Im Lande der Katharer - oder auf der Suche nach dem heiligen Gral

Reisebericht

Im Lande der Katharer - oder auf der Suche nach dem heiligen Gral

Reisebericht: Im Lande der Katharer - oder auf der Suche nach dem heiligen Gral

Denn schon auf die Frage, was dieser Gral denn sei, gibt es viele Theorien: der Stein der Weisen, die Achatschale in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien, Maria Magdalena, ein steinerner Kelch in der Kathedrale von Valencia, eine Botschaft von Außerirdischen, die Bundeslade, der Kelch vom letzten Abendmahl mit dem Blut Jesu, ein unermesslicher Schatz, ein Rauchkristall, das Geheimnis des ewigen Lebens etc. Jedenfalls sollen ihn erst die Katharer, nach ihrer Vernichtung die Templer besessen haben.

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Im Lande der Katharer –
auf den Spuren des heiligen Grals


„Das einzige Wunder, an das ich glaube“ sagte Henry, mit dem man’s nicht leicht hat, “ist das Wunder, dass es keine Wunder mehr gibt“, und begann einen Monolog über Wahrheit, Wirklichkeit, Wahrnehmung und Wissenschaft. Wohl wissend, dass wir uns erstens hier im mythosschwangeren Lande der Katharer befanden und er zweitens für Kunst viel übrig hat, unterbrach ich ihn. „Hast du ‚Indiana Jones und der letzte Kreuzzug“ gesehen?“ Er war fast beleidigt. Kino ist für ihn nur äußerst beschränkt Kunst. Ich ließ dennoch nicht nach. „Excalibur? Die Nebel von Avalon? Merlin? Artus und die Ritter der Tafelrunde? König der Fischer?“ Er winkte indigniert ab. Ich setzte schnell nach. „Monty Pythons Ritter der Kokosnuss? Oder was ist mit den Opern Wagners? Wolfram von Eschenbach?“ Jetzt wurde er endlich hellhörig: „Parzival! – aber was hat das mit Wundern zu tun?“ Zugegebenermaßen nicht direkt, aber ich wollte ihn ein bisschen einstimmen auf unsere Reise zu geheimnisumwitterten Orten im äußersten Südwesten Frankreichs, die Geschichtsbücher füllen und Stoff für Bestseller liefern. Und so wenig Henry für Geschichten übrig hat, so sehr fasziniert ihn Geschichte - und Architektur.
Die Gelegenheit, ihn ein wenig ins Grübeln zu bringen, war nach unserem Besuch im
‚Museé d’Art Moderne’ in Céret günstig, ist hier doch auch die "Pont du Diable" (Teufelsbrücke) aus dem 16. Jahrhundert zu bestaunen. Man rätselt heute noch, wie die Baumeister des 14. Jahrhunderts mit den damaligen handwerklichen Mitteln die Statik der Brücke sichern konnten. Die Legende besagt, dass der Teufel sie erbaut hat im Gegenzug für die erste Seele, die die Brücke betritt. Und siehe da: Henry zeigte sich beeindruckt: „Wahrlich ein Rätsel – aber kein Wunder!“
Also fuhr ich mit ihm nach Arles-sur-Tech, zum Sarkophag Wisigoth, der sich – obwohl bedeckt und ohne Zufluss – jedes Jahr bis zur Hälfte, und nicht mehr, mit Wasser füllt. Es gibt bis dato keine wissenschaftliche Erklärung, nur Verständnis für die Einwohner, die die Touristen verdammen, die das Wunder schauen wollen, aber ihr Geld woanders ausgeben. Henry und ich nahmen nach der Betrachtung des merkwürdigen Marmorsargs wenigstens Croissants und Kaffee zu uns, und mein Freund wollte mehr über den heiligen Gral wissen und über die Katharer, und die Burgen sehen, die sie gebaut hatten. Aber an dem Tag reichte es gerade noch zum reizvollen Priorat von Serrabonne und zum mitten im Bergmassiv des Canigou gelegenen Kloster Saint-Martin-du-Canigou, dem wahrscheinlich schönsten Kloster Europas.
Auf dem Weg dorthin erzählte ich ihm, was mir bekannt war, so verwirrend das auch ist. Denn schon auf die Frage, was dieser Gral denn sei, gibt es viele Theorien: der Stein der Weisen, die Achatschale in der Schatzkammer des Kunsthistorischen Museums in Wien, Maria Magdalena, ein steinerner Kelch in der Kathedrale von Valencia, eine Botschaft von Außerirdischen, die Bundeslade, der Kelch vom letzten Abendmahl mit dem Blut Jesu, ein unermesslicher Schatz, ein Rauchkristall, das Geheimnis des ewigen Lebens etc. Jedenfalls sollen ihn erst die Katharer, nach ihrer Vernichtung die Templer besessen haben.
„Und warum sind die Katharer verfolgt und vernichtet worden?“ wollte Henry wissen.
„Eigentlich, weil sie viel zu früh wahre Christenmenschen waren. Sie besaßen keine Ländereien, keine säkulare Gewalt, erhoben keine Steuern. Ausgaben bestritten sie durch Erträge ihrer Werkstätten, Spenden und durch Zinsen aus verliehenem Geld. Unmut gegen die damalige Korruptheit der katholischen Kirche gab es sowieso, und so fand ihr Toleranzangebot nicht nur im Volk, sondern auch beim Adel Anklang. Prinzipiell glaubten die Katharer, dass nur das Geistige, also die Seele, dem Guten angehörte und alles Weltliche der Schöpfung des Bösen entsprach. Mit all dem wäre die Kirche in Rom vielleicht noch klar gekommen – aber so revolutionäre Grundsätze wie Geistesfreiheit, die Abschaffung der Todesstrafe und der Leibeigenschaft, ein vorbildliches Leben strenger Askese, Wahrheitsliebe und Zivilcourage, das durfte nicht geduldet werden. Und das führte zur Erfindung der Kreuzzüge. Und als die Kreufahrer wissen wollten, wie man die Katharer denn erkennen könnte, sagte man ihnen: Erschlagt sie alle, Gott wird die seinen schon erkennen.“
Die spannende Spurensuche entlang der Legende um den heiligen Gral führte uns am nächsten Tag nach Rennes-le-Château, wo der Dorfpfarrer Abbé Bérenger Sauniere um 1900 auf etwas gestoßen ist, das ihn quasi über Nacht zu einem unermesslich reichen Mann gemacht hat. In der sonderbaren, kleinen Kirche dort war Henry von dem Dämon Asmodeus an der Tür beeindruckt, und noch mehr von der Tatsache, dass neben Hunderten von Forschern auch die Familie Rothschild, das Haus Habsburg und vor allem die Nazis wiederholt hier waren. Alle in der Annahme, dass der Abbé den Gral gefunden hatte. Tatsache ist auch, dass viele, die um das Geheimnis gewusst haben könnten, unter mysteriösen Umständen ums Leben kamen. Tatsache ist ferner, dass bei Coustaussa, nicht weit von hier, eine Wallsiedlung von gewaltiger Ausdehnung entdeckt wurde, deren Alter, Erbauer und Zweck Rätsel sind. Und Tatsache ist ebenso, dass auf dem gegenüberliegenden Pic Bugarach, der wiederum dem Berg Sinai verblüffend ähnlich ist, immer wieder unerklärte Leuchterscheinungen zu beobachten waren und sind.
Henry hatte jetzt genug von all dem wunderlichen, das er rätselhaft nennt, und wollte endlich die Katharerburgen sehen. So fuhren wir los. Zu den Resten der Chateaus von Queribus und Peyrepertuse, die wie alle Katharerburgen mit den Gipfelfelsen zu verschmelzen scheinen, in schwindelnder Höhe, an schroffen Abgründen, mit perfekter Übersicht auf das Panorama einer schmerzlich schönen Landschaft.
In Soulatgé kehrten wir im kleinen Restaurant ‚Mon Grain de Sel’ ein, und waren nicht nur vom Essen angetan, sondern auch von der unbekümmerten und herzlichen Art, mit der uns die Wirtin bediente – sie ohne Englisch, wir ohne Französisch, aber mit Gesten und Wörterbuch.
Letztes Tagesziel war Montségur, Symbol des Katharismus, mit deren Fall das letzte Kapitel über die Katharer geschrieben wurde. Hartnäckig hält sich die Behauptung über die rechtzeitige Flucht einiger Katharer aus der Festung Montségur mit einem sagenhaften Schatz. Die Legende ist so aktuell, dass heute noch Leute mit dem Spaten losziehen, um den Schatz zu finden, der vielleicht der heilige Gral ist. Die Legenden werden zu Bestsellern, wie Dan Browns „The Da Vinci Code“.
Henry erzählte mir am nächsten Morgen, er habe geträumt, dass der heilige Gral in Wirklichkeit nichts anderes sei als die Primzahlformel.
Typisch Henry.


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