Per Daumen nach Amerika

Reisebericht

Per Daumen nach Amerika

Reisebericht: Per Daumen nach Amerika

Über die Kunst, praktisch GRATIS über den grossen Teich zu kommen. Jeder kann's, aber fast niemand tut's..... Was ich natürlich, NACHDEM ich es gemacht habe, durchaus verstehe! Ein Beitrag in meiner hier sich langsam entfaltenden Reise-storysammlung unter dem Überbegriff: Wie weit kann man gehen, ohne dabei auf die Fresse zu fallen?

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Nix wie weg!

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Die letzte Erinnerung, die ich von Europa mitnahm, wer ein dumpfer Schlag auf den Hinterkopf. Mit rotierendem Bernerschädel drehte ich mich um, und sah einen lausigen Typ. Er hatte kranke Beine, einen irren Blick und fuchtelte mit einem riesigen Grillspieß. Die andere Hand war immer noch zur Faust geballt. "Llama a la policia!" rief ein Alter dem Parkplatzwächter zu. Es war heller Tag. An der letzten Straßenkreuzung in Cadiz, über die wir noch mussten, um endlich die Fähre nach Gran Canaria zu bekommen. Von der Angst angewurzelt stand ich da, und Sandy war zu einer hübschen, blonden Statue erstarrt. Wollte er sich mein Portemonnaie mit den hunderttausend Lire verdienen?
Es hatte alles an diesem Ort begonnen, wo uns immer verrückte Ideen kamen, in Zürich am See. An einem windigen Tag mit Segelbooten, die von Zürich aus nach Rapperswil segelten. Irgendwo im Park unter einem alten Baum. Die Alpen konnte man nicht sehen, leichter Nebel lag über dem oberen See. Es war einer dieser Tage, an dem der Zürichsee wie ein Meerbusen aussah, und wir träumten, in die große weite Welt segeln zu können; möglichst noch Amerika!
Der Typ stand immer noch vor mir, aber sein Fuchteln mit dem Grillspieß ging jetzt in Zittern über. Er bekam plötzlich mehr Angst vor mir, als ich vor ihm. Der Parkplatzwächter schlenderte auf uns zu, ohne auf die Idee zu kommen, sein Funkgerät in die Hand zu nehmen. Es baumelte wie ein Colt an seinen verbeulten Uniformhosen. Sicher war er gerade in seiner Siesta gestört worden. Dann ließ der Typ seinen Spieß fallen und rannte, so schnell ihn seine dünnen Beine tragen konnten, über die belebte Strasse davon und verschwand hinter einem rauchenden Bus.
Als das Fährschiff Fahrt aufnahm, hielten wir uns auf dem Achterdeck die Hände und freuten uns diebisch, wie Europa langsam hinter dem Horizont versank. Alles wer bisher nach Plan gelaufen, abgesehen von etwas Schädelbrummen.
In Las Palmas machten wir uns sofort auf die Suche nach einem Segelboot, das uns nach Amerika bringen würde. Es war 1992. Da wegen der 500 Jahr Feier von Kolumbus noch zwei spezielle Regatten über den Atlantik abgehalten wurden, rechneten wir uns gute Chancen aus, schnell drüben zu sein. Wir klopften an dünnwandige Regattaboote, die mich nach dem klopfen aber gar nicht mehr motivierten mitzusegeln. Eine Atlantikoberquerung mag einfacher geworden sein, seit Columbus, aber dafür schwimmen jetzt Container im Meer! Auf den Booten, die ein dickes, festes Klopfgeräusch erzeugten, stellten wir unsere Standartfrage: „Wir möchten gern rüber, hat´s noch Platz, wir können gut kochen!", was nur halb gelogen war. Leider waren alle Boote "fully booked", oder zu klein.
Andere Segeltramper schlenderten an den Schiffsstegen entlang, mit schweren Backpacks, und versuchten einen Platz zu bekommen. Alle Pinboards in den Häfen, die wir abklapperten, hatten Zettel auf denen etwa stand: "Experienced sailor, 2 crossings, good Navigator, Wave message."
Unsere Suche endete nach zwei Wochen in Puerto Rico, im Süden von Gran Canaria. Es war ein hochglanzpoliertes Luxusschiff, das an Land auf einem riesigen Kiel, größer als eine Walflosse stand. Ein ziemlich abgearbeitetes, freundlich winkendes Ehepaar aus Frankreich, das auf dem Weg nach Guadeloupe war. Sie sagten sofort begeistert zu, als sie erfuhren, dass wir Züricher sind. Wir mussten nicht mal die Leiter hoch klettern, so mochten sie uns von der ersten Minute,
Nach fast einer Woche Schrubben und Malen wurde das Boot endlich zu Wasser gelassen. Wir unternahmen zusammen einen kleinen Probetörn, wobei mir der Kapitän - ein listiger Investmentbanker im vorgezogenen Ruhestand - zeigen wollte, wie gut er segeln kann. Leider überzeugte mich seine einmalige Taktik, mit backstehendem Großsegel vorwärts segeln zu wollen, nicht im Geringsten. Am gleichen Abend, zurück im Hafen, pumpten wir unser Schlauchboot auf, das wir für Notfälle im Gepäck hatten, und verabschiedeten uns höflich von den Franzosen. Ihr schmuckes Segelschiff roch innen nach Ajax und außen nach Trouble.
Im Dunkeln erreichten wir einen Sandstrand, in einer hufeisenförmigen Bucht. Wir
zogen unser Kanu zwischen ein paar Babypalmen und schliefen im Sand. Am nächsten Tag paddelten wir weiter, der Küste entlang, um auch Segler fragen zu können, die es sich nicht leisten konnten, im Hafen zu liegen.



Geht doch alles GLATT, oder...?

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In der Bucht von Arguineguin schaukelten einige kräftige Boote vor Anker. Wir paddelten zuerst zu einem englischen Katamaran, auf dem ein gegerbter Mann saß und ein Tau spleisste. Er verstand unser Anliegen sehr wohl, doch war sein Boot zu klein. Es wer eines dieser „Wharam" genannten Katamarane, die die Leute meistens selber bauen. Aus Sperrholz, das mit Kupferdraht zusammen-genäht wird. Ich war froh, dass er uns wenigstens zu einem Tagestörn einlud, denn selber einen 'Wharam" zu bauen, war ein alter Traum von mir. Nun ja, bis zu diesem Trip jedenfalls. Gegen den ablandigen Wind zurück zu kreuzen, war kaum möglich. Mir kam schon die Horrorvision, dass wir mit diesem Typ über den Atlantik segeln müssen, weil wir es nicht zurück an die Küste schaffen.
Als wir abends wieder ankerten - nass wie Königsrobben - lag ein neues Boot in der Flotte, das hier die letzten Vorbereitungen traf, um nach Amerika zu segeln. Das Boot war schwarz, eine zerfetzte deutsche Flagge wedelte im Mast, ein Wikinger mit Bart knotete den Genuabaum an die Reling. "Ask him!" riet mir der Engländer. -Wir paddelten rüber und quatschten den Blonden an. Er suche keine Mitsegler, wies er uns barsch zurecht. Er könne alleine segeln..., aber was könnt ihr sonst?
Zwei Wochen lebten wir bei ihm an Bord, in der Bucht von Arguineguin, und gaben uns große Mühe beim Kochen. Aber er war eh kein Feinschmecker;
Hauptsache es gab genug und er musste weder kochen, abwaschen, den Tisch putzen, noch den Abfall an Land rudern. Dafür erzählte er abends von seiner Vergangenheit als Verkäufer von Bonbonein-packmaschinen in einer deutschen Vertretung in Beirut. Kein Volk auf der Erde isst so viele Bonbons wie die Araber und die Inder, habe ich dabei erfahren. Der Hinweis, er könnte die trostlosen Hotelkomplexe der Bucht ohne schlechtes Gewissen mit Raketen beschießen, schockierte uns zwar, aber darüber nachgedacht haben wir nicht. Wir wollten endlich losl
Jürgen wirkte von hinten wie ein glatt rasierter Gorilla, als er am 4. Dezember von Hand die Ankerkette mit dem schweren Anker hochzog. Sandy und ich zusammen hätten das nicht geschafft. Je weiter wir uns von Land entfernten, desto chaotischer wurde das Meer, ohne dass es aber viel Wind hatte. Mit schlaffen Segeln steuerte das schlingernde Boot auf einen kitschigen Sonnenuntergang zu. Sandy hielt Ausschau nach dem Schiffsverkehr, ich schälte Kartoffeln, Jürgen saß am Kartentisch und zeichnete winzige Bleistiftstriche an den Rand einer Karte, die über den ganzen Tisch ausgerollt war.
Die ersten Tage sahen wir noch Schiffe. Zuerst ein paar Fischerboote, dann andere Segelyachten, die ebenso wie wir über diese große, fleckenlos weiße Karte wollen; zum linken Rand, wo ein paar Inseln der Karibik gezeichnet waren. Unser Ziel wer Barbados. Als wir am dritten Tag im rechten Winkel ein anderes Boot kreuzten, das auch nach Barbados wollte, wurde Jürgen etwas unsicher. Aber es war das andere Boot, das einen Navigationsfehler machte, und so
schwenkte es in unseren Kurs ein. Während die Nacht anbrach, verschwand das Positionslicht vor uns am südwestlichen Horizont. Dass wir nicht gerade schnell waren, dachte ich schon länger, das aber dieser Venedigtyp mit seinem Hippiekahn uns abhängte, das wunderte mich.
Am fünften Tag hatte sich die chaotische See beruhigt und immer mehr spürten wir den Passatwind im Nacken. Die Wellen begannen sich in langen Dünen zu formieren, die uns von hinten einholten und rauschend unser Heck in die Höhe hievten. Wir hatten eine gemütliche Kabine in der Nase vom Boot und ein breites V--förmiges Bett, das nach vorne ganz eng wurde. Auch im Schlaf spielten unsere Füße miteinander. Oben war eine Luke, die aber bisher dicht bleiben musste, weil unser Boot immer noch ab und zu grünes Wasser übernahm. In der Mitte vom Boot war die Stube, mit einer richtig holländischen Polstergarnitur. Die Küche war gleich daneben und der Kocher lief mit Petroleum, was soviel hieß wie, dass es eine Kunst war, ihn anzuzünden. Nachdem das frische Gemüse aufgebraucht war, reduzierten sich die Mahlzeiten auf Teigwaren, Reis, Kartoffeln, Eier, Dosenwurst und Zwiebeln. Die Zwiebel ist die Freundin des Seglers, die ihn am weitesten in aller Frische begleitet. Egal wie verschieden die Boote, die irgendwo in den Weiten des Atlantiks in Richtung Amerika segelten; eines verband uns innigst: Wir waren alle am Zwiebelessen! So fühlten wir uns wie neu geboren, als wir nach einer Woche endlich die Luken auflassen konnten, da keine Wellen mehr an Bord kamen. Draußen brannte inzwischen eine tropische Sonne und fliegende Fische lagen jeden Morgen an
Deck. Aber die Bleistiftkreuze auf der Karte waren immer noch viel näher an Afrika, als an Barbados.
Jürgen war neunundzwanzig und ein eher verschlossener Typ. Er hatte das Boot in Holland gekauft und durch den englischen Kanal nonstop zu den Kanaren gesegelt. Das Boot wer aus Stahl und wog leer 20 Tonnen, Der Rumpf war ein Zentimeter dick, also drei Mal dicker als nötig. Mit dem Mast aus Stahl, der genauso gut ein Kran hätte sein können, rollten wir von Seite zu Seite gen Amerika, Es war zum Kotzen.
Nach zwei Wochen waren die Striche immer noch etwas näher an Afrika, als an Amerika. Jeder von uns musste vier Stunden am Tage Wache machen und vier Stunden in der Nacht. Von zwei Uhr in der früh bis um sechs war meine Wache und dabei blieb es. Beim Gedanken darüber, ob diese Wache passenderweise Hundewache genannt wird, bin ich oft eingeschlafen. Ich hatte zwar Kopfhörer an und hörte Kassetten mit Rockmusik in verschärfter Lautstärke, aber oft konnte ich einfach nicht mehr. Die Crux einer Nachtwache ist es, unter so schlaffördernden Bedingungen, wie Rauschen, Schaukeln, gähnender Dunkelheit, nach etwas Ausschau halten zu müssen, von dem man hofft, dass es nicht da ist. Ein Tanker beispielsweise. So kam es, dass Jürgen mich zwei Mal schlafend vorfand, während das Boot unter Autopilot der Milchstrasse entlang schaukelte. Das sollte noch Ärger geben, denn Jürgen wer ein pedantischer und pflichtbewusster Kapitän. Er hatte vor Anker zwar noch gesoffen wie eine Lenzpumpe, aber jetzt, unterwegs, waren wir alle clean. Kein Alkohol, keine Zigaretten, kein Haschisch.



Ende schlecht, alles gut!

Alles ging gut; bis zum achtzehnten Tag der Reise. Das wer der 21. Dezember, der kürzeste Tag des Jahres. Außerdem wer es der 30. Geburtstag von Jürgen. Was wir am Anfang zuwenig Wind hatten, hatten wir jetzt zuviel. Eine Regenwolke nach der anderen überholte uns und peitschte uns aus. Jürgen reffte immer wieder die Segel, während ich von Hand die Richtung steuern musste, die er mir vorgab. Er tanzte dabei auf dem Vordeck und versuchte, den Baum der Passatsegel abzufangen, der lose hin und her schlug, sobald er die Segel heruntergelassen hatte. Diese Bäume waren aus Chromstahl und wogen gut achtzig Klo. Dabei wäre er einmal fast vom Segel über Bord gepresst worden, weil ich in die falsche Richtung steuerte. Das hat er persönlich genommen, und das Nachtessen hatte ihm auch nicht so geschmeckt, denn wir hatten das erste Mal seit Tagen keinen Fisch gefangen. Das kränkte Jürgen. Gerade an seinem Geburtstag! Kurz bevor ich mich in die Koje verdrückte, sah ich noch, wie er den Alkoholschapp aufmachte und sich eine Flasche Rum hervorholte.
Ich hatte große Mühe aufzuwachen, als Sandy mich weckte, hatte ich doch gerade von Land geträumt, von grünen Wiesen und Kühen mit Glocken. Auch auf unserem Boot entstanden Glockentöne durch Seile, die an den Stahlmast schlugen. "Wie spät ist es?" fragte ich Sandy. "Halb drei! Pass auf, Jürgen ist besoffen und spielt mit einer Pistole!" Ich kletterte aus dem Luk an Deck und schwenkte am Deckhaus vorbei zum Cockpit. Jürgen lächelte im fehlen Schein das versinkenden Mondes.
" Wa.. walum bist du letzte Nacht eingeschlafen?" "Mensch Jürgen, das kann doch jedem passieren!" "Mir passiert das nie. Ich habe lange genug im Libanon Wache geschoben. Warst du mal auf Wache im Krieg?" Ich dachte, du hast Bonbonpackmaschinen verkauft." "Ja, hab ich... aber nur am Anfang!" "Ach so, und danach?" "Söldner!" "Aha, toll,.. und jetzt?“ "N bisschen russisch Roulette sp ... spln?" Er fuchtelte mit der Pistole herum. "Hey, du hast wohl nicht alle! versorg die Knarre, Mann, die find ich echt doof“. "Und ich find doof, dass ihr nie sofort abwascht!" "Ja, OK, wir geben uns Mühe, aber versorg doch die Knarre jetzt wieder. Die hast du ja eh nicht geladen!"
Worauf er wie ein von hinten attackierter Rambo sich umdrehte und hintereinander fünf Schüsse in den Atlantik ballerte. Die Kugeln erzeugten im Wasser Glitzerspuren von Leuchtplankton. Dann klickte es einmal leer und vor mir stand wie ein Gespenst Sandy und fragte, ob ich verletzt sei. Jürgen lachte, schenkte sich ein weiteres Glas ein und verschwand in der kleinen Luke hinten im Boot, wo er hauste, und wo ich noch nie gewagt hatte reinzuschauen.
Nach dieser Nacht wurden Sandy und ich Experten im sofort abwaschen. Und ich raffte mich zusammen, dass ich nie mehr so einschlief, dass er es merkte. Ich hafte eine Art, mich an die Steuersäule zu lehnen, dass es aussah,
als würde ich aufmerksam den Kompass studieren, obwohl ich fest schlief.
Tagsüber lagen wir lesend in der Hängematte zwischen den Wanten. Ein Schwarm Mahimahis begleitete unser Boot und jagte Schwärme fliegender Fische aus dem Wasser, die fächerartig in alle Richtungen davonsegelten. Da sie aber keine Vögel waren, mussten sie bald wieder zurück ins dunkle Wasser, wo die bunt schillernden Mahimahls auf sie warteten. Hatten sie gespiesen, versteckten sie sich wieder unter dem Schatten von unserem Boot und zogen mit uns weiter. Wenn wir zum Nachtessen Fisch essen wollten, dann hingen wir kurz vor Sonnenuntergang die Angel über Bord. Die Fischschwanzsammlung an unserem Achterstag wurde immer breiter. Jürgen hatte Freude am töten und schlug wie ein Irrer mit dem Griff der Bilgenpumpe auf die gefangenen Fische ein, viel länger als es brauchte, ihnen das Genick zu brechen. Ich versuchte, ihm möglichst jeden Tag einen Fisch vorzulegen.
Der Passatwind wehte uns fast die Fischschwänze vom Achterstag, als sich am Morgen des 31. Dezembers am westlichen Horizont eine feine grüne Linie zwischen das blaue Meer und den blauen Himmel zwängte. Es vorgingen viele Stunden, bis daraus eine dreidimensionale Insel wurde. Am späten Nachmittag lag die Hafeneinfahrt von Bridgetown vor uns. Zwischen zwei schnittigen Kreuzfahrtschiffen legten wir an und berührten seit 28 Tagen das erste Mal wieder Land. Ein Uniformierter schlenderte auf uns zu und nahm unsere salzverkrusteten Leinen ab. Wir kletterten die glitschige Leiter an der Hafenmole hoch und tätschelten liebevoll den festen Boden vor uns. Schwankend überquerten wir den heißen Asphalt zu einem Lagerschuppen. In der schattigen
Leere des ehemaligen Zuckerlagers stand einzig ein Schreibtisch. Ein gewichtiger Zollbeamter prüfte unsere Pässe und stempelte sie ab.
Nach den Formalitäten verholten wir das Boot in die Carlisle Bucht und Jürgen warf den Anker in das türkisblaue Wasser. Endlich schaukelte der Kahn nicht mehr. Wir lümmelten uns auf das Deckhaus und beobachteten durch den Feldstecher das bunte Treiben in der Stadt. Bevor es dunkel wurde, pumpte ich unser Kanu auf. Dann packten wir die letzten frischen Kleider in einen Plastiksack und paddelten zum Sandstrand. In der Dusche des Yachtclubs gönnten wir unserer gepökelten Haut das erste Mal seit langem wieder Süßwasser. Ich streifte ein frisches T-Shirt über und Shorts, und dann stürzte ich mich mit Sandy in den größten Kontrast, den man sich nach einem Monat auf dem einsamen Meer vorstellen kann: In die bunten Wogen feiernder Insulaner, die uns lachend und tanzend durch die engen Gassen Bridgetowns spülten. 1992, das große Columbusjahr, kulminierte in einem transatlantischen Rausch,
In der steigenden Sonne des nächsten Morgens packten wir unsere Sachen, verstauten alles im Kanu, bedankten uns bei Jürgen für die gelungene Reise und paddelten quer durch die Cartisle Bay und dann der Küste entlang noch Norden. Die Insel war dicht besiedelt von kleinen, farbenfrohen Häusern, die bis nah an das Wasser standen. Die Traumbucht ließ auf sich warten. Aber wir hatten alle Zeit der Welt. Unter einem öden Felsen zogen wir noch Sonnenuntergang unser Boot an Land und legten uns im Sand zur Ruhe. Mitten in der Nacht wurden wir von schwer
bewaffneten Soldaten geweckt, die uns mit Scheinwerfern ins Gesicht schienen. Wir erfuhren, dass wir am Schmuggelpunkt der Insel unser Nachtlager aufgeschlagen hatten. Er hieß Batpoint und war inselweit berüchtigt, was wir erst hier erfuhren. Sie versammelten sich um uns, um uns zu behüten. Aber als ich wieder meine Augen aufmachte, lehnten auch sie an den Felsen und schliefen tief. Als die Sonne über die Felsen hinweg auf das Meer strahlte, wachte ich wieder auf und weckte die Wächter. Ober Funk orderten sie ein Boot der Küstenwache, das uns begleiten sollte, während wir paddeln. Gegen Mittag kam ein offenes Motorboot auf uns zugeprescht, als wir schon längstens unterwegs waren. Die Küstenwächter wunderten sich, dass wir im Kanu die Insel erkunden wollten. Immer wieder kamen sie mit ihrem Motorboot längsseits und winkten freundlich, während sie an das Maschinengewehr lehnten. Einmal preschten sie davon und belästigten ein morsches Fischerboot, das gerade von See kam. Da sie keine Schmuggelware fanden, fuhren sie wieder in Rufweite auf uns zu und gaben uns Geleitschutz - dieser durch und durch gefährlichen Küste entlang, wo hinter jedem Felsvorsprung Piraten lauem konnten.
Dem Typ am Steuerrad, ich glaube es war der General von Barbados persönlich, schenkte ich meinen Glücksbringer, der uns auf der Reise über den Atlantik beschützt hatte. Es war eine mit Silber gefasste Türkiskugel, die einen natürlichen, schwarzen Einschluss hatte. Dieser Einschluss hatte genau die Umrisse von Amerika. Der "General" lud uns daraufhin zu einem Bier ein, das er uns von seinem Motorboot hinunterreichte. Uns war aber mehr nach Kaffee. ich fragte ihn, wo es hier an Land Kaffee gebe. Er streckte seinen muskulösen
I

braunen Arm aus und zeigte auf eine Gruppe Palmen mit einem Hotel dahinter, etwa eine halbe Seemeile voraus. Den Glücksbringer hatte er bereits an seiner Goldkette baumeln, Wir verabschiedeten uns und paddelten zur Öffnung im Riff. Von der Strömung versetzt, wurden wir aber reichlich neben dem mondänen Hotel an einen kleinen, einsamen Sandstrand gespült. Was wir vorfanden, weckte unsere Lebensgeister mehr als englischer Kaffee. Hinter dem Strand, in einem knorrigen Wald aus süß duftenden Mandelbäumen, war ein großes, schäbiges Haus im Kolonialstil. Daneben, vom Meer durch zwei Kokospalmen getrennt, stand ein kleines Haus mit Spinnweben hinter den Fenstern. Aber es hatte einen gedeckten Balkon zum Meer und sah einladender aus als jedes Schiff. Zufälligerweise waren am Tag zuvor die neuen Besitzer aus Florida in das große Haus eingezogen. Das kleine aber, das war zu vermieten, Wir handelten einen Preis aus, räumten das Häuschen auf, und zogen ein. Wir waren genau in der Traumbucht gelandet, nach der wir uns inbrünstig die Finger geleckt hatten, bevor wir in Zürich Orlikon unsere Daumen dem morgendlichen Strom der Autos entgegenhielten; und noch besorgt waren, ob wohl jemand uns weiter als Olten bringt. Die einzige Sorge die uns jetzt noch umtrieb, war die, dass uns nicht zum Schluss eine Kokosnusss auf den Kopf fällt.



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Kommentare

  • debby83

    Eine großartige Geschichte und klasse beschrieben! Nur ein paar mehr von deinen teilweise wirklich klasse Fotos hätte ich mir noch gewünscht.

  • Liberty-in-Paradise (RP)

    Ja, danke liebe Debby, ICH AUCH...

    Diese Story habe ich mal vor JAHREN für eine grosse Zeitschrift in Deutschland geschrieben. Wurde sogar fürstlich entlöhnt - obwohl sie die Story dann DOCH nicht bringen wollten. Wahrscheinlich nicht Anzeigenkundenkompatibel... Und LEIDER haben sie auch grad noch die ganzen Negative verloren.... Alles was ich hab, sind diese paar Fotos, die als Kopien irgendwo in einer Schublade waren. So ist das Leben, bzw. sind die Medien - manchmal.

    Freut mich, dass Dir mein Stil gefällt! Ich werde hier in den nächsten Tagen noch einige meiner besten Reisestories drauftun.

    Gerd Fehlbaum

  • ruma94

    Au ja, bitte mehr davon!!!!!

  • mamaildi

    Wie schön, wenn man sich seine Träume wahrmachen kann! Ich sitze auch manchmal am Bodensee und seh ferne Länder, leider "passte" es nie mit dem Aufbruch! Jedenfalls nicht so bedingungslos, wie ihr es durchgezogen habt. Tolle Geschichte, spannend erzählt, gibt natürlich 5 Punkte :-))

  • Blula

    Da kann ich auch nur KLASSE.. .!!.. . sagen. Tolle Reisegeschichte! Habe ich mit viel Vergnügen gelesen. Freue mich auch schon auf weitere solcher Berichte von Dir.
    LG Ursula

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Per Daumen nach Amerika 4.47 17

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