Mit dem Kajak in Kanada

Reisebericht

Mit dem Kajak in Kanada

Reisebericht: Mit dem Kajak in Kanada

Die Strömung wird immer schneller. Ich paddle mit voller Kraft. Mein ganzer Körper ist angespannt und fokussiert auf das was vor mir liegt. Die Horizontlinie ist längst verschwunden, ich kann nur die Baumwipfel hinter Abrisskante erkennen. Der Lärm des tobenden Wassers ist ohrenbetäubend!

Welcome to Vancouver

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Ich öffne die verklebten Augen und sehe eine riesige Putzmaschine direkt neben meinen Kopf vorbeirollen. „Alles OK“, beruhige ich mich selbst. 4h23. Vor mir ist immer noch der Check-In Schalter des Londoner Flughafen Heathrow. Ich bin wohl auf meinem Kajak liegend eingeschlafen und hab mal wieder vom Wildwasserfahren geträumt. Der Süllrand des Bootes bohrt sich in meinen Bauch. Ich hätte mir durchaus ein lauschigeres Plätzchen für die Nacht vorstellen können, da jedoch mein Billigflieger einen 13 Stunden Stop-Over in Heathrow einlegt, muss ich zwangsläufig in dieser Position ausharren.

Ziel meiner Reise, das kanadische Vancouver, ist zu diesem Zeitpunkt noch in weiter Ferne. Nach weiteren 9 Stunden im Halbschlaf und unzähliger vorbeiziehender Pinguinkolonien in Gestalt hektischer Londoner Geschäftsleute wird dann endlich auch mein Flug zum Check-In gebeten. Ein Traum wird wahr: Kanada ich komme!



Bei meiner Ankunft in Vancouver stellt sich ein weiteres Problem: Mein Kajak: 35kg, 2,5m lang, unhandlich und gelinde gesagt in einem hoch zivilisierten Land wie Kanada beschissen zu transportieren. Besagt doch die goldene Regel, dass je weniger ein Land entwickelt ist, desto einfacher ist es sich mit solch einem Sperrgut fortzubewegen. Ein Taxifahrer haut mich übers Ohr. Aber ich bin einfach so froh jemanden gefunden zu haben der mich und mein Kajak mitnimmt, dass mir dies meine Laune auch nicht vermiest.



Vancouver Gastown

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Die erste Woche vergeht wie im Flug. Gilt es doch neben der Sprachschule, die ich immer brav besuche, noch einige andere Dinge zu organisieren. Ich will Kajakfahren! Schließlich eilt British Columbia der Ruf voraus, eines der besten Wildwasserkajakreviere der Welt zu sein. Kajakfahren kann man nicht allein. Ich schreibe also fleißig Emails und lasse meine Kontakte spielen. Normalerweise sind Wildwasserfahrer eine große Gemeinde in der es kein Problem ist Leute zum Bootfahren aufzutreiben. Deshalb ist es immer wieder spannend, wen man kennen lernt und wo man landet. Das Glück ist auf meiner Seite: Ein kanadischer Paddler
- Chris - lädt mich auf ein paar Bier zu sich nach Hause ein und will mir am Wochenenden die Region um Whistler in den Coast Mountains zeigen.



Geile Karre am Kitsilano Beach

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Die Coast Mountains liegen wie ihr Name schon verrät an der kanadischen Pazifikküste, ziehen sich von Vancouver bis Alaska und sind von Fjorden zerschnitten. Ihre höchste Erhebung ist mit 4019m der Mount Waddington. Die vom Meer bedingten feuchten Luftmassen bringen Tonnen von Schnee, an denen sich im Winter Ski und Snowboardfahrer erfreuen und die im flüssigen Zustand zur Zeit der Schneeschmelze das Herz eines jeden Wildwasserenthusiasten höher schlagen lassen.



Chris Auf dem Cheakasmus

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Die Jungs am Einstieg

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Nach abendlicher Verbrüderung mit Chris und geht es zum Cheakasmus River einem Bach nahe Whistler. Ein weiteres Highlight wartet beim Umsetzen der Autos: Da Chriss Auto nicht geländetauglich ist, müssen wir unsere Boote auf den Geländewagen von Dave umladen der uns zum Einstieg bringt. Die Fahrt gestaltet sich dann durchaus spannend, da Chris und ich auf der hinteren Stoßstange des Pickups stehen und Dave es sich nicht nehmen lässt Gas zu geben. Der Fluss offeriert Spitzenwildwasser. Wir manövrieren unsere Kajaks auf kristallklarem Wasser durch die Katarakte. Am Ende des Tages bleibt ein Lächeln in unseren Gesichtern zurück. Klasse Anfang!



Sonnenuntergang auf dem Highway 99 zwischen Van...

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Phosporizierende Algen

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Eine Woche später will mir Chris die Skookumchuck Narrows zeigen. Ein magischer Ort für Kajakfahrer. Ich bin gespannt. Nach einer Nacht unter freien Himmel mit doch sehr lautem Coyote - Geheule in unmittelbarer Nachbarschaft erreichen wir Egmont.
Egmont liegt ca 100 km nördlich von Vancouver an der Sunshine Coast und bildet den Ausgangspunkt unseres Trips. Vom Hafen aus müssen wir eine Stunde paddeln bis wir Skook, wie Kajakfahrer Skookumchuck abgekürzt nennen, erreichen. An dieser Stelle ist der Fjord so eng, dass sich während der Gezeiten starke Strömungen bilden. Diese Strömungen lassen eine der größten stehenden Wellen der Welt entstehen.
Als wir aus dem Hafen herauspaddeln taucht neben mir ein Seehund auf. Ich bin hell auf begeistert. Dave und Chris können meine Begeisterung nicht teilen und verspotten mich als ‚ Tourist ’ . An der Welle angekommen warten wir, dass sich diese famose Welle bildet. Leider haben wir Pech und die Welle steht erst bei vollkommener Dunkelheit. Wer hat den Gezeitenkalender falsch gelesen? Ein Tourist? Auf dem Rückweg ziehen wir im Dunkeln leuchtend blaue Spuren hinter unseren Kajaks her. Phosphorizierende Algen fangen an zu leuchten, wenn sie durch die Bewegung des Wassers angeregt werden.



Chris Im Hafen von Egmont



Thompson Valley

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Weil Chris seine Fehlanalyse doch ein wenig peinlich ist, beschließt er, wir sollen noch das Thompson Valley ansteuern. Die schlappe 450km Fahrt scheint keinerlei Rolle zu spielen. Der Thompson River ist einer der größten Zuflüsse des Fraser Rivers der in Vancouver in den Pazifik mündet.

Am Thompson River angekommen, erlebe ich eine ganz neue Dimension des Wildwasserfahrens. Waren die Flüsse in der Whistlerregion noch eher im Stil der Alpenflüsse, so offenbart mir der Thompson andere Größen. Die Wellen, Walzen und Presswässer sind um ein vielfaches Größer als alles was ich bisher erlebt habe. Wir toben uns aus bis es dunkel wird.



'Secret Gardens' in der Thompson Dessert



Mount Hood

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Mitte der Woche beschließe ich Vancouvers Hausberg, Grouse Mountain, einen Besuch abzustatten. Mir wurde schließlich immer wieder nahe gelegt, dass man als Vancouvertourist den Grouse Grind unbedingt einmal bezwingen sollte. Der Grouse Grind Trail schlängelt sich auf einer Länge von 2,9 km 1100 Höhenmeter den Berg hinauf. Mein sportlicher Ehrgeiz ist geweckt. Mit langer Hose und kompletter Kamera - Ausrüstung auf dem Rücken mache ich mich auf den Weg. Überholt werde ich nur von durchtrainierten Athleten in leichter Laufbekleidung. Ich hab mich also mal wieder als Tourist geoutet. Nach ca. 1,5 Stunden Aufstieg erreiche ich vollkommen erschöpft die Bergstation. Bei der teuersten Flasche Wasser meines Lebens genieße ich einen herrlichen Sonnenuntergang.



Sunset Groose Mountain



Kajakfahrer rockt den Baumstamm...

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Da Chris dieses Wochenende auf einer Hochzeit ist, habe ich mich mit Dave verabredet. Wir wollen uns ein paar Wasserfälle in der Nähe von Whistler anschauen. Der Callaghan verspricht uns großes Kino. Chris hat mir ,bevor er gefahren ist, von drei Wasserfällen 7ft, 16ft und 30ft vorgeschwärmt. Da ich mit Fuß nicht wirklich was anfangen kann, bin ich erstmal schwer beeindruckt.
Dave holt mich ab und es geht los. Ein Fakt der die Sache noch spannender macht ist, dass der 30ft Fall eine Zwangspassage ist. Zwangspassage bedeutet, dass man fahren muss. Es gibt keinen Weg am Ufer entlang. Wer zuerst fährt, fährt zudem ohne Sicherung. Beim Umziehen steigt mein Adrenalinspiegel. Bepackt mit komplettem Sicherheitsequipment, Kameraausrüstung und Boot/Paddel, insgesamt so an die 30kg, laufen wir zum Einstieg. Der Wasserstand scheint niedrig sein, aber vielleicht gerade recht für eine erste Fahrt. Wunderschön plätschert der Callaghan in einem Hochtal dahin. Vor uns verschwindet zum ersten mal die Wasserlinie:
Fall Nummer Eins entpuppt sich als Stüfchen von ca. 2 Metern, dass etwas rumpelig über die rechte Seit zu befahren ist.



Kajakfahrer am großen Fall des Callaghan

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Kajakfahrer mit flauem Gefühl...

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Es geht weiter mit Fall Nummer Zwei: Eine ca.5-6 Meter hoher Abfall mit der Besonderheit, dass ein Baumstamm drin liegt. Bei der Besichtung beschließen wir, dass links genug Platz ist, um daran vorbei zu springen. Dave legt vor. Wie wenig Platz zwischen ihm und dem Baum ist, sehe ich als er im Fall erschrocken seinen Kopf einziehen muss. Ich entscheide mich also für eine zweite Variante: Ich nutze den Baum als Grindstange und rutsche wie ein Snow- oder Skateboarder auf ihm entlang. Kaum 100 meter weiter verschwindet die Wasserlinie schon wieder. Man kann nur noch die Baumwipfel hinter der Abrisskante erkennen. Die Spannung steigt. Um den Fall zu besichtigen kann man auf der rechten Seite bis an die Kante rankrabbeln. Wow. Ein Traum von einem Wasserfall. Knapp 10 Meter, viel Wasser, einfach herrlich! Ich bin zuerst dran. Ich schließe die Spritzdecke. Es geht über die Kante. Begleitet von einem dumpfen Geräusch schlage ich unterhalb im Kessel ein.
Für den Rest des Tages will ich gar nicht mehr aufhören zu grinsen.



Kajakfahrer springt nur knapp am Baumstamm...

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Nach einer kleinen Tour durch die Rockies und einer Stippvisite bei Freunden in Calgary heißt es Abschiednehmen von diesem wunderbaren Ort. Den letzten Abend begießen wir bei Chris mit zu viel Jägermeister.
Tagsdarauf und einige Kilometer von Vancouver entfernt sitze ich mit dröhnendem Schädel in der Abflughalle des Londoner Flughafen Heathrow. Ich habe meinen Anschlussflieger nach Frankfurt verpasst. Ich bin sau müde und immer wieder fallen meine Augen zu: Ich schlinge aus dem Kehrwasser aus. Die Strömung wird immer schneller. Ich paddle mit voller Kraft. Mein ganzer Körper ist angespannt. Ich sehe die Baumwipfel. Der Lärm des tobenden Wassers ist ohrenbetäubend!
Hoppla; fast wäre mir der Laptop von den Knien gerutscht.



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Kommentare

  • darek (RP)

    Hey, super schöne Action-Fotos! Da bekommt man gleich Lust auf Abenteuer :-)

  • s.gerhard

    Klasse Bericht

  • visufix (RP)

    Super Story und Bilder!

  • wildwassercamera

    super da bekommt man echt lusst aufs paddeln. Mir bleibt heuer vermutlich nur mir die Enns in der Steiermark.

    Bericht und Bilder sind echt super!

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Mit dem Kajak in Kanada 4.17 6

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