Göttingen: Sternstunden der Mathematik - auf den Spuren des Superhirns C. F. Gauß

Reisebericht

Göttingen: Sternstunden der Mathematik - auf den Spuren des Superhirns C. F. Gauß

Reisebericht: Göttingen: Sternstunden der Mathematik - auf den Spuren des Superhirns C. F. Gauß

n mal (n plus 1) geteilt durch 2 – diese mathematische Formel wird auch "Der kleine Gauß" genannt. Den allermeisten dürfte sie in ihrer Schulzeit schon mal begegnet sein. Mit der Formel wird die Summe aller Zahlen von 1 bis x ermittelt. Erdacht hat sie das Superhirn Carl Friedrich Gauß – und zwar im zarten Alter von neun Jahren! ...

Göttingen: Szene aus "Die Vermessung der W...



... Während seine Mitschüler mühsam 1 + 2 + 3 und so weiter bis 100 zusammenzählten und sich dabei immer wieder verrechneten, hatte der junge Gauß in Nullkommanichts das richtige Ergebnis parat. Schon damals deutete sich an, dass aus dem Kind eines Schlachters einer der größten Mathematiker aller Zeiten werden würde.
Gauß war 1777 in Braunschweig geboren, er verbrachte aber die meiste Zeit seines Lebens in Göttingen, wo er an der Universität zuerst studierte, später lehrte und wo er schließlich 1855 starb. Dem "Fürsten der Mathematik" hat Göttingen viel zu verdanken. Ihm zuliebe, so heißt es, soll sein Bewunderer Napoleon Bonaparte auf die Beschießung der Stadt verzichtet haben.
Mit einer speziellen Gästeführung, genannt die "Sternstunden der Mathematik", ehrt Göttingen seinen großen Sohn. Und mehr noch: Am Deutschen Theater der Universitätsstadt wird seit der Spielzeit 2009/2010 "Die Vermessung der Welt" aufgeführt, eine satirische (Tragi-)Komödie nach dem Bestseller-Roman von Daniel Kehlmann. Die Hauptfiguren in dem Stück: Der skurrile Naturforscher Alexander von Humboldt und sein mindestens ebenso skurriler Zeitgenosse, der Mathematiker Carl Friedrich Gauß.



(Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":)
"Alle Zahlen von 1 bis 100 zusammenzählen. Na los, keine Maulaffen feilhalten! Anfangen, los!"
Gauß stand nach drei Minuten mit seiner Schiefertafel, auf die nur eine einzige Zeile geschrieben war, vor dem Lehrerpult.
"So, und was soll das?"
"5050."
"Was?"
"Darum ist es doch gegangen bei der Addition von allen Zahlen von 1 bis 100. 100 und 1 gibt 101, 99 und 2 gibt 101, 98 und 3 gibt 101, immer 101. Das kann man fünfzigmal machen, also 50 mal 101. Die Zahl ist 5050."
"Gott verdamm' mich."



Göttingen: Alte Uni-Bibliothek

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Schon als Dreikäsehoch verblüffte Carl Friedrich Gauß seinen Lehrer. Auch der Herzog von Braunschweig wurde bald auf den Wunderknaben aufmerksam, förderte seine Ausbildung und finanzierte sein Studium. Gauß wollte nach Göttingen, wo der berühmte Experimental-Physiker Georg Christoph Lichtenberg lehrte und wo es eine der besten Bibliotheken Europas gab:

"Göttingen hat neben Paris, Washington und London die einzige vollständig auf Pergament gedruckte Gutenberg-Bibel in ihrem Besitz", erzählt Stadtführerin Barbara Fink,, "und das war halt für sämtliche Fakultäten, war das hervorragend ausgestattet, wobei es heißt, dass das erste Buch, was Gauß sich ausgeliehen hat, ein Liebesroman gewesen ist."

Stadtführerin Barbara Fink nimmt uns mit auf einen Rundgang durch die Göttinger Innenstadt, wo wir Gauß auf Schritt und Tritt begegnen. Gleich gegenüber der Uni-Bibliothek war seine erste Studentenbude. Er lernte fleißig, vertiefte sich in die Geometrie und entwickelte beispielsweise eine Formel für ein regelmäßiges Siebzehneck. Aber Genie macht einsam. Abgesehen von Lichtenberg war Gauß seinen Professoren ebenso unheimlich wie seinen Kommilitonen. Und er hatte nur einen einzigen echten Freund – den jungen Ungarn Bolyai.



Göttingen: ehem. Accouchierhaus

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"Die beiden sind kurz vor Ende des Studiums nach Braunschweig zu Gauß’ Eltern gewandert – man wanderte ja damals. Und dann hat die Mutter von Gauß den Wolfgang Bolyai zur Seite genommen und gefragt, ob denn was aus ihrem Sohn werden würde. Und er mit einem Brustton der Überzeugung: ja, der größte Mathematiker der Welt."

Wenn man dem Theaterstück glauben darf, war der größte Mathematiker der Welt nicht nur ein Freund der Zahlen, sondern auch ein Freund der Frauen. Im so genannten Accouchierhaus soll er regelmäßig eine russische Prostituierte besucht haben. Geheiratet hat er die Braunschweigerin Johanna Osthoff. Sie war seine große Liebe. Doch selbst in der Hochzeitsnacht konnte er von der Mathematik angeblich nicht lassen.



Göttingen: Deutsches Theater

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(Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":)
Als er seine Hand über ihre Brust zum Bauch und dann…
Er entschied sich es zu wagen, obwohl ihm war, als ob er sich dafür entschuldigen müsste.
…weiter hinabwandern ließ, schämte er sich, dass ihm ausgerechnet in diesem Moment klar wurde, wie man Messfehler der Planetenbahnen approximativ korrigieren konnte.
"Ich bitte um Verzeihung."
Er stand auf, stolperte zum Tisch, tauchte die Feder ein und schrieb, ohne Licht zu machen.
"Ich kann das jetzt nicht glauben!"

Mit seiner Frau Johanna zog Carl Friedrich Gauß in die Göttinger Nikolaistraße. Dort hielt er auch Vorlesungen, denn aus dem ehemaligen Studiosus war inzwischen der Professor Gauß geworden. Die Lehrtätigkeit aber hasste er, seine Studenten hielt er allesamt für begriffsstutzige Esel:

(Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":)
Er sprach so langsam, dass er den Anfang des Satzes vergessen hatte, bevor er zum Ende kam. Es half nichts, sie verstanden nicht, am liebsten hätte er geweint.
Er fragte sich, ob die Beschränkten ein spezielles Idiom hatten, das man lernen konnte wie eine Fremdsprache. Er gestikulierte mit beiden Händen, zeigte auf seinen Mund und formte die Laute, als hätte er es mit Taubstummen zu tun.



Göttingen: Gauß-Weber-Denkmal

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Lediglich auf den jungen Physiker Wilhelm Weber hielt Gauß große Stücke. Stadtführerin Barbara Fink führt uns zu einem Denkmal der beiden Wissenschaftler an der Bürgerstraße. Gemeinsam haben Weber und Gauß den ersten elektromagnetischen Telegrafen erfunden.

"Die erste Nachricht, so heißt es, wäre Michelmann kömmt", sagt Barbara Fink. "Kann nicht sein, das war nämlich der Gehilfe von Gauß. Der war aber erst 1845 eingestellt worden. Und diesen elektromagnetischen Telegrafen haben sie schon 1837 entwickelt. Und die erste Nachricht war tatsächlich wesentlich bedeutungsvoller: Wissen vor meinen, sein vor scheinen."

Der Telegraf verband das Physikalische Institut der Universität mit der Sternwarte, deren erster Direktor Carl Friedrich Gauß war und die zu den modernsten ihrer Zeit gehörte.

"Die Sternwarte war also das Nonplusultra der damaligen Architektur. Sie war exakt nach Nord-Süd ausgerichtet, sie war weit genug weg von der dreckigen Innenstadt, und sie hatte einen erschütterungsfreien Unterbau, sodass die Instrumente gesichert aufgestellt werden konnten."



Göttingen: Zeitgenössisches...

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Der Blick in die Sterne diente vor allem zur Berechnung von Entfernungen auf der Erde. Die Vermessung der Welt verband Gauß mit seinem Zeitgenossen Alexander von Humboldt ebenso wie die Erforschung des Erdmagnetismus. Doch während Humboldt dazu in ferne Länder reiste, blieb Gauß lieber daheim und verließ sich ganz auf Mathematik und Physik:

(Szene aus dem Theaterstück "Die Vermessung der Welt":)
Den größten Teil seiner Tage verbrachte Gauß vor einer langen, an einer Verstärkerspule pendelnden Eisennadel. Humboldts Vermutung wurde bestätigt. Das Erdfeld fluktuierte, seine Stärke veränderte sich periodisch.
"Man muss nicht auf Berge steigen oder sich durch den Dschungel quälen. Wer diese Nadel beobachtet, sieht auf das Innere der Welt."



Göttingen: Grabmal des...

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Die Strapazen einer Reise waren Gauß stets unangenehm, und so verwundert es nicht, dass er im heimatlichen Göttingen gestorben ist. Barbara Fink zeigt uns sein Grabmal unweit des Deutschen Theaters. Dort wurde der große Mathematiker beigesetzt, dann aber wieder ausgebuddelt und sein Gehirn entnommen.

"Gauß' Totenruhe", meint die Stadtführerin, "wurde vermutlich gestört, weil man wissen wollte, wie so ein Hirn aussieht eines Genius’, weil man ja die Vorstellung hatte, da muss irgendeine besondere Hirnwindung sein, dass er so genial gewesen ist."

Das Superhirn allerdings sah aus wie jedes andere. Die Naturwissenschaft findet eben nicht für alles eine Erklärung – und das ist vielleicht auch gut so.


(Mehr zu Gauß in Göttingen auf meiner Webseite: www.rolf-froehling.de)


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Kommentare

  • 238EWT

    Anschaulicher Bericht. Man lernt nie aus.

  • Karu24

    Ich habe Kehlmanns Buch mit Faszination gelesen und auch Göttingen besucht. Ich stimme diesem Bericht zu und danke dafür.

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