Hadrians Wall Path von Ost nach West in 6 Tagen

Reisebericht

Hadrians Wall Path von Ost nach West in 6 Tagen

Reisebericht: Hadrians Wall Path von Ost nach West in 6 Tagen

Anreise von Deutschland per Bahn nach Nordengland, Zwischenstopps in London, York und Newcastle, 6 Tage Wandern von Newcastle nach Bowness-On-Solway und dann das ganze zurück.

Preface

Die Reise hat das Ziel Bowness-on-Solway. Kernelement ist, in 6 Tagesetappen den 135 Kilometer langen Hadrians Wall Path im Norden Englands von Ost (Newcastle upon Tyne) nach West (Bowness) zu begehen. Da ich unbedingt mit einem "erdgebundenen" Fahrzeug aus/nach Berlin an- und abreisen wollte, bestand die Reise zusätzlich noch aus 3 Tagen Anreise und 2 Tagen Abreise per Bahn.
Kurzgesagt und vorweggenommen: Fast jeden Tag an einem anderen Ort: 10 Übernachtungen bei in Summe 8 verschiedenen Unterkünften.

Die Überlegungen zur Reise begannen Anfang 2010. Ich bin glaube ich zufällig im Internet über den Fernwanderweg gestolpert. Da ich eine recht große Britannien-Affinität habe, war die Idee von Anfang an sehr angenehm. Das es doch erst in 2011 geklappt hat, ... naja, an den umfangreichen Vorbereitungen hat es nicht gelegen.

Letztendlich war ich zwischen Herrentag und Pfingstmontag 2011 unterwegs und hatte eine super angenehme und spannende Reise.



Anreise

Da ich absoluter Bahnfan bin, war mir von Anfang an klar, dass die An- und Abreise per Bahn sein muss. Es ist durchaus auch sehr spannend, sich Monate im Voraus Gedanken zu machen, mit welchen Ticketkombinationen man am günstigsten fährt und welche schönen Städte auf dem Weg liegen, die vielleicht doch zu einem kleinen Umweg verleiten.

Am Ende (nach abschließenden 2 Stunden am Bahnschalter) war es dann aber ganz einfach:
- Deutsche Bahn London Spezial für je ~ 70 € für die Fahrten von Dt. nach London und zurück
- BritRail FlexiPass für 2 Fahrten innerhalb von 15 Tagen für 95 €

(Anekdote nebenbei: während ich den einen von 2 offenen Bahnschaltern ewig belegt habe, war mein Schalternachbar ebenso umtriebig: Er wollte nach Simferopol - das ist auf der ukrainischen Halbinsel Krim. Hat auch seine Zeit gebraucht.)

Abfahrt am Freitag gegen 06:00 von Berlin über Köln und Brüssel nach London. Unterwegs befindet sich (für Architekturinteressierte) ein echter Hingucker: Der Bahnhof Lüttich Guillemins (http://img.fotocommunity.com/Profanbauten/Bahnhoefe-Gleise/Gare-Liege-Guillemins-a18889132.jpg).
Habe vor der Reise schon überlegt, dort einen längeren Aufenthalt einzuplanen. Am Ende wurden es aber "nur" 120 spannende Sekunden, in dem ich aus dem ICE rausgesprungen bin, wild meine Kamera auf Dauerfoto-Modus überall hingehalten hab und dann 3 Wagen weiter wieder in den ICE gesprungen bin (auf dem Rückweg wurden an diesem Bahnhof doch tatsächlich 2 Fahrgäste, die zum Expressrauchen ausgestiegen waren, zurückgelassen. Haben sich dann auch artig beim Zugchef und allen Zuggästen mit lautstarkem Pöbel und passender Gestik bedankt).

Vor der Reise hatte ich den Eindruck, dass "ausländische" Bahnen grundsätzlich unpünktlich und unzuverlässig sind. Nach der Reise wusste ich dann, dass mein ICE von Köln nach Brüssel mehr Verspätung hatte, als alle EuroStars und EastCoast-Züge der Reise zusammen. Und da man in Brüssel ein ähnliches Prozedere für den EuroStar hat, wie für ein Flugzeug (Gepäckkontrolle, Abtasten, ...), war dort frühes Erscheinen nötig. Hat am Ende aber mit den üblichen 120 Sekunden Puffer locker geklappt ;-

Gegen 14:30 habe ich dann auch schon London erreicht. Leider sieht man auf der Fahrt nach London wenig von London, da der EuroStar brav vor der Stadt wieder abtaucht und erst kurz vor St. Pancras wieder das Tageslicht erblickt.
Der Bahnhof St. Pancras ist wiederum ein beeindruckender Bau. Ähnliche Funktion wie der Bahnhof in Lüttich, allerdings 140 Jahre älter, aber auf seine Weise ebenso beeindruckend.

Da mir eine Durchfahrt bis nach Newcastle an einem Tag zu schade um den Weg war, habe ich in London eine Übernachtung im Clink78 eingeschoben. Ein ganz spannendes Hostel in der Nähe von St. Pancras Station - ein ehemaliges Gerichtsgebäude, in dem der "Internetraum" und der Aufhenthaltsraum aus den beiden Gerichtssälen entstanden. Im "Internetraum" gibt es also einen Computer am Richtertisch, einige auf der Anklagebank und einige bei der Verteidigung. Und dahinter immer junges Volk am chatten, mailen, gickern und meckern.

London hat sich an dem Tag sehr warm und hell gezeigt. Da meine Reisewäsche im Prinzip nur aus 2 Garnituren bestand (eine fürs umherreisen und eine fürs wandern), war die eine eigentlich schon nach dem 5-stündigen Spaziergang von St. Pancras über Covent Garden - Trafalgar Square - London Eye - Charing Cross und zurück schon durch (also gerademal einen halben Tag nach Reisebeginn). Am Abend noch ein Bier und einen Evening Standard im Pub gegenüber.

Am nächsten Tag ging es dann recht früh von Kings Cross per East Coast Train weiter gen Norden. Auf dem Weg nach Newcastle liegt die sehenswerte Stadt York mit einem beeindruckenden Minster und einem gut gefüllten Eisenbahnmuseum (im Mutterland der Eisenbahn umso sehenswerter). Die 4 oder 5 Stunden Zwischenstopp dort waren wirklich sehr angenehm. Das York Minster hat eine wunderbar filigran gestaltete und vor allem helle Fassade. Der Kölner Dom zum Vergleich ist zwar größer, wirkt aber durch sein Einheitsschwarz schrecklich dagegen.
Das York Minster ist eingebettet in eine intakte mittelalterliche Innenstadt, umgegeben von einer Stadtmauer. Im Minster war freier Eintritt, für einige Minuten kräftiges Orgelspiel und eine Hochzeit mit RollsRoyce und Jaguar zu bestaunen. Das ganze mit den ersten Fish&Chips - wenn man den ganzen Tag über unterwegs ist, empfinde ich das triefende Etwas (natürlich mit massig Essig und Remoulade) als wirklich leckere Mahlzeit ;-.
Hier begann ich langsam, in der "anderen" Kultur anzukommen.

Der letzte Hüpfer von York nach Newcastle und gegen 18:00 war Newcastle erreicht. Die Stadt beeindruckt durch in Summe 7 Brücken über den Tyne. Und wer per Bahn von Süden anreist, fährt zwangsläufig über eine davon und sieht zur linken und rechten die anderen Brücken. Jede Brücke ist so anders als die anderen, dass man hier innerhalb 15 Minuten zu Fuß Brückenbaugeschichte im Schnelldurchgang sehen kann.
Newcastle besticht - ähnlich wie Glasgow oder Edinburgh - durch etwas morbiden Charme. Sehr klobige Häuser aus der Jahrhundertwende, vermischt mit den Missgeschicken der 60iger und 70iger. Beschaulich sieht anders aus.

Vor der Reise habe ich versucht, für zumindest die ersten paar Etappen des Hadrian Wall Path bereits eine Unterkunft zu buchen. "Leider" war es aufgrund der Unterkunft nach der 1. Etappe nicht möglich, bereits am Sonntag zu starten. Somit hatte ich den Sonntag in Newcastle Zeit zum Ecken checken und habe Tynemouth an der Nordseeküste besucht (Newcastle hat eine recht fixe U-Bahn dafür).

In Tynemouth wäre die Reise auch schon fast zu Ende gewesen. Der durchaus clevere Gedanke, alles wichtige in einer Bauchtasche immer am Mann zu haben (Rückfahrtickets, Ausweis, Portemonaie, Handy, Kamera, Wohnungsschlüssel), ist natürlich voll daneben, wenn man besagte Tasche nach der Toilette im Cafe liegen lässt. Zum Glück "musste" ich alle paar Minuten ein Foto machen und so viel mir das fehlende Utensil bereits hundert Meter vom Cafe entfernt auf. Lag alles noch da, super, weiter.

Am Abend konnte dann telefonisch noch die letzte fehlende Unterkunft für die 5. Etappe gebucht werden. Am Abend die Strecke nochmal per Wanderkarte prüfen, Wetterbericht lesen und frühes schlafen gehen.



Der Weg

1. Etappe 25 km (Wallsend -> Heddon)
Der Tag beginnt halb acht und gegen 8 gibt es das erste richtig englische Frühstück: Gebackene Bohnen, Speck, Tomaten, Würstchen, Spiegelei, viel braune Soße, Toast und Tee mit viel Milch und Zucker. In Deutschland würde sich möglicherweise mein Magen umdrehen, in anbetracht des bevorstehenden Wegs ist das aber gerade richtig.

Start gegen 09:00 aus der Innenstadt von Newcastle per U-Bahn in den östlich gelegenen Stadtteil Wallsend (da ist der Name Programm, nur dass es für mich Wallsstart heißen müsste). In Wallsend sind Grundmauern eines ehemaliges römisches Fort und ein Souvenirladen zu besichtigen. Hier habe ich mir ein kleines "Stempelheft" gekauft. In dieses konnten dann an den entsprechenden Stationen der nächsten Tage in Summe 6 Stempel gesammelt werden. Fand ich einen zusätzilchen Ansporn.

Die ersten Kilometer gen Westen läuft man durch die Vororte von Newcastle, kommt an den Fluss Tyne und folgt diesem dann durch die Stadt und aus ihr heraus.

Die bereits angesprochenen Brücken waren für mich die Hingucker des Tages. Gegen 11:30 errreichte ich die Millenium Bridge. Wiederum etwas für Architektur-Interessierte: Die Brücke ist eine reine Fussgängerbrücke, verläuft in einem leicht ansteigenden ~90°-Bogen über den Tyne und wird durch einen senkrechten Bogen mit Stahlseilen gehalten. Auf ihre Art so etwas wie eine bogenförmige Schrägseilbrücke. Und einmal am Tag (zu 12:00) wird die gesamte Brücke um zwei Lager an den beiden Enden der beiden zusammenlaufenden Bögen (der Fussgängerbogen und der "Halte"-Bogen) um 45° gekippt, so dass Schiffe passieren können. Eine recht interessante technische Lösung. Ihr Pendant folgt nur wenige hundert Meter flussaufwärts: eine Drehbrücke aus dem 19Jh. Weiterhin interessant ist die von Robert Stephenson entworfene High Level Bridge aus der Mitte des 19. Jh.
Den Abschluss der insgesamt 7 Brücken im Stadtgebiet von Newcastle bildet eine schnöde Autobahnbrücke aus Beton. Schlank, rank, grau ... und hässlich.

Nach Newcastle verjüngt sich der Tyne zunehmend und die Gegend gewinnt etwas an Profil, es wird beschaulich. Die ersten Überreste des Hadrian Walls gibt es allerdings erst am Ende des Tages nach circa 100 Höhenmetern weg vom Tyne in Heddon (Beiname on the wall) zu sehen.

Nach circa 6 1/2 Stunden erreichte ich die Unterkunft bei Heddon in der Houghton North Farm. Eine neu eingerichtete und sehr angenehme Unterkunft auf einem Bauernhof, ausgerichtet für Wanderer, betreut durch die herzliche Paula. Mit meinem "Einzelzimmer" mit 2 Doppelstockbetten war ich super zufrieden. Nach dem bisher längsten Fussmarsch war mir sehr nach Ruhe zumute. Direkt nach der Ankunft zuerst Bett sichern, duschen, beim duschen die Wandersachen durchspülen, Sachen aufhängen, bequeme Schuhe an und deftig Abendbrot essen in einem Restaurant in Heddon mit schöner Aussicht auf den Tyne bis nach Newcastle mit 180°-Panorama.



2. Etappe 29 km (Heddon -> Greencarts)
Ab Heddon folgt der Hadrians Wall Path leider erstmal ziemlich lange einer Landstraße. Paula warnte mich vor den Hamiltons, Schumachers und Vettels ... eine schnurgerade Rennstrecke.
Der Weg verläuft ohne große Besonderheiten mal links, mal rechts der Straße, meißt über Weideflächen, entlang der typischen Steinmauern. Meißt befand sich im Graß ein circa 1,50 m breiter gemähter Streifen, an dem der Wanderweg einwandfrei zu erkennen war. Unterwegs gab es im Robin Hoods Inn den 2. Stempel.

Einziges Highlight des Tages war kurz vor Ende ein kräftiger Regenschauer und die kleine Stadt Chollerford mit einer alten Brücke über den North Tyne und das ehemalige römische Chesters Fort. Aus dem Regenschauer bin ich sehr zufrieden mit der Erkenntins rausgegangen: Solange es nicht windig ist, recht ein Schirm vollkommen aus, um einfach weiter zu wandern.

Nach circa 7 1/2 erreichte ich Greencarts. Unglaublich aber war: Mein typischer Stil, während des wanderns recht nah vor mir auf den Boden zu glotzen, hat mich auf der Schottereinfahrt zur Unterkunft eine silberne Six Pence Münze von 1928 beschert.

Die Unterkunft bestand ähnlich wie die vorherige aus angenehmen, kleinen Zimmern mit Doppelstockbetten ... und wieder ein "Einzelzimmer" für mich.
Da Greencarts als Bauernhof recht außerhalb liegt, war die zur Verfügung stehende Küche mit vollem Gefrierfach sehr willkommen.

Am Abend hatte sich das regnerische Wetter des Tages schön verzogen und von dem leicht auf einer Anhöhe liegenden Anwesen gab es wiederum einen herrlichen Blick gen Osten.
Das der heutige Tag mit 29 km schon eine der beiden Königsetappen war, wurde mir erst im Nachhinein bewusst.



3. Etappe 17 km (Greencarts -> Once Brewed)
Ab Greencarts beginnt endlich ein fast durchgehender Teil intakter Wallanlagen, der man fleißig den ganzen Tag folgen darf. Hier steigt der Pfad auch sukzessive an, die Vegetation wird spärlicher und der Wind aus West nimmt zu. Mit dem römischen Fort in Housesteads und dem Sycamore Gap gab es an diesem Tag auch endlich "historische" Orte zu sehen. Der Pfad nutzt in diesem Bereich auch eine geologische Besonderheit der Gegend: Hier hat sich die Landschaft von Süden nach Norden leicht angehoben, um dann abrupt wieder abzufallen (zum Teil klippenartig). Und auf dem Kamm verläuft der Wall (da der römische "Feind" auch im Norden lag, war das natürlich strategisch sehr entgegenkommend).
Das zum Teil stürmische Wetter und zunehmende Höhenmeter haben die Reise ab hier auch zu einer Erfahrung mit dem eigenen Körper und mit den Elementen werden lassen. Die bisher eher als "Nordic-Walking-Stöcke" angesehenen Wanderstöcke habe ich hier zum ersten mal sinnvoller Weise einsetzen können.

Kurz vor der 3. Unterkunft in Once Brewed gibt es noch einen recht interessanten Punkt: Die nach Norden ansteigende und dann abrupt abfallende Landschaft wird durch eine circa 80 Meter breite Lücke durchbrochen. Und mitten in der Lücke steht ein Bild von einem Baum. In dem hat schon Kevin Costner in "Robin Hood – König der Diebe" gesessen.

Die Jugendherberge hat dann leider das befürchtete bewahrheitet: Große Reisegrupen mit vielen lauten kleinen Gästen ... zumindest das Buffett für teure 10 Pfund war es wert. Das Bier im Pub nebenan war dann Absacker genug.



4. Etappe 26 km (Once Brewed -> Sandy Sike)
Der Tag beginnt mit dem Höhepunkt der Reise: Von der Jugendherberge direkt hoch auf den 345 Meter hohen Green Slack. Zur Aufwärmung sozusagen. Höher wird es auf dieser Reise nicht gehen. Diesen Punkt kann man durchaus als Mittelpunkt der Reise ansehen.

Ab da wechseln sich die Hügel den ganzen Tag ab und werden sukzessive flacher. Das Land öffnet sich sozusagen gen irischer See. Nun sind auch im Süd-Westen die Hügel des Lake District zu erkennen (nur 1 Tagesmarsch entfernt). Aufgrund des sehr sonnigen und klaren Wetters ist die Fernsicht enorm. Die Vegetation nimmt zu und am Ende des Tages ist herrlichste "englische" Landschaft zu bestaunen: Kleine Äcker, durchzogen von Baumgruppen, Trockenmauern, Gehöften und kurvigen Straßen.

Ziel des Tages ist Sandy Sike. Die rührige Margaret hat hier in einem ehemaligen Stall einen großen Raum mit mehreren Doppelstockbetten und einer spartanischen Küche eingerichtet. Ich allerdings habe dann ihre Einladung zu einem regelrechten Dinner im schönsten Raum des Landhauses angenommen. Die Wände voller Gemälde und Zeichnungen der Vorfahren. Vom Großvater (britischer Offizier Ende des 19. Jh. in Burma ... bis hin zu Zeichnungen der inzwischen flügge gewordnen Kinder der jetzigen Hausherren). Inklusive des köstlichen Frühstücks war diese Übernachtung mit 32 Pfund aber auch die teuerste.

Da mir inzwischen Bargeld fehlt, leihe ich mir von der Hofdame ein Fahrrad aus und düse in das ~ 4 Kilometer entfernte Brampton. Einmal spiegelverkehrte Verkehrsregeln sind durchaus unterhaltsam.

Der Tag endet wiederum mit schönem Blick nach Süden und bereits einem Kribbeln im Bauch ... am nächsten Tag wird wieder Seeluft geschnuppert.



5. Etappe 29 km (Sandy Sike -> Boustead Hill)
Der Tag beginnt mit dem absolut freundlichen Kampfhund einiger Mitinsassen. Hat sich zu meinen Füßen in meinem Bett mit gemütlich gemacht.

Nach wiederum deftigstem englischen Frühstück beginnt die vorletzte Etappe. Hier sind nun bis zum Ziel keinerlei Überreste des Hadrian Walls zu erkennen. Die Landschaft wird flacher und flacher, der Pfad trifft auf den Fluss Eden und führt mich schließlich nach etwas mehr als der halben Tagesetappe nach Carlisle.
Die Stadt bietet eine recht bunte Einkaufsmeile und einen weiteren Stempel.
Ansonsten gönne ich mir hier mein erstes richtiges Mittag. Während der ersten 4 Etappen habe ich immer mit einem kräftigen Frühstück und Abendbrot den Tag überbrückt und sogar selten meine 0,5Liter Wasserflasche über den Tag alle bekommen. Hier viel aber fast alles von mir ab und der Einkauf vom Supermarkt war in einer einstündigen Völlerei auch schon wieder weg.
Die letzten 10 Kilometer aus Carlisle raus gen Etappenziel waren dann allerdings die schwersten der bisherigen Reise, denn zunehmend machten mir die Füsse zu schaffen. Die Blasen hatten sich vor allem bei den Abstiegen des Vortags hervorragend entwickelt.

Kurz vor Bousteads erreicht man Tidegebiet ... richtig plattes Land. Eine schnurgerade Straße ist am Ende eines 29 km langen Tageswegs nicht die motivierendste Variante. In der Hillside Farm angekommen wiederum das in den letzten Tagen erprobte und optimierte Verfahren: Duschen, Wäsche waschen, aufhängen, bequeme Sachen anziehen, essen, sitzen, liegen, weiteressen.

Hier treffe ich auch ein Pärchen aus Edinburgh. Die beiden sind eine Woche vorher mit zwei gut bepackten sportlichen Fahrrädern in Lands End in Cornwall gestartet, waren in Nordengland ungefähr bei Halbzeit und wollten in der Folgewoche bis nach John'O Groats an der Nordspitze Schottlands fahren. Auch eine spannende Idee.



6. Etappe 10 km (Boustead Hill -> Bowness-on-Solway)
Der letzte Tag schleppt sich sehr hin. Die Motivation ist ob der schmerzenden Füsse dahin, dass Wetter allerdings sehr angenehm und als dann bereits kurz vor zwölf Bowness erreicht ist, herrscht erstmal eine Weile Leere im Kopf.

Da gerade Ebbe ist, wird der Rucksack an Land geparkt, die Schuhe gelüftet und mehrere hundert Meter gen Wasser über den den teils sandigen, teils grobkieseligen Flussboden gestolpert. Nach allen Seiten nur noch weite Sicht. Ziel erreicht.

An Land erwartet mich bereits ein älterer Herr auf einer Bank mit seinem Hund. "You made my morning" (das war wohl für meine Stolpershow). Nach einem angenehmen halbstündigen Gespräch finde ich den Pub des Dorfes, erhalte meinen letzten fehlenden Stempel und tue mich am Ploughmans Lunch gütlich. Zufälligerweise treffe ich hier auch ein Pärchen wieder, mit denen ich in den vergangenen Tagen zufällig in den gleichen Unterkünften übernachtet habe. Rick gibt einen Brandy aus. Super.

Gegen 14:00 nehme ich den Bus zurück nach Carlisle, habe wie üblich satte 120 Sekunden Umsteigezeit zum Bus nach Newcastle. Verschlafene 2 Stunden später bin ich wieder in Newcastle. Und dafür habe ich zu Fuß nun 6 Tage gebraucht ...

Am Ende des Tages schaffe ich es gerade noch so im leider sehr verregneten Newcastle für den nächsten Tag (Sonntag) einzukaufen (Fox`s Chunkies sind die besten Kekse der Welt!!!) und falle recht früh ins Bett.



Abreise

Schon recht früh breche ich von Newcastle auf und bin bereits gegen 12:00 in London. Da sich das Wetter hier auch nass zeigt und meine Kräfte weg und die Wissbegier nach Neuem größtenteils gestillt sind, vertrödele ich die Zeit damit, einen Artikel zu finden, mit dem ich Penny-genau mein britisches Kleingeld loswerden kann -> natürlich eine Tageszeitung.

Gegen 14:30 fährt der EuroStar gen Kontinent. Umsteigen in Brüssel und gegen 20:00 ist schon Köln erreicht. Der vorhin angesprochene Kölner Dom wird mal kurz umrundet und gegen 22:30 fährt der CityNightLine gen Berlin ab. Nach herrlich zuckliger und einschläfernder Bahnfahrt ist gegen 06:00 morgens Berlin erreicht. Als mich der Schaffner in deutsch weckt und ich mich auf englisch bedanke, weiß ich, dass ich wirklich weg war.

Nach Hause, Rucksack in die Ecke, Stunde Schlaf und der schöne Pfingstmontag wird größtenteils mit nichts oder noch weniger vertan.

Geschafft.



Aftermath

Kurz zusammengefasst eine angenehme körperliche und geistige Erfahrung mit den Schlagworten:
- allein
- fremde Kultur
- körperliche Anstrengung
- Elemente spüren
- die ganze Reise über ein Ziel haben (das Ende des Pfads)
- unstetig (jeden Tag woanders / weiter weiter)

Kosten
~ 230 € für Bahn und Bus
~ 200 € für Unterkünfte
~ 150 € für alles andere während der Reise (hauptsächlich Fox Chunkies ;-)

Ausrüstung
- 70l Rucksack (nicht ganz voll)
- kein Schlafsack
- Regenüberhose + Regenjacke + Hut und Schirm
- Leichte Wanderschuhe + dünne Wanderhose, langes Funktionsunterhemd, kurzes Hemd drüber + Wanderstöcke
- Wanderkarte Hadrians Wall Path

Erkenntnisse
- am Abend um die Unterkunft des Folgetages kümmern, hätte ausgereicht; die vielen Stunden rumgesuche im Internet Wochen vorher waren unnötig
- mehr Bargeld dabei haben (~ 3 Tagesrationen), da nur erheblich abseits des Pfads Geldautomaten sind
- das Wetter war nie schlecht, ab und zu gut und immer "ausreichend" befriedigend
- ein leichter Sommerschlafsack hätte in einigen Unterkünften 1-2 Pfund für die Bettwäsche gespart
- der Hinweg per Bahn ist unschlagbar; auf dem Rückweg wars dann aber genug, da hätte es auch ein Flugzeug getan
- kleine, familiäre und einfache Unterkünfte waren die kommunikativsten / interessantesten
- Mitbringsel (vor allem schon zu Beginn der Reise) sind gut abzuwägen, da man die die ganze Zeit im Rucksack umherschleppt
- allein war angenehm; beim nächsten Mal aber eher mehr
- auf die Fußsohlen achten

Ergebnisse
- keine großen (nicht mal mittlere) Missgeschicke
- weiterhin Lust auf die Insel, bspw. per bepacktem Fahrrad an der Westküste entlang (Cornwall -> Wales -> Lake District)
- die Hinreise mit dem Zwischenstopp in London haben Lust auf eine InterRail-StädteTour gemacht


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