Luft anhalten und abtauchen!

Reisebericht

Luft anhalten und abtauchen!

Reisebericht: Luft anhalten und abtauchen!

Teilnahme an einem Apnoe-Kurs vor Fuerteventura.

'52! 53! 54!', höre ich meine Tochter rufen, und in die '55' hinein
hebe ich den Kopf aus dem Wasser in der Badewanne. 'Super, Papa!',
jubelt sie. 'Fast eine Minute hast du die Luft angehalten.' Judith ist
ein Kind, das viel gelobt wird. Und jetzt ist sie es, die mich bestärkt: Ich will nämlich Freitaucher werden. Dass die von mir erzielte Zeit im Vergleich zu der von Top-Apnoeisten erbärmlich ist, weiß sie nicht.

Apnoe-Taucher steigen ohne Pressluftflasche ins Wasser und tauchen ab - so tief, so weit oder so lange wie möglich. Dabei vollbringen sie unvorstellbare Leistungen: Der Tscheche Martin Stepanek erreichte aus eigener Kraft eine Tiefe von 108 Metern. Der 'No-Limits'-Taucher Patrick Musimu aus Belgien ließ sich von einem Schlitten in 209 Meter Tiefe ziehen (offiziell anerkannt ist dieser Rekord allerdings nicht). Der Hamburger Tom Sietas tauchte eine Strecke von 223 Metern - mehr als acht Bahnen in einem Hallenbad. Sietas ist auch Weltrekordler in der Disziplin 'statische Apnoe', dem bewegungslosen Zeittauchen: acht Minuten 58 hat er die Luft angehalten.

Ich schaffe nicht einmal 58 Sekunden. Aber seit ich den Film 'Im Rausch der Tiefe' gesehen habe, will ich das Freitauchen ausprobieren. Und morgen beginnt auf Fuerteventura ein Apnoe-Kurs. Ich bin angemeldet.

Mit den anderen Neuankömmlingen sitze ich am Pool des 'Club Aldiana' auf der Kanareninsel. Toni hat das Wort, er ist Inhaber der Tauchbasis. 'Mit mir könnt ihr gut untergehen', scherzt er. Dann zeigt er auf den Mann, der neben ihm steht und der ihn um fast zwei Kopflängen überragt. 'Der Andreas wird euch beibringen, die Luft anzuhalten.' Andreas Anlauf ist 44 Jahre alt und ein Hüne mit einem gewaltigen Brustkorb und Bizeps dick wie Oberschenkel. Bereits als 15-Jähriger hat er an Wettkämpfen teilgenommen, bei Freitauchweltmeisterschaften gehörte er zur Nationalmannschaft, er hat mehrere Rekorde aufgestellt.

Nun steht er am Pool und schwärmt von der Leichtigkeit, mit der sich Freitaucher bewegen, von der Stille, die nicht durch das Blubbern der ausgeatmeten Luft oder die Geräusche aus dem Lungenautomaten gestört wird. Dann gehen ihm die Worte aus, und er sagt nur noch, dass es in seinem Kurs nicht um Rekorde gehe. 'Apnoe - das ist totale Entspannung.' Am Abend sitze ich vor meinem Bungalow am Rande der weitläufigen Clubanlage und sehe auf das Meer. Am Horizont steht der Mond, sein Licht ergießt sich über den Atlantik. Springt da etwa ein Delfin? Wahrscheinlich Einbildung. Ob es eine gute Idee war, an einem Kurs teilzunehmen, der von solch einem Kerl geleitet wird? Kein Wunder, dass der lange die Luft anhalten kann, bei dem Brustkorb. Will ich wirklich mehr vom Meer als einen Augenblick wie diesen?

Für ein paar wankelmütige Sekunden sehne ich mich zurück in unsere Badewanne. Am Sonntag treffen sich die angehenden Apnoeisten am Pool. Als Kursleiter Andreas Anlauf von uns wissen will, warum wir hier sind, drehen sich die Antworten um 'Neugier', 'Selbsterfahrung', um den Film 'Im Rausch der Tiefe' und um eine Begegnung, von der ein Teilnehmer erzählt, der seit 17 Jahren mit Pressluft taucht: 'Eines Tages kam mir ein Freitaucher entgegen - in 20 Meter Tiefe! Er sah so elegant aus, ohne Schläuche und Geräte, glitt so mühelos dahin. Das Bild hat mich einfach nicht mehr losgelassen.' Zum Ende der Kennenlernrunde fordert uns Anlauf auf, die Luft anzuhalten und die Zeit zu stoppen. Ich schaffe 47 Sekunden.

Im Spätsommer ist Fuerteventura wunderbar, nicht mehr so voll, nicht mehr so heiß. Ein sanfter Wind raschelt in den Palmen. Am Montag um neun beginnt die Theorie. Andreas Anlauf erklärt, dass der Mensch mit einem normalen Atemzug etwa einen halben Liter Luft in seine Lungen saugt, dass sich diese Menge aber leicht auf vier bis fünf Liter steigern lässt. Mit ausgefeilter Technik, dem so genannten 'Packen', pumpen trainierte Apnoeisten sogar bis zu zehn Liter Luft in ihren Brustkorb.

Anlauf atmet zwei-, dreimal tief ein und saugt dann mit weit aufgerissenem Mund noch einmal Luft ein, die er mit heftigen Schluckbewegungen regelrecht in sich hineinfrisst. Er atmet aus. 'Das hätte bestimmt für fünf Minuten gereicht.' Eine Apnoe (griechisch: 'Nicht-Atmung') verläuft in Abschnitten. Anfangs fällt es leicht, die Luft anzuhalten ('Wohlfühlphase'). Mit dem ersten Zucken des Zwerchfells beginnt die 'Konzentrationsphase' - der Taucher muss sich ablenken, den Atemreiz verdrängen. Während der 'Kampfphase' geht es darum, das Auftauchen so lange wie möglich hinauszuzögern. Beginnen erste Krämpfe den Körper zu schütteln, nennt man das 'Samba'; es besteht die Gefahr einer Ohnmacht. Bei Tauchsportveranstaltungen werden die gemessenen Zeiten nur gewertet, wenn der Taucher aus eigener Kraft auftauchen kann und danach noch klar ansprechbar ist.

Wir ziehen die Neoprenanzüge an, denn selbst 26 Grad warmes Wasser lässt den Körper auskühlen. Erst entspannen wir uns auf den Liegen, atmen tief ein und doppelt so lange aus, damit der Puls niedrig bleibt. Nach einer Viertelstunde gehen wir langsam zum Pool. Für die Cluburlauber auf ihrem Weg zum Frühstück bietet sich ein seltsames Schauspiel. Zuerst treiben wir zu viert, die Füße auf dem Beckenrand liegend und nur durch den Auftrieb des Neoprenanzuges getragen, rücklings im Wasser, um uns an die Temperatur zu gewöhnen. Die vier anderen sind die Tauchpartner, sie werden neben uns stehen, die Zeit stoppen und uns alle 15 Sekunden kneifen. Antworten wir mit einem Okay-Zeichen, ist alles in Ordnung. Bleibt es aus, müssen wir schleunigst umgedreht werden.

Ich richte mich auf, atme zwei-, dreimal tief ein, dann sacke ich ins Wasser und treibe, Gesicht nach unten, im Pool. Nach ein paar Sekunden weicht die Spannung aus meinem Körper, ich schwebe mit geschlossenen Augen und reagiere auf jeden Kniff mit dem Zwei-Finger-OK. Erst nach einer Minute 58 muss ich Luft holen!

Am Nachmittag fahren wir mit dem Boot hinaus zum Tauchrevier. Auf der Fahrt erinnert uns Andreas Anlauf noch einmal daran, wie der Druckausgleich funktioniert, dass wir rechtzeitig die Nase zuhalten und in den Rachenraum hineinatmen müssen. Wir springen in den Atlantik. An der Wasseroberfläche treibend beobachte ich, wie sich mein Tauchpartner am Seil ins Blaue zieht. Erst im offenen Meer erschließt sich die ganze Eleganz dieses Sports. Langsam sinkt mein Partner in die Tiefe, bewegt sich auf den Knoten zu, der die Zehn-Meter- Marke darstellt, kehrt um. Ein anderer schafft schon im ersten Versuch den touch down, die Grundberührung.

Adriano Rillo, ein Teilnehmer aus der Schweiz, ist bereits seit einiger Zeit Freitaucher. Er trägt einen Neoprenanzug mit Kopfhaube, die fast einen Meter langen
Apnoe-Flossen und die charakteristische kleine, schwarze Taucherbrille. Mit ruhigen und fließenden Bewegungen erreicht er den Meeresboden in etwa 17 Meter Tiefe. Wie eine männliche Meerjungfrau begleitet er ein paar Gerätetaucher auf ihrem Weg über die Abbruchkante hinab in die Tiefe. Rillo umkreist die Taucher, scheint keinen Atemdrang zu kennen, es wirkt, als könne er ewig unten bleiben.

Ich komme nicht sehr weit. Obwohl ich rechtzeitig mit dem Druckausgleich beginne, schmerzt das Ohr. Auch Kursleiter Andreas Anlauf scheint an einer verschleppten Erkältung zu leiden, ihm will der Druckausgleich ebenfalls nicht gelingen. 'Das passiert', sagt Anlauf, 'du kannst versuchen, mit Meerwasser die Nebenhöhlen durchzuspülen. Wenn es nicht besser wird, geht es eben nicht. Tauche so weit hinab, wie du kommst, und genieße es.' Seit zehn Jahren gibt Andreas Anlauf Kurse, hat dafür die Freitauch-Akademie 'Glaukos' gegründet - benannt nach jenem Fischer, der in der griechischen Mythologie ins Wasser sprang, aber nicht ertrank, sondern zu einem Meeresgott wurde.

'Freitaucher' verstehen sich als die Hüter einer Tradition. Im 16. Gesang der Ilias schreibt Homer über diese Kunst in des 'Meeres fischreichen Gewässern', und dass es 'unvergleichliche Taucher' gebe im troischen Volk. Zum ersten modernen Wettkampf kam es, als vor rund 60 Jahren ein italienischer Pilot behauptete, dass er 30 Meter tief tauchen könne. Inzwischen hat sich ein Hightech- Spektakel aus dieser Wette entwickelt. Die Neoprenanzüge voller Sponsorenaufkleber, rasen 'No-Limits'- Taucher von Schlitten gezogen an Stahlseilen in die Tiefe, mithilfe von Auftriebballons kehren sie an die Wasser oberfläche zurück.

In den nächsten Tagen schaffen alle Kursteilnehmer die Grundberührung, nur mir machen die Ohrenschmerzen weiterhin zu schaffen, einmal erreiche ich immer hin den Zehn-Meter-Knoten. Unter den Aldiana-Apnoeisten herrscht beste Stimmung, wenn sie im Café vor 'Tonis Tauchbasis' sitzen. In den drei Tagen des Kurses haben wir enorme Fortschritte erzielt, ohne wirklich an unsere Grenzen gegangen zu sein. Unter der Anleitung von Andreas Anlauf verbessern alle kontinuierlich ihre Zeiten. Am Dienstag kann ich die Luft bereits zwei Minuten 28 anhalten, am Mittwoch sogar drei Minuten zwölf. Niemals hätte ich mir solche Zeiten zugetraut. Und als ich am Abend mit meiner Tochter telefoniere, sagt sie: 'Das machst du ganz toll, Papa.'

Donnerstag. Der letzte Tag. Unter den Einflüsterungen von Andreas Anlauf erheben wir uns wie Zombies, steigen langsam, ganz langsam ins Wasser. 'Denkt dran: je ruhiger der Puls, desto geringer der Sauerstoffverbrauch.' Die meisten haben die Augen geschlossen. 'Tief einatmen und mit dem Zwerchfell so viel Luft einsaugen wie möglich.' Nach und nach lassen wir uns ins Wasser sinken. 'Entspannt euch, denkt an etwas Schönes.' Ich höre das Wasser glucksen, spüre, wie ich leicht abtreibe, dann werde ich ruhig, sehr ruhig.

Eine Uhr piepst, als die erste Minute verstreicht. Es ist neun Uhr morgens, die Sonne scheint auf meinen Rücken. Pieps macht die Uhr, die zweite Minute ist um. Vor dem Becken haben sich ein paar Zuschauer versammelt. Es ist sehr still. Die Uhr läuft weiter. Pieps. 3:00. 'Du bist gut dabei', höre ich die Stimme von Andreas Anlauf sagen. 'Entspann dich.' Doch jetzt wird das Bedürfnis zu atmen immer stärker. Ich halte dagegen. Ich habe noch Zeit, denke ich. Ich versuche mich an eine Yoga-Übung zu erinnern, es gelingt mir aber nicht. 'Lenk dich ab', sage ich mir und denke, dass schon der Gedanke, an etwas anderes denken zu müssen, der Anfang vom Ende ist. Und richte mich auf.

'Das war sehr gut', sagt Andreas Anlauf, 'drei Minuten 26.' Er lächelt mich an. 'Aber ehrlich gesagt: Da war mehr drin.' Pieps. 4:00. Noch zwei Apnoeisten liegen kopfunter im Pool: Peter, der Feuerwehrmann, schafft vier Minuten zwölf. Pieps. 5:00. Jetzt läuft die Uhr nur noch für Adriano Rillo. Durch den Körper des 28- jährigen Schweizers geht ein Zucken. Pieps. 6:00. Adriano Rillo zittert, als hätte er einen elektrischen Schlag bekommen. Er kämpft. Zwei Sekunden nach dem Piepston muss er aufgeben. Eine sensationelle Zeit, die Zuschauer applaudieren.

Aber auch wir anderen sind viel weiter gekommen als erwartet. Und so sitzen wir abends mit einigem Stolz beim Bier, fragen uns aus, wer woran gedacht hat, als es darum ging, den Atemreflex auszutricksen, und ob man wohl auch im Alter von 50 Jahren an die Fünf-Minuten-Grenze herankomme.

Dann klingelt mein Telefon. Judith ist dran. 'Na, Papa, wie war`s?'



Fototermin mit Freitauchern

Keine Bildinformationen verfügbar

Teilen auf

Kommentare

  • J_und_E

    Unvorstellbar und faszinierend zugleich! Man bekommt schon beim Lesen Atemnot! Liebe Grüße Elli und John

  • s.gerhard

    Klasse Bericht! Ich hab Dir richtig die Daumen gedrückt und mitgefiebert :)

  • Tama (RP)

    Toller Bericht, sehr faszinierend :-)

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Luft anhalten und abtauchen! 3.75 4

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps