Freude-Trunken durch Nordvietnam

Reisebericht

Freude-Trunken durch Nordvietnam

Reisebericht: Freude-Trunken durch Nordvietnam

Ein Radreisebericht...

Der Ball ist rund, überall auf der Welt. In einem Bergdorf der Meo rennen Ralf und Rolf fast so schnell wie "Kliiiiiinsman" über den Hartplatz. Vor wenigen Minuten waren sie noch zufällig vorbeikommende Radfahrer, die nur ein bißchen zuschauen wollten. So einfach funktioniert das nicht. Jedes Kleinkind ist in der Lage, den Fremdling in uns zu identifizieren. In Wohlstandsländern kann das gefährlich sein. Vietnam ist arm, deshalb werden wir des öfteren eingeladen. Im letzten Dorf gab es kein Vorbeikommen an einer Tischtennisplatte, jetzt regiert König Fußball und ich fürchte, auf einem der nächsten Kilometer wird auch noch ein Volleyballnetz gespannt auf uns warten.



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Zurück zum Geschehen auf dem Fußballfeld. Ein Tor muß her! Das ist nachvollziebar, nur darf es niemand anders schießen, als einer der beiden schweißdurchtränkten Radfahrer. Denken unsere Mannschaftskollegen und versuchen selbstlos den Ball für uns so vorzulegen, daß er das Ziel nicht mehr verfehlen kann. Zum Glück für unser Seelenleben geht die Gastfreundschaft nicht so weit, daß der gegnerische Keeper freiwillig sein Tor für uns räumt.

Gewundert hätte uns dies jedoch nicht. In der Heimat der in Deutschland offiziell geächteten Zigarettenverkäufer erleben Westeuropäer ein Lehrstück an Gastfreundschaft. Angst, behandelt zu werden wie manch vietnamesischer Mitbürger im deutschen Land, ist überflüssig.



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Nicht so der Schnaps, den ich als Andenken an viele Prösterchen mit nach Hause gebracht habe. Die Flasche ist etwa zur Hälfte mit ertrunkenen Hornissen gefüllt. Die andere Hälfte bildet gelbliche Hochprozentigkeit. Nein, Honig ist das nicht. Meine Frage an den älteren Verkäufer, warum ausgerechnet diese große Wespenart zum Tod in der Flasche verurteilt wurde, beantwortet es mit einem Lächeln und einer kreisenden Handbewegung über dem Bauch. Geschmäcker sind verschieden. Gar mannigfaltig ist deshalb die Tierwelt in den Gebräuen der Schnapsbrenner vertreten. Böse Zungen behaupten, wichtigstes Kriterium sei, daß das Geschöpf durch den Flaschenhals paßt.



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Wer mit Promille Probleme hat, sollte das Land zu Zeiten des vietnamesischen Neujahrsfestes meiden. In der Glaubensvorstellung der Bevölkerung symbolisiert die Herkunft des ersten Besuchers im neuen Jahr, das eigene Schicksal für die kommenden Monate. Ist er glücklich, reich oder aus gehobener Familie, kann kaum etwas schief gehen. Zwei radelnde Europäer müssen zumindest reich sein. Sonst wären sie nicht da. Warum die beiden so dumm sind und nicht mit einem motorgetriebenen Untersatz fahren, kann Mann beim Begrüßungströpfchen erkunden. Wir haben keine andere Wahl, als spätestens zur Mittagszeit jede weitere Einladung dieser Art höflich aber bestimmt abzulehnen.



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Zuerst müssen wir jedoch Silvester feiern. Im Februar - der Mondkalender macht's möglich. Am letzten Tag des alten Jahres befinden wir uns in einem Tai-Weiler nahe Mai Chau. Von Reisfeldern umgeben, stehen im Schatten von Palmen große Pfahlhäuser. Die Bausubstanz ist überdurchschnittlich gut erhalten. Auch Laien wie uns fällt dies auf, sahen wir doch auf den letzten Kilometern ärmlichere Behausungen. Ein Grund für den relativen Wohlstand des Dorfes dürfte ohne Zweifel die Erwähnung in wichtigen Reiseführern sein. Der Umstand, daß die angelockten Gäste statt im 5 Sterne Hotel mit drei Generationen einer gastfreundlichen ethnischen Minderheit im großen Familienpfahlhaus übernachten, hat für beide Seiten positive Wirkung: Dem Reisenden der auf Privatspähre, Klimaanlage und Sitzklo verzichtet, wird ein nachhaltiges Erlebnis geboten. Das Geld, daß er bezahlt, wandert offensichtlich nicht nur in dunkle Kanäle.



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Heute möchten sich scheinbar keine anderen Reisenden den zivilen Errungenschaften entsagen. Deshalb sind wir zum Tet-Fest die einzigen Europäer im Dorf. Gleich im ersten Haus heißt man uns willkommen und serviert grünen Tee zur Begrüßung. Eine Tradition, die tief verwurzelt ist und sich überall in Nordvietnam wiederholt. Was sind schon ein Paar grüne Blätter mit heißem Wasser oben drauf? Der Skeptiker sollte sich vorstellen, daß an der eigenen Haustür ein unrasierter und schweißgetränkter Mann um Einlaß begehrt. Ohne akzentfreies Hochdeutsch wird dieser Mensch des öfteren Probleme haben, auch nur ein Glas mit kaltem Leitungswasser herausgereicht zu bekommen.



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Nach dem Tee - Zeremoniell wollen wir durch das Dorf streifen. Die Anwesenheit von potentiellen Kunden hat sich bereits herumgesprochen. Vor jedem Haus sind bunte Tücher und andere traditionelle Bekleidungsstücke werbewirksam aufgebaut. Tai-Frauen haben die Kunst des Webens von dünnen, farbenfrohen Garnen zur Meisterschaft entwickelt. Wieviele dieser kleinen Kunstwerke passen in eine Fahrradtasche? Die schönen Verkäuferinnen sind der Meinung, wir sollten zumindest von jedem Webstuhl ein Andenken mit nach Hause nehmen.

Die umfangreichen Vorbereitungen für das Festessen sind abgeschlossen. Dadurch hat sich die Zahl der Haustiere drastisch veringert. Glücklich laufen noch einige Rüsseltiere und Hühner umher. Vielleicht ahnen sie, daß viele Ihrer Artgenossen diesen Tag nicht überlebt haben. Im Haus unserer Gastgeber sitzen im Schneidersitz zwei Gruppen auf dem Fußboden. Alle anwesenden Männer bilden eine, die "wichtigere" Gruppe. In der Nähe des Ausgangs haben sich Frauen und Kinder plaziert. Ich gebe zu, daß ich beim Anblick der langhaarigen Schönheiten lieber meinen Platz getauscht hätte. Doch als Gast hat Mann (und Frau) die Sitten unbedingt zu respektieren und so stoßen wir in immer kürzeren Abständen mit immer neuen (männlichen) Neujahrsgästen an.



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Die Frauen haben ihren klaren Kopf behalten. Gegen 22.00 Uhr wird der anwesende Großvater durch Großmutter und Schwiegertöchter zu Bett gebeten. Nach dieser erfolgreichen Aktion scheinen sie noch mehr Mut gefaßt zu haben. Schon eine Stunde später ist die Versammlung komplett aufgelöst. Den Gebärden der Damen nach zu urteilen verstehen sie vortrefflich den angeblichen Ruhebedarf der weitgereisten Gäste in der Argumentation einzusetzen. Ralf und Rolf wagen nicht zu widersprechen und nehmen brav die Schlafposition ein. Das Licht im Pfahlhaus wird gelöscht und wir hören durch die Fensterläden fröhliche Gesänge. Aus den Nachbarhäusern.
In dieser Nacht habe ich einen Traum: vor 25 Jahren muß es gewesen sein, als mich meine Eltern das letzte Mal ins Bett gesteckt haben, weil ich nach ihrer Meinung für die Feier der Erwachsenen zu klein war.



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Am nächsten Morgen weckt uns verdächtige Stille. Ein Hahn kräht zum siebenten mal nach seiner Henne. Das Dorf bleibt versunken im Feiertagsrausch. Sonst, bei normalem Geräuschpegel, wären wir schon aus dem Schlafsack gerollt. Aber es ist Tet, daß Fest der Feste in Vietnam. Die Arbeit kann warten, wenigstens dieses einzige Mal im Jahr. Nur die Hausherrin kennt keinen Feiertag. Während wir im Waschhaus des Dorfes mit kaltem Wasser für klare Bilder im Kopf sorgen, bereitet sie eine leckere "Pho" - den vietnamesischen Eintopf für jede Gelegenheit. "Hier hältst Du es noch ein Weilchen aus" bitten Gaumen und Auge. Doch das Großhirn mahnt "Ihr seid im Fahrradurlaub und nicht zur Kur!". Die Temperatur sinkt, die Straße steigt. Wir radeln schweren Herzens weiter.



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Dafür dürfen wir Ihn eine Stunde lang sehen. Ihn, den vietnamesischen Wald, der vor 30 Jahren kaum eine besondere Erwähnung Wert gewesen wäre, heute jedoch auf der Raritätenliste steht. Die meisten seiner Brüder und Schwestern sind bereits verbrannt oder verarbeitet. Auf einmal radeln wir durch urwüchsigen Tropenwald. Edelhölzer wachsen schnurgerade zum Himmel und stehen auf riesigen Brettwurzeln auf dem Waldboden. Zwischen fremdartigen Vogelstimmen höre wir hier und dort stumpfes Klopfen. Leider sind es keine Buntspechte. Menschen legen mangels anderer Erwerbsquellen Hand an eines der allerletzten zusammenhängenden Waldgebiete des Landes. Auf brandgerodeten Flächen sehen wir Alt und Jung bei der Arbeit. Wir wären vermessen, die harte Arbeit der "Neuland" - Bauern als kriminell zu verurteilen. In vier Wochen düst unser Flugzeug zurück nach Europa. Es verbraucht auf seinem Weg in wenigen Stunden mehr Energie, als hier einer ganzen Stadt im Monat zur Verfügung steht.



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Tage später heißt das Etappenziel Son La, eine der wenigen größeren Städtchen im unwegsamen Nordwesten des Landes. Wir genehmigen uns einen halben Tag Urlaub, um die Thermalquellen in der Nähe der Stadt zu besuchen. Der staubige Weg stört nicht, schließlich werden wir uns gleich vergnügt im warmen Wasser aalen. Am Eingang thront die Bademeisterin neben dem obligatorischen Verkaufsstand. Hinter ihr, im Garten des Geländes führen viele kleine Türen in einen flachen Schuppen. Sehr vornehm, denke ich bei dem Anblick. Jeder bekommt eine eigene Kabine. Nach kurzer Wartezeit öffnet die Chefin zwei Türchen. Dahinter verbergen sich jeweils badewannengroße Miniplanschbecken. Sie entbehren jeglicher Anmut und der penetrante Geruch nach Männer-WC ist Schuld, daß wir die Verweildauer drastisch verkürzen.



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Zur Belohnung abendbroten wir im Hotel mit einem weitgereisten Radfahrer. Er kommt aus Japan und fährt nur auf der Rennbahn oder im Ausland mit dem Fahrrad. In seiner Heimatstadt Osaka sei es lebensgefährlich dieses Fortbewegungsmittel zu benutzen. An den nächsten beiden Abenden werden wir weiter zusammen klönen. Am Tage sehen wir nur seine Reifenschmauchspur. Der Typ fährt schneller als die Polizei erlaubt. Wenn wir uns abends dem Etappenziel nähern, beendet Mister Shimano gerade sein Nachmittagsschläfchen.



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Auch wir kommen an. In Dien Bien Phu - einem der entlegensten, geschichtsträchtigen Orte des ganzen Landes. Wo im ersten Indochinakrieg eine blutige Schlacht das Ende der französischen Vormachtstellung besiegelte, regiert heute Staub, Lärm und Beton. Die Stadt will schnellstmöglich zur Provinzhauptstadt heranwachsen. Lai Chau - die bisherige Titelinhaberin soll dafür ertrinken. Hinter einem der größten Staudämme Südostasiens heißt es. Wir beeilen uns vorher dort zu sein, denn noch tritt der schwarze Fluß nur bei Hochwasser über seine Ufer.



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Der holprige Weg zur kleinen Stadt wird zum Freudenfest für unsere Augen. Mehrmals müssen wir uns bestätigen, daß wir nicht per Zeitmaschine in ein früheres Jahrhundert katapultiert wurden. Es reiht sich Dorf an Dorf. Jedes davon wäre einen Bildband wert. Schöne Menschen bevölkern die Straße. Beim Vergleich der mitgebrachten Postkarten mit der typischen Bekleidung und der zum Kunstwerk geformten Haarpracht aller Mädchen und Frauen erfahren wir, daß hier H` Mong zu Hause sind. Wobei uns weniger der Name interessiert als die Tatsache, daß wirklich alles so aussieht wie sonst auf Postkarten und Hochglanzprospekten. Sehr ungewöhnlich, denn außer uns ist niemand da, für den die Schau organisiert sein könnte. Nein es ist keine Schau, es ist das Leben.



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Mädchen und Jungen mit Frühlingsgefühlen werfen sich kreischend kleine Stoffbällchen zu. Um den Schwierigkeitsgrad zu erhöhen wird versucht, durch einen hoch in der Luft angebrachten Reifen zu treffen. Wer das nicht schafft, hat noch nicht verloren. Wichtiger am Spiel scheint, daß die heimlich Verehrte den Ball fängt. Wandert das Bändel mehrmals zwischen den gleichen Werfern hin und her, raunen die zuschauenden Alten und denken sich ihren Teil.

Der schwarze Fluß ist aufgewühlt. Dunkel liest sich seine Geschichte. Durch die Jahrhunderte schäumte er unzählige Hochwasser zu Tale. Samt Opfern eines an seinen Ufern bis in die Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts herrschenden Familienclans. Wenn war ist, was Geschichtsbücher berichten, wußte die französische Kolonialmacht sehr wohl, daß hier - fast am Ende ihrer letzten Bastion - durch sie selbst privilegierte Despoten furchtbare Grausamkeiten verübten. Es dauerte bis zur Vertreibung der Europäer, daß auch der barbarischen Herrschaft der Familie Deo Einhalt geboten werden konnte.



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Fünfzig Jahre später freut sich die Brückenwache über jede Abwechslung. Im richtigen Moment erscheinen wir auf der Bildfläche. Freundliches Schulterklopfen, Kekse und Schnapsgläser raus und ein Prosit auf das neue Jahr. "Wenn einem so viel schönes wird beschert..." Denkt der Oberbefehlshaber und lädt die Maschinenpistole durch, damit Ralf und Rolf Salut ballern können.

Solche Zwischenstopps und ausgiebige Badepausen im Fluß verhindern, daß am Ende des Tages von der nächsten Herberge etwas zu sehen ist. Die Kinder auf der Straße erkennen unser Problem. Dem einladenden Winken folgend, befinden wir uns wenig später im örtlichen Kolonialwarenladen. Als hätten die Besitzer nur auf uns gewartet, wird sofort ein reichhaltiges Abendessen aufgetischt. Das Dorf versammelt sich und es wird Zeit für uns, Fotos von daheim aus der Tasche zu kramen. Unsere Liebsten wandern durch ausgestreckte Hände. Bloß zwei Kinder hat jeder von euch? Na ja kein Wunder wenn ihr nur mit dem Rad in der Gegend rumgeigt wird das nichts! Immerhin springt noch ein anerkennendes Schulterklopfen raus, schließlich ist die Familie für jeden Vietnamesen ein Leben lang die wichtigste Bezugsgruppe. Zum Wohle der Gäste wird das Ladenschlußgesetz nicht übermäßig strapaziert und wir treten weichgebettet unseren Schönheitsschlaf an.



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In Sapa, einer alten von den Franzosen als Luftkurort auserwählten Bergstation, fragen wir uns Tage später: was macht der Nebel hier? Die Schwaden, die mit großer Geschwindigkeit durch die engen Gassen treiben, gehören jedoch in Wirklichkeit zu einem Wolkenfeld. Wir befinden uns 1600 Meter über dem Meeresspiegel. Durch die Stadt müssen im Jahresverlauf Karawanen von Nordvietnamtouristen ziehen. Zumindest die ungeheure Zahl von Hotels und Kneipen mit europäischem Flair läßt darauf schließen. Ich behalte positiv in Erinnerung, daß eine Nachricht an Freunde daheim in Sekundenschnelle davon brauste. Per E-Mail - dem technischen Fortschritt sei es gedankt.



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Eine nette Omi verkauft uns avantgardistische anmutende Kopfbedeckungen . Ihre weiteren Angebote lehnen wir bescheiden ab. Wer auch immer sie treffen mag, möge nicht vergessen, wenn sie `Opi` anbietet, handelt es sich keinesfalls `um` ihren Gatten.

Für einige Stunden wird der fahrbare Untersatz gewechselt. In Bac Ha mieten wir ein betagtes Motorrad. Die Hardware heißt "Minsk" getreu nach ihrer Geburtsstadt im ehemaligen Bruderland. Dem Besitzer dürften bis zu unserer wohlbehaltenen Rückkehr am späten Nachmittag einige Angstschweißperlen am Körper heruntergelaufen sein. Dabei ahnte er noch nicht einmal, daß ich in meinem Leben bisher nur sehr wenige Kraftfahrzeuge gelenkt habe. Auf einer, dem Motocrossport alle Ehre machenden Piste, geht es über alle Berge zum wichtigsten Markt der Region.



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Aus den Tälern wandern am Samstag viele Bewohner der umliegenden Dörfer zu diesem Flecken. Weit ins Land leuchten die bunten Kleider der Frauen und Mädchen. Große Blumen und kleine Perlen zieren Blusen, Röcke und Tücher. Kein Wunder, daß der Name dieser Minderheit von den schönen Kleidern ihrer Frauen abgeleitet wird. Markt heißt nicht nur Handel. Natürlich ist von Schlüpfergummi bis Wasserbüffel alles zu haben, was im täglichen Leben benötigt wird. Aber der Markt ist vor allem auch DAS gesellschaftliche Ereignis im Wochenverlauf. Hier werden wichtige Nachrichten ausgetauscht, es wird getuschelt und palavert. Speziell die Unterhaltung wird mit Hingabe von den anwesenden Männern praktiziert.



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Die Rahmenbedingungen dafür sind wie geschaffen: Die Gegend ist bekannt für guten Pflaumenschnaps. Ohne ausgiebige Verkostung wechselt kein Kanister den Besitzer. Auch der Tabak kann nicht wie die Katze im Sack gekauft werden. Also muß ausgiebig vor dem Kauf probiert werden. Für die Jugend dürfte der Tag in etwa den gleichen Stellenwert besitzen, wie die Mitternachtsdiskothek für meinen achtzehnjährigen Neffen daheim. Wo sonst kannst du die Traumfrau kennenlernen, werden die geschniegelten Jünglinge denken. Die Mädchen wissen das, sind vergnügt und versuchen sich nicht die kleinste Aufregung anmerken zu lassen. Trotzdem ist der Taschenspiegel zum Überprüfen des Outfits bei jeder sich bietenden Gelegenheit zur Hand.



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Auch unser Adrinalinspiegel steigt. Zwei Tage später will die Tagesetappe kein Ende nehmen. Das Zauberwort heißt "Abkürzung" und jeder Wanderer weiß, wie oft so etwas schief geht. Nach fünfzig Kilometern Irrweg versperrt ein seltsam gestikulierender Endzwanziger die schmale Fahrrinne. Sein Erscheinungsbild läßt nicht erkennen, daß hier Staatsmacht Auskunft über "woher?" und "wohin?" verlangt. Fragend schauen wir uns an. Hat der Mann mit uns oder nur mit sich selbst Probleme? So nett wie wir aussehen, muß letzteres der Fall sein. Wir nicken verständnisvoll und nutzen den Vorteil schnelle Fahrräder zu besitzen, um das einseitig geführte Gespräch zu beenden.

Die Partei wird böse wenn die Autorität ihrer Vertreter derartig in Zweifel gezogen wird. In Cowboymanier beschlagnahmt der Sekretär ein Model Minsk nebst Fahrer und nimmt die Verfolgung auf. Bei soviel Überredungskunst geben wir uns geschlagen. Der Zeigefinger möchte zwar mit Macht an eine Stelle oberhalb der Augenbraue tippen, es ist jedoch klüger sich zu fügen und zur Entspannung der Situation beizutragen. Also gönnen wir ihm die triumphale Rückkehr mit uns ins Dorf.
Schön, daß die Partei einen glorreichen Sieg errungen hat. Aber was ist er Wert? Mit geschwellter Brust werden die vermeintlichen Bösewichter zum Schuldirektor geführt. Der reagiert bei unserem Anblick etwas gelassener, serviert grünen Tee und läßt nach der jungen Englischlehrerin rufen. Ich glaube Enttäuschung im Gesicht des aufgeregten Staatsdieners zu sehen, als er unsere Pässe und die gültigen Visa in den Händen hält. Alle Mühe war umsonst, die Langnasen sind keine Staatsfeinde und so muß der gute Mann weiter auf seine Beförderung warten.

Vor der Schule wartet das Dorf. Jetzt, wo unsere Anwesenheit offiziell geduldet, können sich Alt und Jung an den sonnenverbrannten Gesichtern und vollgepacken Fahrrädern der Fremden erfreuen. Die Stimmung ist gelöst, so als hätte es die Szenerie vor einer Stunde nicht gegeben. Wir lassen unsere Familenfotos kreisen, schenken der Englischlehrerin unsere letzten Postkarten und wollen weiter.

Da sehen wir den Parteisekretär auf uns zukommen. Lächelnd und mit einer Flasche Hochprozentigem in der Hand.


Anmerkung:
Der Bericht erhebt keinen Anspruch auf Aktualität (siehe Reisedatum)


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Kommentare

  • yogini

    Hallo, Radio 1- hier also der 2. Reisebericht über vietnam.
    Fotos und Text zeigen, wie nah du den Menschen warst- fernab von jeder
    touristischen Routine.
    Beneidenswert!
    Ein interessanter, aufschlussreicher Bericht.
    Wie oft warst du schon in Vietnam ? Auch mal ohne Fahrrad?
    LG
    Yogini

  • ToniE

    Ich kann direkt anschließen

    "Da sehen wir den Parteisekretär auf uns zukommen. Lächelnd und mit einer Flasche Hochprozentigem in der Hand..."

    siehe http://www.geo-reisecommunity.de/reisebericht/136013/1/In-der-vietnamesischen-Provinz

    "Sonntag war dann der große Ausflug an den Stausee von Hoa Binh angesagt. Doch erst noch Mittag essen mit der örtlichen Prominenz des Distrikts. Natürlich floss der Wodka in Strömen. Mein Glas war immer voll! Ich prostete herzhaft auf den Parteisekretär, schüttete das Glas in einem runter, schüttelte mich und füllte dann unter dem Tisch mein Glas mit Mineralwasser auf."

    Du siehst, welche Ausweichstrategien möglich sind.
    TONI

  • freeneck-farmer

    Hallo,
    schoen so ein "altes" Reisebericht ueber Vietnam. So sieht man wie auch das Land sich geaendert aber auch viel dasselbe geblieben ist.
    Vietnam ist auch ein Land das ich immer wieder bereisen koennte.
    Anneken

  • prezelqueen

    Klasse!

  • freeneck-farmer

    Ich hatte dieses Bericht 2009 schon gelesen. Bleibt aber schön. Gratuliere zur Startleist.
    LG Anneken

  • RELDATS

    Sehr interessant und wunderbar zu lesen.
    Nette Grüße von Josef

  • oldi

    Informativ, vieles was man in Reiseführern nicht lesen kann und somit genau ein gutes Puzzle für die Reiseplanung, vielen Dank, oldi

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  • Silas.123

    Danke für diesen Bericht und die wunderschönen Bilder!!

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