Schlechte Zeiten für Oliven

Reisebericht

Schlechte Zeiten für Oliven

Reisebericht: Schlechte Zeiten für Oliven

Es war eine grandiose Idee, die Osterferien auf der italienischen Insel Elba zu verbringen und hat der Familie neben der wertvollen Erkenntnis, dass nicht immer in Italien die Sonne scheint, auch tiefe Abgründe im eigenen Seelenleben offenbart.

Die Anreise (siehe "ISOLA d'ELBA - kleine Insel, ganz groß"), quer durch einen vernebelten Appenin, zeigte den beiden Erwachsenen die Grenzen ihrer psychischen Belastbarkeit. Italienische Bergpässe mit schwindelerregend hohen Brücken und unübersichtlichen Tunnels sind augenscheinlich nicht für niederrheinische Flachländler geeignet. Lediglich die beiden Kinder überstanden die Höllenfahrt vergnügt und froh, ohne seelische Schäden.



elbanische Strasse...



Die ersten Tage verlaufen ungestört von Autofahren oder sonstigen Anstrengungen. Wenn man von den Auf- und Abstiegen zum Dorf absieht…
Sommerkleider und kurze Hosen sind in einem Koffer zusammen und ad acta gelegt worden. Sonnenschein und Regengüsse wechseln sich ab, zeitweise wird es sogar empfindlich kühl.
Dank der täglichen Fußmärsche ins Dorf ist die sportliche Konstitution der gesamten Familie mittlerweile erheblich gesteigert worden und auch die Kinder haben mit dem Sammeln von Strandkieseln eine sie und den Eingangsbereich ausfüllende Beschäftigung gefunden. Mittlerweile sieht die Terrasse einer Kiesgrube nicht unähnlich. Jeder Sonnenstrahl wird genutzt, um einigermaßen gebräunt nach Hause zu kommen.



In der Nacht auf Ostermontag wird die Wetterlage allerdings wieder schlechter und am Morgen hagelt, blitzt, schneit und stürmt es. Napoleon wusste, warum er hierher verbannt worden war – um eine Lungenentzündung zu bekommen! Bedingt durch die widrigen Wetterverhältnisse und den Mangel an wirklich warmen Klamotten wird auf den Gang ins Dorf verzichtet, Muttern packt die aus Deutschland importierte Notversorgung aus und es gibt originale „spaghetti alla mamma“, Nudeln mit Ketchup und viel, sehr viel, gebratenem Knoblauch.



Portoferreio zwischen zwei Wolkenbrüchen



Dienstags schüttelt der Minisupermarktbesitzer im Dorf sein Haupt und erklärt, dass dieses Jahr das schlechteste Wetter seit 40 Jahren auf der Insel herrsche. Etwas anderes hatte die Familie eigentlich auch nicht erwartet, egal wohin sie in den Urlaub fährt, Katalogwetter hat sie nie.
Auf dem höchsten Berg der Insel, dem Monte Capane, liegt eine weiße Schneeschicht und die üblichen italienischen Ostertouristen sind fast völlig ausgeblieben. Dies hat allerdings den angenehmen Nebeneffekt, in der einzigen geöffneten Bar nie einen Tisch reservieren zu müssen. Gleichzeitig genießen die Urlauber die uneingeschränkte Freundlichkeit der Elbaner, welche ohne Massentourismus augenscheinlich erheblich bessere Laune haben.



Nach 4 Tagen sind die Barmittel verbraucht, das Familienvehikel wird also schwergemut für eine kleine Serpentinenspritztour klargemacht. Als die Wolkendecke aufreißt, scheint der geeignete Zeitpunkt für das Abenteuer „Rio nell´Elba“ gekommen. Die Serpentinen und ungesäumten Abhänge an der Strasse werden dank Rosenkranz-Beten und Ignorieren gemeistert. Dass die Familie evangelisch-lutherischen Bekenntnisses ist, wird ja wohl nicht stören…





Rio nell` Elba klebt an den Hängen der Berglandschaft,
(wahrscheinlich wurde beim Bau Sekundenkleber verwendet) und nur wenige Touristen irren durch die engen Gassen, welche vorwiegend aus Stufen und Podesten bestehen.
Eingedeckt mit Lira aus dem Bankomat entdeckt das weibliche Familienhaupt einen Fleischerladen. Der an Ottmar Fischer erinnernde Metzgermeister verzieht beim Anblick der ratlos vor der Vitrine stehenden Frau erschrocken sein Gesicht. Blond, mit zwei blauäugigen Kindern im Schlepptau und einem entschuldigenden Lächeln auf den Lippen - das kann nur eine deutsche Touristin sein. Umsonst versucht der Herr der Schlachtermesser seine gewaltige Statur hinter der Minitheke verschwinden zu lassen. Auch eine Kotelettstange und eine Würstchenkette, welche er in Kreuzform vor seiner Brust hochhält, veranlassen die ausländische Kundin nicht, den Laden wieder zu verlassen. Stattdessen wird der Schaffer toter Tiere mit einem grässlichen deutschen Akzent konfrontiert: „Buongiorno, Signore, vorrei quattro koteleti, per favore“.



Rio nell'Elba



Das Gesicht des Ladeninhabers durchläuft innerhalb von dreißig Sekunden alle Stadien der Verblüffung, Erleichterung und hellen Freude. All seine Sorgen und Ängste scheinen umsonst gewesen zu sein, - die Deutsche spricht anscheinend seine Sprache. Er hievt seinen massigen Körper aus dem Kühlschrank, welcher ihm vor einer Minute noch als der einzig sichere Ort erschienen war. Im Zeitraffertempo überschüttet er die Touristin mit Informationen über sein Fleisch, zumindestens nimmt seine Kundin dies an – sie versteht nichts! Mit schnellen Schnitten säbelt er vier Koteletts ab, wobei die Einkäuferin langsam Zweifel bekommt, ob die Pfannen im Quartier groß genug für die Fleischrationen sind. Das Bezahlen wird durch die Vorlage eines Kassenbons ungemein erleichtert, „la signora bionda“ war leider noch nicht lange genug im Italienisch-Kurs der heimatlichen Volkshochschule..



Im nächsten Laden gedenkt die Familie Oliven, Pasta u.s.w. einzukaufen. Italienische Hausfrauen fortgeschrittenen Alters debattieren in einem Laden von der Größe einer Telefonzelle mit der Inhaberin desselben. So hat die Kaufinteressierte Zeit, ihren Wortschatz durch schnelles Nachschlagen im Wörterbuch aufzufrischen. Als sie „la signora“ in italienisch um 100 Gramm schwarze Oliven bittet, ist plötzlich Totenstille im Lädchen. Erst etliche Sekunden später ergehen sich die Damen in anerkennenden und lobenden Worten. Zumindest nimmt die Kundin dies an. In heillosem Durcheinander wird das Gewünschte bestellt, eingepackt und bezahlt.

2o Minuten später werden die Erwachsenen und die Kinder von einer wild gestikulierenden und hinter ihnen her schreienden Hausfrau verfolgt. Dem ersten Fluchtinstinkt wird nicht nachgegeben, da alle sich keiner Schuld bewusst sind. Stattdessen geht die Mutter mutig auf die, unter der Last 3 vollbepackter Taschen stöhnende, Frau zu. Einzig zu verstehen ist das, mit einem bedrohlichen Tremolo ausgestoßenen „Signora, eh, Signora bionda“. Die Blondine überlegt kurz ob wirklich sie gemeint ist, sieht aber außer der Tochter keine hellhaarige Frau weit und breit. Dann versucht sie sich an ihr Studium des Reiseführers zu erinnern: existierte auf Elba noch so etwas Ähnliches wie Blutrache? Sie glaubt nicht und findet auch keinen Grund, der diese Maßnahme rechtfertigen würde. „La mamma„ zeigt, aufgeregt fuchtelnd, in die Richtung, aus der sie gerade gekommen ist und die Deutsche versteht jetzt einige Worte, die „le Olive“ oder ähnlich lauten.



So langsam dämmert es der Familie: beim eiligen Nachschauen im Einkaufskorb stellt man fest, dass die Oliven tatsächlich nicht eingepackt worden sind. Artig wird der freundlichen Dame gedankt und der Rückweg zum Lebensmittelladen angetreten. Nach einem weiteren Wortgefecht (zugunsten der Ladeninhaberin) und beiderseitigen Entschuldigungen für das Vergessen der Oliven tritt die Familie den Heimweg nach Nisporto an.

Wie befürchtet, müssen die Koteletts in vier Gängen gebraten werden, da in jede der vorhandenen zwei Pfannen nur jeweils ein Stück Fleisch passt. Verzückt debattiert die Familie über die augenscheinliche Fleischqualität.
Das Anzünden der Gasflammen am Herd dauert etwas länger. Gas war der Hausfrau aus Deutschland immer etwas suspekt und die neben dem Herd stehende Gasflasche erweckt in ihr ebenfalls nicht gerade Vertrauen. So dauert es eine Weile, bis die Flamme brennt. Auch größere Verbrennungen bleiben aus. Als endlich das Wasser für die Spaghetti kocht und die mit Thymian und Oregano versehenen Koteletts in der Pfanne brutzeln, lässt sich sogar die Sonne für kurze Zeit wieder sehen.

Nach dem Braten sind alle Koteletts noch genauso groß wie vor dem Garen, was ebenfalls für die Güte spricht. Dieser Umstand führt allerdings dazu, dass zwei der Bratlinge liegen bleiben. Selbst der 96-Kg-Mann schaffte seine Ration nicht und verlangt nach einem „Underberg“ oder dem italienischen Gegenstück.



Salute!



Die Mutter beschließt, im Wörterbuch herauszufinden, wie ein italienischer Schlachter davon überzeugt werden kann, dass nicht alle Deutschen Vielfrasse sind. Leider gibt weder der „Langenscheidt“ noch das VHS-Arbeitsbuch Anleitungen dafür her. Die Familie beschließt darauf hin einstimmig, die restlichen Koteletts am nächsten Tag zu „Spaghetti con Filetto“ herzurichten, die übrigen Tage aber lieber in die Bar essen zu gehen.
Auch der Vater hält sehr viel von dieser Idee, jetzt braucht er wenigstens nicht mehr zu spülen.

Fortsetzung folgt...



Auch Ameisen spülen ungern... und gehen lieber ...


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Kommentare

  • europy

    Klasse geschrieben! Das weckt den Italiener im Teutonen.

    Lieber Gruß
    Peter

  • 238EWT

    Hallo Caroline,

    zunächst einmal herzlichen Dank für den gut formulierten und humorvollen Bericht. Dass ich ihn aufmerksam gelesen habe, erkennst Du an folgenden Anmerkungen:
    Erstens sollte man im Frühjahr nicht ohne wetterfeste Bekleidung nach Italien nördlich von Napoli reisen. Ich habe sogar Anfang Mai noch die Toskana und Ligurien bei Regen und Kälte erlebt. Zweitens ging es Napoleon Bonaparte später auf St. Helena viel schlechter. Und driitens: Irgendwie hat Euch Vieren die Reise doch gefallen. Oder?
    LG Eberhard

  • traveltime

    Ich bin zwar kein Kritiker, aber ich finde den Bericht sehr gut!
    LG Rolf

  • 238EWT

    @traveltime: Das war doch nicht als Kritik gemeint, sondern als Ergänzung. Unsere RC lebt doch davon, dass Reiseberichte, Tipps und Fotos kommentiert werden. Ich jedenfalls freue mich mich über jedes Feedback mehr als über die Zurkenntnisnahme.
    LG Eberhard

  • traveltime

    @Eberhard, mein Kommentar bezog sich in keinster Weise auf einen anderen.
    Ich wollte nur spaßig kurz und bündig meine Bewunderung ausdrücken.
    Falls es bei dir falsch rüber kam, dann bitte sorry!
    LG Rolf

  • 238EWT

    @ traveltime: Non problemo, Rolf,
    damit ich Dich künftig nicht mehr mißverstehe, lade ich Dich in meinen RC-Freundeskreis ein. Knopfdruck folgt auf anderer Schiene.
    Schönen Abend, LG Eberhard

  • CarolineDaniel

    Jungs, nicht streiten, bitte...:))) Männer unter sich, tzzz....
    Eberhard, ich habe dich verstanden - ab und zu klappt das ja doch mit der Kommunikation zwischen den Geschlechtern -und ja...JETZT weiß ich das auch :)
    Rolf, ich werde jetzt aber sowas von rot! Bewunderung...welch großes Wort...oder habe jetzt ich dich missverstanden? :) :) :) :)

    Übrigens: es gibt noch einen dritten Teil - in den nächsten Tagen...

    Liebe Grüße und Danke an alle für ihre wohlwollenden Kommentare.
    Caro:)

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  • traveltime

    @Caro,ganz kurz noch einmal: Deinen Schreibstil finde ich gut!
    Rolf

  • freeneck-farmer

    Sehr unterhaltsam geschrieben.Freue mich schon auf den nächsten Teil. Weil es damals noch Lire gab, wie lange ist diese Reise her. Und wenn die Bilder gescannt sind dann noch ein Kompliment.
    LG Anneken

  • mamaildi

    Hat viel Spaß gemacht, deinen Bericht zu lesen. Wie immer mitreißend formuliert nimmt er den Leser mit auf eure Reise, und das eine oder andere déja-vue wird hier wohl jeder finden ;-))

  • Aries

    Signora bionda,
    habe mit großem Vergnügen deinen Bericht gelesen!
    Wenn man als Tourist an den Busen des Volkes gedrückt wird, dann kann das manchmal etwas anstrengend sein, aber es sind dann gerade diese Sachen - oder auch Wetterwidrigkeiten z.B. - die den Urlaub in eine ganz andere als vorgesehene Richtung lenken und daher unvergeßlich machen.
    LG Hedi

  • agezur

    Hallo! Ich finde diesen Bericht ganz ausgezeichnet. Die Reiseerfahrungen kann ich als "jahrelang mit drei Kindern auf Campingtour durch Europa" gut nachvollziehen.
    Und wir wissen beide, dass es trotz allem schön war!!!!
    LG Christina

  • 238EWT

    Liebe Caroline ,
    ich habe heute Morgen den ersten und letzten Teil Eurer nasskalten Italienreise gelesen und bin begeistert über die Gegenwärtigkeit Eurer Erfahrungen (trotz Lira, also vor 2002). Eine herrliche Trilogie im damals noch jüngerem Quartett. So was hat mir vor vielen Jahren bei ähnlichen Wetterbedingungen oberhalb von Imperia/Ligurien in einem ungeheizten dörflichen Steinhaus auch mal viel Freude gemacht. Gegen hungrige Ameisen halfen übrigens in der Küche aufgehängte Drahtrkörbe mit Lebensmitteln. Nur die Flöhe in den Betten und die Mücken während der Nacht hinterließen Spuren am Körper. Trotzdem: Bella Italia.
    LG Eberhard

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  • Blula

    Hallo, das hat wirklich Spass gemacht... Du hast eine wunderbare Art zu schreiben.
    LG Ursula

  • umlalatz

    Sehr schöne Einstimmung auf unseren Elba-Urlaub. Ist die ANfahrt über den Appenin wirklich so "spannend"? Na, dann ist es ja genau das Richtige für mich ...

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Schlechte Zeiten für Oliven 4.79 19

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