Die Kultur Japans

Reisebericht

Die Kultur Japans

Reisebericht: Die Kultur Japans

Die Kultur Japans ist sicherlich der größte Schatz des Landes. Wer hierhin reist, hat weder Strand-, noch Natururlaub im Sinn. Doch ist das Land des Lächelns der Traum schlechthin im Fernen Osten?

Der folgende Text ist weniger ein Reisebericht, sondern mehr eine persönliche Erfahrungssammlung bezüglich der japanischen Kultur.

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Allgemeines

Wagasa, der japanische Schirm

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Japan bezieht seine Attraktivität aus einer besonderen Quelle: seiner Einzigartigkeit. Diese betrifft seine Geschichte, Gesellschaft und Kultur. Schon immer hatte Nippon - wie Japan auch genannt wird - eine Sonderstellung in Asien, ja sogar in der ganzen Welt innegehabt. Als Inselstaat bewahrte es viele Jahrhunderte vollkommene Isolation. Zwar ähnelten im Mittelalter die feudalen Strukturen denen in Europa und im alten China, aber die Werte waren andere. Es war niemals eine Kolonie des Westens und stand im Zweiten Weltkrieg auf der Seite der Achsenmächte gegen die Alliierten. Nach dem totalen Zusammenbruch gelang in den 70ern und 80ern der rasante Aufschwung zur wirtschaftlichen Weltmacht, die den USA und Europa das Fürchten lehrte.

Doch zurück zum Einzigartigen. Kein Land der Welt vereint zwei scheinbar unüberwindbare Gegensätze in sich: die westliche und fernöstliche Kultur. Das alte China hat seine gesellschaftlichen Strukturen, Traditionen, Religion und Schrift an Japan vererbt. Der Westen kam mit großen imperialistischen Schritten jenseits des Pazifiks herangestürmt, eroberte aber keine Territorien, sondern eher die Köpfe der Japaner. Dies war der Ursprung von Modernisierung und Industrialisierung.

Dabei laufen diese beiden kulturellen Einflüsse nicht immer parallel, sondern sich ergänzen manchmal. Fernöstliche Disziplin und Fleiß sind der Motor wirtschaftlichen Erfolgs. Ruhe, Konzentration und Selbstfindung, die in Shinto-Schreinen oder buddhistischen Tempeln gesucht werden, sind der Ausgleich für die harte Arbeit in westlich strukturierten Megakonzernen.

Dennoch ist festzustellen, dass jede Kultur seine eigene "Heimat" hat, die östliche in der Gesellschaft und die westliche in der Wirtschaft. Aber hier ist Bewegung im Spiel. Die Entwicklung, die China derzeit durchläuft, dass - krass ausgedrückt - Abschaffen in Raten "alter" Kultur, Traditionen, Symbolen oder Gebäuden hat in Japan schon viel früher, aber dafür langsamer stattgefunden. Diesem Aufweichen steht das Erstarken westlicher Werte gegenüber. Während Japan schon vor langer Zeit Ideen und Prinzipien aus Wissenschaft, Technik und Wirtschaft übernahm, tat das China erst vor wenigen Jahrzehnten. Das wiederum stürmt in der Übernahme westlicher Gesellschaftsmerkmale schon fast an Japan vorbei. Statussymbole und das Ausleben der Individualität beispielsweise sind einer wachsenden Mittelschicht in China mittlerweile schon vertrauter als ihrem östlichen Nachbarn.



Wer? Wie? Was?

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Trotz aller sichtbarer Einflüsse von außen halten sich viele Japaner für etwas Besonderes. Das hat nicht unbedingt etwas mit Überheblichkeit zu tun. Es ist einfach Selbstverständnis. "Keiner ist so wie wir und niemand wird uns verstehen." Ein Satz, den vielleicht der ein oder andere Japaner schon gesagt hat und der von vielen Ausländern ebenfalls als durchaus wahrheitsgetreu bewertet wird. Leider trägt diese Denkweise manchmal arg bizarre Früchte. So wie die Behauptungen einiger japanischer Wissenschaftler, es gäbe Belege für rassische Unterschiede bzgl. Darm- oder Gehirnfunktionen zwischen Japaner und allen anderen Völkern. Gepaart mit einem gewissen Überlegenheitsgefühl - auch wenn all das keine böse Absicht sein mag - können solche Vorstellungen wohl kaum zu guten Nachbarschaftsbeziehungen führen. Und diese sind wie beispielsweise zu China und Korea schon arg zerrüttet.

In gesellschaftlichen Aspekten liegt Japans Fokus auf der Gemeinschaft, dem das Individuum weit untergeordnet ist. Das Sprichwort "Auf heraus stehende Nägel wird eingeschlagen" sagt im Grunde alles darüber aus. Die Kultur der Samurai, Loyalität, Disziplin, Gehorsamkeit, hierarchische Ordnung und vor allem Harmonie - sind immer noch ein wichtiger Anker. Harmonie - so die Idealvorstellung - durchdringt alle sozialen Gruppen und gesellschaftlichen Bereiche: Familie, Bekannte, Freunde, Arbeit, Fremde.



Eine Streitkultur wie sie im Westen vorherrscht, wäre in Japan völlig unvorstellbar. "Hart, aber fair" und "Maybrit Illner" kann kein Japaner verstehen. Kritik und Beschimpfungen sind im Privaten unangebracht, im Öffentlichen unmöglich. Das erschwert den Umgang mit Japanern enorm. Überspitzt formuliert: Während wir sagen, was wir denken, tun es die Japaner nicht. Wir schauen in ein fröhliches Gesicht und lauschen schöner Worte, wohinter sich ganz andere Gedanken verbergen. Dass ein japanisches "Ja" kein westliches "Ja" bedeutet, haben auch schon große Politiker wie Bill Clinton erfahren müssen.

Miss- oder sogar komplettes Unverständnis sind in der Auseinandersetzung mit der japanischen Kultur an der Tagesordnung. Ein gutes Beispiel dafür sind z. B. die aus unserer Sicht haarsträubenden Gameshows im Fernsehen. Da werden Mitspieler in Anzügen von riesigen Gummibällen umgeworfen oder es müssen eklige Mutproben vollzogen werden. Dann gibt es einstellbare Toilettenmusik bei Betätigung der Wasserspülung oder gebrauchte Damenschlüpfer aus dem Automaten. Sind das noch normale Ausprägungen einer auf perfektes Zeitmanagement angewiesenen Gesellschaft oder schon ein Abgleiten ins Perverse? Ich denke, es ist ein Ventil, das den Druck ausgleicht und keinesfalls ein allein japanisches Phänomen.

Moderne und Wandlung sind schon lange stets sichtbare Faktoren der japanischen Gesellschaft. Das Auffallen durch wahnwitzige Outfits (Mode, Frisur etc.) junger Menschen wird gerade in Tokyo zu einem kultivierten Akt der Selbstdarstellung. Diese absichtliche Brechen mit alten Traditionen ist der japanische Punk. Weitere Fundamente bröckeln: das Leben der Hausfrau, der lebenslange Arbeitsplatz, die gesicherte wirtschaftliche Existenz. Kaum ein anderes Land litt so stark unter der Weltwirtschaftskrise 2008/2009 wie Japan.

Der oben bereits beschriebene Kontrast von Ost und West ist gleichzeitig ein Kontrast von Alt und Neu. Im Sport sind es Sumo und Baseball, in der Architektur Tempel und Wolkenkratzer, in der Gesellschaft Gruppe und Individuum. Altes verschwindet, aber kommt in anderer Form wieder. Neues wird ausprobiert, wieder geändert, für gut befunden oder verworfen. So wie ein Produktzyklus erscheint mir manchmal Japan.

In den folgenden Abschnitten stelle ich ein paar Aspekte japanischer Kultur gesondert dar.


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Kommentare

  • RdF54

    Ein wirklich guter und interessanter Reise-/Erfahrungsbericht, der sehr informativ ist und von guten Kenntnissen der "Modern Times" Japans zeugt!
    Deine gefühlvollen Bilder leiten gekonnt vom Text zum Visuellen und geschickt wieder zurück - besser geht es kaum!
    Darum 5!

    LG Robert

  • trollbaby

    Sehr interessanter und informativer Bericht über ein Land, das ich unbedingt einmal besuchen möchte! Als Japansüchtige hätte ich gegen mehr Fotos nichts einzuwenden (soll jetzt aber keine Kritik sein!!!). ;-)
    LG Susi

  • gabi.weinert

    Finde deinen Beitrag extrem informativ, leider wenig persönlich, aber gut geschrieben. Die Bilder sind perfekt dazu. Danke. L G Gabi

  • gabi.weinert

    oups, hab erst jetzt bemerkt, wieviele Berichte du schon geschrieben hast, auch über Japan. Dann ist natürlich klar, warum dieser nicht so persönlich gehalten war.

  • Hage

    Sehr informativer Bericht, der mir sehr gut gefällt! Man muß Japan wirklich einmal selbst erlebt haben! LG Hans-Georg

  • brandriba

    Sehr guter Beitrag, informativ über ein mir unbekanntes Land. Hätte mir v.a. bei den Gärten noch mehr so gute Bilder gewünscht, schmälert aber Deine Beschreibung nicht wirklich! LG DAni

  • Wolfgang

    Ein sehr guter und ausführlicher Bericht. Meine Anerkennung, denn Japan zu verstehen ist nicht einfach "Gaishin" wird es wohl nie so richtig verstehen. Auch wenn ich schon lange mit einer Japanerin verheiratet bin, Japan, ich verstehe es immer noch nicht richtig.

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  • bianca_fiori

    Ein sehr informativer Bericht. Vielen Dank!

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