In Schottland vom Loch Ness zum Atlantik

Reisebericht

In Schottland vom Loch Ness zum Atlantik

Reisebericht: In Schottland vom Loch Ness zum Atlantik

Eine Trekkingtour durch die Westhighlands von Schottland zwischen Natur, Wildnis und Zeitvergessenheit (2010)

Wildnis ist anderswo - in Afrika meinetwegen, oder in der klebrig exotischen Schwüle des südamerikanischen Regenwaldes, oder in den melancholisch öden Weiten der sibirischen Tundra. Das dachte ich zumindest, dachte nicht im Traum daran, in Schottland, einem gut vermarkteten, oft bebilderten, oft verfilmten Lieblingsland vieler Europäer einer Wildheit gegenüberzustehen, die mich weit hinter meinem Alltag zurückfallen lässt. Doch genau das geschah, als ich mich zu einem organisierten Trekking vom Loch Ness quer durch die Westhighlands zum Atlantik aufmachte: ein neues, durch und durch sensibilisiertes Natur- und Zeitempfinden trennte mich von meinem Alltag und der Zivilisation ab. So wie man sich beim Frisör von seinen Haaren trennt und der plötzlich kahlrasierte Kopf einen Windhauch, Kälte, Hitze und ein Streicheln völlig neu und anders empfindet.

Unsere Tour beginnt in Drumnadrochit, dem Brückenbuckel, wie es im Gälischen, der Ursprache der Schotten heisst. Hier, in der einzigen Siedlung am Westufer des illustren Loch Ness erwartet man eigentlich die üblichen, träge durch die Souvenierstände schlappenden Touristen. Ein paar Souvenierläden und eine Monsterausstellung gibt es zwar, den Überlauf der Massen hat man hier aber noch nicht gesehen. Es ist Mitte September, aus einigen Schornsteinen kräuselt bereits der Rauch, dessen Würze mich an böhmische Dörfer erinnert, etwas frühreifes Laub rollt über die Strasse, das Dorf wirkt ruhig, ohne verbittert und leblos zu sein.

Ich bin spät dran. Es ist halb acht, als ich das Benleva Pub – unseren Treffpunkt – betrete und die kleine Trekkinggruppe bereits vor einigen Pint Bier und hausgemachtem Steak Pie (eine Art Goulasch) sitzt. Fast werde ich wie ein Freund empfangen und während ich meinen Rucksack neben einem dösenden Schäferhund ablege, holt mir Doris am Tresen bereits mein erstes Bier. Doris, unsere Trekking-Führerein, ist in Drumnadrochid zu Hause, wie mir die anderen sofort erzählen. Sie schwätzt mit der Wirtin, pufft deren Sohn, der auf dem Barhocker Schulaufgaben löst in den Arm und schüttelt ihren Kopf in Richtung Fernseher, wo das Nationalteam der Schotten beim EM Qualifikationsspiel verliert. „Aye, they couldnae score in a brothel“, bellt ein zerrunzelter, untersetzter Glatzkopf vom anderen Ende der Bar und schlürft zum Rauchen vor die Tür. Ich ziehe mir mein Fleece aus, schliesse kurz die Augen und geniesse ein Wohlgefühl wie auf meinem fleckigen Sofa daheim. Für Momente wie diese reise ich mein Leben gern. Ich will dem Gedanken gerade nachsteigen, als mich Torsten, mein Nachbar, in ein Gespräch einwickelt. Torsten ist Mathematiker in irgendeinem Sonderforschungsbereich irgendeiner TU, der an jedem freien Tag so einfach, naturnah und abenteuerlich wie möglich campiert. Er ist aschblond und ein bisschen klischeehaft hager, seine Augen aber schwingen jedem Vorurteil zum Trotz. Zu meiner linken erzählt Marina, eine Polizistin mit rotgefärbten Haaren, dass ihr Mann nichts von Trekking, Abenteuer und Bergen und statt dessen mit der Tochter die Stellung zu Hause hält. Die Fränkin wirkt sympathisch, natülich und allürenlos und geht zweimal im Jahr mit ihren Wanderstiefeln fremd, heuer zum ersten Mal in einer Gruppe. Dann sind da noch Adina, eine robust wirkende Mitfünfzigerin, mit klaren, aufmerksamen Augen und ihr Lebenspartner Frank, dessen drahtiger Bart mit den Stromlinien seiner Lachfalten um Gebietsansprüche seines Gesichtes konkurriert. Wir sind also fünf, mit Doris sechs, ganz wunderbar.

Am nächsten Morgen verteilt Doris unseren Proviant in den Rucksäcken, Cheddar (Käse), Salami, Haferkekse, Möhren, Brot. Ein altersschwacher Dorfbus bringt uns zum Nostalgieörtchen Tomich, wo verspielt viktorianische Cottages und Landhausvillen an einer einsamen Strasse dösen. Hier laufen wir los. Erst durch grün-metallische Kiefernwälder, in denen Spinnweben wie Geschmeide in der Mittagssonne illuminieren. Dann öffnet sich die Landschaft und ich fange an, in den ersten Panoramen zu blättern, die ich aus Bildbänden, Fotoreportagen und Filmen bereits kenne. Nur diesmal sind sie Wirklichkeit. Nackte, baumlose Berge und morastige Ebenen dehnen sich schier endlos aus. Heidekraut, Farne und Gräser bilden einen Flickenteppich aus grün-ocker-braun- und violett farbenen Mustern. Es ist einsam und geräuschvoll still. Eine Schnepfe stakt durch den Sumpf, irgendwo fliegen Moorhühner auf. Die Luft schmeckt würzig, rein, nach Freiheit. Doris reicht uns ihren Feldstecher und wir beobachten einen Adler am Himmel seine Kreise ziehen. Nach drei Stunden Wandern erreichten wir die Cougie Lodge Farm. Pferde, Kühe, Schafe und kleine Schweinchen laufen frei herum, ein paar Kinder kommen angerannt und verziehen sich nach anfänglicher Neugier wieder zum Spielen an einen Bach. Nur die Gänse sind ungastlich und schnattern und fauchen hinter uns her.

Wir entfernen uns immer weiter von der Zivilisation. Es gibt keine Strasse, keine Menschen, keinen Handyempfang. Dafür die kostbaren Reste des Caledonian Forest, der mit seinen sattgrünen Kiefern früher ganz Schottland bedeckte und hier seit der letzten Eiszeit in der 30. Generation steht. Und Loch Affric, auf dessen dunkel gähnender, glatter Oberfläche sich Berge wie der 1036m hohe Sgurr na Lapaich bespiegeln. Das Naturreservat Glen Affric zählt zu den schönsten Tälern Schottlands, mit dessen landschaftlichem Reichtum kaum ein anderes Glen mitzuhalten vermag. Der Fluß Affric selbst entspringt in einem abgelegenen Bergkessel der Kintail Mountains und stürzt talwärts hinunter bis nach Alltbeithe. Wir folgen den Mäandern des Flusses Affric durch grasige Ebenen, wo Orchideen und andere Wildblumen wachsen. Doris erzählt, dass in den zerstreuten Ruinen der steinernen Cottages früher Mitglieder des Chisholm Clans gewohnt haben, bevor man sie im 18.Jahrhundert zur Auswanderung zwang.

Nach 18km erreichen wir Alltbeithe. Hier fließen gleich mehrere Ströme aus den umliegenden Tälern zusammen. Hier steht auch die einsamste Jugendherberge Großbritanniens, eine grüne Hütte aus Blech und Holz. Es gibt zwar eine Dusche, die aber nur funktioniert, wenn der surrende Windgeneratur vor der Tür Energie produziert. Ein Schild weist darauf hin, den Müll wieder mitzunehmen. Die Herbergsmutter Gill wandert 8 Stunden, um an ihren freien Tagen in der Zivilisation einkaufen zu gehen. Einmal im Monat wird sie im Geländewagen nach Inverness zu einem grossen Supermarkt gefahren. Das Hostel ist offiziell zwar nur im Sommer geöffnet, muss aber über Winter als Schutzhütte für Wanderer und Bergsteiger unverschlossen bleiben. Am Abend sitzen wir vor dem Kaminfeuer, in dem dicke Holzscheite böllern. Vor der Feuerstelle haben wir unsere Socken aufgehangen. Es dämmert als uns Gil hinauswinkt. Unten am Fluss paradiert eine Herde Hirsche vorbei. „Die kommen jeden Abend“ erklärt Gil und schlürft geräuchvoll ihren Tee. Wir vergessen den Tee, beobachen wie paralysiert das Treiben am Fluss und inhalieren die Stille ein.

Am nächsten Morgen feuert uns die Sonne entgegen. Die Berggipfel haben Nebelmützen auf als wir in Richtung Glen Lichd aufbrechen. Wir wandern am Fusse der Five Sisters of Kintail entlang, einer Bergkette hoch, steil, anstrengend und legendär. Doris fabuliert von der Legende der Schwestern des Königs von Kintail während wir uns, fasziniert von der kantigen, unwirtlichen Bergwelt, den Weg durch das enge Tal bahnen. Wieder wandern wir 18km und sitzen am Ende des Tages erschöpft und glücklich im Kintail Lodge Hotel bei einem wohlverdienten Pint Bier.

Am vierten Tag setzen wir mit einem Boot über das Loch Hourn auf die entlegene Halbinsel Knoydart, die bis heute noch nicht ans Straßennetz angeschlossen ist. Knoydart ist eine der unberührtesten Ecken im Westen des Landes und wird oft als die „letzte Wildnis Schottlands“ umschrieben. Eingezwängt zwischen den Meeresfjorden Loch Nevis und Loch Hourn soll die Halbinsel laut gälischen Mythologie sprichwörtlich zwischen Himmel und Hölle liegen. Von der malerischen Bucht Barisday wandern wir wegelos über den Pass Mam Barisdale ins „Tal des schwarzen Sees“ zu Knoydarts einziger Siedlung Inverie. Die nur 8km lange Strasse des Ortes verbindet ein paar zerstreute, weissgetynchte Steinhäuser. Gerade legt das Fährboot von Bruce Watt an. Der ganze Ort scheint zusammenzutreffen, denn das Boot bringt nicht nur Post und Zeitungen, sondern auch die Einkäufe und den neuesten Klatsch an Land. Später zieht die Meute ins Old Forge, laut Guiness Buch der Rekorde der abgelegenste Pub des britischen Festlandes. Man feiert und trinkt hier gerne und fährt in finsteren Nächten auch schon mal das Auto ins Meer. Die offizielle Speerstunde von Alkohol hat hier noch nie jemanden interessiert.

Zwischen Ale und Langustinen und lauter Fiddel-Musik löste sich die Zeit auf. Den Wochentag habe ich schon vor zwei Tagen vergessen. Ich laufe einem Drang nach Einsamkeit folgend in der Dämmerung zum Pier. Es riecht nach Salz und mordrigem Tang. Zwei Möven schaukeln teilnahmslos im brackigen Wasser. Der Atlantik schmatzt an den Booten, und nur weit draussen, ausserhalb der Bucht kann man die Schaumkämme der Wellen und die Gewalt des Meeres erahnen. Dahinter ragen die alpinen Cullin Hills der Insel Skye als unverrückbare Giganten auf. Ich stehe, hocke, sitze für wer weiss wie lange und lausche in die Landschaft und in mich hinein.

Dieses Loslassen war die eigentliche Faszination unseres Trekkings vom Loch Ness zum Atlantik. Aus sieben Tagen wurden gefühlte drei Wochen. Nicht aus Langeweile, sondern weil die Zeit einfach länger weilte, schlichtweg intensiver und nachdrücklicher war. Nicht wie sonst, wo der Schrittmacher meines Alltags, der Verschlag meiner Pflichten, die planmäßigen Haltestellen meiner Zeitpläne mich durch die Tage, Wochen und Monate eines Urlaubsjahres schubst. In Schottland fühlte ich mich schon nach ein paar wenigen Tagen befreit - von Ansichten, Konventionen, der Sprossenwand meiner Wünsche. In Schottland begann ich schon um 18 Uhr zu gähnen und mich zwei Stunden später ins Bett zu legen. Um diese zeitverschwenderische Uhrzeit gehe ich in Deutschland nicht mal auf dem Höhepunkt einer Erkältung zu Bett. Da muss ich Emails beantworten, Telefonate führen, unbedingt mal wieder auf ein Bier die Freunde treffen, Baminton spielen und zu guter letzt noch ein paar Seiten meines mich seit Wochen wie eine nach Zuwendung lechzende Ehefrau vorwurfsvoll auf dem Nachtisch anglotzenden Buches lesen. In Schottland brauchte ich das alles nicht...



Glen Affric


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Kommentare

  • astrid

    Ein anschaulicher Bericht der in mir die Sehnsucht weckt, danke!
    Gruß Astrid

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. In Schottland vom Loch Ness zum Atlantik 5.00 3

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