Azoren für Einsteiger - „Slow down and take it easy.”

Reisebericht

Azoren für Einsteiger - „Slow down and take it easy.”

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Eine amüsante Anekdote

Azoren - Am Strand von...

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Die frühen portugiesischen Entdecker der Azoren hielten die zahlreichen Greifvögel, denen sie auf den abgeschiedenen Inseln im Nordatlantik begegneten für Habichte (portugiesisch: acores) und nannten den Archipel darum „Arquipelago de los Acores“.
Damals waren wohl keine versierten Ornithologen unter den Reisenden, denn wie sich später herausstellte handelte es sich bei den Habichten um Mäusebussarde, die in der Landessprache buetos genannten werden. Der Habicht kommt auf den Azoren gar nicht vor, folgerichtig müssten die Acores eigentlich die Buetos heißen. So trägt der Archipel bis heute einen Namen, der eigentlich gar nichts mit seiner Fauna zu tun hat.






Kleine Landeskunde

Die meisten Europäer verbinden mit den Azoren bis heute „nur“ das Azorenhoch – ein für das europäische Wetter recht prägendes stationäres Hochdruckgebiet im Bereich der Inselgruppe, welches fast allabendlich in unserem Wetterbericht genannt wird. Die Azoren, die durch ihre Landmasse für dieses stationäre Hochdruckgebiet verantwortlich sind, liegen im Atlantischen Ozean zwischen 36°55’ und 39°42’ nördlicher Breite und zwischen 25° und 31°30’ westlicher Länge.
Sie sind seit der Zeit der seefahrenden Entdecker im 15ten Jahrhundert „Europas Außenposten“ auf dem Weg nach Amerika und stellen auch im 21.Jahrhundert für Segler eine beliebte Zwischenstation bei der Überquerung des Atlantiks dar.

Die „Autonome Region der Azoren“ gehört heute zu Portugal und damit zur Europäischen Union. Bis zur Hauptstadt Portugals am Tejo, sind es ca. 1400 km quer über den Atlantik.
Der Archipel besteht aus drei Inselgruppen. Zur östlichen Gruppe gehören die Inseln Sao Miguel und Santa Maria. Im Raum der Mittelgruppe: liegen die Inseln Terceira, Sao Jorge, Graciosa, Pico und Faial. Zur Westgruppe gehören die Inseln Flores und Corvo. Die Entfernung zwischen der östlichsten Insel Santa Maria und der westlichsten Insel Corvo beträgt ca. 650 km. Die gesamte Landesfläche bemisst sich auf 2333 km², wobei die größte und bevölkerungsreichste Insel Sao Miguel mit der Hauptstadt Ponta Delgada allein 747 km² umfasst. Insgesamt leben knapp 240.000 Menschen auf dem Archipel.
Die Inselwelt der Azoren war vermutlich schon den antiken Seefahrern bekannt. Besiedelt wurde sie allerdings erst im 15. Jahrhundert durch den Seefahrer Diogo de Silves, der dem portugiesischen König unterstand. Auf den Azoren lebten vor der Besiedlung durch die Portugiesen keine Ureinwohner, es gab weder gefährlichen Tiere noch giftige Schlangen.
Überseekabel, Ackerbau und das Handy
Unter dem Einfluss des Menschen veränderten sich Flora und Fauna der Inseln in rasantem Tempo. Die Wälder wurden abgeholzt um Boote zu bauen, Platz für Ackerflächen und Viehweiden zu schaffen, Siedlungen wurden gebaut. Die sowohl aus Europa wie auch aus Asien eingeführten Pflanzen und Tiere gediehen auf den fruchtbaren vulkanischen Inseln prächtig, so dass bereits im 15. und 16. Jahrhundert ein Export von landwirtschaftlichen Produkten nach Europa möglich wurde.

In den folgenden Jahrhunderten bekamen die Azoren eine erhebliche Bedeutung für die Segelschifffahrt zwischen der alten und der neuen Welt, sowie als Anlaufpunkt für die Schiffe der Walfänger insbesondere aus den Vereinigten Staaten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in Horta auf der Insel Faial eine Relaisstation für die Überseekabel der großen Telegrafengesellschaften errichtet. Die ersten Transatlantikflugzeuge der Lufthansa wasserten hier um aufzutanken.
Bezüglich der Kommunikations- und Verkehrsverbindungen haben die Azoren in Zeiten von Non-Stop-Transatlantikflügen und Satellitenkommunikation ihre einstige Bedeutung weitgehend verloren.
Seit dem Beitritt Portugals zur EU hat sich das Inselleben strukturell dem europäischen Standard angepasst. Das Bild der handytragenden Großmütter und Enkel ist ebenso allgegenwärtig, wie Internetcafes, Geldautomat und Großbildschirme, letzteres ist ein Vermächtnis der letzten Fußballeuropaweltmeisterschaft deren Gastgeber Portugal war. Die Eröffnungshymne der Fußballeuropaweltmeisterschaft stammt von der Künstlerin Nelly Fortadou, deren Eltern von der Insel Sao Miguel kommen. Der Euro ist das Zahlungsmittel der Gegenwart. Die touristische Erschließung findet sehr behutsam statt, große Hotelburgen in Strandnähe gehören nicht zum Landschaftsbild der Azoren. Dieser Umstand ist zum einen auf die kaum vorhandenen Strände, zum anderen auf die städtebauliche Politik der Azoreaner zurückzuführen.

Neben der Moderne prägen auch heute noch Ackerbau, Viehzucht, das allgegenwärtige Meer und das milde Klima den Lebensalltag der meisten Azoreanos. Kartoffeln, Kohl, Rindfleisch, Käse, Wein, frischer Fisch aus dem Atlantik und eine ganze Palette exotischer Früchte gehören zu den landestypischen und äußerst delikaten Spezialitäten der Inselwelt.



Die Suche nach Atlantis

Faial - Ausblick über die Insel

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Meine Suche nach Atlantis begann im Jahr 1986 und führt mich im Jahr des großen Gaus (Tschernobyl) mit meiner damaligen Lebensgefährtin auf den Archipel der Azoren. Vielleicht fand ich nicht das Atlantis, welches Solon vor 2400 Jahren oder Otto Muck in der 2. Hälfte des 20sten Jahrhunderts beschrieben haben, aber für uns war es „terra incognita“, eine von unscheinbarer Schönheit gesegneten Inselwelt, von Europa kaum bemerkt und von den Touristenströmen zwischen den Kontinenten verschont. Das Mutterland Portugal wurde im gleichen Jahr Mitglied der Europäischen Union und der heimische Kontinent war weit entfernt, als zwei Tage nach unserer Abreise aus Berlin die radioaktiven Niederschläge aus der damaligen Sowjetunion über weiten Teilen Europas niedergingen. Während wir mit Zelt und Rucksack Sao Miguel, Terceira, Faial und Pico erkundeten und die Frühlingstage an frischer Luft in einer grandiosen Insellandschaft genossen, informierten sich Mütter und Väter in Deutschland über den Belastungsgrad von verstrahlten Lebensmitteln und sorgten sich um die Zukunft ihrer Kinder, ließen sie nicht im Sandkasten spielen und betrachteten den Aufenthalt im Freien als eine potentielle Gefährdung. Wir sahen Bilder in Zeitungen und dann auch im Fernsehen, da wir kein portugiesisch sprachen, verstanden wir zwar, dass da eine Katastrophe geschehen war, hatten aber keine wirkliche Vorstellung vom Ausmaß des Geschehens.
Auf dem Flughafen auf Terceira begegnete uns ein amerikanischer Ex-Offizier, der gerade aus Frankfurt gekommen war. Er berichtete uns über seine Erlebnisse in deutschen Supermärkten, über die Hilflosigkeit und Arroganz der Politiker und ließ kein gutes Haar am damaligen Kanzler Kohl. Er hatte 12 Jahren als Soldat in Deutschland verbracht, jetzt lebte er in einem Haus auf der Insel Santa Maria, freute sich auf die Bananen aus eigenem Anbau und wollte nie wieder zurück.
Nach diesem Treffen versuchten wir per Telefon eine Woche lang vergebens unsere Familien zu erreichen. Erst als wir bereits drei Wochen unterwegs gewesen waren kam eine Verbindung zu einem guten Freund zustande, der uns riet, doch besser noch eine Weile dort zu bleiben wo wir gerade waren.
Die Ereignisse lagen wie ein Schatten über einer Reise, die uns paradiesisch schöne Bilder von brodelnd heißen Quellen, von einem unglaublich weitem Ozean, grünen Hügeln mit grasenden Kühen, Blumen und Pflanzen in verschwenderischer Vielfalt bescherte. Die unaufdringlich freundlichen Azoreaner lebten auf ihren Inseln mit einer ganz eigenen stillen Menschlichkeit im Angesicht der elementaren Naturgewalten zwischen Vulkan und Ozean und sie schienen ihr Leben auf den höchsten Gipfel eines untergegangenen Kontinentes zu lieben.

Jahre vergingen, in denen die Europäisierung bis zu den westlichen Vorposten weit draußen im Meer voran schritt. Flugplätze wurden modernisiert, Landebahnen verlängert, Straßen gebaut, Supermärkte eröffnet, Geldautomaten wurden aufgestellt, das Leben der Menschen blieb davon zwar nicht unbeeinflusst, aber in ihrem Wesen hat sich die offene und freundliche Menschlichkeit nicht verändert.
Viele Menschen haben ihr Atlantis, ihren Traum von einem zufriedenen Leben hier gefunden. Die Nachfahren der ersten Siedler aus Portugal und die Flamen, Engländer, Franzosen und Deutschen, die sich in den Jahrhunderten bis heute auf den Azoren niedergelassen haben, bilden heute eine europäische Exklave mit Modellcharakter für einen globalen Klima-, Natur- und Meeresschutz – und für eine Lebensart mit verträglichem Rhythmus.

1998
12 Jahre nach meinem ersten Aufenthalt, reiste ich mit meiner damaligen Freundin, meiner heutigen Frau erneut auf die Azoren. Wir kamen eine Woche nach einem heftigen Erdbeben (Stärke 5,6 auf der Richterskala) auf Faial an. Zahlreiche Häuser waren zerstört, es gab 8 Tote und viele Verletzte. Zelte waren aufgestellt worden und Notunterkünfte wurden gebaut.

Während unserer ersten Busfahrt nach Capelo waren wir von den Auswirkungen der Erdkräfte erschüttert und fasziniert zugleich. Schutt und Trümmer säumten die Straße, tiefe Risse zeigten sich in den Häusern, die noch standen. Wir getrauten uns kaum ein Foto zu machen und stiegen schließlich am Ortsende des Dorfes Capelo aus dem Bus. Auf einer Wiese stellten wir unser Zelt auf und hatten einen Ort gefunden, um die Stille, den Anblick des jungen Vulkan und die Weite des Atlantiks zu genießen.



Varadouro


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Kommentare

  • doubleh

    sehr informativ, ein paar Bilder zur Veranschaulichung wären super

  • RdF54

    Ein sehr guter und auführlicher Bericht, der einem die kleinen Flecken zwischen alter und neuer Welt informativ näher bringt.
    Gut zu lesen doch ein paar Bilder mehr hätten nicht geschadet ...

    LG Robert

  • doubleegg

    Diese Liebeserklärung an die Azoren kann ich nach meiner eigenen Reise gut verstehen. Ihr bewundernswertes Engagement für NATURA 2000 ist für mich ein Anreiz!
    Herzliche Grüße Elke

  • Schoena

    Vielleicht kommen sie noch, die Bilder !!! zu dieser Liebeserklärung an die Azoren, wie Elke vor mir bemerkt. Ich glaube, es würde nicht nur mich freuen. Sonst hat mir der Bericht mit den vielen interessanten Informationen gut gefallen.

  • azorenfan

    Die Azoren verändern die Menschen

    jeder den ich bisher getroffen habe und die Azoren besucht hat, hat sich verändert. Diese Inseln machen irgendwas mit den Menschen. Ich selbst bin beeindruckt von der Natur, dem Wasser, den Vulkanen

    Vorher interessiert ich mich nie für Natur - jetzt bin ich angesteckt von diesem Virus wie Du auch. Ein gelungener Reisebericht für azoren interessierte habe ich noch einige Tipps: Wer Inselhopping machen will sollte mit TAP über lissabonn fliegen und die Stadt bei einen stopover gleich mitbesuchen
    schöne Bilder und infos bieten auch:
    http://www.visitazores.org/
    http://www.azorenguide.de
    http://www.azoren-blog.de
    ich hab in 14 Tagen über 1000 Fotos gemacht mehr als bei meiner Australienrundreise! Schöner Bericht! Klasse text, tja die fotos fehlen bisschen

  • Claus_Wagner

    Dieser Bericht über die Azoren veranschaulicht mir, dass ich die Azoren bereisen MUSS!
    Madeira habe ich bereits drei Mal gesehen, da werden mir diese Inseln wohl auch gut gefallen. Die Vegetation ist interessant und die Landschaft wunderschön.
    Danke für diesen Einblick.
    Das Fotos fehlen brauche ich nicht zu erwähnen...
    Viele Grüße
    Claus

  • Blula

    Ich bin sehr angetan von diesem äußerst informativen Bericht. Wo sonst kann man schon mal zu viel über die Azoren erfahren?!! Supergut und lesenswert.
    Vielen Dank, auch für die schönen Fotografien!
    LG Ursula

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