Curaçao – eine Insel räumt mit dem Karibik-Klischee auf

Reisebericht

Curaçao – eine Insel räumt mit dem Karibik-Klischee auf

Reisebericht: Curaçao – eine Insel räumt mit dem Karibik-Klischee auf

Curaçao ist für die Karibik, was Menorca für die Balearen oder La Gomera für die Kanaren ist: Ein Eiland, das sich gegen alle Klischees zur Wehr setzt und keinerlei Erwartungen trifft, nur um schließlich ganz andere aber nicht minder schöne, ebenso faszinierende Eindrücke zu hinterlassen.

Als Erstes wirft Curaçao das westeuropäische Bild von „der Karibik“ über den Haufen. Von weißen Sandstränden gesäumte Inseln, an die sanft das türkisblaue Meer anbrandet, sich Kokospalmen dem Meer hin neigen und über die leise die Calypsoklänge einer Steel Drum wehen, fehlt hier jede Spur. Curaçao ist der Wilde Westen der Karibik, 444 Quadratkilometer Dörrland vor der Küste Venezuelas. Trocken, heiß, staubig, für die spanischen Conquistadoren einst gerade mal gut genug, um sie links liegen zu lassen. Und doch begeistert die größte Insel der Niederländischen Antillen fernab von jedem Bacardi-Feeling mit ihrem herben Charme und kuriosen Kontrasten.





Willemstad VI

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Irgendwo zwischen mondän und „redlich bemüht“ schwebt Willemstad, die Haupt- (und einzige) Stadt Curaçaos. Hier treffen Ölraffinerien auf wilde Orchideen, kreolische Küche auf Kentucky Fried Chicken, große Kreuzfahrtschiffe auf kleine Grachten. Was Willemstad so attraktiv macht ist der natürliche Tiefseehafen, das Schottegat. Durch ihn ist das Eiland zu einem der wichtigsten Handelsplätze der Karibik geworden; selbst die größten Tanker können hier einfahren – und venezuelanisches Öl an die luftverpestende Raffinerie liefern. Was auf der einen Seite hässliche Industrie bedeutet, bringt großes Vergnügen für die Touristen. Denn an der Handelskade, der Uferstraße des uralten Zentrums Punda, schwimmen die Hochseeriesen über die Sint Anna Baai direkt an den bunten Giebelhäusern mit ihren pastellfarbenen Renaissancefassaden vorbei. Die holländischen Kolonialherren errichteten die heute als UNESCO-Weltkulturerbe gelisteten Kaufmannshäuser in den vergangenen Jahrhunderten – kunterbunt sind sie allerdings der Legende nach erst seitdem ein findiger Gouverneur der Insel zum Kurieren seiner Kopfschmerzen anordnete alle Häuser bunt zu streichen. Der gleiche legendäre Gouverneur besaß, zusammen mit seinem Arzt, eine Farbfabrik. Ob Mythos oder Wahrheit, die bunte Häuserzeile ist heute das Wahrzeichen der Stadt, wenn nicht der ganzen Insel. Inzwischen werden die Fassaden traditionell zwischen Weihnachten und Neujahr in wechselnden Farben jährlich neu gestrichen, das ist nicht nur schön, sondern auch notwendig, denn der Korallenstein in den Gebäuden schwitzt die Pigmente schnell wieder aus – ein nachhaltiges Geschäft für jeden Farbfabrikanten.



Farbspiel XII





Waterfort

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Der rege Schiffsverkehr sorgt aber auch für ein weiteres Spektakel: Das stete Schwingen der Königin-Emma-Brücke. Für jedes einfahrende Schiff, von der Segelyacht bis zum Ozeanriesen, fährt die Pontonbrücke zur Seite. Ein Ärgernis für Fußgänger, die waghalsige Sprünge auf sich nehmen, um noch nach Otrobanda („die andere Seite“) zu gelangen. Otrobanda ist nicht weniger bunt als Punda, allerdings weniger herausgeputzt. Neben vielen Geschäften bietet es vom Aufgang der 57 Meter hohen Königin-Juliana-Brücke einen schönen Ausblick auf die Handelskade und die beiden einst zum Schutz vor Piraten an der Hafeneinfahrt gebauten Forts.



Queen Emma Bridge II



Synagoge

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Nicht zuletzt weil der Tourismus nicht die Haupteinnahmequelle der 140.000 Inselbewohner ist, liegen die Exotik und das Faszinierende in Otrobanda sowie in allen Vierteln Willemstads häufig im Detail oder im Verborgenen. Zum Beispiel die Mikve Israel Immanuel Synagoge. Gebaut im Jahr 1732 ist sie die älteste durchgängig genutzte Synagoge der westlichen Hemisphäre. Der gesamte Boden des Gotteshauses ist mit Sand bedeckt, was ihr nicht nur karibisches Flair verleiht und Kindern ausreichend Beschäftigungsmöglichkeiten während langer Predigten gibt, sondern auch daran erinnert, wie verfolgte Juden die Böden ihrer geheimen Gebetsräume mit Sand bedeckten, um ihre Schritte zu dämmen und nicht entdeckt zu werden.



Schwimmender Markt I

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Oder der kleine Schwimmende Markt am Waaigat. Von kleinen Booten aus, mit quer gestellten Segeln, die Schatten spenden, bieten die Händler ein relativ überschaubares Spektrum an Obst, Gemüse, Gewürzen und – bis mittags um Eins – frischen Fisch feil. Die Händler segeln mit dem Boot aus dem nahen Venezuela nach Willemstad, ein ganzes Dorf im Nachbarland wurde für die Versorgung der Inselbewohner unter Vertrag genommen, denn auf Curaçao selbst werden, abgesehen von Subsistenzwirtschaft im kleinsten Rahmen, gar keine Nahrungsmittel produziert. Und das obwohl die Holländer einst auf rund 100 Plantagen die Prärie urbar machten, jede geziert von einem „Landhuis“, einem Herrenhaus.



Schwimmender Markt III





Landhuis Savonet II

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55 dieser Landhuizen stehen heute noch auf den Hügeln vor allem im Westen der Insel. Viele der Gebäude aus dem 18. und 19. Jahrhundert können besichtigt werden, beherbergen Restaurants und Lodges oder gute Museen, die u.a. an das Schicksal der Tausenden Sklaven erinnern, die das sonnenverbrannte Land bewirtschaften mussten. Und Dank eines niederländischen Wiederaufbau-Fonds erscheinen die meisten Landhäuser – die nicht nur Wind und Wetter und die Jahrhunderte überstehen mussten, sondern auch Angriffe von Piraten – im alten Glanz. Wie das kleine rote Landhaus Papaya, das riesige Landhaus Knip, von dem aus ein großer Teil der Westküste überblickt werden kann, oder das wunderschöne Landhaus Savonet am Eingang zum Christoffel Nationalpark ganz im Nordwesten Curaçaos.



Landhuis Savonet





Wildlife VI

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Dort wo sich seit 1662 die vom Vizedirektor der West Indian Compagnie (WIC) gegründete Savonet Plantage erstreckte, hat heute längst wieder die Wildnis das Zepter übernommen. Noch intensiver als auf dem Rest der Sonneninsel wachsen rund um den Mount St. Christoffel, den mit 375m höchsten Punkt Curaçaos, seltsame Pflanzen: haushohe Kakteen, riesige Sukkulenten, Mangobäume, seltene weiße Orchideen, Dornsträucher, Agaven, Divi Divi Bäume. Allesamt dem trockenen Klima auf der „Insel unter dem Wind“ angepasst, bieten sie hunderttausenden Echsen und Leguane, Papageien und Falken unberührten Lebensraum.



Kaktus II





Nordküste VIII

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Schon auf der Straße zum Nationalpark, dem „Weg naar Westpunt“, sieht man die Windkraftanlagen entlang der Küste. Die steten Passatwinde treiben die Räder an und machen sie zur effizientesten Anlage in der Karibik, die bis zu 20% des Energiebedarfs auf der Insel abdecken kann. Der bei Jahresdurchschnittstemperaturen von 28°C durchaus kühlende Wind macht auch den Küstenteil des Nationalparks, durch den Auto-, Fahrrad- und Wanderrouten führen, so aufregend. Eine Welle nach der anderen peitscht der Passat aus dem tiefblauen Meer auf die Kalk- und Korrallensteinküste. Schwimmen wäre hier lebensgefährlich, Surfer allerdings wagen sich in die tosenden Wellen, die die Nordküste zu einer solchen stillen und einsamen Mondlandschaft gemacht haben.



Nordküste XV



Strand IV

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Ganz anders ist es an der Süd- und Westküste im Lee der Insel, an der es unzählige kleine Buchten mit schneeweißen Sand- und Korallenstränden gibt. Türkisblau und glasklar rollt hier das karibische Meer an die feinen Strände, kleine bunte Fische verlocken schon in Küstennähe zum Schnorcheln in den in Schwimmweite gelegenen intakten Korallenriffen. Abgesehen von den klimawandelbedingten Wetterkapriolen der vergangenen Jahre scheint hier, nur 12° nördlich des Äquators, die Sonne an 360 Tagen vom stahlblauen Himmel (wir haben auf jeden Fall die fünf falschen Tage erwischt), Palmblattschirme und Ficus-Bäume spenden den überwiegend holländischen Sonnenanbetern Schatten. Einige der kleinen Strände liegen so versteckt zwischen den Felsen, dass man sie nicht teilen muss. Andere, so wie der wunderschöne Strand von Cas Abou, sind mittels Maut-Piste und hoher Liegestuhlpreise so exklusiv, dass die Massen fern bleiben. Und einmal im Wasser schwebend, den Blick auf den Strand gerichtet, flammt es doch noch auf leicht auf, das Karibik-Gefühl.



Strand XI








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Kommentare

  • chefkochpaule (RP)

    DANKE, liebe Carolin!
    Du hast uns maximal teilhaben lassen - wunderbar! 5*****
    Und Beate hat übrigens wieder mal völlig recht! :-)
    LG Doris

  • trollbaby

    Hallo Carolin!
    Zunächst einmal nachträglich von mir HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH zur gewonnenen Reise!!! Ich finde es toll, dass Du auch einen Bericht darüber verfasst hast, so können wir Daheimgebliebenen uns ebenfalls an der - wenn auch untypischen - Karibikinsel erfreuen. Deine Fotos sind traumhaft und hätte ich nicht schon im Bericht von Debby83 vom schlechten Wetter gelesen, ich könnte es anhand Deiner Bilder kaum glauben - denn die vermitteln Sonne und Karibikfeeling pur! Vielen Dank für diesen informativen und schönen Bericht!
    LG Susi

  • mamaildi

    Gratuliere zum Gewinn der Reise - und zu deinem gelungenen Bericht. Ehrlich gesagt hatte ich weder eine Vorstellung, wo Curacao genau liegt, noch wie man sich die Insel vorstellen muss. Da hast du nun eine Wissenslücke geschlossen - in Wort und Bild. Merci :-))

  • toronto

    sehr gut, informativ und interessant geschrieben! lg Gerhard

  • Zeitreisende

    Tolle Bilder und ein interessanter Bericht. Das Lesen und Gucken hat viel Spaß gemacht ! LG Dani

  • poseydon

    Danke @alle für eure Kommentare und guten Bewertungen!

    Lieber absichtlich-Abwerter (Bewertung Nr.17), du bis einfach nur bescheuert.

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