Frauenpower auf Tahitianisch

Reisebericht

Frauenpower auf Tahitianisch

Reisebericht: Frauenpower auf Tahitianisch

Reisen bringt immer außergewöhnliche Erlebnisse und Begegnungen. Meine Reisen Anfang der 90er nach Tahiti waren voll davon.

Die Bilder sind digitalisierte Dias. Sie geben leider die Farbenpracht nicht wirklich wieder und sollen hier nur dokumentarisch den Text unterstreichen.

Zur richtigen Zeit am richtigen Ort sein, darauf kommt es an. An diesem Tag ist es mir gelungen – oder hat da jemand nachgeholfen?
Es ist Sonntag und in Papeete ist nicht viel los. Die Trucks, als Busse umgebaute Lastwagen, fahren heute nicht. Trotzdem hab ich mir in den Kopf gesetzt, das Grabmal des Königs Pomare V. in Arue zu besuchen. Aus Frust über die französische Kolonisation hatte sich dieser letzte tahitianische König dem Suff ergeben und 1880 sein Königreich gegen eine Pension und ein paar Flaschen Benediktinerlikör verkauft, von denen eine noch heute sein Grabmahl ziert. Irgendwie empfinde ich Sympathie für den alten Pomare.
Die Autos sind alle übervoll und auch mit dem Autostopp scheint es nicht zu klappen, aber ich gebe nicht auf. Endlich habe ich Glück und es nimmt mich jemand mit. Das Grabmal steht nicht weit von einer Kirche. Einige Frauen, die auf dem Weg zum Gottesdienst sind, laden mich ein, mitzukommen. Von Beruf Kirchenmusikerin, verzichte ich während meines Urlaubs eher auf Kirchenbesuche, aber ich will nicht unhöflich sein.

Von dem, was im Gottesdienst geredet wird, verstehe ich nichts, weil in der protestantischen Kirche Tahitis Maohi gesprochen wird. Aber die Sprache der Musik entschädigt mich für die nichtverstandenen Worte. Wo immer mehr als zwei Tahitianer zusammen kommen, singen sie mehrstimmig. Der Gesang ist überwältigend. Ich schließe die Augen und lasse mich in dieses Meer von kraftvollen und wohlklingenden Tönen fallen, das mich von allen Seiten umgibt. Am Schluss des Gottesdienstes entschuldigt sich eine Frau auf französisch bei mir, dass sie alle die ganze Zeit über Maohi geredet hätten.
„Wir laden dich ein, am Wochenende mit uns zum Frauentreffen nach Moorea zu fahren. Miri, die neben dir sitzt, wird sich um alles kümmern, was du dort brauchst“, sagt sie. Ich habe schon öfter tahitianische Gastfreundschaft kennen gelernt, aber jedes Mal überrascht sie mich wieder.



Frauentreffen in Moorea

Auf der Überfahrt auf die Tahiti vorgelagerte Insel Moorea bekomme ich schon einen Vorgeschmack auf die Stimmung. Alle sind aufgekratzt. Entweder wird gelacht oder gesungen.





In Moorea schlafen wir in einer Schule. Der Weg dorthin führt uns durch die wunderschöne Landschaft von Moorea.



Landstraße in Moorea



Etwa 3000 Frauen sind von verschiedenen Inseln angereist. Alle Frauen einer Gruppe tragen einheitliche, meist lange, farbenfrohe Kleider, dazu eine Blumenkrone oder einen Hut. Es ist eine Augenweide, sie anzusehen. Miri versorgt mich mit den Kleidern der Arue-Frauen - ich gehöre dazu.





Auf der Festwiese ist ein großes, an den Seiten offenes Zelt aufgebaut. Die Frauen setzen sich auf den Boden, die Eröffnungsveranstaltung beginnt. Reden werden gehalten, eine Tanzgruppe tritt auf, Ehrengäste werden begrüßt, und immer wieder wird gesungen.



Keine Bildinformationen verfügbar


Am nächsten Tag beginnt das Treffen mit einem Gottesdienst. Schon eine Stunde vorher sitzen die Frauen im Zelt und singen um die Wette. Kaum hat eine Gruppe ein Lied beendet, beginnt eine andere Gruppe mit dem nächsten. Die Lieder werden immer temperamentvoller, und einige Frauen stehen auf und tanzen. Bald herrscht eine so ausgelassene Stimmung, dass die Organisatorinnen Mühe haben, die Frauen wieder zu beruhigen, damit der Gottesdienst beginnen kann.





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Nach dem Gottesdienst stellt jede Gruppe vor, was sie zum Thema des Treffens, dem „Vaterunser“, vorbereitet hat. Alle Gruppen betreten mit fröhlichem Gesang die Bühne. Es folgen entweder Reden, Sketche oder Gestentänze. Einige Darbietungen werden mit Ernst und Andacht andere eher in humorvoller Weise vorgetragen.



Einmal, als die langen Reden nicht enden wollen, beginnen einige Frauen im Publikum zu singen, andere fallen ein, und bald singt das ganze Zelt. Nach dem vergeblichen Versuch der Organisatorinnen, mit dem Programm fortzufahren, stimmen sie schließlich selbst mit ein, singen durch die Mikrophone lautstark mit und bringen so die Stimmung zum Höhepunkt. Als alle genug gesungen und gelacht haben, kehrt wieder Ruhe ein, und die Veranstaltung kann fortgesetzt werden. Daina, die Chorleiterin der Arue-Frauen, lacht mich an: „So sind wir, wenn wir von zu Hause weg sind. Was wirst du bloß von uns denken?“
Ich sage ihr, dass ich wünschte, wir hätten in unserer viel zu ernsten und humorlosen Kirche auch etwas zu lachen, und dass ich für meine Chöre am liebsten eine Dienstreise nach Tahiti beantragen würde, damit sie sehen und hören können, wie man auch singen kann.





„Nicht alle Frauen hier sind in den Gemeinden aktiv“, sagt Daina. „Viele nutzen die Gelegenheit, einmal im Jahr dem täglichen Einerlei zu entfliehen und sich auf harmlose Weise zu amüsieren. Manche Männer sind mißtrauisch unserem Fest gegenüber.“
Das wundert mich nicht, eine solche geballte Ladung von Frauenpower Energie, Kraft, Temperament und Humor, wie sie hier zum Ausdruck kommt, muss denen, die nicht daran teilhaben, suspekt sein.
„Haben eure Männer auch so ein Fest?“, frage ich.
Daina sieht mich erstaunt an: „Unsere Männer? Aber nein.“ Der Gedanke amüsiert sie. Aber ganz ohne Männer geht es doch nicht. Auf dem Frauenfest bereiten sie das Essen zu. Und die Pfarrer - hier im traditionellen Look - sind natürlich auch Männer ...........noch !





Plötzlich sehe ich, wie die Frauen auf der Bühne weinen.
„Was ist los?“, frage ich meine Nachbarin. „Wir sind traurig, weil eine Gruppe schon abfahren muß, und wir uns erst nächstes Jahr wiedersehen.“

Der Auftritt der Arue-Frauen ist am Sonntag früh. Ich bekomme den Auftrag, zu filmen. Das Lied, das sie eingeübt haben, beginnt mit einem Solo von Daina. Der Chor setzt leise ein und wird immer stärker, bis ein voller mehrstimmiger Klang das Zelt erfüllt. Alle sind beeindruckt und klatschen lange.





Am Sonntag Nachmittag gehts wieder zurück nach Tahiti. Viele Abschiedstränen sind geflossen, aber die lustige Stimmung gewinnt schnell wieder die Oberhand. Auch auf der Rückfahrt ersticken meine neuen Freundinnen den Motorenlärm mit stimmgewaltigem Gesang.





Zurück in Tahiti versammeln sich die Arue-Frauen zu einem großen Kreis. Einige Frauen treten in die Mitte und geben ihre Eindrücke vom Fest wieder. Zum Schluß werde auch ich um einige Worte gebeten.
„Ich möchte mich bei euch bedanken“, sage ich, „dass ihr mich, eine Fremde, mit so großer Herzlichkeit und Selbstverständlichkeit wie eine Schwester aufgenommen habt. Ich werde zu Hause sehr viel Eindrucksvolles zu erzählen und zu zeigen haben.“
Die Frauen klatschen Beifall und sagten: „Gott hat dich zu uns geführt.“ Ich denke bei mir, es könnte auch der alte Pomare gewesen sein.




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Kommentare

  • windweit

    Ich bin Chormitglied und nach dem stressigsten Arbeitstag hebt so eine Chorprobe gleich wieder die Stimmung so daß ich anschließend beschwingt nach Hause fahre und gleich laut im Auto zum Radio weitersinge. Und erst recht nach einem gelungenen Auftritt.
    Ungefähr so und besser fühlt sich Dein Bericht an und macht Lust auf Tahiti.

  • Aries

    Liebe Friederike,
    was für eine schöne Welt, in der Gesang eine Selbstverständlichkeit ist. Ich mußte gleich an Südamerika denken, wo - seinerzeit jedenfalls - Singen und das Spielen von Instrumenten einfach überall dazu gehörte, und man selbst dauernd aufgefordert wurde, Lieder aus der eigenen Heimat vorzutragen.
    Die klangvollen Stimmen und unglaublich melodischen Harmonien polynesischer Musik habe ich auch in Chile kennengelernt, und zwar in den Gesängen der Osterinsel. Die Osterinsulaner sind ursprünglich Polynesier. Zurück in der Heimat musste ich dann hören, dass aus einer dieser Melodien ein Schlager gemacht worden war : "Schöne Maid, hast du heut' für mich Zeit..." Ach, ja, seufz.
    Dein Bericht löst akute Sehnsucht aus - ich wäre gerne mit dabei gewesen...
    LG Hedi

  • RELDATS

    Ich höre fast die Lieder der Frauen. Erinnerungen kommen hoch. Schöner Bericht.
    Nette Grüße von Josef

  • mamaildi

    Danke, dass du uns alle mitgenommen hast zu deinem Frauentreffen und diese einmalige Gelegenheit mit uns geteilt hast!

  • Jabba

    T A H I T I - das klingt schon selbst wie eine Melodie. Als Kind gab es für mich drei große Reiseziele: Hamburg, die kanadischen Rockies und Tahiti. Zwei Träume habe ich mir schon erfüllen können, Tahiti soll einmal mein letztes Reiseziel sein. Danach, so dachte ich immer, kann ich sterben. Danke für den Bericht, danke für die Fotos. VG, Kathrin

  • Zaubernuss

    Ein Reisebericht, der mich im Geiste weit weg führt, in eine Musikzene anderer Art. Starke Frauen engagieren sich für ihre Gemeinschaft, üben Solidarität und geben ihrer Freude Ausdruck. Man hört die rhythmisch - kraftvolle Musik förmlich aus Deinem Bericht. Danke für Dein musikalisches Ostergeschenk. LG: Ursula

  • trollbaby

    Liebe Friederike!
    Bei so einem Ereignis dabei sein zu dürfen, muss wirklich ein ganz spezielles und unvergessliches Erlebnis sein! Durch Deinen gut geschriebenen Bericht hat man auch als Leser das Gefühl, alles miterlebt zu haben! Auch die Fotos, obwohl von Dias eingescannt, sind mehr als beeindruckend und man kann sich die Farbenpracht sehr gut vorstellen.
    LG Susi

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  • freyabe

    Vielen Dank an alle für Eure tollen Bewertungen und netten Kommentare. So machts Spaß.
    LG Friederike

  • kawasakipower

    Hallo Friederike,es ist alles schon gesagt.Das ist ein ganz toller Bericht. LG Melanie

  • Blula

    Liebe Friederike!
    Dein schöner Bericht klingt mir nun förmlich in den Ohren. Nach Tahiti zu reisen, das wäre auch noch so ein Traum von mir. Vielleicht schaffe ich's ja noch. Danke dafür, dass Du Deine vielfältigen Eindrücke hier so wunderbar für uns rübergebracht hast.
    LG Ursula

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