Abbazia di Piona: Der Kraftort am oberen Comersee

Reisebericht

Abbazia di Piona: Der Kraftort am oberen Comersee

Reisebericht: Abbazia di Piona: Der Kraftort am oberen Comersee

Eine romanische Klosteranlage auf einem bewaldeten Hügel, nahe bei Colico. Ein lohnender Ausflug und eine Möglichkeit, sich mit der Geschichte einzulassen.

Annäherung

Auf der Rückfahrt aus dem Veltlin fahren wir südlich von Colico auf den Rücken der kleinen Halbinsel, die wie ein Sporn in den Comersee hinausragt. Meine Neugier ist geweckt. Was für ein Kloster werden wir nach dem steil aufsteigenden Strässchen vorfinden? Wird sich der Umweg auch lohnen? Wie sind die Gebäudeteile erhalten?
Ist das „Kleine Cluny“ wirklich einen Umweg wert?



Nach wenigen Serpentinen scheinen wir auf dem Kulminationspunkt angekommen zu sein. In Ogiasca scheint man auf Touristen eingerichtet zu sein, doch heute, an einem frühen Januartag, sind die kleinen Hotels und Restaurants geschlossen. Seewärts geht es durch den laublosen Wald die enge Strasse hinunter durch ein grosses Tor, das uns die grosszügige Anlage im Heiligen Bezirk eröffnet. Keine Besucher, auf den Parkplätzen keine Autos. Im Sommer und an den Sonntagen werden wohl die Picknickplätze belagert sein... Der schattige Platz verspricht dann Kühlung und Erholung. Die angrenzenden Anlagen mit Kiosk und Toilette und Aussichtsterrasse, sind heute menschenleer. Der Klosterladen, in dem die weit herum bekannten selbst destillierten Kräuter - Liköre, die Teemischungen und der eigene Honig der Abbazia verkauft werden, ist heute geschlossen. Für uns ist die unvergleichliche Stille, die uns umfängt, ein Geschenk der Stunde. Sie stimmt uns ein auf unsere Reise in die Vergangenheit.



weisses Band



Reise in die Vergangenheit

Die Reise zu einem der eindrücklichsten Orte, wo sich eine tausendjährige Geschichte spiegelt, ist mehr als ein Tipp für einen lohnenden Ausflug. Über dem nördlichen Comersee liegt eine Abtei, die es wert ist, hier eine ruhige Stunde zu verbringen. Da beginnt nun die Reise, die auch zu einer Reise in die Vergangenheit und zu einer nach innen wird.



Abbazia di Piona



Es scheint, dass die Begegnung mit einem seltsamen Besucher uns zu einem Einstieg in die Mönchsgeschichte verhilft, mit der wir uns beschäftigen werden. Wie aus einer anderen, fremden Welt, taucht der Mann im Olivengarten auf. Langhaarig, mit einem weiten Mantel, den er um sich drapiert hat, schreitet er die Anlage ab. Das rote Innenfutter leuchtet aus dem Grün der Bäume. Der würdige Herr in den schwarzen Lederstiefeln, erweckt unsere Aufmerksamkeit. Wie ein Abkömmling eines alten Ritterordens...



Begegnung im Olivenhain



Nun zur Geschichte:

Vom burgundischen Cluny ging eine Reformbewegung aus, die durch den moralischen Niedergang der Kirche ausgelöst worden war. Schwere Missstände hatten sich entwickelt und drohten das Glaubensgut der Kirche zu verfälschen. Die Reformbewegung zielte zuerst auf die Klöster, forderte eine strengere Beachtung der Benediktinerregel und eine vertiefte Frömmigkeit. Daneben stand die Reform der Klosterwirtschaft und der Kampf um die Eigenständigkeit. So löste sich während der Cluniazensischen Reform Cluny von den Herrschaftsansprüchen der Bischöfe und unterstellte sich direkt dem Papst, ohne jedoch für ihn Partei zu ergreifen. Das mönchische Leben vermochte sich durch diese Reform zu erneuern. Über die Grenzen hinaus hatte diese Reform aus Cluny weitgreifende Folgen auf die Mönchsgemeinschaften. Abseits der Politik konnten sie sich in Ruhe weiterentwickeln. Im Zentrum standen fortan das geistliche Leben, das Gebet und die Liturgie, sowie die Armenfürsorge. Von 927 bis 1156 wurde Cluny von fünf einflussreichen Äbten regiert, die freundschaftliche Kontakte zu Kaisern, Königen, Fürsten und Päpsten pflegten. Mit dem Niedergang Mitte des 12. Jahrhunderts und der Auseinandersetzung mit Bernhard von Clairvaux und den späteren Zisterziensern, stagnierte die Ausbreitung des cluniazensischen Verbandes. Während der Zeit Napoleons gelangte die Abbazia di Piona in den Besitz angesehener Familien und konnte nach der Schenkung der Familien Rocca di Pianello Lario in den Besitz von Colico übegehen.



geborgen



Es berührt mich, dass hier über dem Comersee, am Fusse der Alpen, ein Priorat entstanden ist, das die Bestrebungen Clunys bis in die heutige Zeit weiterzieht. Der Gegensatz zwischen dem Mutterkloster in Cluny, der gigantischen, von Napoleon zerstörten Klosteranlage (er brauchte die ausgebrochenen Materialien für den Häuserbau im Dorf !!!) und dem bescheidenen „Kleinen Cluny“ könnte grösser nicht sein! Vielleicht ein Beweis dafür, dass sich kleine Gemeinschaften oft besser durch die Geschichte retten können...



Lorbeer am Saum der Alpen

Lorbeer wird als Siegerkranz für besondere Leistungen geschenkt. Er wurde durch die heutigen Pokale und Medaillen abgelöst. Ein besonderer Erfolg, dieser mächtige Baum, so nahe am Schnee... !
Information von Wikipedia: „Der Echte Lorbeer hat sich, aus Vorderasien kommend, über den Mittelmeerraum und den pazifischen Nordwesten Amerikas verbreitet. Dort kann er als Baum bis zu 10 Meter hoch werden. Da er nur bedingt winterhart ist, überlebt er nur im Rheinland, am Bodensee und in anderen milderen Gebieten Deutschlands mit Winterschutz ganzjährig ausgepflanzt im Freien, in raueren Gebieten kann er nur als Kübelpflanze gehalten werden. Als ausgepflanzte Freilandpflanze gedeiht er auch noch in Südirland, dort ist er vollständig winterhart. Selbst auf Helgoland findet man einige schon große ausgepflanzte Exemplare, die seit den achtziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts erfolgreich ohne Winterschutz gedeihen."



Lorbeerkranz



Kreuzgang

Wir schreiten den Kreuzgang ab und staunen über die Vielfalt. Jede der kleinen Säulen ist mit einem speziellen Kapitell geschmückt. Da werden eigentliche Glaubensgeschichten erzählt.
Spätestens jetzt beschäftige ich mich mit den zahlreichen Bildthemen. In den Skulpturen erscheinen Gesichter, Vögel, Ornamente, die ich dem klösterlichen Leben zuordne. Blumenmotive, die auf einen Ort hinweisen, der paradiesisch sein musste. Pelikan oder Taube mit weit ausgebreiteten Flügeln, beides christliche Symbole für das göttliche Wirken. Wir werden unweigerlich stiller. Es sind keine Leute da. Die Januarluft ist klar und unser klösterlicher Spaziergang schenkt uns innere Ruhe.



Kapitell: Abt mit Schlüssel?



In einer Frescomalerei im byzantinischen Stil erscheinen die grossen Hände der Heiligen. Sie sind so arrangiert, dass man unschwer die Form des Kreuzes erkennen kann. Im blauen Kleid der heilige Bernhard von Chiaravalle, Zisterziensermönch..
Bernhard von Clairvaux, der das Kloster mitbegründet haben soll, lebte von 1090 - 1153 und vermochte auf originelle und geniale Art den christlichen Glauben, wie ihn seine Zeit geprägt hatte, zu leben. Er wurde als drittes von sieben Kindern einer burgundischen Adelsfamilie geboren und trat in das Reformkloster von Citeaux ein. Zusammen mit 12 anderen Mönchen baute er ein Kloster auf, dem er als Abt vorstand. Er ging als geschickter Berater und Gesprächspartner in der Zeit der Kreuzzüge in die Geschichte ein.



Wegbereiter



Die Fresken entlang des Kreuzgangs geleiten uns zum Kirchenraum der kleinen Klosterkirche.



das goldene Licht



Klosterkirche San Nicolà

Dort empfängt uns das goldene Licht. Der Chorraum erstrahlt in vollkommenem Rund, das Kreuz mitten drin. Die schlichten Holzbänke übernehmen die Linie der Holzdecke, es herrscht hier Stille und Harmonie. Im Chor besticht die Freskomalerei durch ihre Einfachheit und Ausdruckskraft. Der grob behauene Stein an den Wänden erinnert, uns an die klösterliche Einfachheit.



zentral



Kunstschätze

Zum Bild: Schlüsselerlebnis:
Der Mann links auf dem herrlichen Fresko ist Petrus, in der Abteikirche, ein besonders gefragter Mann. Petrus mit der Schlüsselgewalt betraut, stand der ersten Christengemeinde vor, war sozusagen ihr erster Abt. Barfüssig, dh. ehrerbietig, umringt von den Aposteln (und "Apostelinnen"?)



Schlüsselerlebnis



Der Sitz des Abtes erregt unsere Aufmerksamkeit:
Der geschnitzte Löwenkopf könnte den Evangelisten Markus symbolisieren, er könnte aber auch für Christus stehen. Als Wächterfigur kommt der Löwe häufig vor, besonders im venezianischen Raum.



Für den Abt reserviert



Detail Sitz des Abtes in der Abbazia di Piona: Löwen sind als christliches Symbol, dass die Getauften zur christlichen Gemeinschaft gehören. Der brüllende Löwe gilt als alte Sonnensymbolik auch als Erweiterung des Lebens. In der Abteikirche sind auf dem Sitz des Abtes ein brüllender Löwe als Kopf im Kreuzungspunkt der Stuhlverstrebung und seine Pfoten an den Stuhlbeinen abgebildet. Damit ist eine mittelalterliche Tradition aufgenommen, den Thron der Könige und Kirchenfürsten mit Löwendarstellungen zu schmücken. Diese einfachen Gestaltungsmittel unterstreichen die Bedeutung der kleinen Abtei. Die Sonnensymbolik ist auch ambivalent: Aufgang und Untergang, der Weg von gestern zu heute.



Löwen am Kreuzungspunkt



Noch mehr Löwen:

Löwen sind als christliches Symbol ein Symbol der Auferstehung und der Taufe. Schön zu sehen in den zwei Weihwasserbecken der Abbazia di Piona. Das Weihwasser gilt als Zeichen der Taufe. Am Eingang der Kirche bekreuzigen sich die Gläubigen.



Löwe trägt Weihwasserbecken



Beim Verlassen des Kirchenraums bewundern wir die zwei Löwenskulpturen aus Marmor, die noch aus dem alten Oratorium stammen sollen. Zwischen den Beinen eines Löwen ein Löwenkind, geschützt durch seine Mutter.Der grosse Löwe mit dem Jungtier zwischen den Pranken könnte bedeuten, dass wir in Gottes Kraft und Fürsorge geschützt sind.



der kleine und der grosse Löwe



Der Garten

Auf der Rückseite der Klosterkirche wird die Gartenarbeit der Zisterziensermönche in einer gut kultivierten Oliven – und Obstbauanlage sichtbar. „Ora et labora“, diesem Geheimnis klösterlichen Lebens, wird hier nachgelebt. In der Zeit des Niedergangs, nach der Blütezeit im Mittelalter, wurde die Abtei bedeutungslos. Nachdem Napoleons Truppen das Territorium eingenommen und wohl auch einiges zerstört hatten, gelangte die Abtei in die Hände adeliger Familien. So verhinderte der neue Besitzstand einen weiteren Zerfall.



Die Abbazia über dem Lago di Como



Rettung

Um das Kleinod vor dem gänzlichen Zerfall zu retten, beauftragten die Besitzer die Zisterzienser mit dessen Aufbauarbeit. Dies geschah denn auch in diesem Jahrhundert. Die Abbazia di Piona isr eine Schwesterabtei der Abbazia di Casamari FR.



Einladung



Mit viel Engagement und Liebe ist ein Kleinod gerettet worden. Es ist zu wünschen, dass die Ruhe und Schönheit dieses Kraftortes auf die Menschen, die herbeiströmen, eine belebende und heilende Wirkung hat. Bevor wieder die grossen Besucherströme im Sommer eintreffen, Likör, Tee und Honig einkaufen, wird es hier wohl noch eine Weile ruhig sein.


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Kommentare

  • mamaildi

    Diese ruhige Reise mit dir habe ich sehr genossen (und so einiges dabei gelernt). Kleinode am Wegesrand, Kraftorte, sie sind es wirklich wert, dass darüber berichtet wird. Danke!

  • Blula

    Liebe Ursula!
    Was für ein feiner und gefühlvoller Bericht über dieses Kleinod am Comer See! Für mich ist Dein Bericht zugleich ein Geheimtipp, für viele andere, wie Du hier schreibst, leider nicht mehr. Vielleicht schaffe ich es mal, außerhalb der "Hochsaison" dort hinzukommen und Einkehr zu halten. Du bringst in diesem ausgezeichneten Bericht Dein enormes Hintergrundwissen mit ein und Deine sehr guten Fotografien bilden einen wunderschönen Rahmen. Hat gut getan, zu lesen. Vielen Dank!
    LG Ursula

  • Guido

    Hallo Ursula,
    dein Bericht und die fantastischen Fotos dazu sind ein kleines Kunstwerk.
    Liebe Grüsse
    Guido

  • Zaubernuss

    ich danke Euch allen für die freundlichen Kommentare und die guten Bewertungen. Es ist ja eher ein stiller Reisebericht... LG: Ursula

  • daniel.olzien

    Ich finde, dass der Bericht gerade durch die Hintergrundinformationen zur Geschichte sehr gewinnt. Zumindestens mir geht es immer so, dass ich von einer Reise umso mehr "mitnehme" je mehr ich schon vorher an Wissen mitbringe.
    Gruß, Daniel (Olzien)
    GEO-Reisecommunity

  • Zaubernuss

    ich danke euch allen für die gute Bewertung und die freundlichen Kommentare

  • agezur

    Ein Reisebericht? Eine Dokumentation?
    Eine wunderbare Mischung aus beiden. mit viel Gefühl erzählt!
    Danke!
    LG Christina

  • nach oben nach oben scrollen
  • venus

    dem, schliesse ich mich gern an...

  • pleuro

    Eine Reise in die Vergangenheit, sehr einfühlsam beschrieben, wunderbar zu lesen.
    LG Anne

  • Wilfried_S.

    Sehr interessante Informationen über eine Gegend, die ich bisher leider noch nie kennengelernt habe - Danke.
    lg Wilfried

  • Aries

    Liebe Ursula,
    da hast du komplexe geschichtliche Ereignisse/Entwicklungen gut verständlich dargestellt. Ohne diese Klöster, die im Grunde schon eine Reformation bedeuteten, wäre vielleicht die Institution "Katholische Kirche" schon früh am Ende gewesen.
    Sogar hier im Norden Deutschlands gibt es eine sehr alte Kirche mit einem Taufbecken aus dem 12. Jahrhundert, das ringsgerum mit Löwen versehen ist - oder dem, was man sich hier unter Löwen vorstellte.
    Ein sehr schöner, informativer Bericht.
    LG Hedi

  • Zaubernuss

    @ Christina: ich habe lange gezögert, einen Reisebericht über die Abtei zu schreiben, weil es mir zu wenig dynamisch schien, über einen Ort der Stille einen Reisebericht zu verfassen. Dann aber habe ich mich ein wenig mit Cluny und seinen Auswirkungen befasst und bin zur Überzeugung gekommen, dass ich mit dem Bildmaterial gut diese Reise in die Vergangenheit dokumentieren kann...
    @ Hedi: Seit meinen Venedig - Reisen entdecke ich allüberall Löwen... Schön, dass sie auch im Norden vorkommen.
    @Wilfried: Die Gegend ist es wirklich wert, langsam bereist zu werden! Entweder Richtung Chiavenna reisen, einem schönen alten Städtchen, oder Richtung Veltlin nach Sondrio und weiter...

  • cirrus

    schön, daß ich Deine Reise nun auch mitgemacht habe...
    Danke LG Christel

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  • Bozi-Boz

    Danke für diesen tollen Reisebericht!!!! Du hast mir damit wirklich Lust darauf gemacht.
    LG Günther

  • Hage

    Danke für den Hinweis auf diesen schönen Bericht, das Kloster würde ich mir selbst gerne ansehen! LG Hans-Georg

  • Zaubernuss

    Liebe Beate
    Auch ich habe mit der KIrche und (manchen) ihrer Vertreter und Vertreterinnen grosse Mühe! Habe auch eine sehr fromme Prägung in einem Internat mit Nonnen über mich ergehen lassen dürfen .- müssen und bin auch so etwas wie ein gebranntes Kind... Trotzdem zieht es mich an solche Orte wie die Abbazia di Piona. Da spürte ich eine grosse innere Ruhe. Solche Kraftorte sind für mich belebend und entlastend. Niemand drängt mich zu etwas, wofür ich nicht bereit bin.LG: Ursula

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