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GEO Magazin Nr. 11/09 Seite 1 von 3


Indien: Das kostbare Wissen der Armen

Anil Gupta ist Dozent an der angesehensten Wirtschaftsuniversität Indiens. Sein Spezialgebiet: technische Innovationen. Die sucht er ausgerechnet dort, wo seine Kollegen nur Rückständigkeit und Hilflosigkeit vermuten - in den entlegensten Dörfern des Landes.

Die junge belgische Fotografin Alice Smeets gewann 2008 den internationalen Wettbewerb "Unicef-Foto des Jahres". Zum ersten Preis gehörte auch der Auftrag für diese GEO-Reportage.

Text von Gesa Gottschalk

Zwei Männer klettern aus dem gekühlten Inneren des Taxis in die Hitze eines indischen Mittags. Der eine, hochgewachsen und hellhäutig, mit sorgfältig gestutztem Vollbart und Brille: Anil Gupta, 56 Jahre alt, Professor am Indian Institute of Management (IIM) in Ahmadabad. Der andere, klein und verknittert, trägt einen löchrigen dhoti, das traditionelle Tuch, um die Hüften und geht auf nackten Füßen: Shakarabhai, auch Großväterchen genannt. Wie alt er ist, weiß er nicht, 65 Jahre, vielleicht. Er hat in seinem Leben keine Schule besucht und keine Schuhe getragen.


Ideen-Archiv: In einer Datenbank notieren Gupta und seine Helfer Erfindungen und bislang unbekannte Heilpflanzen: 120.000 Einträge zählt sie bereits (Foto von: Alice Smeets)
© Alice Smeets
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Ideen-Archiv: In einer Datenbank notieren Gupta und seine Helfer Erfindungen und bislang unbekannte Heilpflanzen: 120.000 Einträge zählt sie bereits

Ein Professor und ein Bauer

Sie setzen sich in den Schatten eines alten Baumes, der Mann, der an der renommiertesten Wirtschaftsuniversität Indiens lehrt, der in Berkeley Vorträge hält, in Cambridge und in Boston. Und der andere, der sein ganzes Leben im selben Dorf verbracht hat, in Bhuval an der Grenze zwischen den Bundesstaaten Gujarat und Madhya Pradesh. Der Professor, der die schwarzen Augenbrauen zusammenzieht und durch seine Brille blitzt, wenn ein Student einen Fehler macht. Der Bauer, der sich zum Melken die Kleider seiner Frau anzieht, damit die Kühe keine Furcht vor ihm haben.


Honey Bee Network hat Gupta seine Organisation getauft: Wie eine Biene Blüte für Blüte bestäubt, so möchte er das Wissen der Einheimischen von Dorf zu Dorf tragen (Foto von: Alice Smeets)
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Honey Bee Network hat Gupta seine Organisation getauft: Wie eine Biene Blüte für Blüte bestäubt, so möchte er das Wissen der Einheimischen von Dorf zu Dorf tragen

Hier, nur wenige Autominuten entfernt von Shakarabhais Heimatdorf, werden die beiden Männer am nächsten Tag gemeinsam ein shodh yatra beginnen, eine Erkundungsreise. Seit 1998 wandert Anil Gupta zweimal im Jahr von Dorf zu Dorf, begleitet von Studenten, Forschern, Bauern. 5700 Kilometer durch das ländliche Indien ist er schon gelaufen und hat eine Datenbank angelegt von altem Kräuterwissen und zahlreichen Erfindungen, die der Not entsprungen sind: 120 000 Einträge sind bereits zusammengekommen, der Schatz der Armen Indiens.



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Guptas wichtigste Entdeckung

Shakarabhai ist vielleicht Guptas größte Entdeckung. Denn Shakarabhai begann schon als junger Mann als Heiler zu arbeiten. Oft kann nur der vaidya helfen in einer Gegend, wo das nächste Krankenhaus mehrere Stunden entfernt liegt und der Arzt nicht immer zum Dienst erscheint. Wo es keine Krankenschwester im Dorf gibt und keinen Tierarzt. Männer wie Shakarabhai können Knochen einrenken und Kopfschmerzen heilen, mit einer Mischung aus ätherischen Ölen, die brennend in die Nase schießt und Tränen aus den Augen treibt. Männer wie er wissen, dass Weihrauch gegen Fieber hilft und Pillen aus Papayablättern und Kalk gegen Gelbsucht. Sie kennen den Vogel, dessen Feder die Nachgeburt einer Kuh lösen kann, und eine Medizin gegen den Biss der Kobra. Als Zeichen ihrer Würde und um ihren Verstand vor der Sonne zu schützen, tragen sie ein weißes Schiffchen auf dem Kopf.




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Kommentare zu "Indien: Das kostbare Wissen der Armen"

christian | 29.11.2009 23:37

Das ist ein toller Ansatz.
Vielen Dank für den Artikel. Beitrag melden!

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