Hauptspalte:
Estland: Winterreise vom Feinsten
Eisangeln, Hundeschlitten-Tour, Schneeschuhsafari: Estland ist zwar nicht mit hohen Bergen gesegnet, aber mit viel glitzerndem Weiß und Fantasie
Schneeschuhsafari:
Der Täter hat eindeutige Spuren
hinterlassen. Rund ums Opfer, ein totes Reh, haben sich seine
Pfoten und Krallen in den Schnee geprägt. "Das war ein Luchs",
sagt der Tourenführer Bert Rähni, der mit mir auf Schneeschuhen
durch den Wald stapft. Wir sind schon früh am Morgen
hinausgefahren, haben die mit Pulverschnee bedeckte Hauptstadt
Tallinn hinter uns gelassen und sind in eine Landschaft
eingetaucht, die sich im Winter mit den estnischen Nationalfarben
Blau-Schwarz-Weiß schmückt: ein wolkenloser Himmel
und dunkle Bäume voller glitzerndem Schnee. Im Linnuraba,
einem etwa 34 Quadratkilometer großen Naturschutzgebiet
rund eine Autostunde südlich von Tallinn, beginnt unsere Schneeschuhsafari.
Im Winter lässt sich besonders gut beobachten,
welche Tiere hier leben: Wildschweine, Elche, Rehe, Wölfe, Rotwild,
Flughörnchen, Schneehasen, Luchse und schlafende Bären - keiner streift spurlos durch den Wald oder übers Hochmoor. Die meisten Fährten hätte ich ohne Führer allerdings
übersehen: winzige Abdrücke von Haselhühnern, die wie
die Löcher wirken, die Tautropfen im Schnee hinterlassen;
eine breite Schleifspur von Wildschweinen, die mit ihren kurzen
Beinen und einem Gewicht von rund 150 Kilogramm tief im
Schnee versinken und mit dem Bauch alle Spuren ihrer Spalthufe
verwischen; eine schnurgerade Linie entpuppt sich als
Fährte eines Fuchses, der beim Laufen einen Fuß hinter dem anderen
aufsetzt.
Während wir über das Hochmoor stapfen, erzählt
Bert von balzenden Birkhühnern und heulenden Wölfen.
Nahe am Waldrand kreuzen kuchentellergroße, tief eingesunkene
Spuren unseren Weg, die sogar ich dechiffrieren
kann. "Ein Elch?", frage ich. Bert nickt. (Bert Rähni,
Tel. 00372-513 71 41 oder 00372-55 55 87 55, www.360.ee ;
individuelle Halbtagestour inklusive Verpflegung und
Transfer ab Tallin 284 Euro, Gruppentouren 30 Euro pro Person.)
Tretschlittenfahrt/Eisangeln:
Auf der Fahrt
in den Nationalpark Soomaa im Südwesten Estlands sehe ich
Menschen, die auf Tretschlitten von Dorf zu Dorf ziehen. Bei
Aivar Ruukel, einem Outdoor-Anbieter im Nationalpark, kann
ich sie ausprobieren. Der Schlitten hat ein Gestell in Metallicblau,
Plastikkufen und einen gebogenen Lenker. Ich stelle den
linken Fuß auf eine Kufe, stoße mich ab und gleite hinter
Aivar her, vorbei an gelben Holzhäuschen. Am Ufer eines schneebedeckten
Flusses wartet Aivars Vater Ain - mit einer Angel
und etwas, das aussieht wie ein überdimensionaler Korkenzieher:
ein Eisbohrer. Knirschend schraubt er sich durchs Eis, bis
gelbliches Wasser hervorgluckert. Hechte, Flussbarsche und Rotfedern
sollen sich hier tummeln. Ich warte, angle, warte.
Kein Fang gelingt, hungern muss ich aber nicht. In dem Blockhaus,
in dem ich die Nacht verbringe, wurde bereits aufgetischt
und der Kamin angefeuert. (Aivar Ruukel bietet diverse
Wintersport-Touren an: Tel. 00372-506 18 96, www.soomaa.com ; Tagestrip ab 2 Personen ab 50 Euro. Riisa Rantso vermietet Blockhäuschen
mit Sauna, auf Wunsch mit Verpflegung: Tel. 00372-56 69 42 70, www.riisarantso.ee ; ab 39 Euro.)
Snowtubing:
Im Süden liegt Otepää, eine von 2190 Menschen
bewohnte Stadt, die die Esten "Winterhauptstadt" nennen.
Immerhin: Es gibt mehr als ein Dutzend Hotels, Cafés und
Skiverleiher. Und die "Schweiz des Baltikums" ist das sicherste
Schneegebiet der Region. Berge, die gerade mal 300 Meter
erreichen,
sind zwar kein Paradies für Alpinisten, machen aber
Langläufer glücklich. Von einem Hügel im Stadtzentrum
schallt Kreischen herüber: Kinder sausen auf Reifen einen Hügel
runter. Snowtubing funktioniert wie Rodeln – mit dem
Unterschied, dass der Reifen sich um die eigene Achse dreht,
während er rasant den Hügel abwärts rutscht. Ich hocke
mich in das Loch in der Mitte und lasse meine Arme und Beine
baumeln. Das Gefährt kreiselt, rückwärts fliege ich über einen
Huppel. Unten angekommen, will ich nur noch eins: Noch mal!
(Übernachten: etwa in den Apartments des GMP Clubhotels,
Tennisevälja 1, Tel. 00372-501 05 04, www.clubhotel.ee ; ab 115 Euro.)
Hundeschlitten-Tour:
In Haanjamaa bekomme ich
Gesellschaft von Bomse und Daron, zwei Schlittenhunden.
Zusammen erkunden wir die Gegend rund um den höchsten
Berg des Landes, den 318 Meter hohen
Suur Munamägi. Kaum lockere ich die Leinen,
rasen die beiden los. Wind pfeift mir
um die Ohren, die Landschaft fliegt vorbei.
Gerade denke ich, dass das die beste Winteraktivität
bislang ist, da höre ich ein Bellen, das von einem Hof
herüberdringt. Bomse und Daron machen mitten im Lauf eine
scharfe Rechtskurve. Der Schlitten kommt ins Schleudern,
und ich lande weich in einem Schneehaufen. Schwanzwedelnd
kommen die beiden vom Besuch beim Hofhund zurück. Und
ich mache es wie ein Reiter, der vom Pferd gefallen ist: Gleich
wieder rauf, und weiter geht's. (Skylinedog, Tel. mobil 00372-523 38 48 ; Anfrage auf Englisch per E-Mail: pille.saarnits@gmail.com ; Hundeschlittenfahrt ab 10 Euro.)

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Rauchsauna:
Im Bauernhof bei Mooska in der Nähe des
Suur Munamägi findet ein Saunaseminar statt. Das klingt
ernster, als es ist, und heißt einfach: ausziehen, hinsetzen,
schwitzen. Sechs Stunden wird die traditionelle
Rauchsauna vorgeheizt; weil sie keinen Kamin hat, bleibt der Rauch drinnen. Dann wird die
Tür geöffnet, der Rauch verschwindet, und
die Saunagänger treten ein, in diesem Fall
die Saunabetreiberin und ich. Sie klärt mich
auf: Wer sich mit Birkenzweigen auf Rücken
und Schenkel schlägt, fördert die Durchblutung,
Schläge mit Lindenzweigen stärken das Immunsystem, und
Wacholderzweige - aua - öffnen die Poren. Dann reicht sie mir
Seesalz fürs Peeling und Honig, der die Haut samtig macht,
und schüttet literweise Wasser auf den Ofen, bis ich es nicht
mehr aushalte. Klatschnass flüchte ich nach draußen, greife mir
eine Handvoll Schnee und reibe mich damit ab. (Tel. 00372-503 23 41, www.mooska.eu ; Übernachten: im Ferienhaus Vällamäe
im Dorf Simula, Tel. 00372-522 67 78, vallamaetalu@gmail.com ;
DZ ab 60 Euro inkl. Sauna.)
Anreise:
Mit Lufthansa, Estonian Air oder Ryanair
nach Tallinn. Weitere Infos: www.visitestonia.com/de ; Inlandsverbindungen: www.bussireisid.ee und
www.edel.ee
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