Erinnerung an ein Weihnachten der besonderen Art

Reisebericht

Erinnerung an ein Weihnachten der besonderen Art

Nicht überall auf der Welt kann man Weihnachten feiern wie bei uns. Und nicht in allen Ländern und Völkern hat der Begriff der 'Kinderarmut' irgendeine Bedeutung.

Dezember in Santo Domingo. Ich lebte allein und hatte keine besonderen Ambitionen, Weihnachten zu feiern. Aber in die 'Misa de Gallo' (Die 'Hahnenmesse' bzw. Mitternachtsmesse) wollte ich auf jeden Fall gehen. Diese Messe der Heiligen Nacht wurde vom Bischof persönlich zelebriert und fand in der ältesten Kirche der Neuen Welt, der 'Catedral de Santo Domingo' statt. Dieser gewaltige Bau wurde bereits 1523 kurz nach der Gründung der damaligen Stadt 'Nueva Isabela' (später Santo Domingo) begonnen und ist vorwiegend aus dicken Quadern von Korallenfels erbaut.

In Erwartung großer Massen, die in die Mitternachtsmesse drängen würden, fuhr ich schon gegen halb elf Uhr nachts los, um ins Stadtzentrum zu kommen. Ich fand -ausnahmsweise- sofort einen Parkplatz, aber die Kathedrale war noch geschlossen und wurde -wie immer- von Uniformierten der Touristenpolizei bewacht.

Nachts durch die historische Altstadt von Santo Domingo zu wandern ist vielleicht nicht gefährlich (noch weniger, wenn man Spanisch spricht), aber es ist auch keineswegs interessant oder unterhaltsam; schlicht langweilig.

'Lord Nelson' wurde mein Ziel. In dieser Bar fühlte ich mich immer wieder besonders wohl. Sie wurde von einem älteren Engländer geführt und lag direkt gegenüber des 'Alcázar de Colón', dem ehemaligen Verwaltungssitz des Diego Colón (Bruder von Christopher Kolumbus). Obwohl ich diese kleine Bar so sehr mochte, bin ich doch nicht sehr oft dort gewesen, weil es normalerweise einfach zu schwierig war, einen nahegelegenen Parkplatz zu finden.

Die Bar liegt in einem alten Haus aus dicken Steinblöcken. Die Theke selbst ist eine vielleicht vier Meter lange unregelmäßig gewachsene Baumscheibe aus einem dunklen Hartholz. Da sie mindestens einen Meter fünfzig hoch ist, sind die Barhocker von entsprechender Höhe und ihre Besteigung für kleinere Leute trotz der als Sprossen dienenden Fußstützen nicht einfach. Außer der Theke gab es noch ein paar größere, grobe Holztische mit etlichen unbequemen Stühlen drum herum. Auf diesen Stühlen konnte niemand lange sitzen, während ein Platz auf einem der Barhocker -einmal erobert- lange nicht wieder aufgegeben wurde.

Ich duzte mich mit Richie, dem mageren, englischen Keeper und lernte durch ihn eine Anzahl interessanter Leute aus aller Welt kennen.

Heute Abend waren nur wenige Männer im 'Lord Nelson' und ich fand noch einen freien Barhocker. An den Tischen saß niemand, es war sehr still. Richie sah mich fragend an und auf mein Nicken stellte er eine halbe Bermúdez-Rum ('Añejo, Extra Viejo') und Cola vor mich hin. Den Hintergrund des Barraum konnte ich fast nicht erkennen, so dunkel war es. Aber ich wußte, daß dort eine Ansammlung der merkwürdigsten maritimen Mitbringsel und Erinnerungsstücke aufgehängt, angenagelt, aufgestellt oder sonstwie befestigt war. Manchmal gab es mehr Licht und ich hatte dieses Sammelsurium früher schon bewundern können. Heute war es sehr duster in der Bar, was wohl der Stimmung der anderen Gäste entsprach.

Gesprochen wurde wenig; ein 'Gallego' (Spanier) hatte seine Einsamkeit schon erfolgreich ertränkt und schlief mit seinem Kopf auf den Armen. Manchmal sprach er im Schlaf, aber niemand verstand und niemand hörte hin.

Ein Deutscher von zirka dreißig Jahren, der vor einem Jahr als Abenteurer auf die Insel gekommen war, erzählte Richie zum x-ten Male seine Geschichte. Er war auf das erste Mädchen bei seiner Ankunft hereingefallen und hatte sie aus Schuldgefühlen sofort geheiratet, als sie ihm nach kurzer Zeit ihre Schwangerschaft gestand und nach sechs Monaten einen achtpfündigen Sohn gebar. (Weder in der Biologie noch in der Arithmetik war der Ärmste sehr bewandert.) Sie ließ sich kurz darauf scheiden und ihr Ehemaliger verstand die Welt nicht mehr. Jeder seiner Zuhörer hatte mehr Verständnis, war es doch allgemein bekannt, daß er ebenso jedem hübschen Jungen wie fast jedem Mädchen nachstellte.

Ein dominikanischer Familienvater hatte hier heute seine Zuflucht gefunden, nachdem seine zänkische Frau nicht mit dem mageren Umfang seiner Geschenke zufrieden gewesen war und ihn vor der zahlreichen Familie als Versager beschimpft hatte. Sie hatte kein Verständnis dafür gefunden, daß er als Regierungsangestellter nicht mehr für seine acht Kinder, Eltern, Frau und Schwiegereltern aufbringen konnte.

Ein paar andere Männer unterhielten sich und lachten hin und wieder fröhlich.

Ich kam mit einem Amerikaner ins Gespräch, der Kapitän eines Hochseeschleppers war und hier über die Feiertage festsaß. Er erzählte mir voll Glück und Stolz von seiner Frau und den drei Kindern in Charleston, South Carolina. Wir sprachen über seine Heimatstadt und wie traumhaft die wohlhabenderen Bürger in ihrem 'Museum' leben. Als Museum bezeichnete ich die wundervoll erhaltenen hölzernen Sommervillen aus dem letzten Jahrhundert der Farmer aus dem Landesinneren. Seine Familie hätte Verständnis für seine Abwesenheit und es käme keine Traurigkeit oder Enttäuschung auf, wenn die Bescherung erst im Januar nachgefeiert würde. Er sprach auch davon, daß er mit seinem Schlepper an einem mehrere hundert Meter langen 'Kabel' (Schleppseil) eine Schute von über 10.000 BRT quer über die Karibik schleppte, hier hin und dort hin und wieder zurück. Ich erfuhr, welch ein Segen das Satelliten-Frühwarnsystem für die Schiffahrt ist, um Hurrikane schon tagelang vorher anzukündigen. So könne er immer einen sicheren Hafen erreichen.

Ein Junge von ungefähr vierzehn Jahren und seine vielleicht zwei Jahre ältere Schwester schlichen sich still und fast schüchtern bis nahe an die Bar heran. Beide waren von typischer karibischer Hautfarbe, wie dunkler Zimt, und beide zeichnete eine fast ätherische Schönheit aus, soweit ich das im Dämmerlicht erkennen konnte. Sie waren beide armselig aber doch typisch gekleidet, der Junge mit einer Leinenhose, die unter den Knien ausgefranst war und einem viel zu großen (ehemals weißen) Hemd. Diese Kombination verlieh seiner Erscheinung einen besonderen, fast verwegenen Charme. Seine Schwester trug ein einfaches, helles Baumwollkleid, das fast bis auf ihre Knöchel reichte und die Grazie ihrer schlanken Erscheinung nur noch unterstrich. Während er sein glattes, schwarzes Haar kurz geschnitten und mit einem kurzen Pony über den Augen trug, hatte sie ihre langen, dicken, schwarzen Haare zu einer Art Zopf zusammengedreht, der von einem schmucklosen Band gehalten wurde.

Der Junge zupfte den amerikanischen Kapitän an seiner Kleidung und als der sich für einen Moment verärgert umdrehte, fragte ihn der Junge, ob er nicht seine Schwester für diese Nacht haben wolle. Sie sei noch Jungfrau und ganz lieb. Und sie hätten in der Familie doch nichts zu essen. Und ein Weihnachtsfest hätte es noch nie bei ihnen gegeben. Sie hätten noch sieben Geschwister und ihre Mutter könne keine Arbeit finden.

Er sprach kein Wort Spanisch und schaute mich fragend an. Als ich ihm übersetzt hatte, was der Junge ihm anbieten wollte, bat er mich den beiden zu antworten, daß er das Mädchen nicht wolle, weil doch zu Hause seine Familie auf ihn wartete. Der Amerikaner war so überwältigt von diesem (für dieses Land und die Stadt nicht so ungewöhnlichen) Anblick und Angebot, daß er die beiden nur sprachlos für einen Moment anstarrte. Die beiden wollten sich schon den jungen Männern zuwenden, um ihr Angebot zu wiederholen, als ich mit lauter Stimme in die Bar fragte, wer der Anwesenden sich an einer Sammlung für diese beiden beteiligen wollte, um ihnen statt der Notwendigkeit zur Prostitution lieber ein Weihnachtsfest zu ermöglichen. Alle, den schlafenden 'Gallego' ausgenommen, stimmten sofort zu. Richie ließ ein Tablett herumgehen und als die Jugendlichen die Bar verließen, hatten sie ?alle Währungen zusammengerechnet? von den wenigen Leuten den Schatz von zirka hundertfünfzig Dollars in den Taschen, -ein wahres Vermögen. Und jeder einzelne der Gäste fühlte sich glücklich, daß er etwas getan hatte, was ihm selbst in dieser Nacht nicht gegeben worden war.

Meine Bekanntschaft mit dem Kapitän und unsere Gespräche erfüllten mich mit Leichtigkeit und Freude, als ich mich endlich fünfzehn Minuten vor Mitternacht verabschiedete und mich zu Fuß auf den Weg zur Kathedrale machte.

Die Luft draußen war samtweich und ausnahmsweise trocken. Ein großer Halbmond hing über den Dächern der historischen Gebäude. Nur wenige Menschen gingen noch durch die Straßen, aber selbst die ewigen Geldwechsel waren zu dieser Stunde nicht zu sehen. Es kamen mir kurz Gedanken in den Sinn über Wichtigkeit der geschichtlichen Rolle, die diese Stadt für die Entwicklung der Neuen Welt während der letzten fast fünfhundert Jahre gespielt hatte.

Die Touristenpolizisten am Eingang erkannten in mir einen 'Gringo', also einen Fremden, von dem sicher keine Gefahr für die Messe und die ganze Veranstaltung ausgehen würde. (Andere Ankömmlinge wurden vielleicht abgewiesen, wenn sie für Bettelei oder Störungen bekannt waren oder einfach nicht ins Bild einer bischöflich-zelebrierten Mitternachtsmesse paßten.) Die Bankreihen waren schon fast komplett gefüllt aber ich bekam doch einen Platz in der Mitte, ganz am Rande einer Bank neben ein paar jungen Dominikanern.

Das Innere der Kathedrale von Santo Domingo besticht durch seine Schlichtheit einerseits und durch das bombastische Grabmal des Christopher Kolumbus andererseits. Hier hatten geschichts-bewusste, wohlhabende Bürger zu würdigem Andenken des Entdeckers ihrer Insel vor nicht allzu langer Zeit für dessen sterbliche Überreste eine geschmacklose Scheußlichkeit aus importiertem italienischen Marmor errichten lassen.

Von der Weihnachtspredigt des Bischofs, der erst viel zu spät, gegen 0:40 Uhr mit großem Geleit eintraf, weiß ich nichts mehr, weil ich das Genuschel des alten Mannes und die 'kirchliche' Sprache seiner Predigt einfach nicht verstand.

Mir ist aber für den Rest meines Lebens die Musik in Erinnerung, die gespielt und zum Teil gesungen wurde. Hier habe ich zum ersten Mal eine wirklich fröhliche Christmette erlebt, die dem Anlaß tatsächlich gerecht wurde. Die Musik, mit den unterschiedlichsten Instrumenten wie Gitarren, Fiedeln, Trompeten, Flöten und Schlagzeug gespielt, zeugte allein schon durch den Rhythmus aber auch ebenso von der Art der Melodien und dem melodiösen Gesang der Stimmen von der fröhlichen Einstellung der Musikanten und der Gemeinde.
(Ich hatte in Voraussicht einen Kassettenrecorder mitgenommen, und nahm einen größeren Teil der Musik auf, obwohl die schlechte Aufnahmequalität gerade nur einen Eindruck von ihrem Charakter geben kann.)

Die wenigen Choräle, die die Gemeinde mitsang, kannte ich nicht und badete mich deshalb fast in dem Wohlgefühl, das allein das Zuhören der Gesänge und der begleitenden Musik in mir auslöste. Bei einem der Gesänge, bei dem die Gläubigen sitzen blieben, stand neben mir eine junge Frau einfachen Standes vor Begeisterung auf und sang mit ihrer kräftigen, hohen Stimme eigene 'Variationen' um die Hauptmelodie. Mir lief es kalt über den Rücken.

Beim letzten gemeinsamen Gesang der Gemeinde griffen alle nach den Händen ihrer Nachbarn, um im Kontakt die Einigkeit in der Nacht der Geburt des Herrn zu demonstrieren. Mit dem Verklingen der letzten Akkorde der kleinen Musikband umarmten sich die Menschen in einer Verbrüderung mit dem nächsten Unbekannten, Bruder oder Schwester in der Gemeinde, unabhängig ob Dominikaner, Spanier, Deutscher oder Gringo. Die Feier des Abendmals wurde von weiteren Gesängen und der vom Schlagzeug dominierten Band begleitet. Die Menschen kamen nach Empfang des Segens lachend und fröhlich vom Altar zurück. Gelöste Fröhlichkeit beherrschte die ganze Zeremonie. (Ich stellte in Gedanken Vergleiche an mit dem Ablauf einer in Deutschland zelebrierten Mitternachtsmesse.)

Selten in meinem Leben habe ich mich mental so vollkommen einer kirchlichen Zeremonie hingeben können, wie der Mitternachtsmesse in der Kathedrale von Santo Domingo. Wenn schon durch das Erlebnis im 'Lord Nelson' meine Stimmung in besonderer Form beeinflußt war, so schwebte ich jetzt fast auf den Wellen des Glücksgefühls, die diese starke (wenn auch nur sehr kleine) Gemeinde in mir ausgelöst hatte, durch die Nacht.

Wenn doch nur überall in der Welt die Menschen christlichen Glaubens ihre kirchlichen Feste mit mehr Fröhlichkeit feiern und dies auch nach außen zeigen würden!

'La Misa de Gallo en la Catedral de Santo Domingo' wurde für mich das Schlüsselerlebnis für eine Weihnachtsfeier.


Teilen auf

Mein Interessenprofil

Bitte melden Sie sich an, um Reiseziele zu Ihrem Interessenprofil hinzuzufügen.

Kommentare

  • s.gerhard

    Hast Du vielleicht ein paar Fotos?

Bitte melden Sie sich an, um einen Kommentar abzugeben. Erinnerung an ein Weihnachten der besonderen Art 3.75 4

Beliebte Community-Inhalte: AustralienNorwegenThailandVietnamItalienBarcelonaIndien ReiseführerIndien Tipps