Weinberge mit Regen. Ein Zwischenstopp in Saint-Emilion

Reisebericht

Weinberge mit Regen. Ein Zwischenstopp in Saint-Emilion

Reisebericht: Weinberge mit Regen. Ein Zwischenstopp in Saint-Emilion

Weltberühmte Weine, ein nostalgisches Städtchen mit zahlreichen sehenswerten Bauten, drum herum wunderschönes Hügelland: Genug gute Gründe, nach Saint-Emilion zu fahren. Und im April sind mangels Touristen sogar im historischen Zentrum noch Parkplätze frei. Herrlich – falls dann noch das Wetter mitspielt …

Sehenwürdigkeiten? Schon abgehakt!

Eigentlich sind 17 Grad ja eine ganz angenehme Temperatur für einen Tag im April. Aber nass ist es, windig, grau und düster, sagen wir, wie am Ijsselmeer. Wir sind aber in Südfrankreich und fahren gerade in den Weinort Saint-Emilion, wo wir 3 Tage in einem Hotel mitten in der historischen Altstadt verbringen wollen.
Das Hotel ist bald gefunden, ein Parkplatz in der Nähe auch. „Ah, Sie sind die Gäste aus Deutschland“, sagt der Portier, ohne dass ich viel mehr als „Bon Jour“ gesagt hätte. Kein Wunder, denn die „Auberge de la Commanderie“ ist völlig leer, andere Gäste werden nicht erwartet.
Wir beziehen unser sehr kleines, sehr seltsam (oder originell?) dekoriertes Zimmer, an dem das Beste der Ausblick aus dem Fenster ist (Zimmer Nr. 5, kostet 70 € incl. Parkplatz, das "Au Logis Des Remparts" 100m weiter ist nur unwesenlich teuer und eine ganze Klasse besser!). Ich drehe die Heizung auf, nehme den Stadtführer, der auf dem Tisch liegt, gucke aus dem Fenster und mache eine erste Stadtbesichtigung:
Einige der aufgeführten Sehenswürdigkeiten kann ich schon „abhaken“: Die „Commanderie“, weil sich darin unser Hotel befindet; das uralte „Gotische Haus“ liegt rechts vor mir an der Hauptstrasse, der Turm der in den Fels gehauenen, unterirdischen „Église Monolithe“ (älteste Teile aus dem 9. Jh.) , eines der Wahrzeichen der Stadt, ist nicht zu übersehen. Sieht hübsch aus, der schlanke Glockenturm (12.-15. Jh.), zumal jetzt, wo gerade einige Strahlen der untergehenden Sonne darauf fallen.



Kirchturm mit letzten Sonnenstrahlen

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Darunter, auch direkt vor dem Zimmerfenster, die stark abschüssige „Rue de la Cadène“, eher eine Gasse mit einem romantischen Bogen am Schluss. Auch eine Sehenswürdigkeit. Gerade machen einige aus einer Gruppe von auffällig festlich gekleideten Touristen ein paar Fotos davon.



Blick aus dem Hotelfenster auf die Hauptstrasse

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Das dringend renovierungsbedürftige Franziskanerkloster („Couvent des Cordeliers“, 14. Jh.), von dem nur Reste des Kreuzgangs und die Kirche erhalten sind, habe ich auch schon gesehen – direkt davor habe ich zuerst unser Auto abgestellt, bis ich es dann auf den hoteleigenen Parkplatz gefahren habe, der links neben der „Porte Brunet“ liegt, dem am besten erhaltenen der sechs mittelalterlichen Stadttore, auch sehenswürdig, klar.

Die Wolken reißen endgültig auf, die ganz tief stehende Sonne beleuchtet die rotgedeckten Dächer und Sandsteingiebel. Nichts wie raus aus dem Hotel, bevor es dunkel wird. Wir machen einen kleinen Stadtrundgang, die Hauptstrasse entlang, wo wir die festlich gekleideten Touristen von eben wiedertreffen: In einem alten Saal sitzen gut 200 Leute an langen Tischreihen beim Festbankett. Auf der Hauptstrasse aber kein Mensch.



Reste eines Kreuzgangs

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In einer Art Biergarten, in dem es natürlich Wein gibt, romantisch in den Resten eines Kreuzgangs gelegen, sitzt eine Gruppe in dicken Anoraks tapfer im Freien und probiert den Cremant, der hier ausgeschenkt wird.



Stark verwitterte Grundmauern...

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Der Ort besteht eigentlich nur aus Weinhandlungen und Restaurants, die anderen Häuser wirken verlassen, oder sind sie nur im Sommer bewohnt? An die 2300 Einwohner soll die Stadt haben, alle innerhalb der uralten Stadtmauern, die z.T. noch ganz gut erhalten sind. Der ockerfarbige Sandstein, aus dem praktisch alle Gebäude der Stadt erbaut sind, ist weich, da nagt ganz schön der Zahn der Zeit dran, der Skulpturenschmuck über den Portalen der romanischen Stiftskirche z. B. ist sehr stark verwittert.



Das anheimelnd-nostalgische Saint-Emilion hat offenbar das gleiche Problem wie viele historische Orte: Jeder findet es toll, durch die pittoresken Gassen zu schlendern, jeder ist unbedingt dafür, die historischen Häuser und Gebäude originalgetreu zu erhalten. Klar, aber in solch einem alten Gemäuer selbst wohnen? Da setzt man dann doch lieber ein Haus mit bequemer Garagenzufahrt, guter Wärmedämmung und großen Fenstern auf die grüne Wiese.
Später sehe ich von unserem Hotelfenster aus, wie der Restaurantchef von gegenüber sein Lokal absperrt. Jetzt bleibt der Nachtportier mit uns beiden Hotelgästen allein zurück. Kein Auto auf der Hauptstrasse, himmlische Ruhe, wir schlafen bei weit geöffnetem Fenster - bis kurz vor 7 Uhr die ersten Ladenbesitzer und Lieferanten mit ihren Autos über das Kopfsteinpflaster holpern.



Typische Weinhandlung



Durch die Weinberge

Sind nicht Wein und Weinberge die eigentliche Sehenswürdigkeit von Saint-Emilion? Oder glaubt jemand, wir wären hierher gekommen, um uns eine Stadtmauer, alte Häuser oder romanische Kirchen anzusehen, wie sie doch ganz ähnlich in jedem Dorf hier stehen! Nein, am nächsten Morgen ist eine Wanderung durch die Weinberge der Umgebung dran.



Porte Brunet

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Nach Kaffee (schlecht) und Croissant (normal) in einem Café schräg gegenüber vom Hotel gehen wir los, ausgerüstet mit Regenschirmen, Schal und Anorak. 12 Grad, leichter Westwind, dicke dunkle Wolken, der Weg nass vom letzten Schauer. Wir gehen durch die „Porte Brunet“ und folgen einem der Rundwege, die das Fremdenverkehrsbüro empfiehlt, dem kürzesten. Es ist leicht hügelig, überall kleine Hinweisschilder zu all den Chateaux, die hier verstreut liegen und die alle auf Kundschaft für den Direktverkauf warten. Heute Vormittag kommt aber keiner, auch wir nicht, denn ich habe mir im Hotel die Liste der Chateaux angesehen, die auf unserem Weg liegen. Hier an den Südhängen oberhalb von Saint-Emilion wachsen die edelsten Tropfen, 30 Euro pro Flasche im Direktverkauf sind hier ganz normal, Güter, bei denen die Preise bei 100 Euro anfangen, gib es aber auch.
Entsprechend gepflegt sind die Weinberge, alle Rebstöcke penibel stark zurückgeschnitten, noch ziemlich kahl Ende April, aber sie treiben schon aus.



Weinberge bei Saint-Emilion

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Trotz des nassen Wetters sind viele Arbeiter mit der Pflege der Weinstöcke beschäftigt, nur Spaziergänger begegnen uns keine. Dabei wird das Wetter allmählich besser. Auf dem Rückweg bieten sich immer wieder schöne Fernblicke über das Tal und auf das malerisch am Hang gelegenen Saint-Emilion.



Blick auf Saint Emilion

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"Nur" ein einfacher Bordeaux: Chateau Tour Petit Puch

Glyzinie im April

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Die Weinhandlungen in Saint-Emilion sehen nicht so aus, als ob es hier günstige Preise gäbe. Ohne ein paar Flaschen Wein zu kaufen, wollen wir nun aber auch nicht weiterfahren. Wir setzen uns in Auto und fahren nach Saint-Germain-du-Puch, einen kleinen Weinort, der fast 20 km entfernt und damit nicht mehr im Saint-Emilion-Gebiet liegt.



Chateau Tour Petit Puch -...

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Da gerade ein gewaltiger Schauer niedergeht, ist die Fahrt durch die Ebene zwischen Gironde und Dordogne nicht allzu reich an Eindrücken; eher zufällig sehen wir das kleine Hinweisschild, das uns von der Landstrasse auf einen unaspaltierten Weg zum „Chateau Tour Petit Puch“ (http://tour.petit.puch.free.fr) lotst, unserem Ziel. Wir haben den biologischen Wein, der hier produziert wird, in Deutschland schon oft getrunken, und da es kein Saint-Emilion-Wein ist, sondern nur ein Bordeaux Supérieur, sind die Preise sehr mäßig. Der Weg endet an einer Ansammlung von einigen großen alten Gebäuden, davor ein Swimming-Pool, dekoriert mit viel buntem Plastikspielzeug. Aber wo ist das Schloss? Wo das Verkaufsbüro? Nirgends ein Schild, durch die Fensterscheibe sehen wir im Wohnhaus links einen Mann sitzen – wie sich herausstellt, der Besitzer des Weingutes, der gerade auf das Mittagessen wartet und uns in seiner geräumigen Wohn-Eß-Küche ein Gläschen vom Jahrgang 2005 anbietet. Ein leckerer Wein, Fachleute beschrieben ihn so: „Dunkles Kirschrot mit violetten Reflexen; intensives Bukett nach Backpflaumen, Kirschen, Waldbeeren und Konfitüre, Noten von Leder, Vanille, Zimt und Schokolade; weicher Auftakt, Extraktsüsse und Fülle dominieren am Gaumen, crèmige Textur, feinkörnige Tannine stützen die vielschichtige Struktur, langer, aromatischer Abgang.“ Mehr Auswahl gibt es nicht: Der 2004er ist ausverkauft, der 2006er problematisch, der 2007er noch nicht fertig. Wir zahlen 60 Euro für eine Kiste mit 12 Flaschen und ziehen wieder ab, schließlich wollen wir nicht beim Mittagessen stören. Jedenfalls ein sympathischer, einfacher Betrieb, ohne das ganze Kultwein-Heck-Meck, das in Saint-Emilion um den Wein zelebriert wird.



... es gibt viele alte Gemäuer...

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Erst später, in Deutschland, lese ich, dass der „Chateau Tour Petit Puch 2005“ auf der Expovina 2008 eine Silbermedaille gewonnen hat und dass beim Bioversender eine Flasche 14,80 € kostet (der 2006er ist etwas billiger).

Auf der Rückfahrt über Libourne reißen sogar die Wolken etwas auf und wir machen eine kurze Rast an der Brücke über die Dordogne, die träge dahinfließt.



Grand Cru Classé : Chateau Fonroque

Wo wir schon mal hier vor Ort sind, sollen wir da nicht doch das eine oder andere Flächelchen vom echten Saint-Emilion probieren und mitnehmen? Wo doch sogar der Besitzer vom „Tour Petit Puch“, also sozusagen die Konkurrenz, gemeint hatte, an die Qualität eines wirklich guten Saint-Emilion kämen seine Weine nicht heran. Also machen wir uns am Nachmittag auf den Weg. Das Weingüter-Verzeichnis vom Fremdenverkehrsbüro nennt drei Bio-Produzenten, die alle nahe beisammen liegen, zu Fuß aus vom Hotel erreichbar.



Weinstöcke, Weinstöcke



Nach gut einem Kilometer durch Weinfelder und nichts als Weinfelder kommen wir am „Chateau Fonroque“ (www.chateaufonroque.com) an, rund herum ein topgepflegter Park, ein großer biologischer Gemüsegarten und penibel beschnittene und angebundene Rebstöcke in Reih und Glied, fast unkrautfrei, zwischen den Reihen sind Gräser gesät. So sehen also die Felder eines biologisch-dynamischen Grand-Cru-Classé-Weingutes aus!



Chateaux Fonroque 2002

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Hier ist man auf Gäste eingestellt, auch ganze Busladungen. Wir sind allerdings etwas zu spät dran, es ist eigentlich schon geschlossen, aber im Büro brennt noch Licht. Eine einstündige Führung mit Weinprobe könne man nach Feierabend nicht mehr machen, meint die junge Frau, die sich in gutem Englisch als Caroline vorstellt, aber was kaufen könnten wir schon. Vor die Wahl gestellt, ob wir den Grand Cru Classé für 25 Euro („Weinwelt“ 04/08: „Internationale Spitze“) oder den „Zweitwein“, der – weil nur ein Grand Cru – nur 12,50 Euro kostet, probieren möchten, entscheiden wir uns für den letzteren, genannt „Chateau Cartier“, denn schließlich kostet der gleiche Wein in Deutschland 23,50 € und ist vom Magazin „Weinwelt“ (04/08) mit dem Prädikat „überdurchschnittlich“ ausgezeichnet worden: „Weicher Auftakt, wuchtiges Gaumenempfinden, vielschichtiges, feinkörniges Tannin – ein grosser Wein“, heißt es da. Vielleicht bin ich ein Banause, aber mir schmeckt der Probeschluck nicht. Trotzdem ignoriere ich den bereitgestellten Spucknapf und trinke das Glas aus. Ohne auch nur ein bisschen überzeugt zu sein, nehmen wir zwei Flaschen – wo wir schon mal hier sind …



Guter Dinge vom genossenen Grand Cru spazieren wir mit der praktischen Karton-Trage-Kiste wieder durch die Weinfelder Richtung Saint-Emilion. Ganz dunkle Wolken ziehen auf, es tröpfelt, es regnet, es schüttet. Wir werden bis auf die Haut nass und auch der Weinkarton ist dem Regen nicht gewachsen: Am Ortseingang reißt der Henkel.



Blick von unten auf Saint-Emilion

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Ameisen

Am Morgen schaue ich aus dem Fenster, na ja, das Wetter sieht nicht wirklich besser aus, die Strasse ist nass.



Die "Auberge de la Commanderie"



Ob meine durchgeweichten Schuhe vor der Heizung schon trocken sind? Sie sind es, aber unter dem rechten Schuh sitzen ein paar Ameisen, unter dem linken Schuh ganz viele. Die laufen schnell zu ihren Artgenossen in die Ecke, wo unser Gepäck steht. Und von da führt eine belebte Ameisenstrasse bis ins Badezimmer. Überall Ameisen. Wir wirbeln aufgeregt mit allen möglichen Hilfsmitteln herum, bis wir die Biester erlegt bzw. zum Fenster raus befördert haben, nehmen unser Gepäck – nicht ohne es vorher von Ameisen gesäubert zu haben – und gehen zur Rezeption.

Die junge Frau versteht weder auf Deutsch noch auf Englisch, worin mein Problem besteht. Ich versuche es mit Zeichensprache. Ein Spinne? Nein. Eine Maus? Auch nicht. Sie holt ein dickes Lexikon. Aha, Ameisen! Im Zimmer? Über 100?? Sie ist untröstlich. Ja aus der Küche habe man gerade ein Ameisenvolk vertrieben, aber in den Zimmern? Noch nie! Wie schrecklich!! Sie will den Patron anrufen, wir gehen lieber ohne Frühstück sofort zum Auto und fahren mit Heizung und Scheibenwischern durch die Weinberge Richtung Spanien.



Brücke über die Dordogne bei Libourne

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Bei der ersten Rast im Baskenland krabbelt zwischen Regenjacke und Reisetasche noch eine Ameise heraus. Die wird sich jetzt an eine Gegend ohne Weinberge gewöhnen müssen.


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Kommentare

  • lesmotsjustes

    Eigentlich doch ganz toll, das Regenwetter, da kann man sich wenigsten auf den Wein konzentrieren. Ich war vor fas 25 Jahren als Erntehelfer in Castillion la Bataille und habe im Laufe der 4 Wochen so manches gute Tröpfchen probieren dürfen. Aber am besten hat der im "chai" frischgezapfte Wein vom Vorjahr geschmeckt. Mein "patron" teilte übrigens meinen Geschmack.

  • mosaik (RP)

    Zimmer 5, 70 € incl. Parkplatz ... ? Ähm, was hat es denn tatsächlich gekostet, rätselt
    Peter

    PS: aber der Aritkel ist sehr gut!

  • emhaeu

    ... das mit dem Zimmerpreis war ungeschickt ausgedrückt, hab ich soeben geändert.

    Danke für den Hinweis!

    emhaeu

  • RdF54

    dakann ich nur sagen: a votre santé :-)

    LG Robert

  • Claus_Wagner

    Nach dem Lesegenuss bleibt mir nur noch übrig auf das leise Ploppen der Rotweinflasche zu warten...
    Gruss
    Claus

  • cirrus

    Habe mich wohlgefühlt mit Euch ... sehr nett geschrieben..:-))

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