Hauptspalte:
Vier Jahreszeiten im Regenwald
Ein wundersames Dorf, Urubichá. Nur ein Telefon, ein Auto und der Strom fällt immer wieder aus. Die Indio-Kinder vom Volk der Guarayo üben ihre Bach- und Vivaldi-Partituren eben im Licht von Petroleumlampen. Denn sie lieben Bach und Vivaldi. Sie leben mit ihnen
Geigenklänge für die Seele
Um sechs Uhr früh, wenn
die Dunkelheit das bolivianische
Dorf Urubichá
noch mit dem angrenzenden
Wald vereint,
vernimmt Simón Aguape
sechs Glockenschläge. Es ist ein fast
gläserner Klang, der von der Missionskirche
über die Stroh- und Ziegeldächer
von Urubichá fliegt und dessen Bewohner,
4500 Indianer vom Volk der Guarayo,
zu einem neuen gottgefälligen
Tagwerk ermahnt.
Beim Wachwerden konzentriert
sich Simón aber mehr noch als auf die
Glockenklänge auf den Chor der Tiere.
Während im Dorf die Hähne krähen, die
Hunde kläffen und vor der Kammertür
eine Entenschar im Staub des Hofes
schabt, schreit im Busch der rotköpfige
Carpintero und lockt der Sayubú. Simón
nennt ihn auch besito, weil er findet, dass
sein Pfeifen wie ein Küsschen klingt.
Dann stemmt sich Simón, der 15
Jahre alt ist, aber schon 75 Kilo wiegt,
von der Bettkante hoch, klemmt sich die
Geige unters Kinn und spielt Johann Sebastian
Bach, dieser Tage meist das Violinkonzert
in a-Moll. Nach Glocken und
Tierlauten ist Bach die Apotheose in
Simóns allmorgendlichem Dreiklang.
Der Junge spielt mit geschlossenen
Augen, und in seinem Kopf weitet sich
die Hütte zu einem endlosen Konzertsaal
mit einem Wald darin: "Bach, das
sind schwankende Bäume im Wind."
Wenn er nach dem letzten Geigenton
die Augen öffnet, spiegelt sich in ihnen,
was Simón "algo bonito en mi alma"
nennt - etwas Schönes in meiner Seele.
Die Chiquitanos als Barockmusiker
Die Geschichte über die Schönheit
in Simón Aguapes Seele handelt von
Wundern und vom Fortschritt. Sie begann
vor etwas mehr als 300 Jahren. Damals,
in der Trockenzeit des Jahres 1691,
zog eine Gruppe Jesuiten vom Río de la Plata in ein Gebiet, das in der Geographie
der Conquista "El Grán Paraguay"
hieß. Dort, im Bauch des südamerikanischen
Kontinents, wollten die Boten des
Heiligen Ignatius von Loyola Naturvölker
bekehren. Sie entschieden sich für
die "Chiquitanos" in "Chiquitos", einer
Gegend, die heute Ost-Bolivien heißt,
oder Süd-Amazonien, je nachdem, ob der
Akzent auf der Armut eines Staates oder
dem Reichtum der Natur liegen soll.
In ihrem Gepäck schleppten die
Brüder Musikinstrumente in den Busch.
Geige, Bratsche, Cello, Flöte, Oboe, Fagott,
Trompete, sogar eine Harfe soll dabei
gewesen sein. Die Wilden, denen der
Vatikan einen guten Kern zugestanden
hatte, könnten diesen durch sakrale Musik
nur verfeinern, hofften die Jesuiten.
Dann übertraf der Fortschritt alle
Erwartungen. Nicht nur ließen sich die
Nackten aus dem Busch locken und
einkleiden - vor allem bewies ihre Begabung
im Umgang mit der Musik des
europäischen Barock einen Bewusstseinszustand,
den die Missionare als
Prädisposition zur christlichen Bekehrung
verstanden. Galt doch die Musik als
Mittler zwischen Mensch und Gott. Und
auf ihre Art glaubten dies auch die Indianer:
In ihren Gedanken stellte das
Schwirren einer Bogensehne - einer Geigensaite
sozusagen - den Kontakt zum
Übersinnlichen her.
Die Chiquitanos wurden Barockmusiker.
Ihre Konzertsäle waren die "Reduktionen"
- missionarisch geführte Indianersiedlungen,
welche die Namen
von Heiligen trugen: San Francisco
Javier, San Rafael, San Miguel oder
San Ignacio. Ihre Anziehungskraft lag
in prächtigen Kirchen, erbaut von
dem Schweizer Jesuitenpater Martin
Schmidt, der durch originelle Stilelemente
eine Verschmelzung der indianischen
Seelen mit der christlichen Lehre
zum Ausdruck brachte.
Und vielleicht war es ja tatsächlich
das Glitzern der vergoldeten Fresken, die
Akustik in den Kirchenräumen, welche
die chiquitanischen Musiker zu immer
Höherem inspirierte. Einige von ihnen
erlernten das Verfassen von Partituren,
komponierten misas, fugas, sonatas. Ein
Chiquitano, anonym geblieben, hinterließ
der Nachwelt sogar eine Oper, deren
Arien einen Dialog zwischen den beiden
Heiligen Franz Xaver und Ignatius von
Loyola erzählten.
Schöne 76 Jahre blühte der amerikanische
Barock. Dann mussten die
Chiquitanos, was abendländischen Fortschritt
anbetraf, noch etwas dazulernen.
Die meisten weißen Kolonisten konnten
dem Wirken der Jesuiten zum Wohle
der Eingeborenen nämlich nicht das Geringste
abgewinnen. Sie wollten Edelmetalle,
sie forderten kostenlose Arbeitskräfte.
Fortschritt hieß für sie: Wir
bereichern uns an euch! Als sich die
Jesuiten gegen die Versklavung der Indianer
in den Gold- und Silberminen
wehrten, wurden sie untragbar. 1767
verfügte der Madrider Hof die Verbannung
des Ordens aus allen Provinzen der
"Nuevo Mundo". Es war das Ende der
"Misiones de Chiquitos".
In panischer Furcht vor Soldaten
und Musketen flohen die zivilisierten
Indianer zurück in den Busch. Und lange
sah es so aus, als wollte sich die Zeit in
diesem Teil der Erde nie wieder beeilen.
Erst drei Generationen später wagten
sich musikalische Missionare erneut in
die Gegend, Franziskaner dieses Mal.
1856 gründeten sie am Río Blanco die
Missionsstation Urubichá. Der Name
bedeutet "viel Wasser" - mehr gab es
über diesen Ort zunächst auch nicht zu
berichten.
Doch 140 Jahre später, im Frühjahr
1996, hob hier Padre Walter Neuwirth,
ein in Böhmen geborener, über Bayern
nach Bolivien verschlagener Franziskaner,
erneut ein Symphonieorchester und
einen Chor aus der Taufe. So kehrte die
Barockmusik nach Urubichá zurück. Assistiert
von Madre Ludmilla Wolf, einer
Tiroler Tertiarschwester, gründete der
Pater das „Instituto de Formación Integral“.
In dieser Lehrstätte, zehn Zimmer
und ein Rasenstück, das an Kirche und
Sakristei grenzt, lernt die Dorfjugend
seither neben Bach und Vivaldi auch
„nützliche Dinge“, etwa Tischlern und
Weben. Darauf legt Madre Ludmilla großen
Wert.

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Im Busch braucht Bach Wunder
Der Fortschritt hält sich natürlich
nicht an Partituren. Seine Natur ist
bodenständiger. "Por favor, Padre", insistiert
Señora Aguararupa, eine verhärmte
Mutter vieler Kinder, deren Väter ihr
nie ausreichend Liebe geschenkt haben.
Und die sich nun einer Plage gegenübersieht:
"Die Ratten, Padre! Nur Sie
können helfen!"
Padre Walter, 68, hat fast die Hälfte
seines Lebens am Río Blanco verbracht.
Er macht sich keine Illusionen
mehr, weder über die Menschen hier,
die Guarayo, noch über sich selbst.
Wenn er, wie jetzt, verärgert aufstöhnt,
lächeln seine blauen Augen weiter. Da
liegt ein Problem: Die Guarayo fordern
ununterbrochen, und ihr Hirte gibt immer
nach. Padre Walter kann einfach
nicht Nein sagen.
"No!", versucht er es dennoch.
Aber so halbherzig, dass sein Nein im
Getöse des Instituto untergeht. Vormittags
klingt die Pfarrei wie Zwölftonmusik
in den Ohren eines Menschen, der
sie nicht mag. In den Klassenräumen
üben die Anfänger Geige und Cello,
Tuba und Trompete. Auf dem Rasen, umgeben
von grasenden Pferden, posaunt
ein Neunjähriger falsche Töne. In der
Kirche quietschen Oboe und Fagott, an
denen sich zwei Mädchen versuchen.
Dazu dröhnt der Generator in der Tischlerwerkstatt.
Sägen kreischen, Bohrer
jaulen, ein Elektrohobel donnert.
"Du kennst die Regeln", sagt Padre
Walter. "Der Padre versucht, streng zu
sein: Hilf dir selbst, so hilft dir Gott! Ich
gebe dir nur etwas, wenn du einen Teil
der Bauarbeiten selbst bezahlst. Die Pfarrei
hat kein Geld mehr."
Señora Aguararupa schüttelt den
Kopf, ihr hilfloses Lächeln entblößt eine
breite Bresche im Oberkiefer. Nein,
nicht einen Boliviano hat sie in den vergangenen
50 Jahren zurücklegen können,
für Zahnersatz hat es auch nie gereicht.
Trotzdem braucht sie jetzt ein
Dach aus Ziegeln, denn im alten aus Stroh nisten Ratten. Zu Dutzenden klettern
sie nachts über das Moskitonetz
nach unten. Die Señora zeigt die Bisswunde
an ihrem Hals: "Zuerst dachte
ich, mein Mann liebt mich doch noch.
Aber dann fühlte ich die Ratte!"
Seufzend gibt der Pater nach: Am
nächsten Tag wird er 2000 Ziegel für Señora
Aguararupa bestellen. "Urubichá
darf nicht zu Hameln werden!", sagt er.
Die Señora, die sich aus Geographie
nicht viel macht, küsst ihm die Hand.
Dann ist Padre Walter allein mit
den neuen Sorgen: Wo das Geld für 2000
Ziegel auftreiben? Durch die Ritzen der
Fensterläden dringt ein Sonnenstrahl
ins Halbdunkel seines Zimmers, das wie
ein Rembrandt-Gemälde wirkt: der massive,
mit Blättern übersäte Schreibtisch;
daneben der Schaukelstuhl aus jenen
Tagen, als die Guarayo ihre Anliegen
noch nackt in die Mission trugen; und
darin versunken der kleine Mann in
brauner Kutte, um dessen Hüften sich
das Circulum spannt, die weiße Kordel
mit drei Knoten. Sie erinnern an das
franziskanische Gelübde: Armut, Gehorsam,
Keuschheit.
Walter Neuwirth hat sich stets daran
gehalten – soweit es seine Treue zu
Urubichá zuließ. Aber manchmal fordert
der Fortschritt neue Wege, die von den
Pfaden braver Konventionen abweichen.
Madre Ludmilla klagt darüber, etwa über
sein "Schludern" beim Firmunterricht.
Die Pfarrer in Tirol, meint sie, seien "viel
katholischer" als dieser Deutsche hier.
Der kümmere sich zu sehr um Dinge,
die doch eigentlich nichts mit seinem
Amt zu tun hätten: "Unser Pater ist wohl
mehr Bauherr als Seelsorger!"
Vielleicht. Aber wie soll man hier
den einen von dem anderen trennen?
Etwa 500 Adobe-Hütten hat der Padre in
Urubichá gebaut. Alle sechs Jahre, wenn
er sich auf Heimaturlaub begibt, bettelt
er dort um Spenden. Dann zieht er mit
Diavorträgen über Urubichá durch die
Gegend um Landshut und erklärt den
Zusammenhang zwischen würdigem
Wohnen und moralischem Fortschritt:
dass also, wer in einem Stall hausen
müsse, sich auch nur dementsprechend
benehmen könne. Ginge es nach Padre
Walter, es gäbe ein Menschenrecht auf
rattenfreien Schlaf.
Und wenn seine Zuhörer dann
nicht für neue Hütten spenden wollen,
sollen sie ihre Almosen eben für die Musik
geben. Denn auch Musik ist Nahrung,
sagt Padre Walter, Nahrung für
Geist und Gefühl. Deshalb braucht die
Pfarrei Geld für Instrumente.
Im Busch bleibt Bach ein schwieriges
Gewächs. Er kann sich nicht allein
von Begabung nähren, so wie einige Orchideen
dies scheinbar von purer Luft zu
tun vermögen. Im Busch braucht Bach
Pflege, mehr noch: Er benötigt Wunder
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