Die Straße gleitet fort und fort... Über das Pilgern.

Reisebericht

Die Straße gleitet fort und fort... Über das Pilgern.

Reisebericht: Die Straße gleitet fort und fort...   Über das Pilgern.

Pilgern in Spanien? Also, mir wär' das zu…
… ungewöhnlich … anstrengend … gefährlich.“
Dies sind einige der Reaktionen von Mitmenschen, wenn ich mit großer Begeisterung von meiner letzten Pilgerreise erzähle. Es ist eine Herausforderung für meine gesamte Existenz, das Pilgern. Da ist zuerst die Logistik: Ein Rucksack mit bis zu 10kg Inhalt, der für die nächsten Wochen mein ganzes Habe darstellt.

Der Jakobsweg II

Keine Bildinformationen verfügbar

Um alle Details habe ich mich gekümmert: wie viele Socken, welche Menge Shampoo in eine extra Flasche umgefüllt, Schlafsack oder Decke, Isomatte ja oder nein, Handy und Reiseführer. Dann die Planung: Wo werde ich übernachten? Reservieren ist nicht möglich, und das allermeiste bleibt dem Zufall überlassen. Dann die Sprache: welches sind die wichtigsten Vokabeln, die ich wiederholen muss? Dann: das „Einwandern“: die Schuhe, die Kleidung und den Rucksack mit Gewicht testen, mich selbst körperlich vorbereiten.
Und dann ist der Abflugtag gekommen. In der früh von den Lieben verabschiedet, in den Flieger, 1500km geflogen – absurd eigentlich: ich wandere nur wenige hundert. Angekommen im Land der Wärme, des Meeres und der Basken, los gelaufen, das erste Gefühl: endlich frei!
Was dann folgt, sind vierzehn Tage voller freiwillig - unfreiwilliger Entbehrungen, Schmerzen an Füßen, Rücken oder Hüfte (zumindest am Anfang), Überraschungen, Improvisation, Glück, Befriedigung und Gaumenschmaus. Ein ganz anderes Leben als Zuhause. Gar nicht besser, einfach anders. Und dieses „anders“, das macht etwas mit mir.
Ich wandere auf dem Camino del Norte, dem „Nordweg“, der im Gegensatz zum „Französischen Weg“, der „Pilgerautobahn“, sehr ruhig ist. Hier begegne ich tagsüber selten anderen Pilgern, abends finde ich immer noch Platz in der Pilgerherberge. Der Weg führt von Ost nach West, von Irun nach Santiago de Compostela, teilweise entlang der atemberaubenden „Picos de Europa“.
Aber warum laufe ich? Einerseits ist Pilgern für mich „Wandern mit Gott“, also in stiller Begleitung gehen. Andererseits schaffe ich es schon innerhalb kürzester Zeit, beim Wandern abzuschalten. Ich bediene mich dabei einer einfachen Meditationstechnik und lasse jeden Gedanken, der meinem eigenen Gehirn entspringt, einfach sofort wieder los. Die Gedanken, die mir kurz nach Beginn der Reise kommen, entstammen sowieso meiner alltäglichen Gedankenwelt. Da kommt nichts Neues. Gedanken, die ich schon tausend mal gedacht habe, brauche ich nicht im Urlaub weiter zu denken. Ich nehme „drop the thought“ (Dalai Lama) wörtlich und lasse den alten Gedanken einfach in meiner Phantasie auf den Boden fallen, wo er zerschellt. Damit schaffe ich mir Platz für Neues. Hinzu kommt, dass ich auf einer Pilgerreise so stark von den verschiedenen Aspekten der Reise eingenommen werde, dass ich ganz gut abgelenkt bin. Das wären die Wasser- und Nahrungsversorgung, schmerzende Körperteile, die Wegstrecke und jeder Schritt, den ich sorgsam gehen muss, um mich daran zu gewöhnen. Aber auch wenn diese neuen Aspekte mich gedanklich einnehmen, lasse ich sie augenblicklich fallen. Ganz leer möchte ich werden.
So wie mein Inneres zu Ruhe kommt, so geschieht es auch mit dem Weg. Langsam verlasse ich die Urbanität, langsam gleiten das Meer, die Wiesen, die Straße fort und fort. Nach wenigen Tagen haben sich die Füße oder der Rücken an die neue Belastung gewöhnt, ich kann leichter größere Entfernungen zurücklegen. Die Stille und Leere breiten sich aus, die Einsamkeit entfaltet ihre Wirkung in mir. Ich komme auf neue Gedanken. Mein Alltagsleben scheint mir weit weg, ich kann es als ganzes abschätzen und bewerten, kann mir Kreuzungen meines Lebens anschauen, betrachte die Umwege und die Stellen, an denen ich fest stecke. Ich erkenne: genau so wie es auf dem „Camino“, dem Weg, ist, so ist es auch in meinem Leben. Ich habe mich selbst eben mitgenommen auf meine Reise, ich bin kein neuer Mensch, aber: durch die neuen Aufgaben der Improvisation bei Schwierigkeiten und unerwarteten Wendungen auf dem Camino kann ich mich neu ausprobieren. Ich erahne, welche Möglichkeiten mein Leben noch bietet. Ich merke, welche Ängste ich habe und wie sie mich im Alltag zurückhalten, mich ganz zu entfalten. Mein Leben wird klarer.
Das allein ist schon inspirierend. Aber was der Camino für mich bereithält, was er mir sagen möchte, das erfahre ich nach und nach, es ist an mir, es zu deuten und wertzuschätzen. Manche Menschen sprechen nach ihrer Reise auf dem Jakobsweg von einer Gotteserfahrung, einer Begegnung. Dabei ist die Art der Begegnung sehr individuell und die Deutung kann nur durch mich selbst geschehen. Niemand von außen kann dem Wert geben, was ich erlebe.
Die „Gemeinschaft“ der Pilger hilft hier. Ich setze das Wort bewusst in Anführungszeichen, weil ich wahllos an den Abenden Pilgern begegne, manche sehe ich am nächsten Abend wieder. Ist das eine Gemeinschaft? Die Chance entsteht jeden Abend neu, dass sich aus einem Haufen unbekannter Pilger für den selben Abend eine Gemeinschaft bildet, wenn ein ehrlicher Austausch über aktuelle Themen stattfindet. Plötzlich gibt es Anteilnahme, emotionale Bindung, ein Zusammengehörigkeitsgefühl, ein gemeinsames Ziel wird erkannt. Einige Herbergen bieten eine gemeinsame Mahlzeit an, meist finden sich von selbst Gruppen, die sich austauschen. Das sind kurze Blitzlichte von Gemeinschaft, die am nächsten Morgen enden. Wenn's am schönsten wird, dann soll man halt geh'n. Und man geht jeden Morgen weiter.
Aufstehen, losgehen, ankommen, schlafen. Dazwischen Abenteuer. Dieser Takt beruhigt. Dennoch fragte ich mich jeden Mittag, wo ich am Abend mein Haupt betten werde. Natürlich wandere ich die Herbergen an, aber was wird mich dort erwarten? Eine geschlossene Herberge, ein verschnarchter Schlafsaal, oder einsames übernachten? Oder werde ich mit einem Glas Saft begrüßt, freundlichen Armen, die mich empfangen wie einen lange vermissten Gast? Mit einer richtigen Bettdecke, Abendbrot mit Rotwein und …Gemeinschaft? Ich bekomme einen Einblick in nomadisches Leben und der Vergleich liegt für mich als religiösen Mensch nahe: einem Leben wie Jesus von Nazareth es mit seinen Jüngern geführt hat. Sehr nah an anderen Menschen, die eben noch unbekannt waren, sehr angewiesen auf das Wetter, das Glück und die Gastfreundschaft anderer Menschen. Dieses angewiesen sein mit der Erfahrung, dass das Leben unterwegs aber eben doch gelingt, lässt etwas in mit entstehen: Vertrauen. Neben der Klarheit und der Inspiration ist das Vertrauen die dritte Essenz, die ich nach Hause mitnehme.
Das ist der Grund, warum ich pilgere. Ich brauche das von Zeit zu Zeit. Dafür nehme ich gerne die Strapazen, Gefahren und die Lebensumstellung auf mich. Das Veränderungspotential, welches in einer solchen Reise liegt, ist umfangreich und ganzheitlich. Ich weiß bis heute nicht, wie das ist, in Santiago de Compostela anzukommen, aber ich nähere mich diesem Ziel. Das Ziel der Reise liegt jedoch in dem, was mit mir auf dem Weg passiert. Und das ist eine ganze Menge.

Sebastian Leenen, www.sebastianleenen.de

Über den Autor: Ich bin Religionspädagoge und Erlebnispädagoge und gestalte Programme für Klassenfahrten und Pilgerreisen. Ich mag es, Menschen in Situationen zu führen, in denen sie sich und die Gruppe neu erleben können. Jeder zeigt, was er kann. Alle machen mit. Die Gruppe und der Einzelne bekommen die Chance, zu wachsen. Und das macht eine Menge Spaß.
In 2012 führe ich zwei Pilgerwanderungen für Erwachsene durch.


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Die Straße gleitet fort und fort... Über das Pilgern. 4.00 4

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps