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Verhalten: Kluge Kraken

Sie täuschen ihre Opfer, handeln planvoll, prägen sich Jagdreviere ein und imitieren das Verhalten anderer Meeresbewohner, um sich vor Feinden zu schützen: Kraken sind weitaus intelligenter, als von Forschern lange Zeit angenommen. Und einige Spezies haben möglicherweise sogar die höchste Form des Geistes hervorgebracht: Persönlichkeit

Text von Sebastian Kretz

Auf den ersten Blick wirkt Octopus marginatus nicht wie der typische Handwerker. Er neigt dazu, seine Umgebung mit dunkler Farbe zu besprühen. Problemen geht er aus dem Weg, indem er einfach verschwindet. Überhaupt fehlt ihm jedes Rückgrat, ja er hat keinerlei Knochen im Körper. Und doch ist der faustgroße Krake ein vorzüglicher Baumeister, ausgestattet mit acht kräftigen Armen, spezialisiert auf Eigenheime, zum Beispiel aus Kokosnussschalen. Forscher haben beobachtet, wie das Weichtier in Gewässern vor der Küste Indonesiens eine Schalenhälfte aus dem sandigen Meeresgrund gräbt, sie mit einem Wasserstrahl aus seinem körpereigenen Rückstoßantrieb säubert, seinen weichen Rumpf wie in eine Wanne hineinhievt und - nur mit den rundherum heraushängenden Armen den Boden berührend - wie ein Stelzenläufer über den Grund stakst.


Der Oktopus <em>Thaumoctopus mimicus</em> ist spezialisiert darauf, andere Arten zu imitieren - hier eine Seelilie (Foto von: Norbert Wu/Science Faction/Corbis)
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Der Oktopus Thaumoctopus mimicus ist spezialisiert darauf, andere Arten zu imitieren - hier eine Seelilie

Bis zu 20 Meter wandert der Oktopus (von griech. októ, acht, und poús, Fuß) auf diese Weise über den Sand, wobei er beständig aus der noch unfertigen Behausung äugt. Findet er eine zweite Schale, fügt er beide Hälften rasch zu einer schützenden Kugel zusammen, die seinen Körper fast vollständig umschließt. Lange Zeit glaubten Forscher, außer dem Menschen sei kein Lebewesen in der Lage, absichtsvoll zu handeln. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannte die Wissenschaft, dass auch Menschenaffen zu anspruchsvollen geistigen Aufgaben wie Lernen oder Planen in der Lage sind. Seither wurden zwar weitere Arten als mehr oder weniger intelligent anerkannt - Delfine etwa, Seeotter oder Krähen -, doch sie alle gehören zu den Wirbeltieren. Wirbellose Tiere wie Quallen, Krebse oder Kraken galten dagegen nach wie vor als rein reflexgesteuert.


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Ihr Verhalten, so die Annahme, sei allein durch schlichte Wenn-dann-Reaktionen auf äußere Reize zu erklären. Doch inzwischen wissen Meeresbiologen, dass zumindest die Kraken mit ihrer eigentümlichen Lebensweise - kein Panzer schützt sie, kein Skelett stützt sie, im Korallenriff siedeln sie ebenso wie auf kargem Sand - ein Gehirn entwickelt haben, das zu verblüffenden Leistungen fähig ist. Eigentlich ist es erstaunlich, dass Verhaltensforscher so lange übersehen haben, wie klug die skurril anmutenden Meeresbewohner sind. Denn schon ihre Bewegungsmuster, ihre Verteidigungs- und Jagdstrategien lassen auf ein beträchtliches Denkvermögen schließen.


Die acht mit Saugnäpfen besetzten Arme der Kraken sind aus dem muskulösen Fuß entstanden, der für die Weichtiere typisch ist. Mit ihm kriechen Schnecken über den Boden, klammern sich Muscheln an Felsen fest. Bei den rund 800 Arten der Kopffüßer (einer Untergruppe der Weichtiere, zu der neben den Kraken auch die zehnarmigen Kalmare und Sepien gehören) hat sich der Fuß im Laufe der Evolution zu hochflexiblen Armen weiterentwickelt. Während Wirbeltiere mit ihrem starren Skelett nur bestimmte Bewegungen ausführen können - die Beine von Fröschen, Ratten oder Hunden lassen sich beispielsweise nicht seitwärts beugen -, sind Kraken in der Lage, ihre acht Arme völlig frei in alle Richtungen zu verformen.

Es gibt kaum eine Aufgabe, für die sie ihre Arme nicht nutzen. Sie bewegen sich mit ihnen fort, stöbern in Felsspalten nach Nahrung, schützen sich vor Angriffen oder pflücken sich Parasiten von der Haut. Sie können ein erbeutetes Tier am ausgestreckten Arm von einem Saugnapf zum nächsten reichen und es schließlich in den Mund befördern. Oder sie schleichen sich, vorsichtig auf den Armspitzen tippelnd, an eine Krabbe an, strecken plötzlich sämtliche Arme aus und stürzen sich - einem aufgespannten Regenschirm gleich - auf die ahnungslose Beute herab. Werden sie von einem Fressfeind bedroht, pressen Kraken ruckartig einen Wasserstrahl aus dem kräftigen Hautmantel, der ihre Eingeweide umschließt, und schießen mit angelegten Armen davon.



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