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Verhalten: Kluge Kraken
Sie täuschen ihre Opfer, handeln planvoll, prägen sich Jagdreviere ein und imitieren das Verhalten anderer Meeresbewohner, um sich vor Feinden zu schützen: Kraken sind weitaus intelligenter, als von Forschern lange Zeit angenommen. Und einige Spezies haben möglicherweise sogar die höchste Form des Geistes hervorgebracht: Persönlichkeit
Auf den ersten Blick wirkt Octopus marginatus nicht wie der typische Handwerker. Er neigt dazu, seine Umgebung mit dunkler Farbe zu besprühen. Problemen geht er aus dem Weg, indem er einfach verschwindet. Überhaupt fehlt ihm jedes Rückgrat, ja er hat keinerlei Knochen im Körper. Und doch ist der faustgroße Krake ein vorzüglicher Baumeister, ausgestattet mit acht kräftigen Armen, spezialisiert auf Eigenheime, zum Beispiel aus Kokosnussschalen. Forscher haben beobachtet, wie das Weichtier in Gewässern vor der Küste Indonesiens eine Schalenhälfte aus dem sandigen Meeresgrund gräbt, sie mit einem Wasserstrahl aus seinem körpereigenen Rückstoßantrieb säubert, seinen weichen Rumpf wie in eine Wanne hineinhievt und - nur mit den rundherum heraushängenden Armen den Boden berührend - wie ein Stelzenläufer über den Grund stakst.
Bis zu 20 Meter wandert der Oktopus (von griech. októ, acht, und poús, Fuß) auf diese Weise über den Sand, wobei er beständig aus der noch unfertigen Behausung äugt. Findet er eine zweite Schale, fügt er beide Hälften rasch zu einer schützenden Kugel zusammen, die seinen Körper fast vollständig umschließt. Lange Zeit glaubten Forscher, außer dem Menschen sei kein Lebewesen in der Lage, absichtsvoll zu handeln. Erst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts erkannte die Wissenschaft, dass auch Menschenaffen zu anspruchsvollen geistigen Aufgaben wie Lernen oder Planen in der Lage sind. Seither wurden zwar weitere Arten als mehr oder weniger intelligent anerkannt - Delfine etwa, Seeotter oder Krähen -, doch sie alle gehören zu den Wirbeltieren. Wirbellose Tiere wie Quallen, Krebse oder Kraken galten dagegen nach wie vor als rein reflexgesteuert.
Verkannte Unterwasser-Genies
Ihr Verhalten, so die Annahme, sei allein durch schlichte Wenn-dann-Reaktionen auf äußere Reize zu erklären. Doch inzwischen wissen Meeresbiologen, dass zumindest die Kraken mit ihrer eigentümlichen Lebensweise - kein Panzer schützt sie, kein Skelett stützt sie, im Korallenriff siedeln sie ebenso wie auf kargem Sand - ein Gehirn entwickelt haben, das zu verblüffenden Leistungen fähig ist. Eigentlich ist es erstaunlich, dass Verhaltensforscher so lange übersehen haben, wie klug die skurril anmutenden Meeresbewohner sind. Denn schon ihre Bewegungsmuster, ihre Verteidigungs- und Jagdstrategien lassen auf ein beträchtliches Denkvermögen schließen.
Die acht mit
Saugnäpfen besetzten
Arme der Kraken
sind aus dem
muskulösen Fuß
entstanden, der für
die Weichtiere typisch
ist. Mit ihm
kriechen Schnecken
über den Boden,
klammern sich Muscheln
an Felsen fest.
Bei den rund 800 Arten der Kopffüßer
(einer Untergruppe der Weichtiere, zu
der neben den Kraken auch die zehnarmigen
Kalmare und Sepien gehören)
hat sich der Fuß im Laufe der Evolution
zu hochflexiblen
Armen weiterentwickelt.
Während Wirbeltiere mit ihrem
starren Skelett nur bestimmte Bewegungen
ausführen können - die Beine
von Fröschen, Ratten oder Hunden lassen
sich beispielsweise nicht seitwärts
beugen -, sind Kraken in der Lage, ihre
acht Arme völlig frei in alle Richtungen
zu verformen.
Es gibt kaum eine Aufgabe, für die sie
ihre Arme nicht nutzen. Sie bewegen
sich mit ihnen fort, stöbern in Felsspalten
nach Nahrung, schützen sich vor
Angriffen oder pflücken sich Parasiten
von der Haut. Sie können ein erbeutetes
Tier am ausgestreckten Arm von einem
Saugnapf zum nächsten reichen und
es schließlich in den Mund befördern.
Oder sie schleichen sich, vorsichtig
auf den Armspitzen tippelnd, an eine
Krabbe an, strecken plötzlich sämtliche
Arme aus und stürzen sich - einem
aufgespannten Regenschirm gleich -
auf die ahnungslose Beute herab.
Werden sie von einem Fressfeind
bedroht, pressen Kraken ruckartig
einen Wasserstrahl aus dem kräftigen
Hautmantel, der ihre Eingeweide umschließt,
und schießen mit angelegten
Armen davon.
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