Bali - Insel der Widersprüche

Reisebericht

Bali - Insel der Widersprüche

Reisebericht: Bali - Insel der Widersprüche

Bali abseits der ausgetretenen Touristenpfade – das war unser erklärtes Ziel. Aber gibt es so ein Bali überhaupt noch? Über 4 Millionen Touristen tummeln sich jedes Jahr auf der nur 150 x 80 Kilometer kleinen Insel. Hinzu kommt eine nicht überschaubare Zahl an Aussteigern, Lebenskünstlern und Chaoten, die auf Bali ein angenehmes Leben suchen. Die ruhigen und besinnlichen Plätze wollen gut gesucht und entdeckt werden.

Willkommen auf der "Insel der Götter"!

Jeder hat uns Bali als eine „Trauminsel“ empfohlen, als „magischen Ort“ und immergrünes Tropenparadies. Als ein Land voll freundlicher, immer lächelnder Menschen. Innerlich sind wir hin und her gerissen, denn unsere Erfahrungen formen ein sehr widersprüchliches Bild. Neben all der landschaftlichen Schönheit sehen wir eine Insel, die von Menschen und Motorrädern überquillt, die im Dreck versinkt und zum Himmel stinkt, eine Insel die allen Traditionen zum Trotz vom schnöden Mammon und Korruption regiert wird.

Ja, die Menschen hier lächeln ... nur werden wir das Gefühl nicht los, dass dieses permanente Lächeln eher einer Gewohnheit, denn einer Ehrlichkeit entspringt. Der Polizist, der dir ohne jeglichen Grund Geld abknöpft lächelt ebenso, wie der "Kuta-Cowboy", der sich an Touristen ranmacht oder das Familienoberhaupt, das seine Tochter zwangsverheiratet. Gelächelt wird einfach immer und überall.

Zudem stehen wir vor der Herausforderung, wo wir auf dieser überfüllten Insel zu innerer Ruhe finde sollen? Eine Million Einwohner, über vier Millionen Touristen pro Jahr, keine funktionierende Müllentsorgung und nicht mal eine eigene Energieversorgung ... dafür jede Menge Aussteiger, Lebenskünstler und Chaoten. Wo sind die magischen Orte, die uns inspirieren und anregen sollen?



Welcome



Vielleicht in den unzähligen Tempeln, die in jedem Reiseführer angepriesen werden? Nehmen wir Tanah Lot, berühmt wegen seiner exponierten Lage auf einem Felsen vor der Küste und seiner Sonnenuntergänge. Tausende Besucher drängen jeden Tag an den überfüllten Marktständen und Restaurants entlang hinunter zum Strand. Endlich dort angekommen, ist die Besinnung und die Magie schon längst beim Teufel. Da hilft auch der schönste Sonnenuntergang nicht weiter. Die touristischen Hotspots von Bali können es locker mit der Wiener Innenstadt aufnehmen. Nicht mit den Preisen, aber mit dem Rummel allemal!

Dann vielleicht in Kuta? Diesem sich prostituierenden Moloch, dem „Mallorca der Australier“? Ein halber Tag hat gereicht! Nichts ist dort auch nur ansatzweise wirklich balinesisch. Nicht die Massagen, schon gar nicht die feilgebotenen Waren (Made in China) und wohl nicht einmal die Seelen der aufdringlichen Strand- und Strassenverkäufer. In brütender Hitze wird hier auf Teufel komm raus billig geshoppt, massiert und gefeiert. Die Insel der Götter ist auch eines der grössten Sextourismus-Länder.



Body Art



Dann aber hoffentlich in den ländlichen Gebieten abseits der größeren Siedlungen? Doch auch dort haben wir die Magie vermisst. Die Häuser sind mehr als nur einfach. Mehrere Personen leben mit Katzen, Hühnern und anderem Getier auf engstem Raum zusammen. Meist ohne Toilette. Tier und Mensch erleichtern sich beidermaßen ungeniert auf dem Gelände. Das Wasser muss mit Eimern vom Wasserloch geholt werden. Es wird morgens zum Waschen, mittags zum Putzen und abends gerne nochmals zum Kochen verwendet. Im trockenen Sommer wird es auch gerne mal getrunken. In dieser Zeit füllen sich die Krankenhäuser mit Typhuskranken Balinesen. Auf dem Land gibt es keine Müllabfuhr. Abfälle werden einfach auf dem Gründstück verstreut, bestenfalls in einer Grube vergraben oder hin und wieder verbrannt. während der Regenzeit im Jänner und Feber ist das Schwimmen und Tauchen rund um Bali kaum möglich. Dann bringt der viele Regen den ganzen Müll „an die Oberfläche“ und spült ihn in braunen Schlammlawinen einfach ins Meer. Abgelegene Resorts wie das neu errichtete "Siddharta" im Nordosten, müssen einen Vertrag mit einem Landbesitzer abschliessen. Einmal die Woche kann der Müll des Resorts dort hingebracht und vergraben werden. Auch wenn in den Städten der Müll abtransportiert wird, ist das noch lange kein Garant für Sauberkeit. Ein permanenter süßlicher Geruch hängt in der Luft, mal mehr, mal weniger. Ganz schlimm ist es nach einem Regenguss. Wenn die Luftfeuchtigkeit schlagartig ansteigt, dann raubt einem nicht nur der tropische Dampf den Atem. Bali, die Insel der Götter, die gerne auch mal zum Himmel stinkt.



Older Age



Vielleicht in einem künstlerischen und alternativen Ort wie Ubud? Allerdings konnten wir den künstlerischen Aspekt der Galerien und Geschäfte nicht erkennen. Wir haben nur Souvenirläden gesehen, aber vielleicht braucht es dazu echte Experten und nicht so Kulturbanausen wie uns. Ubud kam uns fast noch "westlicher" vor als Kuta. Bei weitem nicht so hektisch, aber dennoch voll auf Touristen eingeschossen. Gesehen haben wir sie schon, die händehaltenden Yoga-Lehrer mit ihren Schülern. Doch was hilft der beste Yoga-Kurs, wenn dich beim Betreten der Strasse das Hupen tausender Motorräder aus deiner Kontemplation reisst. Das Überqueren einer Strasse auf Bali ist immer wieder ein halsbrecherisches Abenteuer, das den Puls in die Höhe treibt. Der Verkehr ist ein Irrsinn. Auf unserem Weg Richtung Westen sind wir entlang der Hauptroute nach Gilimanuk, dem grossen Fährhafen nach Java, unterwegs. Lautstark donnern pausenlos riesige asiatische Uralt-Trucks diese Strecke entlang. Der Taxifahrer bittet: „Please close window. Because of pollution. I will switch the aircon on!“



In the Ricefields



Und dann wollen wir es ganz genau wissen: in Ubud haben wir uns für mehrere Tage in einem ganz einfachen Homestay einquartiert, Familienanschluss garantiert. Den hohen Feiertag Galungang feiern wir im Kreise der Familie. Wir beten mit ihnen in ihrem Haustempel und dürfen uns an ihrem Festtagsbuffet den Bauch vollschlagen. Während einer gemeinsamen Wanderung durch die umliegenden Reisfelder versucht uns der Hausherr die Kultur Balis, seine Tradition und seine aktuelle Situation näherzubringen. Er erzählt vom Reisanbau und seiner Bedeutung. „There are less rice fields every year“ erklärt er. Viele Familien verkaufen Teile ihrer Felder und die jungen Familienmitglieder drängt es in die besser bezahlten Jobs des Tourismus. Auch er und seine Familie leben vom und mit dem Tourismus. Er kann die Entwicklung nicht aufhalten. Immer wieder betont er die Harmonie, die den Balinesen so wichtig ist. „Only if good and bad are in balance we have harmony. We need both!“ erklärt er weiter. Oft versuchen Reisbauern sich Vorteile zu verschaffen, indem sie den Wasserkanal des Nachbarn blockieren oder umleiten. „We have lots of argue and sometimes wild discussions ... but in the end there is always smile and harmony. Never war!“



So scheint das Lächeln doch sein Gutes zu haben. Auch wir haben letztendlich unseren Frieden mit Bali geschlossen. Am abgelegenen Strand von Medewi im Westen Balis verbrachten wir die letzten Tage in einem kleinen, schnuckeligen Surfcamp. Das Rauschen des Indischen Ozeans direkt vor der offenen Hütte, durch die der Wind weht. Genial.

Die ruhigen Plätze auf Bali wollen wirklich gut gesucht werden!



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Kommentare

  • Schili

    Wie ich kürzlich an anderer Stelle schon schrieb: bei den hier (m.A.n. leider) inflationär vergebenen 5er-Beurteilungen selbst durchschnittlichster Reiseberichte, sticht ein solch in jeder Hinsicht wirklich hervorragender Beitrag leider kaum deutlich hervor. DAS ist ein 5er. Und zwar in jeder Hinsicht.Kritisch, informativ und zudem stilistisch pointiert. Stimmig dazu die in S/W gehaltenen Fotos, die deine empfundene Trostlosigkeit eindrucksvoll unterstreichen. Klasse. Gruß aus Köln.

  • u18y9s26

    Ich schließe mich meinem Vorredner in jeder Beziehung an, was Bali, was Qualität von Reiseberichten, was inflationäre 5er-Bewertung angeht. Es gibt mittlerweile auch Mitglieder, die mit dem Zusatz "Bitte nicht bewerten!" großartige Reisefotokunst und Berichte einstellen. Ich bin dankbar, dass es euch und eure differenzierten, engagierten und hervorragenden Beiträge in der Reisecommunity gibt. Wettbewerb soll woanders stattfinden.
    Lieber Florian, ich freue mich auf weitere Reiseeindrücke von dir. Auch wenn ich deine Eindrücke von Bali teile und teilweise aus eigener Anschauung bestätigen kann, habe ich in meinen Reiseberichten von 2010 positive Eindrücke schildern können.
    LG Ursula

  • mhsch

    Ein außergewöhnlich guter Reisebericht, realistisch geschrieben und dazu die Fotografien von dieser " überbunten " Insel in Schwarz/weiß. Großartig!
    Gruß von mhsch

  • fhaid

    Vielen lieben Dank an Euch alle für Eure positiven Rückmeldungen! Sie machen uns einerseits verlegen, anderseits aber auch stolz! Es ist schön zu erleben, dass die Eindrücke unserer Weltreise Beachtung finden, dass sie gefallen und bewegen können. Es geht uns nicht um möglichst viele 5er, sondern darum, unsere Erlebnisse festzuhalten und mitzuteilen. Dass Ihr Euch die Zeit für einen persönlichen Kommentare genommen habt, ist für ums mehr Bestätigung als jede Bewertung! Vielen Dank dafür! LG Florian

    @Ursula: Werde mich gleich in Deinen Bali Bericht vertiefen!

  • Schili

    Hallo. Natürlich geht es nicht um "möglichst viele 5er" Ich finde es auch an dieser Community wirklich super, dass es hier weder Rumätzereien, noch Shitstorms noch unsachliches Niedermachen von Berichten, Fotos oder Kommentaren gibt. Das ist ganz toll und zeugt von einem erfreulich kultiviertem Miteinander. Andererseits verwischen halt die Grenzen zwischen durchschnittlichen, guten oder sogar herausragenden Beiträgen, legt man den Maßstab bei den Bewertungen stets an der Oberkante der Bewertung an. Das ist aber nicht Thema und vor allem DEIN toller Bericht, auf den du oder ihr zurecht stolz sein dürft/darfst. Ehre, wem Ehre gebührt. :-)

  • schokolade55 (RP)

    Hast du richtig gut gemacht und nicht nur Friede - Freude- Eierkuchen beschrieben.
    Der letzte Satz sagt eigentlcih alles und war, egal ob vor 30 Jahren oder in der letzten Zeit, auch meine Erfahrung: "Die ruhigen Plätze auf Bali wollen wirklich gut gesucht werden".

  • Blula

    Ein wirklich exzellenter Bericht, den ich mit großem Interesse gelesen habe, nicht zuletzt, weil ich die Insel im Jahre 1993 auch einmal besucht habe, also noch zu einer Zeit, als dieses schöne Eiland noch nicht von Millionen Touristen überquoll und auch die Zahl der Aussteiger, Lebenskünstler und Chaoten sich noch in Grenzen gehalten hat.
    LG Ursula

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  • horstschielmann

    Ein konstruktiv geschriebener Bericht, der nichts ausgelassen hat. Klasse!
    Als ich mitte der 80er abends nach Ubud kam gab es nur im Ubud Palace Hotel ein Zimmer, der Ort selbst schlief schon.

    lG Horst

  • Robin.Ewers

    Ja, auch ich habe ähnliche Erfahrungen gemacht. Wurde mir doch Bali von einem Freund angepriesen als "längst nicht so touristisch wie Thailand" (basierend auf seiner Weltreise 2007) war ich dann doch überrascht, wie touristisch diese Insel dann doch war. Insbesondere Ubud muss sich in den letzten 5 Jahren krass entwickelt haben. Man wird zwar nicht auf der Strasse von Verkãufern angesprochen, aber es reiht sich doch ein Laden mit Souveniers oder Markennamen (?) neben den anderen. Und die Restaurants reichen von Pizza bis Fusion-Food.

  • Temujin

    Tja, vieles stimmt leider - und Bali weiss es! Seit Jahren gibt es mahnende Stimmen diverser Tourismusorganisationen in Bali, die solche Missstände aufzeigen und nach Änderungen rufen.
    Das grösste Übel sind die Flut von neuen Hotelbauten, die damit Preisdumping, das unlizensierte (unkontrollierbare und illegale) Anlocken von noch mehr Besuchern (dzt. bereits über 2 Millionen/Jahr) bewirken. Es wird vermutet, dass viele dieser neuen Hotels dem Waschen von Korruptionsgeldern u.ä. Quellen dienen. Die anschwellende Besucherwelle zieht "free lance" Guides und Taxis nach sich, verstopft die Strassen und zieht junge Leute vom Land in die Tourismusregionen. Die alte Kultur des Dorflebens und des Subak erodiert, Reisfelder werden zu Parkplätzen etc.
    Aber es gibt noch das andere Bali, die Strände von Lovina sind nicht so überlaufen, Westbali bietet interessante Gegenden und Events, wie das Mekepung, die traditionellen Ochsenkarren Rennen. Die Infrastruktur ist natürlich nicht mit Kuta oder Sanur vergleichbar, dafür gibt es Ruhe und Beschaulichkeit.
    Ein bischen können auch wir zum Erhalt der "Insel der Götter un Dämonen" beitragen, mit weniger Ansprüchen auf Partyunterhaltung, eigenes Verhalten, Verständnis für andere Kulturen und Meiden von zweifelhaften Unternehmen.

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