Auf Fahrrädern um die Welt - Markus Möller & Ronald Prokein

Reisebericht

Auf Fahrrädern um die Welt - Markus Möller & Ronald Prokein

Reisebericht: Auf Fahrrädern um die Welt - Markus Möller & Ronald Prokein

Guinness-Buch-Rekord: In 161 Tagen auf Fahrrädern um die Welt. Fast 18.000 Kilometer über Asphalt-, Stein-, Schlamm- und Sandpisten. Geplagt von Mücken, Fieber und Schmerzen. Ein Rennen durch drei Kontinente. Eine Material, Kraft- und Nervenprobe hart an der Grenze zur Verzweiflung.

Es geht los - ostwärts, immer ostwärts

Rostock

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Ronald und ich waren 22 Jahre alt, die DDR war seit einigen Jahren Geschichte, die Grenzen standen uns offen. Und wir hatten eine verrückte Idee. Einmal auf Fahrrädern um die Welt. Nicht irgendwie, sondern in Rekordzeit. Das Abenteuer reizte uns, das Extreme. Wir hatten uns Fahrräder geborgt und einige Wochen trainiert. Wir waren keine Profis, vertrauten auf unseren Ehrgeiz und auf das Quantum Glück, das jede Unternehmung braucht.
Am 30. Mai 1994 brachen wir aus unserer Heimatstadt Rostock auf. Richtung Osten. Polen lag vor uns. Weißrußland und - Rußland, dieses planetengroße Land. In der Schule hatten wir seine Sprache erlernt, und daß es unser 'großer Bruder' war. Nicht wie die Menschen dort lebten und wie es wirklich dort aussah. Nicht viel über die schier endlose Weite. Sie war ein abstrakter Begriff. Und wir waren neugierig genug, diese Weite erleben, begreifen zu wollen. Ebenso die Weite der Mongolei und Chinas.
Und dann Nordamerika. Als Kinder in der DDR erschien uns Hamburg oder München so fern wie New York oder Vancouver. Eine unerreichbare Ferne. Nun aber war sie erreichbar. Mit jedem Tritt in die Pedale ein bißchen mehr.
Wir legten 150 bis 200 Kilometer pro Tag zurück. Von morgens bis abends, wie besessen. Manchmal etwas weniger, manchmal mehr. Wir jagten förmlich um die Erde. Wir saugten das uns Unbekannte in uns auf, als hätten wir ein Leben lang danach gedürstet.
Es war ein Rennen - gegen die Zeit, auch gegen uns selbst. Wir wollten - einmal um die Welt - nach Hause kommen, ankommen, nicht irgendwo, sondern letztlich in uns selbst. Und möglicherweise ist das der längste Weg überhaupt.



Sibirien - Schlammpisten, Wetterkapriolen und Hornissen

Sibirische Straße

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Nach mehr als 4.000 kilometern von der Heimat entfernt, nach Moskau, Kasan, Ufa, östlich der Wolga und des Ural, erreichen wir Sibirien - dieses uns unbekannte, geheimnisvolle Territorium, das wir bis dahin nur aus Büchern kannten. Es ist natürlich das Gebiet der Extreme. Natürlich ist es im Sommer nicht kalt, sondern heiß, schlägt das Wetter - Kontinentalklima pur - überaus rasch um. Natürlich sind auch die Straßen nicht mit denen in Europa zu vergleichen. Sibirien sorgt für ständige Abwechslung. Mal Asphalt mit zahllosen Schlaglöchern, mal Schlamm-, mal Steinwege. Und - selbstverständlich - sind auch die Insekten größer als ihre Artgenossen weit westlich ...

'Ich kralle die Hände in den Dreck, erhebe mich und schlittere wieder hin. Markus steht daneben und hält sich den Bauch vor Lachen. Fluchend und eingemistet stehe ich wieder auf und steige aufs Rad. Eine erträgliche Straße verwandelte sich von einem Meter zum anderen in eine Schlammpiste.
Kurz darauf hat der Spuk unvermittelt ein Ende. Dafür ziehen dicke Regenwolken auf. Plötzlich wird es finster. Noch freuen wir uns über die glatte Straße, da zuckt ein kilometerlanger Blitz über den Himmel. Noch fahren wir, aber mein Herz setzt für Sekunden aus, als ein unglaublicher Donner folgt. Mein Trommelfell knackt.
»Sibirien, bleib ruhig«, rede ich beschwichtigend vor mich hin. Ich drehe mich zu Markus um und sehe zu meinem Entsetzen, wie ein Blitz keine zwei Meter über seinen Kopf hinwegschießt. Kurz darauf kracht es, als schlage ein Meteorit ein. Wir springen zitternd aus den Sätteln. Schnell kippen wir die Stahlrösser ineinander und
hocken uns mehrere Meter abseits von ihnen nieder. Uns wird klar, daß die Regenjacken noch in den Taschen stecken. Das war ein gewaltiger Fehler, sie dort zu lassen, denn ein Meer aus kaltem Wasser klatscht auf uns, als der nächste unwahrscheinlich laute Donner ertönt. Eine halbe Stunde hocken wir so da - die Hände im Schlamm - und haben rasende Angst. Ich las, daß Hocken die sicherste Stellung bei Gewitter sei. Dadurch soll der Blitz abgleiten.
Nirgendwo ein Baum oder ein Haus, flacher Acker. Wie verängstigte Kinder kauern wir auf dem Feld .

Wieder auf der Landstraße stehen wir vor einer Entscheidung: Entweder fahren wir die nördliche und längere Asphaltstraße über Tjumen oder wir kämpfen uns den östlichen, kürzeren Weg entlang, der aber aus gut dreißig Kilometern Piste besteht. Wir haben keine Ahnung, ob sie Schlamm, spitze Steine oder Sand bedeckt.
Deshalb bitten wir einen Polizisten, der mit verschränkten Armen an einer Bushaltestelle wartet, um ein Urteil.
»Gut, gut«, sagt er ermunternd, und wir beschließen, den kürzeren Weg einzuschlagen. Aber schon nach einigen Kilometern endet - wie abgeschnitten - die asphaltierte Straße und aufgeschüttete faustgroße Steine geben unseren Rädern einen unrhythmischen »Tanzunterricht«. Dabei gilt nicht uns, sondern den schwerbepackten Lasteseln die größte Sorge. Knapp eine Stunde crossen wir auf diesem Notweg umher. Dann beginnt endlich eine angenehme Sandpiste.

Die Sonne brennt vom stahlblauen Himmel. Von irgendwoher summt es dunkler als üblich. Mücken können es nicht sein. Auf der Verpflegungstasche sitzen zwei fette Brummer. Sind es Fleischfliegen?
In fünf Minuten ist wieder Schokoladenpause. Der dichte Wald gibt uns den Blick nicht frei. Ein riesiges Insekt knallt gegen meine Sonnenbrille. Wir halten, aber die wohlverdiente Rast dauert nur wenige Sekunden, dann rammeln wir ohne Rücksicht auf Speichen und Felgen durch die Schlaglöcher, bergauf, mit fast dreißig Stundenkilometern.
Ich habe noch nie eine Hornisse gesehen, doch nun verfolgt uns ein riesiger Schwarm. Dumpf brummt es neben unseren Ohren. Die Hände sind bedeckt von ihnen, und sie verfolgen uns in einer dichten, braunen Wolke. Sie sind überall. Die
Luft vibriert vor Insekten. Wir jammern nach unseren Eltern. Ich weiß nicht, wie lange wir schon so kopflos dahinjagen. Ronald gleitet das Basecap vom Kopf. Ich keuche hinter ihm, muß es aufheben. Zitternd halte ich an. Sofort umkreisen die Viecher mich angriffslustig. Ich heule laut wie ein Baby. Sie sitzen auf meinem ganzen Körper. Mit zwei Fingern greife ich nach der Mütze, hänge sie an den Lenker. Ich traue mich nicht mehr, mich auf den Sattel zu setzen.

In diesem Augenblick komme ich mir gegenüber Markus sehr egoistisch vor. ›Aber umgekehrt hätte ich genauso gehandelt‹, beruhige ich mich. Nach dieser Einlage brettern wir wieder die Hügel hinauf und hinunter. Die Flucht ist körperlich sehr anstrengend, und doch spüre ich keine Schwäche. Markus hält hinter mir die Spur. Ich höre ihn fluchen. Mir fliegen die Hornissen dicht vorm Mund umher, deshalb wage ich nicht zu sprechen. Markus ergeht es schlimmer, denn an seinem Fahrrad hängt die Tasche mit den Lebensmitteln, und das macht die braunen Ungeheuer noch wilder. Obwohl wir wissen, daß wir nicht schneller sind als sie, geben wir dem innerlichen Drang zu fliehen nach.
In der Ferne sehen wir ein Haus, dann drei, vier. Wir jagen auf das Dorf zu. Panik treibt uns. Am Rand der Siedlung löst sich der Hornissenschwarm plötzlich auf. Erlöst. Wir müssen verschnaufen und biegen in einen Landmaschinenhof ein. Dort lümmeln wir uns auf eine abgenutzte Holzbank. Ein Bauer beobachtet uns stumm. Er sitzt im Schatten und hat scheinbar viel Zeit. Wieder umschwirren uns Scharen von Insekten. Es sind diesmal nur Fliegen. Fast eine Wohltat ...'
(Auszug aus unserem Buch 'Durchgetreten')



Pause



Sibirien II - Die Einladung

Einladung zum Schaschlik

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Mag Sibirien auch schlechte Straßen haben, die uns zuweilen zur Verzweiflung treiben, mögen wir zum Spielball östlicher Naturgewalten werden - eines aber überrascht und fasziniert uns von Anfang an: Diese wie selbstverständlich scheinende Gastfreundschaft ...

' Endlich haben wir es geschafft! Siebenhundert Kilometer Sand- und Steinpiste liegen hinter uns. Auch der heutige Tag hatte es noch einmal in sich: Wir atmen flach, streichen uns durchs staubige Haar und über die schmutzigen Gesichter. Das kratzt, weil eine dicke Hornhaut auf unseren Handflächen gewachsen ist. Wir fühlen uns, als hätten wir eine Schlacht überstanden, haben noch immer die dichten Staubwolken vor Augen - die von den Autos aufgewirbelt - wie nach einer Bombenexplosion die Sonne verdunkelten.
Wie jeglicher Kraft beraubt lehnen wir schlaff an einer Schaschlikbaracke neben der Straße, schweigen und genießen die Stille. Die Welt scheint zu schwanken. Heißer Fleischduft zieht an uns vorbei.
Drei Burschen - ein langer rothaariger, ein unrasierter untersetzter und ein milchgesichtiger - steigen aus einem weißen Lada Kombi, steuern auf uns zu und stellen, als sie vor uns stehen, Fragen über Fragen. Unsere Ohren klappen zu, wir wollen nur unsere Ruhe.
Als wir stumm zu Boden schauen, werden sie leiser und blicken uns unsicher an. Aber schon im nächsten Moment reden sie wieder alle durcheinander auf uns ein.
Ronald blickt weiterhin zu Boden, aber mir fangen die drei an, leid zu tun. Als ich den Kopf hebe, lachen sie mich an. Sie haben staubige Haare wie wir.
»Igor, Edward, und ich bin Sergej«, stellt der Untersetzte - er hat schütteres Haar - sich und seine Gefährten vor. Als sein Finger mit dem blutunterlaufenen Nagel bei mir stehenbleibt, und die Augen der Burschen erwartungsvoll größer werden, erwidere ich: »Markus. Und das ist Ronald.« Meine Stimme klingt wie von fern zu mir, und ich muß tief Luft holen.
Sergej entblößt goldene Schneidezähne, Igor mit dem Milchgesicht nickt, und Edward, der Rothaarige, beißt sich auf die Unterlippe.
Eine Weile bleibt es still, bis der stämmige Sergej in seine schmutzigen Hände klatscht.
»Jetzt essen wir alle Schaschlik«, ruft er freudig, lümmelt sich mit einem Arm ins Barackenfenster und bestellt. Ronald steht immer noch abseits.
»Ist alles in Ordnung?« frage ich ihn, und er nickt müde.
Igor und Edward sind zum Auto gelaufen, kehren mit zwei Plastikbeuteln zurück und stapeln den Inhalt auf den runden Eßtisch neben der Baracke: Fischdosen, eine Flasche Tomatensauce, Brot und Saft. Unterdessen hält mir Sergej einen der fünf Fleischspieße vor die Nase. Als ich ablehne, ziehen sich seine dichten Brauen zusammen.
»Das wäre eine Beleidigung«, maßregelt er und hält Ronald und mir die Spieße ein zweites Mal entgegen. Nun greifen wir zu und lassen es uns schmecken. Ich merke, wie meine Lebensgeister zurückkehren. Auch Ronald scheint nun zu erwachen und fragt die drei, woher sie kämen. Sie erzählen, daß sie jeder 25 Jahre alt sind,
in Alma-Ata leben, Lust auf Urlaub hatten, sich diesen Lada zulegten und nun unterwegs nach Wladiwostok sind. In diesem Moment bemerke ich: Da ist etwas, das uns verbindet. Es sind Jugendliche, die Abenteuer erleben wollen, genau wie wir.
Das saftige Schweinefleisch mit der Tomatensauce schmeckt köstlich, und langsam füllen sich unsere Mägen. Igor drängelt uns ständig weiterzuessen. Und greifen wir zu, klopft er uns zufrieden auf die Schultern. Er scheint die gute Seele der Truppe zu sein.
Der Rotschopf Edward, der unzählige Sommersprossen im Gesicht trägt, erzählt uns, daß seine Eltern aus England stammen. In diesem Moment erscheint uns England wie unser Zuhause. Je weiter wir uns von der Heimat entfernen, umso größer wird ihr Radius.
Die Zeit versickert wie Sand in einem Loch. Die drei stecken ihre Köpfe zusammen und beraten kurz. Dann, nachdem sie ihre Namen und das heutige Datum auf das Cover einer Musikkassette geschrieben haben, drückt Sergej mir diese mit der Bemerkung, daß es sich dabei um ihre Lieblingssongs handelt, in die Hand. Was
aber könnten wir den Jungs schenken? Ronald und ich beratschlagen ebenfalls. Mein Freund zieht seinen Fahrradhelm vom Gepäckträger, und wir signieren ihn. Sergej setzt den Helm auf seinen breiten Kopf und klemmt sich hinter das Steuer des Kombis. Laute Popmusik ertönt aus den Lautsprechern, bevor die Tür ins Schloß fällt.'
(Auszug aus 'Durchgetreten')



Durch die Mongolei

Ulan Bator

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Als wir nach zehn Wochen in Rußland die Grenze zur Mongolei überqueren, ist uns, als sei die Zeit hier schon lange stehengeblieben. Wir fühlen, wie die Ruhe, die dieses Land zu durchziehen scheint, auch uns ansteckt. In der Ferne ziehen Kamele über die Wiesen, welche die geschwungenen Hügel wie ein grüner Teppich aus Samt bedecken. Kein Baum weit und breit. Im Tal steht ein einziges weißes rundes Zelt, eine Jurte. Qualm steigt aus einem Rohr, das als Schornstein dient. Ein Hund bellt in der Ferne. Sonst herrscht den ganzen Tag über Stille. Nur das Surren unserer Reifen auf dem rauhen Asphalt hören wir.
Ein paar Tage später erreichen wir die Hauptstadt Ulan-Bator. Dort besorgen wir uns die Visa für China. Zufällig begegnen wir einem jungen Mann namens Gambair, der perfekt deutsch spricht. Er lädt uns zu sich und seinen Eltern ein. Sie wohnen in einem mehrstöckigen Plattenbau. Wir verbringen fünf Tage bei dieser gastfreundlichen Familie, vergessen in dieser Zeit die Tatsache, daß wir uns auf einer Rekordfahrt befinden und genießen das Beisammensein mit den Menschen, die uns aufnehmen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt.
Entsprechend schwer fällt uns der Abschied von ihnen. Es ist etwas, woran wir uns auf der ganzen Reise nicht gewöhnen können: Menschen kennenzulernen, sie ins Herz zu schließen und sie - nach Stunden oder nach einigen Tagen - wieder verlassen zu müssen.
Wir lassen die Stadt hinter uns, nehmen aber all die Erinnerungen an sie mit, und fahren in Richtung der Wüste Gobi ...

'Da wir nichts anderes zum Beißen haben als die trockenen Waffeln aus Tschor, müssen wir uns damit zufriedengeben. Wir würgen sie widerwillig hinunter. Lieber wäre uns natürlich Brot.
»Vielleicht haben die Leute in den Jurten welches?« gibt sich Markus
zuversichtlich.
Hinter einem Hügel stehen drei dieser weißen Zelte. Wir sind noch nicht bei ihnen angekommen, da laufen uns zwei große zähnefletschende Hirtenhunde entgegen und beginnen, wütend zu kläffen. Jemand ruft sie halblaut, aber konsequent zurück. Das Gebell lockt auch einen alten Mann mit langem, schütteren Bart und einer mit Kordeln zusammengeschnürten weißen Tracht aus der Jurte. Zwei junge Burschen - offenbar sind es seine Söhne - bessern einen Koppelzaun aus. Sie legen die Arbeit nieder und beobachten uns neugierig. Sie tragen T-Shirts mit der Aufschrift »USA«.
Wir winken dem Alten von weitem zu. Er steht da, die Hände auf dem Rücken verschränkt und schaut auf uns wie auf eine Abordnung vom anderen Stern. Als wir beim Mann sind und ihn begrüßt haben, versuchen wir mit den Händen die Gestalt eines Brotes in der Luft zu formen, dazu führen wir Daumen und Zeigefinger zum Mund.
Der Alte nickt kurz, schreitet ins Zelt und bringt von einer Ablage eine Schale mit zerbröckelten, halbvertrockneten Krumen. Daß sie nicht frischgebacken sind, stört uns keineswegs.
Markus drückt dem kopfschüttelnden Mann zwei Scheine in die faltige braune Hand. Er wundert sich, blickt stumm auf das Geld und hält es uns entgegen, aber wir nehmen es nicht, winken nur und fahren ab. Der Alte steht noch lange so da, das Geld weit von sich gestreckt, und schaut drein, als verstehe er die Welt nicht
mehr ...

... Zweihundert Meter neben der Straße steht eine Jurtensiedlung. Wir wollen dort, in der Nähe von Menschen, über Nacht bleiben, steigen von den Rädern und sortieren unser Gepäck. Ein alter Mongole in einem blauen Umhang kommt mit einigen Leuten, von denen manche in Trachten, andere in T-Shirts stecken, auf uns zu und heißt uns willkommen. Er wirkt sehr weise. Als wir unser Zelt aufbauen - die Begleiter des Alten wollen uns helfen - greift er nach der Plane und nickt zu den anderen. Sofort lassen die die Zeltstangen fallen und prüfen ebenfalls den Synthetikstoff. Dann steht das Zelt und alle werfen einen interessierten Blick hinein.
Markus und ich waschen unsere Hände und die schmutzigen Gesichter in einer Schüssel, und als wir uns wieder etwas reiner fühlen, wird uns erst bewußt, was uns in den letzten sechs Tagen auch gefehlt hat.
Danach schiebt uns der Alte in eine der vier Jurten.Wenig später sitzen wir mit der riesigen Familie auf Hockern um einen hölzernen Tisch. Eine flackernde Kerze beleuchtet die Gesichter der Männer, Frauen und Kinder, läßt sie rotgelb aussehen. Sie strahlen eine unsagbare, ansteckende Ruhe aus. Streß scheint diesen Leuten
fremd zu sein. Sie schauen und lächeln. Uns wird in dieser gemütlichen Runde warm ums Herz. Eine Frau reicht jedem von uns eine Schale mit heißer Milch und Nudeln. Ohne Bedenken beginnen wir zu speisen. Nebenbei erzählt uns der drahtige Alte, daß er vor 25 Jahren mit dem Fahrrad von Irkutsk nach Peking gefahren sei, so wie jene drei Französinnen, die vor zwei Monaten hier vorbeigekommen seien. Er zieht eine Ansichtskarte aus seiner Brusttasche und reicht sie uns: Paris bei Nacht. Auf der Rückseite ein Gruß und die Radlerinnen als gemalte Strichfiguren.
Als Nachtisch serviert man uns Teigröllchen, die ein wenig säuerlich
und überaus köstlich schmecken. Dann spricht das dunkelhäutige Familienoberhaupt, eine beleibte Frau in weiter weißer Tracht, auf mongolisch zu uns. Der Alte übersetzt ins Russische, daß sie sehr erfreut darüber sei, Menschen von der anderen Seite der Erde begrüßen zu dürfen, sie sich geehrt fühle. Gerührt blicken wir abwechselnd zu ihr und zum alten Mann.
Ohne daß viel gesagt wird, merken wir, wie willkommen wir sind. Wir können nicht genau erklären, woran wir das spüren. Sind es die lächelnden Blicke oder, daß wir beide auf zwei höheren Hockern als die übrigen sitzen dürfen?
Als wir die Jurte mitten in der Nacht verlassen, dringt uns der Geruch von Gras und Pferdedung in die Nase.
»Hier zu leben, wäre mein Traum«, raunt Markus, als wir uns die Schuhe von den Füßen streifen ...'
(Auszug aus 'Durchgetreten')



China - Ein Unfall in Peking

China

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Wir fahren durch das Reich der Mitte. Fast 10.000 Kilometer liegen nun seit unserem Aufbruch aus Rostock hinter uns. Seit drei Monaten sind wir unterwegs.
Zunächst erscheint uns China - hoch im Norden, im Gebiet der Inneren Mongolei - so menschenverlassen und dünnbesiedelt wie zuvor die Mongolei. Die Ausläufer der Gobi erstrecken sich bis weit über die Grenze, und die heiße, trockene Luft beschert uns durstige Kehlen.
Bald aber nehmen die Ortschaften zu, werden sie Städte. Mehr und mehr Menschen umringen uns bei unseren alltäglichen Einkäufen. Wir können uns nur mit Mimik und Gestik verständigen und sorgen dadurch für eine allgemeine Heiterkeit.
Doch nicht jeder Menschenauflauf verläuft für uns so herzlich und friedlich. In Peking wird uns ein Pulk von Leuten fast zum Verhängnis ...

'Peking - ein Moloch von Stadt. Elf Millionen Einwohner - fast alle benutzen Fahrräder. Sie verstopfen die Straßen, die so breit wie Landebahnen für Flugzeuge sind. Acht Millionen Drahtesel soll es hier geben. Also haben nur die Babys keine.
Der Platz des Himmlischen Friedens ist mit hüfthohen Eisengittern umzäunt. Zwei Polizisten befehligen uns, wieder hinter die Absperrung zu treten. Wir drücken einem von ihnen unseren Fotoapparat in die Hand. Verdutzt knipst er uns, damit wir rasch das Terrain räumen. Offenbar hat man Bedenken vor jeder Art Menschenauflauf
auf dem Platz.
Vor dem Regierungspalast stellen wir die Räder zusammen und versuchen zu begreifen, wo wir - so fern der Heimat, denn in Asien begreift man wirklich Ferne - in diesem Augenblick stehen.
Ungewollt sorgen wir wieder für eine riesige Menschenansammlung. Viele holen ihre Kameras hervor und wollen mit uns fotografiert werden. Neben uns steht ein kleiner, schmächtiger Junge mit einer Hornbrille. Auf englisch erkundigt er sich nach unserem Weg.Wenig später übersetzt er voller Ehrgeiz unsere Worte für die
Zuhörer. Wieder treiben Polizisten die immer größer werdende Masse auseinander; befolgen strikt das chinesische Gesetz, das solcherlei große Zusammenkünfte verbietet.
Wir können vor Erschöpfung kaum stehen. Und trotzdem müssen wir weiter, das letzte Stück Asien bewältigen, die restlichen 180 Kilometer bis zum Pazifik.
So brechen wir aus dem bunten Menschenhaufen aus und schlagen den Weg zur Hafenstadt Tanggu ein. Unzählige Male halten wir an Ampeln. Die Radfahrer in Peking fahren recht gemütlich, so müssen wir sie fast alle überholen, was
mit der riesigen Ausrüstung in diesem Gewimmel nicht leicht ist.
Es dämmert. Wir jagen zum Stadtausgang. Ronald wird von einem Biker nach rechts abgedrängt, daß er ausscheren muß und mit den Hintertaschen eine Radfahrerin streift. Sie stürzt. Ich muß heftig bremsen, um sie nicht anzufahren. Sogleich helfe ich ihr auf, und sie flucht vor sich hin. Ich rufe Ronald, der nichts von dem Unfall bemerkt hat, zurück.

Markus hält mein Fahrrad fest, als ich das Schutzblech der Gestürzten richte. Sie zeigt mir unentwegt ihr Knie, das ein wenig blutet. Ich bitte sie mehrmals um Verzeihung und beginne, mein heruntergefallenes Gepäck aufzuschnallen; wir wollen weiter. Doch die Frau hält meinen Lenker fest. Ich glaube zu träumen.Was noch, außer mich zu entschuldigen, soll ich tun?
Da wir uns noch in einem Vorort von Peking befinden, haben sich etliche Schaulustige eingefunden. Mir wird das gereizte Verhalten der Frau lästig. Ich löse ihre Hände vom Lenker und drücke sie zur Seite. Wie eine gespannte Feder schnellt sie auf mich zu, zerkratzt mein Gesicht. Ich fasse sie bei den Handgelenken. Zwei
sehnige alte Männer treten auf mich zu, rütteln an mir, bewegen strafend ihre Zeigefinger. Ich soll die Frau nicht anfassen! Mein geschundenes Gesicht scheint niemanden zu interessieren. Die Verunfallte läßt sich nun auf den Erdboden sinken, krallt sich an meinem Low-Rider fest. Jammernd berichtet sie der mittlerweile
riesigen Menschenansammlung, wir seien verantwortlich, daß sie nicht mehr gehen könne. Zumindest vermuten wir diese Beschuldigung aus ihren Handbewegungen und dem betroffenen Kopfschütteln der Umstehenden. Ein Raunen zieht durch die Menge.
Ich sehe ratlos zu Markus, was nun? Die Menschen starren uns an wie Schwerverbrecher.
Eine Stunde vergeht, wir sind in der Menge gefangen, können nicht einen Schritt tun, so dicht hat sich der Kreis um uns gezogen. Die Frau und einige Leute verlangen Schmerzensgeld von uns. Zur Verdeutlichung reiben sie Daumen und Zeigefinger aneinander.
Ein Junge gibt zu erkennen, daß er Englisch spricht. Er hat sein pomadisiertes Haar streng zurückgekämmt. Schnell erkläre ich ihm, wie sich der Unfall wirklich zugetragen hat und daß er meine Worte auch der Frau übersetzen soll. Er flüstert ihr etwas zu.
»Sie will zweihundert Dollar«, verkündet er kurz darauf laut und grinst. Wir fragen uns, auf welcher Seite er steht und zeigen ihm einen Vogel. Er fügt hinzu, daß wir die Frau in ein Krankenhaus bringen müssen.
Inzwischen ist ihr Bruder eingetroffen. Er greift seiner trotzigen Schwester unter die Achselhöhlen. Als er versucht, sie hochzuziehen, wehrt sie energisch ab. Die kleine Wunde hat aufgehört zu bluten. Unzählige Menschen zerren an unserer Kleidung. Voll
Zorn brüllen wir in den Menschenhaufen, versuchen uns loszureißen und bekommen vor Panik kaum noch Luft. Überall feindselige Gesichter. Unsere Herzen hämmern. Wir schwitzen und haben das Gefühl, der Menge ausgeliefert zu sein.

Zwei Stunden vergehen, vielleicht drei. Im fahlen Laternenlicht ähnelt Ronald mit seinem zerschundenen Gesicht Frankenstein.
»Sie will die Polizei!« verkündet der Junge lauthals.
Die Leute recken die Hälse. Wir haben damit keine Probleme. Ein Martinshorn ertönt und Blaulicht flackert herbei, als wäre ein Mord geschehen. Die Beamten prüfen wieder unsere Pässe. Ein großer Polizist mit Doppelkinn und einem dicken Krümel im Mundwinkel drängelt sich durch die Menschen zu uns. Ich erzähle ihm auf Englisch, daß Ronald an dem Sturz der Frau nicht schuld sei. Der Staatsdiener nickt eifrig, aber als ich ihn zum Schluß frage, was er davon halte, schaut er mich groß an und redet chinesisch, hat offenbar kein einziges Wort verstanden.
Endlich treiben die Beamten die Massen auseinander, wir bekommen wieder Luft. Sie führen uns mit den Fahrrädern in ein nahegelegenes Hotel. Zuerst vernehmen sie die Chinesin, nach einer halben Stunde Ronald und mich.
Unser »Dolmetscher« verkündet, daß die Polizisten uns raten, fünfzig Dollar zu zahlen. Ansonsten müßten wir mit aufs Revier. Bis zur Klärung der Angelegenheit dürften drei Tage verstreichen.
Was bleibt uns anderes übrig? Nachdem wir ihnen das Geld gegeben haben, bieten uns die Polizisten schwarzen Tee an und schütteln unsere Hände. Auch sie scheinen sich zu freuen, weiteren Schwierigkeiten aus dem Weg zu gehen.
Die Uhr zeigt acht Minuten nach elf, als wir wieder ins Freie treten und der dicke Polizist der Frau das Geld überreicht. Es hat heilende Wunderkräfte. Die Verletzte kann wieder aufrecht gehen. Sie steigt ins Auto ihres Bruders und rauscht mit ihm davon.'
(Auszug aus 'Durchgetreten')



Kanada - Zu Gast bei einem Punk

Rocky Mountains

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Wir haben Peking per Flugzeug verlassen, sind nun in Kanada, in Vancouver gelandet. Vancouver liegt im Regen, und hinter der Skyline verschwinden die Berggipfel der Rocky Mountains in dunklen Wolken.
Am folgenden Tag aber scheint wieder die Sonne, und wir befahren die glatten Asphaltstraßen, die sich, schier nicht enden wollend, die Berge hinaufwinden. Wir sind erschöpft, können in den Pausen kaum stehen. Aber die Naturschönheiten der Nationalparks, die wir durchqueren - die schroffen Felswände, die glasklaren Flüsse und Seen, die mächtigen Täler - geben uns wieder Kraft, und wir begreifen, daß es sich lohnt, die Strapazen zu ertragen, all dies aus eigener Kraft zu 'erfahren'. Auf diese Weise sind wir der Natur ganz nah.

'An den kleinen verglasten Abfertigungshäuschen im Revelstoke-Glacier- Nationalpark müssen motorisierte Fahrzeuge eine Mautgebühr bezahlen, wir nicht.
Der Park präsentiert sich mit einer so paradiesischen Schönheit, daß wir uns kaum aufs Fahren konzentrieren können. Der Highway verläuft unmittelbar neben einem kleinen Bach, der uns kilometerweit wie ein guter Freund begleitet. Die höchsten Berggipfel tragen weiße Hütchen. Von den Felswänden stürzen rauschende
Wasserfälle in die Tiefe.
Auf dem Gipfel herrscht reges Treiben. Ein kühler Wind streicht über den breiten, 1330 Meter hohen Rogers-Paß. Wir rasten an einer Texaco-Tankstelle. Während wir Schokoriegel essen, beobachten uns zwei Mädchen, die etwa in unserem Alter sind. Sie tragen dicke Holzfällerhemden über grauen Pullovern und Jeans. Es sind Deutsche. Sie erzählen uns von ihrer Autofahrt, quer durch die Rocky Mountains.
»Weißt du noch, gestern, der Braunbär?« erinnert die größere ihre brünette Partnerin an ein unvergeßliches Abenteuer. Nun hat ihr altes Auto, das sie sich in Vancouver kauften, einen Getriebeschaden, und sie sitzen fest. Die beiden laden uns zum Kaffee ein, aber wir können nicht mehr anders, als der Zeit hinterher zu jagen und
schlagen die Einladung aus.
Bei der steilen Abfahrt vom Paß klettert die Tachoanzeige auf sagenhafte 66,7 Stundenkilometer. Wir kommen nicht dazu, den neuen Rekord zu bestaunen, müssen uns auf die Straße konzentrieren! Hoffentlich erwischt uns nicht die Polizei, denn mehr als fünfzig Sachen sind hier nicht erlaubt.

Im Dunkel der Nacht erreichen wir die alte Cowboystadt Banff und klingeln an der Bogentür einer katholischen Kirche. Wir haben uns vorgenommen, das Zelt mit den angebrochenen Stangen nur noch im Notfall zu benutzen. Es ist zehn Uhr abends, niemand öffnet. Wir versuchen es in einem Altenheim. Aber die Krankenschwestern
erbarmen sich nicht, obwohl wir uns einen »herzzerreißenden« Spruch ausgedacht haben. Auch die Polizei weist uns ab. Es bleibt nur eine Jugendherberge oder das Zelt.
An einer Tankstelle wagen wir einen letzten Versuch, tragen unseren schon fast wie auswendig gelernt klingenden Spruch vor: »Hi. Das ist Ronald, ich bin Markus. Wir kommen aus Deutschland, reisen um die Welt mit den Rädern da und haben keine Ahnung, wo wir heute schlafen sollen. Das Zelt ist kaputt und unser Geld ist knapp.
Wenn du für uns was für die Nacht hast, wir würden dir das nicht vergessen.«
Und Ronald fügt hinzu: »Wir reisen auch ganz früh ab, gleich um sechs.«
Der Junge hinter dem Ladentisch schiebt sein Basecap vor und zurück und denkt lange nach. Dann fragt er: »Ihr seid doch keine Räuber?« Wir müssen lachen, und ich entgegne: »Kennst du denn welche auf Fahrrädern?«
Er stützt sein Kinn in die Hände, überlegt wieder und schüttelt, ebenfalls lachend, den Kopf. »Ich mach hier nur meinen Job zu Ende. Dann könnt ihr mit zu mir.«
Glücklich über dieses Angebot ziehen wir uns in eine Ecke zurück und öffnen die Provianttasche. Während wir schmausen, bringt uns der Bursche zwei eiskalte Erdbeerlimos.
»Ich bin Clark«, stellt er sich vor und reicht uns die Hand.

Gegen Mitternacht gehen wir mit ihm durch die nächtlichen Straßen von Banff.
»Kommt ihr noch mit auf ein Bier? Heute spielt eine geile Punkband.« Er stupst Ronald, der neben ihm geht, in die Seite. Aber wie schon so oft lautet die Antwort: »Nein, vielen Dank.« Dabei muß auch er zeitig aufstehen, hat er doch einen weiteren Job in einem Supermarkt, muß dort Getränkekisten stapeln.
Clark hilft uns, die bepackten Räder durch die enge Holztür seiner Behausung zu ziehen und sie die Treppen in den Keller hinunterzutragen. In dem schummerigen Raum befinden sich ein mannsgroßer Boiler, ein Kochherd und ein Tisch, auf dem sich Speisereste und Verpackungsmüll häufen. In der Ecke steht ein Staubsauger, doch der aufgerissene Teppich wurde scheinbar seitdem er hier liegt nicht mehr gereinigt. Ein umgekippter Stuhl versperrt den Weg zum Herd, hinter einer Tür rauscht Wasser.
»Oh, meine Freundin duscht«, reagiert Clark auf unsere hochgezogenen Brauen. Während wir uns auf die knarrenden Holzstühle setzen, nimmt er sein Basecap ab und entblößt einen kahlrasierten Schädel, den entzündete Pickel übersäen. Der Bursche zieht sein grünes Polohemd über den Kopf und schmeißt es, ohne hinzuschauen, in eine Ecke. Dann schiebt er eine Kassette in den staubigen Rekorder. Aus den Lautsprechern hämmert überlaut wilder Punk. Ronald brüllt zu Clark, ob es in der Gegend Bären gäbe, aber Clark meint, ebenfalls brüllend, daß sie sich nur sehr selten zeigen.
Die Badezimmertür knarrt, und ein blasses Mädchen von vielleicht fünfzehn Jahren mit einer Narbe im Gesicht betritt, in einen grauen Bademantel gehüllt, den Raum. Sie setzt sich uns gegenüber. Nun huscht Clark ins Bad. Sie reicht uns die zierliche Hand und wispert: »Hi, ich bin Rona aus Montreal.« Sie spricht langsam und heiser. Vor ein paar Monaten sei sie von zu Hause ausgerissen. Ihr Traum ist die große weite Welt. Sie schimpft auf ihre Eltern.
»Ich brauche Luft zum Leben«, sagt sie. Ob sie die in dem dreckigen Keller bekommt? Sie trampte einfach los und landete bei Clark in Banff. Um sich über Wasser zu halten, kellnert sie tagsüber in einer rauchigen Truckergaststätte. Aber hier möchte sie nicht Wurzeln schlagen. Sie will nach Mexiko, noch lieber nach Argentinien. Sie hat keine Angst, nur manchmal Heimweh nach den vertrauten Gesichtern aus der Schule.
Ihr Blick schweift von dem Tisch, der bei der geringsten Berührung kippelt, zu einem Poster, auf dem ein grünhaariger Typ die Zähne aufeinanderpreßt und mit einer Hand eine Büchse Bier zerdrückt. Die schaumige Flüssigkeit spritzt in Fontänen heraus.
Rona betrachtet gedankenverloren das Bild und streicht sich über die sichelartige Narbe an der Wange.
»Das hier werde ich meinem Vater nie verzeihen«, flüstert sie.
Clark ist mittlerweile ausgehbereit und bietet uns die Dusche an. Dann führt er uns in sein Zimmer, das mit zwei Betten und einem Regal ausstaffiert ist. Auf dem Fußboden - ein Chaos: angebissene Brötchen, Klamotten und ein Berg durcheinandergeworfener Musikkassetten. Es riecht nach Alkohol. Das Bett war vor langer Zeit einmal weiß, aber bei unserer Müdigkeit ist uns das egal. Wir breiten
die Schlafsäcke darüber aus und plumpsen hinein.
Mitten in der Nacht schleicht jemand ins Zimmer und legt sich aufs andere Bett.
(Auszug aus 'Durchgetreten')



USA - Im Armenhaus

Feuerwehr vor Chicago

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Wir verlassen Kanada. Nun führt uns der Weg durch die USA. in den Dörfern begegnen uns die Leute freundlich und zuvorkommend, gewähren uns Quartier für die Nacht. Wir schlafen in Kirchen und Feuerwehrstationen, bei Familien und in Universitäten. Doch je größer die Orte werden, umso mißtrauischer werden manche Bewohner der Häuser. Offenbar halten sie uns Fremde für Räuber auf Rädern. Nicht selten wird uns durch Gazetüren klar gemacht, daß man nichts für uns tun könne, wir schleunigst weiterfahren sollen.
Doch irgendwo finden wir letztlich doch Unterschlupf. Und sei es in einem Armenhaus ...

'Wieder bläst uns der Wind ins Gesicht. Wir nähern uns Chicago, und der Verkehr nimmt derart zu, daß wir neben den schnellen Autos und den mächtigen Trucks Todesängste ausstehen. Unsere Nerven liegen blank, und als neben der Straße eine Wiese auftaucht, halten wir dort an und legen uns mit dem Rücken ins Gras, alle viere weit von uns gestreckt. Da hält ein Wagen, eine Tür klappt. Jemand läuft über den Kies, kommt näher und beugt sich über uns, daß wir erschrocken die Augen aufreißen. Wir erkundigen uns irritiert, was los sei, der Fahrer bleibt erstaunt stehen und fragt, ob mit uns alles okay sei. Er freut sich, daß es uns gut geht,
winkt ab und steigt wieder in seinen Wagen. Heute ist dies das dritte Mal, daß uns so etwas widerfährt.
Am Abend klopfe ich in einem Vorort von Chicago wieder mal an eine Tür. Ronald steht voller Erwartung in einiger Entfernung bei unseren Lasteseln. Ein Mann erhebt sich aus seinem Sessel, stellt sich hinter die Tür, ohne Anstalten zu machen, diese zu öffnen. Ich muß ihm durch den Moskitovorhang hindurch unser Begehr vortragen. Mitten im Satz unterbricht er mich.
»Sorry«, nuschelt er und läuft ins Zimmer zurück.
»Denken Sie, wir wollen Sie umbringen?« rufe ich ihm nach.
Wir suchen weiter. Sprechen bei McDonalds vor, in einer Nachtbar, sogar einen Streifenwagen halten wir an. Schließlich stehen wir wieder vor der Tür eines evangelischen Armenhauses. Eine junge Frau öffnet, bittet uns hinein. Endlich ein freundliches Gesicht nach all dem Mißtrauen!
Wieder treffen wir die Heim- und Hoffnungslosen, aber hier herrscht ein locker-lustiges Klima. Gelächter schallt aus der Küche, von den Eßtischen. Die Menschen kauen mit vollen Wangen Kartoffeln und Fleischklopse. Bald sitzen wir neben ihnen und tun das gleiche.
Als wir noch, über die Teller gebeugt, schlingen, schlittert ein kurzhaariger Typ - auf dem Kopf ein Basecap, an dem zwei ineinanderklatschende Stoffhände befestigt sind - quer über den Parkettfußboden auf uns zu und setzt sich uns gegenüber auf einen Holzstuhl. Dann putzt er seine rote Hornbrille und lacht uns an.
»Ihr wißt, daß ich Tom heiße?« Sein Grinsen wird breiter. Woher sollen wir seinen Namen kennen? Er setzt die Brille auf seine Knollennase und erzählt von seinem »High-Bike«.
»Ich will damit in fünf Jahren zum Mond fahren. Lusitg, nicht wahr?« Toms Zähne blinken dabei im Neonlicht wie Klaviertasten. Wir vergessen weiterzuessen. Seine Heiterkeit steckt an. Er grinst ständig, als wäre das sein normaler Gesichtsausdruck. Er ist offenbar etwas wirr im Kopf, vor allem aber scheint er ein gutes Herz zu haben.
Tom zieht eine Papierrolle hervor, breitet sie aus. Er zeigt auf die Überschrift: »Warteliste für den Besuch bei Präsident Clinton«. Er kichert, als er abwechselnd aufs Papier und auf uns schaut. Tatsächlich steht auch sein Name auf der Liste: Tom King -1998.
Er wühlt einen Zeitungsartikel aus seinem grünen Parka. Die Titelseite eines Lokalblattes. Darauf ein Foto - Tom sitzt auf seinem »High-Bike« und spielt mit Plastikwindmühlen.
»Das bin ich!« Stolz tippt er mit dem Zeigefinger erst auf das Bild, dann auf sich. In dem Artikel steht, daß Tom der Clown der Kinder in diesem Ort ist, und tatsächlich sieht man in der rechten Bildhälfte die Kinder klatschen.
Wieder lacht Tom. Er lacht und lacht und hört nicht auf. Ein Armer unter Armen. Nur seinen Humor schöpft er wie eine Goldgrube aus. Als wir im Schlafsaal auf den Matratzen liegen, kommt er dreimal, um uns eine gute Nacht zu wünschen.

Früh um sieben schälen wir uns aus dem Bettzeug und torkeln in den Waschraum. Tom läuft uns in seinem grünen Parka über den Weg. Er ist ganz aufgeregt wegen seiner »High-Bike«-Vorführung, extra für uns.
Nach dem Frühstück führt er uns ins Freie auf den Platz vorm Armenhaus und steigt auf das seltsame Gefährt. Der Sattel sitzt auf einem Besenstiel. Die Pedale sind aus kleinen Holzbrettern gefertigt. Tom steigt auf, wendet, lenkt auf uns zu und betätigt eine Blasebalghupe. Die Windmühlen am Lenker, der ein riesiges Trapez
darstellt, rotieren im Wind.
Als Tom absteigt, genug, so sagt er, habe er nie davon, setze ich mich auf das wacklige Gestell. Erst jetzt fällt mir auf, daß in der Lenkeröffnung des Rahmens der Sattel auf dem Besenstiel steckt, und im Loch für die Sattelstange das Lenkertrapez. Ich kurve ein bißchen umher, lenke mit dem Hintern. Markus und Tom jubeln mir zu. Tom zappelt, glücklich darüber, daß ich mit seinem »High-Bike« zurechtkomme.
Als wir aufbrechen, begleitet er uns bis auf den Highway. Dort kommen uns ABC-Schützen entgegen. Sie schauen gelangweilt drein.
»Hallo, Kinder!« ruft Tom. Er tut uns leid, denn keiner der kleinen Burschen reagiert freundlich. Ein Dreikäsehoch steckt ihm gar die Zunge aus.
An der Kreuzung drückt uns Tom die Hände.
»God bless you«, sagt er und steht noch lange am Straßenrand der Zufahrt, nachdem wir uns in den dichten Stadtverkehr eingefädelt haben.
(Auszug aus 'Durchgetreten')



Westeuropa - Endspurt

Belgien

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Über Chicago und Indianapolis, die Appalachen hinter uns lassend, erreichen wir Washington und bald darauf New York. Wir haben es nun fast geschaft. Nun müssen wir nur noch ins Flugzeug steigen, nach London fliegen und über Frankreich, Belgien und Holland nach Deutschland, nach Rostock fahren. Nur noch etwas mehr als 1.000 Kilometer. Ein Katzensprung.
Als wir in London landen, ist uns, als schnupperten wir bereits die Heimat. Wir jagen von London aus südwärts nach New Haven und besteigen die Fähre über den Ärmelkanal. Es dunkelt rasch. Es ist Ende Oktober. Wir nutzen die Zeit auf der Fähre, nehmen eine Mütze Schlaf, und als wir im französischen Djeppe anlanden, rauschen wir weiter gen Osten, begünstigt von Rückenwind. Daß es regnet, stört uns nicht. Unsere Gedanken sind bereits daheim angekommen. Wir malen uns unsere Ankunft aus und nehmen unsere Umgebung kaum noch wahr. Unser Geist ist gesättigt von all den Eindrücken und Begebenheiten der letzten Wochen und Monate. Nun können wir kaum noch etwas Neues aufnehmen. Wir fahren Tag und Nacht, solange, bis wir nicht mehr können. Dann torkeln wir zu einem Straßengraben und legen uns in die Schlafsäcke. Nach ein paar Stunden aber stehen wir wieder auf und fahren weiter, immer weiter, bis wir in der Nacht zum 5. November die Kleinstadt Kröpelin, dreißig Kilometer von unserem Startpunkt in Rostock entfernt, erreichen. Wir breiten die Schlafsäcke neben einem Betriebszaun im kalten Gras aus und legen uns hinein. Wir schauen in den Sternenhimmel, und es fällt uns schwer zu begreifen, daß sich morgen der Kreis um die Welt schließen wird, wir heimkehren. Werden wir ins Guinness-Buch aufgenommen? Nur dreißig Kilometer fehlen noch.


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Kommentare

  • martigor

    Klasse. Ihr seid verrückt. Ich beneide euch und will auch so eine Reise machen. Aber ich bin nicht verrückt. Schade nur, dass zu wenig Fotos sind.

  • jakutien

    Vielen Dank. Mehr Fotos findest Du übrigens unter www.durchgetreten.de bzw. www.aufbrechen.de. Werde demnächst aber auch hier noch einige Fotos hochladen.

  • martigor

    Eure Homepage ist wirklich etwas Besonderes. Ich habe Euch eine Nachricht gesendet.

  • ruediger

    Respekt :-)

  • nafetsF

    Wow - nicht schlecht. Hammer die Hornissen-Story

  • RdF54

    ICH BIN GEPLÄTTET!!!
    Was für eine Story! Wert in einem Buch zu verewigen!
    Dein schöner Schreibstil baut Spannung auf und läßt den Leser vorsichtig wieder auf Normal gleiten!! Einfach klasse!!
    Volle Punktzahl!!
    Bin immer noch atemlos, als wäre ich Euer Rennen mitgelaufen .... :-)

    LG Robert

  • knallus

    sehr interessant und gut geschrieben !!

  • nach oben nach oben scrollen
  • wildwind

    Da geht ja echt was ab!!! Ich habe schon als kleines Kind von Sibirien geträumt und wollte immer mal - nicht mit dem Fahrrad - von Ulm (bin da geboren) nach Peking reisen. War für mich der absolute Inbegriff von "Traum". Ist leider bis heute ein Traum.
    Was seid Ihr bloß für tolle Burschen! Und super geschrieben, der Bericht.
    Liebe Grüße
    Wildwind

  • RC-Redaktion

    Was für ein Abenteuer! Ein toller Reisebericht, den wir heute wiederentdeckt haben - unsere heutige Empfehlung auf der Startseite.

  • RELDATS

    Absolutes Kompliment für diese Story.
    Nette Grüße von Josef

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