Äthiopien - kein Hunger, sondern unvergessliche Eindrücke

Reisebericht

Äthiopien - kein Hunger, sondern unvergessliche Eindrücke

Reisebericht: Äthiopien - kein Hunger, sondern unvergessliche Eindrücke

Wir haben Äthiopien zweimal besucht: 2004 als Touristen und 2006, um unsere neu gewonnene äthiopische Familie zu besuchen. Dies ist eine Zusammenfassung der Highlights beider Reisen.

Die Nordtour

Axum

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2004 haben wir die 'klassische' Äthiopienreise unternommen:
- 1 Tag Aufenthalt in Addis Abeba mit Besichtigungstour, u.a.:
- Entoto Hill, wo ehemals Kaiser Menelik II. residiert hat und von wo man einen schönen Blick über die Stadt hat;
- National Museum, in dem man Lucy bewundern kann oder Dinkenesh, wie sie hier heißt, was so viel bedeutet wie 'du bist wunderbar',
- die Kirche, in der Haile Selassi im Sarkophag liegt
- und natürlich den Mercato, den angeblich größten Markt Afrikas, wo es Korbwaren jeglicher Art gibt, die sich gut als Souvenir eignen.
Ein gemietetes Auto mit Fahrer (ohne ist es kaum zu bekommen, wegen der katastrophalen Straßen) brachte uns zu den Highlights des Nordens; begleitet wurden wir von einem kostenlosen Guide, Seleshi, der uns 'aufgeschwatzt' wurde, da er noch in der Ausbildung war und ein 'Übungsobjekt' brauchte. Ausgerechnet uns!
So besuchten wir, von dem unaufhörlichen Redeschwall des übereifrigen Seleshi begleitet,
- den 'Blue Nile Gorge' und die Wasserfälle des blauen Nils, dieser ist nach dem Bau eines Wasserkraftwerkes nur noch ein Rinnsal, daher sollte man ihn in der Trockenzeit am besten sonntags besuchen, weil das Kraftwerk dann etwas heruntergefahren und das aufgestaute Wasser abgelassen wird.
- den Tana-See mit seinen vielen kleinen Kloster-Inselchen, die fast alle nur von Männern betreten werden dürfen. Die Insel Zege, eine der Ausnahmen, war unser Ziel, sehr schön.
- die Stadt Gondar, wo wir den 'Gump', ein ca. 7000qm großes Gelände mit mehr oder weniger restaurierten Ruinen von diversen Kaiserpalästen besichtigten und das Bad des Fasilidas, dessen Mauer von mächtigen Luftwurzeln überwuchert sind. Unser Hotel, Roha-Hotel, das beste am Platz, liegt zwar mit toller Aussicht auf einem Hügel, wird aber auch von Reisegruppen angefahren und hat fürchterlich schlechtes Essen. 2006 waren wir wieder in Gondar und haben sehr schön im Hotel Fogera gewohnt. Direkt daneben ist ein sehr empfehlenswertes Restaurant.
- Axum, wo es den berühmten Stelenpark gibt und wo in der Umgebung die Grundmauern des Palastes der Königin von Saba zu besichtigen sind. Die Bundeslade befindet sich angeblich auch dort, in einem extra Gebäude, das permanent von einem Priester bewacht wird, der das Gelände bis an sein Lebensende nicht mehr verlassen darf. Frauen dürfen nicht einmal in die Nähe des Gebäudes kommen.
- Makalle, dort befindet sich ein Waisenhaus für Mädchen, das von einer Partnerorganisation der Kindernothilfe unterhalten wird. Wir waren angemeldet, wurden erwartet und herumgeführt, bekamen Lieder vorgesungen und Blumen überreicht und abends wurden wir vom Leiter des Hauses zum Essen eingeladen. Sehr interessant, wir haben viel über die Probleme und Hilfsprojekte erfahren.
- Lalibella, ein unbedingtes Muss im Norden. Die Felsenkirchen sind sensationell.

Ein Tipp zum Essen: Injera, die typischen, aus Teff, einer speziellen Getreideart hergestellten Fladen, mit Tibbs oder Doro Wot - einfach nur köstlich! Dazu Tedj (Honigwein) und das alles auf keinen Fall im Touristen-Restaurant.



Lalibella

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Die Südtour

Lake Awassa

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Zurück in die Hauptstadt ging es per Flieger und dann, mit neuem Auto, Zeltausrüstung. Koch und richtigem Guide, Zelalem, gen Süden.
Stationen unserer Südtour:
- Awassa: wir wohnten im Wabe-Shebele Resort II, einer Bungalow-Anlage direkt am See, wunderschön gelegen, mit stimmungsvollem Sonnenuntergang. Morgens ist der Fischmarkt sehr interessant.
- Chencha: der Dienstagsmarkt ist groß, sehr bunt und ein einziges Menschengewimmel. Unterwegs lohnt Dorze Village einen Stopp, interessante Häuser mit teilweise 10 m hohen, konisch zulaufenden Dächern.
- Arba Minch: liegt am Lake Chamo und Lake Abbaya.
Das Bekele Molla Hotel hat eine Terrasse mit wunderschönem Blick auf den Nechisar NP und die beiden Seen. Ein Ausflug (per Boot) zum 'Krokodilmarkt' lohnt sich, im Lake Chamo leben Unmengen davon.
- Jinka: auch hier gibt es einen sehenswerten Markt, immer samstags.
- Mago NP: Es gibt ein Campsite, allerdings (2004) ohne irgendwelche Sanitäreinrichtungen, dafür mit einigen neugierigen Affen, die sich über die mitgebrachten Lebensmittel freuen.
Von hier aus konnte man ein Dorf der Mursi besuchen. Die Mursi sind bekannt für ihre riesigen Lippenteller. Sie sind recht aggressiv, die Mäner tragen Kalaschnikows über der Schulter, die Frauen begrapschen dich, sobald du aus dem Auto steigst, sie zerren und kneifen und alle wollen, gegen Bezahlung, auf's Foto. Wir hatten einen bewaffneten Ranger dabei, der aufpasste, dass es nicht zu wüst wurde.
War anstrengend, aber ein tolles Erlebnis.
- Turmi: liegt im Gebiet der Hamer und hat ein nettes Zeltcamp. Die Volksgruppe der Hamer ist ungemein interessant, mit vielen ganz speziellen Sitten und Gebräuchen, wie 'bull jumping' und nächtliche Tänze in absoluter Dunkelheit mit anschließendem Tête-à-tête, ohne zu wissen, wer der oder die glückliche ist. Sozusagen das Pendant zum Darkroom. Man darf - unter Aufsicht - bei den Tänzen zuschauen, ich wurde sofort in den Kreis der Tanzenden aufgenommen - es war einfach irre. Später wurden wir dann aber gebeten zu gehen, Teil 2 der Veranstaltung ist - zum Glück - nicht für Touris!
Die Hamer sind ein sehr freundliches Volk und sehr körperbezogen, sie fassen dich ständig an und freuen sich sehr über Besucher; ich habe mich dort so wohl gefühlt.
Auf der anderen Seite des Omo-River leben außerdem noch die Karo, die sich über unseren Besuch ebenfalls sehr gefreut haben, denn es kommen nur selten Fremde in diese gottverlassene Gegend. Dann gibt es noch die Geleb, die Abore und einige andere Völker, die sich allesamt zu besuchen lohnen.
Hört sich vielleicht ein bisschen an wie Menschensafari, es ist aber so, dass die Weißen bestaunt, angefasst, gestreichelt oder auch gekniffen werden. Und - die Touris bringen Dinge mit, die man gebrauchen kann: Seife, Medikamente, Rasierklingen, Verbandstoffe, Stifte und Schreibpapier und natürlich auch Geld (in der Regel die einzige Möglichkeit, an Geld zu kommen), mit dem auf dem Markt eingekauft werden kann. Also auch ein bisschen Fortschritt. Ob dieser denn glücklicher macht, darüber könnte man natürlich stundenlang diskutieren ....
Wichtig ist, nicht in einer Gruppe zu reisen, dann kommt man als Gast und wird auch so empfangen.
Schön ist es, wenn man mehr Zeit hat, dann bietet es sich an, in den Omo NP zu fahren.
-Konso: der Ort hat ein Hotel, das Volk ist bekannt für seinen Terrassenfeldbau.
-Agere Maryam: hier sind wir gestrandet. Eigentlich wollten wir noch weiter in den Süden, aber unser Fahrer hat sich vollkommen verfranst und so sind wir hier gelandet. Der Vorteil war, dass hier normalerweise keine Touris hinkommen und die Leute ganz einfach nett und neugierig waren.
- Lake Langano: hat ein nettes Resort, man kann schwimmen und relaxen.
- Wendo Genet: ein nettes Hotel mit benachbartem Schwimmbad, das von einer heißen Quelle gespeist wird. Ein netter Platz, um sich auf die Heimreise vorzubereiten.



Mursi



23.09.2006

Unsere äthiopische Familie

Tanzen in Oma's Hütte, Äthiopien

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2006 waren wir wieder da. Zelalem, mittlerweile unser 'Pflegesohn', der seit 2004 bei uns lebt und studiert, besuchte seine Familie und natürlich waren wir auch eingeladen. Die ganze Familie kam, um uns vom Flughafen abzuholen, sie hatten ein Auto organisiert, mit dem wir nach Nazreth, ihrem Wohnort fuhren. Sie hatten das Schlafzimmer für uns geräumt und eine Kuh gekauft. Diese stand hinter dem Haus, als wir ankamen, aber als ich sie filmen wollte, war sie weg. Ich fand sie vor dem Haus wieder, wo man ihr schon die Kehle durchgeschnitten hatte. Die Arme! Aber nicht zimperlich sein, natürlich schlachtet man für Gäste aus Deutschland eine Kuh! Wir wurden unglaublich verwöhnt! Eine Matratze wurde in den winzigen Garten geschafft, auf der ich unter einem Mangobaum liegend abwechselnd Tedj und Kaffee trinken durfte. Ich wurde in die Kaffeezeremonie eingewiesen und durfte unter Anleitung den Kaffee rösten und kochen. Und wir wurden permanent gefüttert. Dies ist ganz typisch, man muss essen, bis man fast platzt und darf nicht ablehnen.
Das typische äthiopische Haus besteht aus einem Haupthaus mit Wohn- und Schlafzimmer und einem Nebenhaus, in dem die Küche untergebracht ist. Dort musste ein Teil der Familie übernachten, während wir da waren. Es gibt einen extra Raum mit einem großen Injera-Ofen, wo wir unter viel Gelächter versucht haben, einen einigermaßen ansehnlichen Fladen zu backen.
Ein Höhepunkt war der Besuch von Zelalem's Onkel und Oma, die beide auf dem Land leben und die wir zusammen mit Zelalem und seiner Mutter, Goje, besucht haben.
Die Oma lebt in Dangela, einem kleinen Städtchen, in einer Lehm-Hütte, in der wir mit etlichen anderen Familienmitgliedern übernachtet haben. Sie war so glücklich, uns kennenzulernen. Und sehr stolz auf ihren Enkel und auf ihre neue deutsche Familie. Das halbe Dorf kam abends, um uns zu sehen, es wurde gegessen, viel Tedj, Tella (selbstgebrautes Bier) und Arake (selbstgebrannter sehr hochprozentiger Schnaps) getrunken, ausgelassen gesungen und getanzt. Wir waren überwältigt, ganz gerührt und sehr glücklich.
Am nächsten Morgen zogen wir weiter nach Arb Gebeya, einem abgeschiedenen kleinen Dorf, zum Haus des Onkels. Dort waren wir ebenfalls die Attraktion. Der Onkel ist eine sehr wichtige Person im Dorf, er ist nämlich so etwas wie ein Heiler, hat eine kleine Apotheke und behandelt Patienten in seinem Haus. Er hat voller Stolz seine Patienten präsentiert und sich sehr über unsere gut ausgestattete Reiseapotheke gefreut, die wir ihm überlassen haben. Zu Ehren unseres Besuches wurden zwei Ziegen geschlachtet und wir wurden in der kompletten Verwandschaft herumgereicht. Die Nacht war dann nicht so bequem, das Haus war vollgestopft mit Menschen.
Am nächsten Morgen fuhren wir nach Gondar und flogen von dort zurück nach Addis Abeba. Goje ist zum ersten Mal in ihrem Leben geflogen, sie war so schrecklich aufgeregt, dass wir die ganze Zeit lachen mussten.



Kleines Dorf in Äthiopien

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Simien Mountains

Gelada Boboon, Simien...

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Natürlich wollten wir uns nicht die Chance entgehen lassen, ein bisschen mehr vom Land zu sehen. So unternahmen wir eine dreitägige Trekkingtour in die Simien-Mountains. Welch eine großartige Landschaft und Vegetation! Ganze Horden der endemischen Gelada Baabouns sind uns begegnet, ich konnte mich gar nicht von ihnen losreißen und habe endlos gefilmt. Wir hatten sogar das große Glück, den seltenen und scheuen Simien Fox zu sehen.
Zelalem hatte alles orgnisiert und begleitete uns natürlich. Das Gepäck (Rucksäcke, Zelte usw.) wurde von Mauleseln transportiert, zum Glück, denn wir stiegen bis auf 4070 m und jabsten mit Daypack auf dem Rücken nach Luft. Die Nächte im Zelt waren eisig, aber tagsüber schien die Sonne und wir konnten uns gar nicht satt sehen an der wunderschönen Landschaft.
Die Menschen dort oben in den Bergen sind sehr arm, die meisten Kinder hatten weder Schuhe noch warme Anziehsachen. Zelalem wurde nicht müde, den Kindern zu erklären, wie wichtig es ist, lesen und schreiben zu lernen und wir kauften, zurück im Dorf, Kleider für eine ganze Horde von Kindern, außerdem Stifte und Schreibpapier. Unser Guide versprach uns, alles bei der nächsten Tour mitzunehmen (was er hoffentlich auch getan hat).



Simien Mountains, Äthiopien

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Harar

Ein weiterer Ausflug führte uns nach Harar, im Osten des Landes gelegen und wegen seiner mittelalterlich anmutenden, komplett mit einer Mauer umgebenen Altstadt wirklich sehenswert. Die Gegend ist muslimisch und wirkt, da das Gros der Menschen der äthiopisch-orthodoxen Kirche angehört, fast fremd.
Wir haben einen lokalen Guide engagiert, der uns nach dem wirklich interessanten Marsch durch die Stadt spontan zu sich nach Hause zum Fastenbrechen eingeladen hat.
Letzte Station des Tages war ein privates Museum oder, besser gesagt, das winzige Privathaus eines Mannes, der im Laufe seines Lebens unschätzbare Werte angehäuft hat: Das Haus war bis unters Dach vollgestopft mit alten Münzen, bis zu 1500 Jahre alten Büchern, Säbeln und Dolchen aus allen möglichen Kriegen und allem möglichen Schnickschnack, so dass kaum Platz zum Sitzen war.
In Harar waren wir ständig von einer 'ferengi' (=Fremder) schreienden Kinderhorde umgeben, die ganz wild darauf waren, auf Foto oder Film gebannt zu werden.
Lustig sind auch die halbzahmen Hyänen, die abends im Schein von Autoscheinwerfern vom 'Hyänenmann' gefüttert werden.
Auf dem Weg zurück nach Nazreth haben wir einen kurzen Abstecher zum Awash NP gemacht, ganz hübsch, es gibt auch eine Lodge zum Übernachten, aber wir hatten keine Zeit mehr.



Harar, Äthiopien

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26.09.2006

Maskal - das Ende der Regenzeit

Maskal-Fest, Äthiopien

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Wir hatten das große Glück, eines der vielen äthiopischen Feste mitzuerleben. Am 26.9. wurde das Maskal-Fest gefeiert, das Ende der Regenzeit. In jedem Ort wird auf einem Platz ein großes Kreuz errichtet, das abends angezündet wird. Wir erlebten das Fest in Nazreth, wo wir mit ca. 1000 anderen Menschen gespannt auf das Abbrennen des Kreuzes warteten. Wenn es weit genug abgebrannt ist, soll es möglichst nach Osten fallen, dann wird es ein gutes Jahr. Es fiel gar nicht - was das wohl zu bedeuten hat?
Später wurde auch noch zu Hause ein privates Feuer vor dem Haus angezündet und es gab - natürlich - reichlich zu essen, Tedj und Arake.
Abschließend kann ich nur sagen, dass uns in Äthiopien so viel Gastfreundschaft, Unvoreingenommenheit und Herzlichkeit begegnet ist, dass es mich manchmal beschämt hat. Das Land kennengelernt zu haben und sich intensiv mit der Kultur auseinanderzusetzen war sicherlich eine große Bereicherung.



Affen im Schwimmbad, Sodere, Äthiopien

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Kommentare

  • Guido

    Hallo Inge,
    ich bewundere und beneide euch um diese Erfahrungen. Diese Reisecommunity lebt von solchen Berichten und Bildern wie den euren, die uns eine Fremde Welt aus erster Hand näher bringt.
    Danke für den tollen Berichte mit den einfühlsamen Bildern.
    Liebe Grüsse Guido

  • Eviwild

    Hallo, ein sehr beeindruckender Bericht und schöne Fotos. so etwas möchte ich auch noch einmal erleben.

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