Von Kuala Lumpur zum Gunung Tahan

Reisebericht

Von Kuala Lumpur zum Gunung Tahan

Reisebericht: Von Kuala Lumpur zum Gunung Tahan

Vom Großstadtdschungel in den ältesten Regenwald der Erde und hinauf auf den höchsten Gipfel der Malaysischen Halbinsel bietet alle Facetten des Reisens in Südostasien.

Kuala Lumpur

Kalte Schönheit?

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Ein unbehaglicher Schauer läuft mir den Rücken herunter, trotz einer Lufttemperatur irgendwo um die 30 Grad. Ehrfurchtsvoll stehe ich in der tropischen Gartenanlage des Kuala Lumpur City Center, muss den Kopf weit in den Nacken legen, um die Ausmaße zu sehen, begreifen kann ich sie nicht. Silber glänzend, wie Pfeile, schießen die Petronas-Towers genau 451,9 m. in den trüben Abendhimmel über der malaysischen Hauptstadt hinein. Die Verwaltungszentrale der staatlichen Öl-und Erdgasfirma ist das erste Bauwerk, das mir neben Faszination auch Angst einflößt. Der Sieg des Menschen über die Natur? Heute erinnert nichts mehr an die mühsame Besiedlung im Jahre 1857, als sich chinesische Zinnarbeiter in dieser einst malariaverseuchten Urwaldregion niederließen und den Platz „Schlammige Flussmündung“ nannten. Kuala Lumpur bezeichnet sich heute gerne als Gartenstadt der Lichter. Tatsächlich setzen die üppigen Gartenlandschaften in der 1,4 Millionen Metropole einen angenehmen Gegenpol zur protzigen Architektur. Doch die Lichter? Hier leuchten sie mir zu kalt, zu hart und arrogant. Ich bin froh nach kurzer Taxifahrt wieder in Chinatown zurück zu sein. Die Lichtquellen sind gedämpfter, in den autofreien verwinkelten Gassen riecht es nach Leben. Bis weit in die Nacht hinein kochen und braten die exotischsten Gerichte in tausenden Töpfen und Pfannen. Fliegende Händler preisen lautstark gefälschte Markenartikel an. Chinesische Krämerläden scheinen in der Gründerzeit erstarrt zu sein. Gefangen von der dichten Atmosphäre gelange ich zum nördlichen Ende der überdachten Jalan Petaling. Dort holt mich die Großstadt wieder ein. Verkehrslärm, Dieselgestank, an einem großen Einkaufszentrum leuchtet hell das nur allzu gut bekannte Logo einer amerikanischen Restaurantkette. Gegensätze und Reibungen wie hier in KL werden sich auf meiner dreiwöchigen Reise durch Malaysia sicher fortsetzen.



Ab in den Wald

Sungai Tahan

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Monotonie bis zum Horizont. Zwischen 1990 bis 2005 wurden 1,87 Millionen Hektar neue Palmölplantagen in Malaysia geschaffen. Die Hälfte dieser Fläche nahmen einst Urwälder ein. Ich bin froh, dass mich immer wieder der Jetlag überfällt und ich die meiste Zeit verschlafe. Nach dreistündiger Busfahrt ist am frühen Nachmittag der Rand des Nationalparks erreicht. Das Gepäck wird auf ein Langboot verladen, der Motor schreit auf und in rasanter Fahrt steuert der Bootsführer uns 15 Touristen über den Sungai Tembeling in die grüne Lunge Malaysias. Ziel ist der populärste Eintrittsort in den Park, das Dorf Kuala Tahan. Etwa 60000 Besucher muss der Park jährlich verkraften. Besonders an Wochenenden strömen viele Ausflügler aus den Städten in die Natur. Stark frequentiert sind vor allem die Wege in der Nähe des Hauptquartiers. Antizyklisches Verhalten wird jedoch belohnt.

Wer Stille sucht, ist im Regenwald falsch. Doch diesen Geräuschen lausche ich gerne. In einer kappen Stunde stieg ich auf einem gut markierten Wanderpfad auf den Gipfel des Gunung Teresek. Millionen Zikaden freuen sich, ohrenbetäubenden Lärm erzeugend, auf den neuen Tag. Die Täler liegen noch in dichtem Nebel verborgen, weit im Nordwesten überragt der Gunung Tahan den ältesten Regenwald unseres Planten. In 130 Millionen Jahren wurde die Vegetation nie von Eiszeiten heimgesucht. Obwohl ich mir momentan eine kleine Eiszeit herbei wünsche, angesichts der feuchten Hitze und meines schweißnassen T-Shirts, Hose, Unterhose und Socken. Erwartungsfroh blicke ich nochmals zum Gunung Tahan, trotz seiner bescheidenen Gipfelhöhe von 2167 Metern ist er der höchste Berg der Malaiischen Halbinsel. 55 Kilometer Wanderstrecke trennen mich von seinem Gipfel, insgesamt werden meine beiden einheimischen Führer und ich 6-7 Tage unterwegs sein.

Zwei Tage später liegen um die Mittagszeit insgesamt 18 Kilometer hinter uns. Es ist schwül heiß, alles ist nass, klebt und stinkt. Nach schier endlosen auf und ab erreichen wir endlich einen schmalen Flusslauf. Das Wasser ist herrlich kühl. In der letzten halben Stunde konnte ich mich kaum noch auf den Weg konzentrieren, musste ständig ans Trinken denken. Erst als ein guter Liter in meinem Magen landet, nehme ich den fauligen Verwesungsgeruch wahr. Will ich überhaupt wissen, was den Gestank erzeugt? Kiri, mein Guide, führt mich zum Geruchsverursacher. Mein Ekel schlägt augenblicklich in pure Freude um: Eine Rafflesia blüht! Diese hier mag einen Durchmesser von 30 cm haben. Die größten Exemplare bilden Blütendurchmesser bis zu einem Meter. Ich bin überglücklich, auch wenn die fleischigen Blütenblätter an Aas erinnern und nur Insekten am ekelerregenden Duft in Entzückung geraten. Leider treibt Kiri zur Eile an. Der Sungai Tahan führe sehr viel Wasser und wir sollten den bislang trockenen Nachmittag nutzen, um die eigentlich erst für den nächsten Tag geplante Wegstrecke zur Campsite Teku in Angriff zu nehmen. Ein nächtliches Gewitter könnte uns eine Zwangspause auferlegen. Sieben Flussdurchquerungen liegen vor uns. Diese Etappe gilt als die kritische Phase einer Tahan Besteigung, doch bietet gerade dieser Abschnitt landschaftlichen Hochgenuss. Steile Urwaldberge flankieren die zunächst breite Wasserstraße. Flussaufwärts kommt es immer wieder zu Engstellen, über das sich ein dichtes Blätterdach wölbt. Der Weg verläuft anfangs durch dichte Ufervegetation, ist jetzt schwer erkennbar. Überhaupt dieser Wald! Gegenüber gestern wirkt er bedrohlicher. Nur mehr schmale Bündel Sonnenstrahlen durchschneiden die Finsternis, Licht oder Schatten, schwarz oder weiß. Und dann dieser Geruch nahe des Wassers; nasse Erde, verfaulende Blätter und Blüten sorgen für „dicke““ Luft. Öfters stoßen wir auf Elefantenkot, ohne aber auch nur einen einzigen der Dickhäuter zu entdecken. Meine Hoffnung einen Tiger zu sehen schmälert Kiris Aussage, dass der König der Wälder einen Menschen bis auf 200 Meter Entfernung wittert. Im Jahre 2003 installierten Forscher der Universität Florida im Taman Negara über 11 Monate hinweg an drei Standpunkten 150 Fotofallen. Aufgrund der Bildergebnisse schätzten die Experten, dass der 4343 km große Park etwa 65 bis 84 erwachsenen Tigern eine Zuflucht bietet.

Eine kleine braune Schlange flüchtet. Jetzt hinaus in die Helligkeit. Erstmals ist der Fluss zu durchwaten, das dunkle, von Torf gefärbte Wasser reicht mir bis knapp über die Knie und stellt noch keine große Herausforderung dar. Doch beim nächsten Mal tauche ich bis zum Bauch ein, verliere den Halt auf glitschigen Steinen und lande kurz im Wasser, sehr erfrischend, think positiv. Kurz vor 19 Uhr liegt die letzte Tauchfahrt hinter uns und gleich darauf ist auf einer Waldlichtung die Campingsite Teku erreicht. Wir treffen auf eine Trekkinggruppe aus Kuala Lumpur, vier nette Herren chinesischer Abstammung, die auch den Gunung Tahan zum Ziel haben. Wir lachen viel und freuen uns auf die nächsten gemeinsamen Tage. Bevor ich mein Zelt beziehe, entferne ich mit Salz drei Blutegel von meinen Waden. Zufrieden falle ich auf meine Isomatte. Nur schwach schimmert letztes Licht durch die Zeltplane. Wie die Brandung eines kommenden Sturms setzt in diesen Minuten die Geräuschkulisse des Waldes ein. Selbst das Rauschen des Sungai Tahan übertönen die Millionen Insekten und Frösche.



In die höchsten Regionen

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Es kühlt merklich ab, Wind streicht über den langgezogenen Dschungelrücken. Seit drei Stunden folgen wir einem steilen, aber gut begehbaren Pfad aufwärts. Wohin? In Richtung eines Gipfels, den ich letztmals vor drei Tagen sah. In diesen Minuten ist der Gipfel nicht wichtig, auch nicht in ein paar Stunden, vielleicht morgen. Momentan nehme ich lediglich die Veränderung meiner unmittelbaren Umgebung wahr. Die Bäume sind nicht mehr majestätisch wie im Tieflandurwald. Moos und Bartflechten überziehen dichtes Buschwerk. Oberhalb eines felsigen Gratkopfs lichtet sich der Wald. Eine handtellergroße, angeblich harmlose, Radnetzspinne geniest mit mir die Aussicht auf ein schier endloses Grün aller Schattierungen. So muss es vom Anbeginn aller Zeiten ausgesehen haben. In alle Himmelsrichtungen Dschungel, durchzogen von gewaltigen Flussläufen, Wasserfälle stürzen über senkrechte Felsen. Bereits am frühen Nachmittag erreichen wir die Campingsite Panking, welche genau Platz für 5 Zelte bietet. 30 Höhenmeter unterhalb soll sich eine Wasserstelle befinden. Fixseile leiten uns in ein scheinbar ausgetrocknetes Bachbett. Seit zwei Tagen ist kein Regen gefallen, schnell trocknen die oberen Bergregionen ab. Doch irgendwo plätschert es. Wir suchen unter faustgroßen Steinen, räumen größere Blöcke weg. Nach Minuten banger Sorge entdecken wir in einer Felsspalte ein fingerdickes Rinnsal. Wasser, gibt es etwas Wichtigeres?

Die Ouvertüre in den heutigen Tag bilden nahezu senkrechte Kletterpassagen an oftmals verlässlichen Wurzeln. Morsches Geäst eignet sich weniger, wie auch offenbar stabile Stämme, an deren Rückseite stachelige Kletterpflanzen lauern. Sehe ich nicht sofort, spüre ich aber umso mehr. Auf einem Gratrücken überschreiten wir 15 Erhebungen. Über lotrechte, moosbewachsene Felsen leitet uns eine kühne Leiterserie auf den Gunung Padang mit der gleichnamigen Campsite. Nur mehr niedrige Sträucher gedeihen in 1900 Meter Höhe auf felsigen Untergrund. Unzählige Kannenpflanzen warten auf unvorsichtige Insekten. Auf die geplante Übernachtung an diesem aussichtsreichen Platz müssen wir jedoch verzichten. Nirgends ist ausreichend Wasser zu finden! Die Guides beratschlagen kurz und offenbaren uns die schmerzliche Nachricht: Eine verlässliche Quelle sprudelt erst an der Campingstelle Pondok! Auf der anderen Seite des Gunung Tahan, geschätzte Gehzeit vier Stunden!



In den Wolken und darüber

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Na auf geht`s! Bedrohliche dunkle Nebelbänke ziehen von Osten über das Plateau, nehmen uns jede Sicht. Kurze Zeit später frischt der Wind auf, für Augenblicke schwebt der Gunung Tahan wie eine Fata Morgana über den Wolken. Verdammt weit bis dorthin! Vor allem müssen wir wieder ein Stück absteigen und verlieren an die 200 Höhenmeter. Zudem lauert in der Senke ein lästiges Sumpfgebiet. Nach dessen mühsamer Durchquerung leiten steile Erosionsrinnen … wohin eigentlich? In den Nebel, auf den Gipfel XY? Ein Tauziehen für die Nerven beginnt. In der Ferne Donnergrollen, fünf Sekunden Hagel, kaum habe ich meine Regenjacke aus dem Rucksack gefingert, ist der Spuk vorbei. Es geht bereits auf 17.30 Uhr zu, als ich Cheng rufen höre: „Summit“! Gesehen habe ich schon lange nichts mehr, aber keine 10 Meter entfernt ragt das Gipfelschild aus dem Nebel. Nach und nach treffen alle ein. Joseph verteilt für jeden einen Schluck Wein zur Feier des Tages. Immer mal wieder schimmert die Sonne durch dahin jagende Wolkenfetzen. Das Dach West-Malaysias bleibt wolkenverhangen. Enttäuscht verlasse ich den höchsten Punkt. Während des Abstieges hadere ich unentwegt mit meinem Schicksal. Immer heftiger packen uns Sturmböen. Von einmal gleißende Sonnenstrahlen. Wie beim Blick aus einem Flugzeug liegen tief unten bläuliche Täler im Schatten des frühen Abends. Nach Westen hinaus erstrecken sich weitere Dschungelgebirgsketten. Bislang spürte ich nur wie weit wir uns von der Zivilisation entfernt hatten, jetzt sehe ich es auch! Keine Dörfer, keine Plantagen, nur wilde Natur. Verborgen hinter hochaufgetürmten Gewitterwolken feuert die untergehende Sonne ein unglaubliches Farbspektrum ab. Die Dunkelheit kriecht unaufhaltsam die Hänge empor. Jetzt aber runter ins Lager. Im letzten Licht schlage ich mein Zelt auf. Als wolle ich mich der Ausgesetztheit vergewissern, laufe ich in der Finsternis die paar Meter zu einem Aussichtspunkt hinauf. Beständiges Wetterleuchten erhellt den südlichen und westlichen Horizont. Doch in den Tälern lassen sich nirgends Lichtquellen finden. Nur gut 100 Kilometer Luftlinie liegen zwischen den Grenzen des Taman Negara und den Petronas-Towers. Vor acht Tagen stand ich unterhalb der beklemmenden Wahrzeichen Kuala Lumpurs. Eine gefühlte Ewigkeit.


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Kommentare

  • lucky-wanderer

    Toller Reisebericht für alle Sinne! Bin mit diesen "Bildern" im Kopf noch mehr gespannt als vorher, was für Eindrücke ich davon mitnehmen werde.

    Grüße,
    Michael

  • Blula

    Auch ich bin ganz angetan von diesem wunderbaren Bericht. Ich habe ihn quasi verschlungen!
    LG Ursula

  • fhaid

    Ein echt cooler Bericht! Super! Ein paar Fotos mehr wäre schön gewesen! Lg Florian

  • sfintu (RP)

    Lob auch von einem gebürtigen Frankfurter für den Offenbacher! Wie ich gerade in deinem Profil gelesen habe, bist du Profi-Fotograf. Wo sind die ganzen Bilder? HGätte mich auch über ein paar mehr gefreut.
    Nächstes Jahr will ich selbst nach Malaysia reisen und werde das Land nicht verlassen, ohne einen Tiger gesehen zu haben (und sei es irgendwo im Zoo...).

  • ursuvo

    habe den Bericht mit Freude "verschlungen" - ein paar mehr Bilder.......;-)))

  • yunnanfoto

    Sehr gut geschrieben. Jeden Schritt kann ich nachvollziehen. 1988 bin ich 4 Tage lang durch den Taman Negara gelaufen, allerdings umgekehrt, Kuala Tahan war das Ziel. Und ich war ganz alleine, kein Führer, kein Begleiter, niemand. Gegen die Blutegel habe ichmich mehrmals täglich mit Baygon eingesprüht, es hat geholfen, kein einziger Biss. Orientiert habe ich mich am Fluss, das ging ganz gut, und die Durchquerung der zahlreichen Nebenflüsse war nachher auch Routine, erst den grossen Rucksack rübergebracht, dann zurück und den Fotorucksack geholt (die Büchsen mit Ravioli und anderen Sachen waren mir erst mal wichtiger als die Kamera).
    Ein spannendes Erlebnis, trotzdem war ich froh als ich am Abend des 4. Tages Kuala Tahan erreichte, alle Baygon-verseuchten Klamotten in den Fluss schmeissen und eine Dusche nehmen konnte.
    Danke für das Auffrischen meiner Erinnerungen.
    LG, Herbert

  • Pinky3

    toller beitrag sehr spannend geschrieben, was für ein erlebnis........lg gaby

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  • oldi

    Die Macht der Natur ist auf Schritt und Tritt zu spüren, oldi

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