und wieder sogar auf dem Hals! Und auf Campingplätzen gewähren sie uns unverhüllte Einblicke in die australische Volks-Seele. Da spaziert Oma frühmorgens um sieben mit Lockenwicklern im Haar und eingehüllt in ihren jahrzehntealten Lieblingsmorgenmantel schlaftrunken zu den Sanitäranlagen. Da unterhält sich Mama nur wenig später lauthals mit ihrer neuen Nachbarin. Gekleidet in einen rosaroten Schlafanzug mit weissen Wölkchen. Nein, Genierer kennen die Australier keinen. Das wird uns spätestens dann völlig klar, als Papa aus dem Zelt gekrochen kommt. Nur mit einer hellblau glänzenden Satin-Unterhose bekleidet, deren Bund sich angespannt um den wohlgeformten Bierbauch schmiegt. Von dort, wo sich der Schniedelwutz befindet, strahlt uns ein selbstbewußtes Superman-Logo entgegen. Ebenso strahlend werden wir mit dem obligatorischen „G’day mate. How is it going?“ begrüßt. Und ohne auch nur mit einer Wimper zu zucken, wendet er sich völlig ungeniert dem Aufbau seines Schlauchbootes zu.



Alarmstufe Rot



Dann tingelt am Neujahrstag auch noch ein fahrender Eisverkäufer durch den Campingplatz. Softeis am 1. Jänner bei 30 Grad im Schatten und zur Meldoie von Jingle Bells? Für unser mitteleuropäisches Verständnis schon etwas kurios. Wie der Verkäufer selbst: Mit einer Australienschürze um die Hüften und einem purpurnen "Neujahrs-Zylinder" auf dem Kopf, erzählt er uns gleich seine ganze Lebensgeschichte. Geboren In Brisbane, aufgewachsen in Sydney mit Auslandsaufenthalten in Japan und Papua-Neuguinea. Er scheint ziemlich rumgekommen zu sein in der Welt und auch ordentlich was erlebt zu haben, dieser Aussie. Wenn er beim Reden doch nur das Kiefer bewegen würde! Dann könnten wir sicher mehr von seinem nuschelnden Redeschwall verstehen. Eines können wir uneingeschränkt bestätigen: "They're talkin' like they're walkin'!" *fg*



Australian Lifestyle



Was auch immer man den Australiern nachsagen mag, wir haben sie als lustig, offenherzig, freundlich und vor allem hilfsbereit kenngengelernt! Da ist zum Beispiel Mickey von Tyres&Repairs in Coober Pedy. Unsere Mitzti parkt nach dem stundenlangen Kilometerfressen wohlverdient vor dem Underground Hostel. Kurz vor 6 Uhr abends pfeift uns plötzlich das Ventil des linken Hinterrades ein beunruhigendes Liedchen. Cool, dass Tyres&Repairs nur wenige hundert Meter entfernt liegt. Und noch besser, dass Mickey trotz Betriebsschluß das Ventil noch wechselt. Auf unsere Frage nach dem Preis winkt er ab: „No worries. It’s ok. It was just 5 minutes of work“. Er will kein Geld von uns nehmen. Wir bedanken uns am nächsten Morgen mit einem Sixpack Bier bei ihm. Kosten Aus$ 13 = etwa € 7,5.



Ähnliches 5 Wochen später in Hughenden, unserer letzten Station im Outback. Diesmal pfeift das Ventil des linken Vorderrades ab. Es ist Sonntag und keine Werkstätte hat offen. Dabei wollen wir nichts wie raus aus dieser Wüste. Das Meer ist schon zum Greifen nahe. Im Hinterhof einer Tankstelle können wir dann doch noch einen rettenden Helfer auftreiben. Wenn wir den Reifen abmontieren, gibt er uns ein neues Ventil rein. Kein Problem. Auf unser erleichtertes „You made our day, mate!“ folgt ein selbstbewußtes „There are still a few good Aussies around!“ (Ein paar gute Australier gibt es immer noch). Kosten Aus$ 10 = etwa € 6.



Auch Bruce, der Manager vom Campground in Tin Can Bay, wird in unsere australischen Wohlfahrts-Annalen eingehen. Schon etwas betagter ist er und dem Hochprozentigen sehr zugetan. Ein ganz lieber und vor allem kommunikativer Zeitgenosse. Gerne kommt er auf ein Gespräch vorbei. Er erzählt von seiner ersten Frau, die mit 35 gestorben ist, von seiner jetzigen Frau, seinen Kindern, dem Campingplatz ... und von seinem liebsten Hobby: dem Alkohol-Brennen! Auf unsere Frage, wo wir für unser Weihnachtsessen King Prawns (Garnelen) bekommen könnten, tippt er sich stolz mit dem Zeigefinger auf die Brust. Er kümmert sich darum! Am Morgen vor unserer Abreise bringt er uns ein gutes halbes Kilo von diesen edlen Teilen samt einer eigens von ihm persönlich zubereiteten Knoblauch-Ingwer Sauce. Geld? Nein, er will keines. Das ist sein Weihnachtsgeschenk. Auf unser „You are a star!“ folgt ein staubtrockenes „I know. There are not many of us left!“ (Ich weiß, es gibt nicht mehr viele von unserer Sorte). Kosten Aus$ 0 = etwa € 0.



Eternity


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Kommentare

  • cirrus

    Oh, wie schön ist es mit Dir zu reisen..
    Solche netten, hilfsbereiten Menschen kann man nur treffen,
    wenn man allein reist und selber nett ist :-))))
    Die "Dosenrouristen" haben bei einer halben Stunde Aufenthalt
    nicht die Zeit Irgendetwas in sich aufzunehmen oder die Mentalität zu spüren....

  • ToniE

    Kann ich alles nur bestätigen. Die Aussies sind schon nett.
    Als wir 2004 in Hervey Bay mittags in einem Hotel ankamen und fragten, wann wir "Whales watchen" konnten, sagte die Besitzerin: Das nächste Boot geht in einer halben Stunde, fahrt los, ich bestell euch telefonisch die Karten. Die könnt ihr bei Abreise bezahlen.
    Wir sind samt Gepäck dann losgefahren und hätten danach sicherlich weiterfahren können ohne zu bezahlen. Was sich nicht gehört. Aber es zeigt das grenzenlose Vertrauen der Aussies.
    Du kannst getrost die Überschrift deiner schönen Episoden ändern von "A few good Aussies" in "Many good Aussies."
    Grüße

  • RELDATS

    Ach, kann ich nur sagen, ach ja Australien und in Erinnerungen schwelgen.
    Danke für diese Story.
    Nette Grüße von Josef

  • trollbaby

    Hallo Birgit & Florian!
    Ein toller Bericht, der einem die Aussies näher bringt! Ich war noch nie in Down Under, kann also nix dazu sagen. Ich habe nur jetzt einige dieser Spezies auf Bali angetroffen, aber dort lagen sie meistens besoffen am Strand rum. Aber... nett sein ist anstrengend und schließlich braucht man auch mal eine Pause davon. ;-)
    LG Susi

  • Zeitreisende

    Genau so sind sie, die Aussies. Mir waren die in den ersten Tagen auch fast etwas unheimlich, dann habe ich mich gerne dran gewöhnt und letztendlich...back in good old Germany kam das ganz ganz böse Erwachen: im Supermarkt und an der Tankstelle werde ich nicht mit Handschlag begrüßt, niemand erzählt mir die neuesten Sportergebnisse und den Wetterbericht und keiner winkt mir hinterher, wenn ich das Geschäft/ die Tankstelle oder was auch immer wieder verlasse. Ein schöner Bericht...da wird Urlaubsfeeling wach ;-) ! LG Dani

  • Schili

    Inhaltlich und stilistisch ein super Bericht. Australien habe ich noch nicht bereist, die Neuseeländer habe ich allerdings ähnlich erlebt.... Gruß aus Köln

  • agezur

    Ein erfrischend anderer Reisebericht. Flott geschrieben und dabei soviel Lokalkolorit hineingepackt, dass man meint selbst dabeigewesen zu sein!!!
    LG Christina

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  • rolo88

    Wirklich nett geschrieben (beschrieben). Ich gehe davon aus, dass der Urlaub insgesamt sehr nett war, obwohl du fast nur über die hilfsbereiten Menschen geschrieben hast. Dafür aber eine 1+.
    Lieben Gruß aus Essen

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. A few good Aussies (Australian Lifestyle) 4.92 13

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