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Knigge Vietnam: Tipps für die Reise

Männer tragen zentimeterlange Fingernägel, Twens lieben Milch, überall wird gehockt statt gesessen. Frisch durch das Land gereist hat sich GEO.de-Redakteurin Bianca Gerlach über vieles gewundert - und eine Vietnam-Expertin um Aufklärung gebeten

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Durch Vietnam zu reisen ist wie ein Frontalangriff auf die Sinne. Zu ungewohnt die Geräuschkulisse, die ewig knatternden Mopeds, die teils ruppige Sprache, die intensiven Gerüche auf Märkten, das Essen und der manchmal doch recht gewöhnungsbedürftige hygienische Standard. Kurzum: Es ist alles komplett anders als bei uns - und wirkt dadurch faszinierend und rätselhaft zugleich. Unterwegs habe ich manchmal Dinge gesehen oder erlebt, die ich mir durch meine westliche "Brille", wie man sagt, nicht erklären konnte. Hier hätte ich mir gelegentlich einen Landeskenner an meiner Seite gewünscht, der einige Eigenheiten erklärt. Meine Fragen habe ich nach der Reise aufgeschrieben und die Vietnamesin Hong-Yen Le um Aufklärung gebeten.


1. Markt-Nichteinkäufe

Manchmal beschleicht mich das Gefühl, als wenn bestimmte Märkte exklusiv für westliche Gäste abgehalten werden, so etwa der Ben Than Markt in Ho Chi Minh City (einer der größten Märkte in der Stadt, in dem früher oder später fast jeder Tourist einmal landet). Kaum schiebe ich meinen ersten Flip-Flop in die Halle, surren die Verkäuferinnen um mich herum. "Madam, wanna buy T-Shirt", "Madam look here", "Madame buy coffee", sie zippeln an meinen Rock herum, halten mich am Arm fest, zupfen und zerren und halten Textil unter meine Nase. Egal wie starke Nerven man hat – und wie groß der Wunsch nach Shopping ist, ich halte diese Bedrängnis nicht lange aus und stürme an allen Ständen vorbei. In meinem Einkaufskorb liegen am Ende der Reise durch Vietnam: ein Küchensieb, zwei Kochlöffel und Plastikschälchen. Gekauft im Supermarkt, wo mich niemand beim Stöbern störte. Wie hält der Vietnamese dieses intensive Markt-"Erlebnis" aus? Oder anders gefragt: Warum lässt einen keiner in Ruhe einkaufen?

Hong-Yen Le: Die Antwort ist ganz einfach: Es geht ums Überleben! Die Menschen haben kein soziales Netz, kein Amt, das sie mit Geld unterstützt, wenn sie arbeitslos werden. Mit dem Geschäft müssen sie meist die gesamte Familie versorgen. Daher ist das Verkaufen so aufdringlich, weil jeder Cent dringend benötigt wird. Wer wie ich aus Vietnam kommt, kennt die Armut, die dahinter steckt. Touristen werden besonders oft angesprochen, da sie höhere Einnahmen bedeuten. Mein Rat: Locker bleiben und daran denken, dass man mit einem Einkauf womöglich schon für "das Geschäft des Tages" gesorgt hat.


GEO.de-Redakteurin Bianca Gerlach mit landestypischer Speise: der Nudelsuppe Pho  (Foto von: Bianca Gerlach )
© Bianca Gerlach
GEO.de-Redakteurin Bianca Gerlach mit landestypischer Speise: der Nudelsuppe Pho

2. Same same, but different

Ich lasse mir einen Mantel in der für eine Vielzahl an Schneidereien bekannten Stadt Hoi An maßschneidern. Das Muster hängt im Schaufenster der Schneiderei, passt und soll in einer anderen Farbe neu genäht werden. Der fertige Mantel kommt in Größe Zero, Ausatmen zwecklos, der Gürtel - im Muster auf Hüfthöhe - klebt nun direkt unter der Brust, die Knöpfe sind braun statt schwarz. "Vietnamese women like", wird meine Reklamation gemildert. Mag sein, aber soweit ich es beurteilen kann, bin ich keine Vietnamesin. Das versteht die Schneiderin dann auch – und ändert den Mantel, und noch einmal. Das Ergebnis: Ich kann zwar im Mantel atmen, die Knöpfe bleiben braun, der Gürtel sitzt – tiefer. Ich gebe auf. Geben vietnamesische Frauen auch so schnell auf?

Hong-Yen Le: Als erstes muss man wissen: Vietnamesen tragen ihre Kleidung gerne eng am Körper. Je enger, desto besser könnte man meinen. Kleidung wird daher für westliche Standards meist etwas zu eng geschneidert - oder sie läuft später so sehr ein, dass nach dem Waschen nichts mehr passt. Denn: Viele waschen ihre Wäsche mit der Hand und mit kaltem Wasser. Am besten man sagt der Näherin gleich, dass sie die Teile größer schneidern soll. Mit Aufgeben hat das Ganze also nichts zu tun, sondern mit Gewohnheit.


3. Feilschen – oder nicht feilschen?

"For you only 100 000 Dong", "I make special price for you…" Typische Sätze beim Einkauf in Vietnam, sehr typisch. Um eines vorweg zu sagen: Klar haben wir Westler mehr Geld als die Marktfrau und der Schneider und der Souvenirverkäufer, und daher ist es auch vollkommen in Ordnung, tendenziell etwas mehr zu zahlen als der Einheimische. Aber beschupsen lässt sich trotzdem keiner gern. Daher gilt es bei solchen Spezialangeboten – "einzig allein für mich" – zu feilschen. Nur wie macht man es richtig? Besonders wenn man die Preise nicht kennt, nicht weiß, ob ein Kilo Mangos nun umgerechnet drei Euro kostet – oder womöglich nur die Hälfte – oder noch weniger? Und wo ist Feilschen eigentlich angebracht? Bei Lebensmitteln? Nur auf dem Markt? Beim Wasserkauf auf der Straße? Beim Schneider? Besonders verwirrt hat mich auf der Insel Phu Quoc, dass manchmal selbst der Feilsch-Trick nicht funktionierte: Bei der Preisangabe empört aufblicken, energisch mit dem Kopf schütteln, weggehen und hoffen, dass man ein leises "Okay, Madam, how much?" hört. Feilscht man womöglich gar nicht in Vietnam?

Hong-Yen Le: Das Feilschen gehört bei uns einfach dazu. Anders als hier in Deutschland, wo alles mit festen Preisen ausgezeichnet ist. Eine Faustregel zum Feilschen gibt es allerdings leider nicht. Man sollte die Preise am besten als erstes in Euro umrechnen, dann abschätzen, ob der Preis realistisch klingt (das ist nicht der Fall, wenn er höher als in der Heimat ist) – und dann nach Gefühl handeln. Einen besseren Tipp habe ich leider auch nicht. Auf Phu Quoc kann es sein, dass der Preis womöglich schon sehr niedrig angesagt war. Die Dinge müssen kostspielig auf die Insel gebracht werden, da war vermutlich einfach kein Handlungsspielraum drin. Ansonsten auch hier der Ratschlag: Locker bleiben. Ein paar Dong mehr schaden Ihnen nicht, den Menschen vor Ort aber helfen sie viel.


4. Deko – oder Werkzeug?

Ich mache Sightseeing in Hanoi. Mr. Thang, mein Guide, schnappt sich meine Karte, fährt mit dem Finger über die Viertel und erklärt, wo wir sind. Dabei unübersehbar: sein überdimensional langer, zwei Zentimeter etwa, leicht gelblich gefärbter, spitz zulaufender Nagel am kleinen Finger. Nicht nur Mr. Thang trägt seinen kleinen Nagel gerne XXL, auch viele andere Männer im Land. Der menschliche Bohrer ist scheinbar nicht nur Deko - auch Werkzeug. Die praktische Fingerverlängerung wird gerne zur Körperhygiene (Ohren, Nase) und Massage (Kopf) benutzt. Wieso tragen gerade Männer ihre Nägel extralang?

Hong-Yen Le: Sie haben die Frage bereits selbst beantwortet: als Werkzeug für die Ohren und Nase! In Vietnam gibt es keine Wattestäbchen, daher ist der Fingernagel praktischer Ersatz - was ich persönlich ziemlich eklig finde.


5. Milch statt Cola

Es sei der letzte Schrei, wurde mir gesagt. Hippe Vietnamesen, die das In-Getränk schlechthin ordern: Vollmilch. Am liebsten eiskalt und mit einem ordentlichen Schuss Zucker. In der Tat: Ich sehe etliche Youngsters, gestylt mit coolen Sonnenbrillen bei 35 Grad im Schatten über dem Milchglas sitzen und frage mich: Ist Milch die neue Cola?

Hong-Yen Le: Cola ist nach wie vor in. Doch Milch ist das Getränk für die Reichen. Während normale Menschen keine Milch trinken, da sie es nicht leisten können, präsentieren Wohlhabende ihren Status mit der Milch aus dem modernen Westen. Man fällt damit auf - und Auffallen ist cool.


 (Foto von: Bob Krist/Corbis)
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6. Hocke mit Haltung

Der Vietnamese hockt. Egal, wohin man schaut. Den Hintern knapp über den Boden balancierend, die Knie dabei leicht aneinander gepresst. Stundenlang und überall. Auf Märkten, an Straßenrändern, am Hafen, in Hotels. Wie halten die Leute das aus? Und warum nehmen sie nicht einfach einen Hocker mit?

Hong-Yen Le: Lange hocken ist reine Übungssache. In Vietnam ist oft kein Stuhl in der Nähe, deshalb hockt man einfach. Wir hier in Deutschland können es nicht, weil wir es nicht gewohnt sind. Die Vietnamesen nutzen schon Stühle, wenn welche in der Nähe sind. Aber es gibt auch Arbeiten, welche man nur am Boden ausbreiten kann aus Platz- oder Tischmangel, etwa auf den engen Märkten. Da muss man tief sitzen, um gut arbeiten zu können – und Bücken wäre noch viel beschwerlicher. Also ist die logische Folge: Man hockt!


7. Helme – das Superaccessoire?

Jeder Moped-Fahrer trägt Helm. Das überrascht. Denn als ich das letzte Mal in Vietnam war, waren Fahrer mit Helm in aller Regel Austauschstudenten aus Europa und den USA. Mittlerweile scheint Fahren ohne Helm aus der Mode gekommen sein. Oder ist der Helm nun Mode? Denn die Vielfalt an Designs ist überragend. Kinder tragen Helme in Marienkäferform (inklusive kleiner Drähte für die Fühler, die im Fahrtwind von links nach rechts baumeln), Eltern Militärhelme und Kopfbedeckungen, die eher an Sonnenhüte samt Krempe erinnern als an eine schützende Schicht. Und wenn der Helm erstmal auf dem Kopf sitzt, bleibt er auch dort: Der Vietnamese trägt ihn auf der Fähre, beim Fischen, beim Check-In am Flughafen und im Café. Sind Helme so etwas wie ein Modeaccessoire?

Hong-Yen Le: Vor etwa zwei oder drei Jahren war Helmtragen noch keine Pflicht. Der Helm an sich ist neu, und alles, was neu ist, ist auch angesagt. Hinzu kommt, dass der Vietnamese ziemlich eitel ist und auf sein Äußeres achtet. Ein Helm ist kein Helm, er ist ein Accessoire und muss besonders gut aussehen. Die Vietnamesen erfreuen sich sehr an solchen Dingen, die aus dem Westen kommen.


8. Thank you for thanking you

Bei jedem Löffel, jeder Serviette, jedem Getränk und natürlich der Hauptspeise, die sie auf meinen Tisch stellt, sagt die Kellnerin "thank you". Auch ich sage "thank you", weil man das so macht als höflicher Mensch. Sie sagt "thank you" für die Karte, "thank you" für die Getränke, "thank you" fürs Abräumen. Auch andere Kellner und Kellnerinnen bedanken sich immerzu, ohne, dass ich etwas für sie getan hätte. Nach den ersten "thank you"-Gewittern schaue ich mir die Vietnamesen an den Nachbartischen an. Nichts. Kein Gast, kein Kellner sagt "thank you". Es schaut noch nicht einmal jemand auf, wenn Teller gebracht oder abgeräumt werden. Ich bin ratlos. Sagt man hier eigentlich gar nicht danke?

Hong-Yen Le: Tatsächlich sagt man hier nicht unbedingt danke - sondern nutzt stattdessen viel Gestik und Mimik. Ich vermute, die Kellnerin wusste nicht, ob Sie ihre Gestik verstehen und war unsicher, was sie sagen sollte. Da viele nicht sehr gut Englisch sprechen, sagt sie dann halt sehr oft "thank you", um die Situation aufzulockern.


Hong-Yen Le  (Foto von: Hong-Yen Le)
© Hong-Yen Le
Hong-Yen Le

Hong-Yen Le vermittelt seit 2005 individuelle Reisen in ihr Heimatland. In ihrem Reisebüro Vietnam Adventure gibt sie Tipps für unberührte Ecken, tüftelt Reiserouten aus - und hilft kulturelle Eigenarten zu verstehen, damit der Urlaub ein einmaliges Erlebnis wird.


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Kommentare zu "Knigge Vietnam: Tipps für die Reise "

weltfahrer | 02.07.2009 09:30

@guemi48: Wo wird im Text von "Problemen" gesprochen? Das sind doch Beobachtungen, die jede/r Vietnam-Reisende macht. Und dann fragt man sich halt: Warum ist das so? - Ich finde diesen Knigge sehr interessant und die Idee prima, dass eine Einheimische über diese Besonderheiten aufklärt. Nur so entwickelt sich gegenseitiges Verständnis. Beitrag melden!

Guemi48 | 01.07.2009 16:48

Wenn das hier Geschilderte für die Dame Probleme darstellt und das die bleibenden Eindrücke
für sie sind, sollte sie künftig nicht mehr nach Asien reisen, sondern zuhause bleiben. Beitrag melden!

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