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Interview: Nachhaltigkeit auf Reisen

Nachhaltig und ökologisch einwandfrei - immer mehr Touristen wünschen sich das auch für ihre Urlaubsreise. Im Interview mit GEO.de spricht Ute Linsbauer vom Forum Anders Reisen über Flugreisen, grüne Reiseveranstalter und Golfplätze in der Wüste.
Das Forum Anders Reisen ist ein Zusammenschluss von etwa 130 Reiseveranstaltern, die sich dem nachhaltigen Tourismus verpflichtet haben.

Text von

Ute Linsbauer ist Pressesprecherin des Verbands "Forum Anders Reisen" (Foto von: forum anders reisen e.V.)
© forum anders reisen e.V.
Ute Linsbauer ist Pressesprecherin des Verbands "Forum Anders Reisen"

Frau Linsbauer, wie umweltfreundlich war Ihr letzter Urlaub?
Meine Familie und ich waren im Sommer im Norden Zyperns. Wir haben uns bemüht, immer in nachhaltigen, familiengeführten Unterkünften unterzukommen. Einer dieser Betriebe gehörte zum Beispiel einem Bauern, der mitten auf seinen Gemüsefeldern kleine würfelförmige Gebäude errichtet hat - jeweils ein Zimmer mit Bad. Die standen mitten zwischen Auberginen und Kürbissen. Eine ungewöhnliche Unterkunft mit Familienanschluss - das war sehr nett. Da hatte man auch ein schönes Gefühl, eine gute Entwicklung zu unterstützen. Nur leider war dieser Urlaub mit einem Flug verbunden. Auch wenn wir die Emissionen später kompensiert haben, ist dabei ein Schaden entstanden.


Haben Sie das Gefühl, dass die Sensibilität dafür wächst, Tourismus und Umweltschutz zu vereinen?
Auf jeden Fall! Wir merken dass im Forum Anders Reisen ganz stark seit 2005, als die Klimadebatte ihren ersten Höhepunkt erreichte. Damals haben wir einen enormen Zulauf von Kunden bekommen. Auf einmal war nachhaltiges Reisen in aller Munde, weil man ein Bewusstsein für das Klima entwickelt hat. Und jede weitere Krise, auch die wirtschaftliche Rezession des vergangenen Jahres, hat dazu geführt, dass gesellschaftliche Umdenkprozesse stattfinden. Die Menschen werden dadurch von einer nachhaltigeren Lebensweise überzeugt und kommen dann auch zum nachhaltigen Reisen.


Davon profitieren wahrscheinlich besonders die Anbieter für nachhaltigen Tourismus?
Es gibt immer wieder Umfragen und Studien, die alle zu dem gleichen Ergebnis kommen: Etwa 20 Prozent der Kunden halten Nachhaltigkeit für einen wichtigen Entscheidungsfaktor bei der Reiseplanung, ungefähr so viele sind auch bereit dazu, dafür ein bisschen mehr Geld zu bezahlen. Und das merken wir auch bei unseren Veranstaltern. Wir haben zuletzt 2010 Wirtschaftsdaten erhoben und sind auf ein durchschnittliches Umsatzplus von 11 Prozent gekommen. Das ist ein enormes Wachstum und lag bei herkömmlichen Veranstaltern bei ungefähr 1,2 Prozent. Auch daran merkt man, dass nachhaltiges Reisen eine immer größere Bedeutung bekommt.


Setzen herkömmliche Anbieter aufgrund der gestiegenen Nachfrage auch verstärkt auf ökologische und nachhaltige Reisen?
Es gibt immer mehr große Veranstalter die mit auf den "Grün-Zug" aufspringen. Das ist einerseits eine erfreuliche Entwicklung, aber viele Unternehmen geben sich damit auch nur einen grünen Anstrich. Wenn nachhaltige Angebote nur ein Segment von einer breiten Produktpalette sind, an der sich aber sonst nichts ändert, dann ist es fragwürdig, wie ernst die Veranstalter es mit der Nachhaltigkeit meinen. Das ist vergleichbar mit einem Bauern, der eine Legebatterie-Hühnerfarm betreibt und in einer Ecke noch ein paar Bio-Hühner hält. Nachhaltigkeit sollte immer ein ganzheitlicher Anspruch sein und für alle Reisen gelten. Andererseits gibt es durch die verstärkte Nachfrage für umweltfreundliche und sozialverträgliche Reisen auch mehr unabhängige Initiativen, die Unternehmen zertifizieren. Die Unternehmen können so glaubwürdig ihre Nachhaltigkeitsleistungen unter Beweis stellen. Und als Kunde kann man sehr einfach die Spreu vom Weizen trennen.


Welche Initiativen zur Zertifizierung von Unternehmen gibt es?
Das bekannteste und umfassendste Siegel für Reiseveranstalter ist das Zertifikat "CSR Tourism certified", das von der unabhängigen Zertifizierungsorganisation TourCert vergeben wird. Innerhalb des Forum Anders Reisen ist dieses Zertifikat Pflicht für alle Veranstalter. Es steht aber auch allen Veranstaltern außerhalb des Forums frei, sich damit zertifizieren zu lassen. Für den Kunden sind solche Siegel eine gute Hilfe, denn für einen Laien ist es wirklich schwierig herauszufinden, wie ernst es einem Unternehmen mit der Nachhaltigkeit ist. Eine gute PR-Abteilung kann da vieles schön schreiben.

Gerade der Jahresurlaub soll ja oft auch etwas Außergewöhnliches sein. Ist es in Ordnung, eine Abenteuerreise zu machen, zum Beispiel eine Safari, bei der auch wilde Tiere beobachtet werden sollen?
Bei Abenteuerreisen und Safaris ist es sehr wichtig, dass man einen seriösen Anbieter wählt. Einen Anbieter, der sich fragt, wie viele Gäste eine Region verträgt oder wie man Tiere beobachten und gleichzeitig schützen kann. Bei der Auswahl helfen auch wieder die Siegel und Zertifikate wie das CSR-Siegel.


Gibt es eine Urlaubsform, die überhaupt nicht zu empfehlen ist?
Urlaubsformen, die wir nicht empfehlen, sind Kurztrips zu entfernten Destinationen. Denn der Umweltschaden durch den Flug steht dann in keinem Verhältnis zu dem Urlaub. Was wir auch nicht anbieten, sind All-inclusive-Unterkünfte, denn die verbrauchen sehr viel Wasser und Energie. Zudem lernt man Einheimische in so einer Anlage nur als Bedienstete kennen. Es gibt aber auch ganz Ausgefallenes wie Golfplätze in der Wüste. Eigentlich müsste jedem klar sein, dass hier Wasser verbraucht wird, das den Einheimischen dann fehlt.



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Kommentare zu "Interview: Nachhaltigkeit auf Reisen"

Hansa | 04.11.2011 18:12

Wir halten es wie beim Einkauf und fahren dort hin, wo das Angebot natürlich ist:
Golf in Frankreich oder England, wo nicht ständig berieselt werden muss.
Wasserkur in einer Thermenregion, wo das Wasser von selbst genossen werden will, weil im Überfluss aufsteigend (Burgenland).
Autozüge in Europa wo möglich
Wandern in Qinque Terre - Sonne in Cannes...
Es muss nicht immer ein Flug sein. Wir haben alles hier im wunderschönen Europa.



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Jochen Zimmermann | 02.11.2011 12:24

Golfplätze sind im nachhaltigen Tourismus durch ihren enormen Verbrauch an Land und Ressourcen generell eher als problematisch zu betrachten. Es ist jedoch nicht so, dass nachhaltige Reisen nur etwas für Leute wäre, die weniger großen Wert auf Komfort legen. Gerade im gehobenen Reisesegment tut sich gerade einiges und viele Anbieter stellen ihre Betreibe sozial und ökologisch oder und starten Partnerprojekte in lokalen Gemeinden.
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ernestine | 28.10.2011 21:43

was empfehlen sie jenen regionen, die momentan auf "reichere" touristen setzen und golfplätze anbieten? was könnten diese regionen besser machen?
sonnigen gruss Beitrag melden!


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