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GEO Magazin Nr. 8/07 Seite 1 von 3


GEO TV: Der Marathon der Krabben

Einmal im Jahr wird die australische Weihnachtsinsel von Millionen Landkrabben förmlich überspült. Welche Gefahren unterwegs auf die Krabbler lauern, hat ein TV-Team von "360 Grad - Die GEO-Reportage" gefilmt

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22 Kilometer Straße sind längst mit Barrikaden gesäumt, Warnschilder für Autofahrer aufgestellt und selbst Swimmingpools und Gartenteiche gesichert. Eigentlich könnte der Marathon beginnen. Der größte der Welt. Der älteste. Und der gefährlichste. Mindestens 65 Millionen Läufer werden Anfang November 2006 erwartet, auf einem Eiland, ein Drittel größer als Sylt: der australischen Weihnachtsinsel im Indischen Ozean. Briefmarken und Poststempel, T-Shirts, Rucksäcke und Tassen sind mit den Athleten geschmückt: breiter Körper in rot glänzendem Chitin-Trikot, wachsame Facettenaugen, zwei kräftige Scheren, acht schlanke Beine.



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Darunter die Signatur Gecarcoidea natalis, Rote Landkrabbe. Doch wo stecken die Marathoniken? Es ist ihnen zu heiß, es ist ihnen zu trocken. Und so verharren sie in ihren Startlöchern im nahen Regenwald: in bis zu einem Meter langen und 35 Zentimeter tiefen Höhlen.


Nach acht Tagen Dauerlauf erfrischen sich die tellergroßen Krabben an der Küste mit einer Dusche salziger Gischt. Auf den Erholungsstopp folgt der nächste Stress: Paarungshöhlen ausbaggern und diese vor Rivalen verteidigen (Foto von: Frieder Salm)
© Frieder Salm
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Nach acht Tagen Dauerlauf erfrischen sich die tellergroßen Krabben an der Küste mit einer Dusche salziger Gischt. Auf den Erholungsstopp folgt der nächste Stress: Paarungshöhlen ausbaggern und diese vor Rivalen verteidigen

In der Regenzeit beginnt der Marathon

"Sie laufen immer erst, wenn die Regenzeit beginnt", erklärt der Tierphysiologe Steve Morris von der University of Bristol. Er reist seit 20 Jahren zu jedem Marathon. Die bis zu acht Kilometer lange Strecke vom Inselinnern an die Küste ist für Landkrabben die weltweit mit Abstand längste Laufdistanz. Eine Besonderheit: Nicht etwa der Starttermin steht vorher fest, sondern die Ankunftszeit. Die letzte Etappe - das Laichen der Weibchen im Meer - endet synchronisiert mit dem Mondzyklus kurz vor Neumond, also dann, wenn der Unterschied zwischen Hoch- und Niedrigwasser besonders gering und damit die Brandungszone weniger gefährlich ist. Hinzu kommen noch die Disziplinen Extremklettern, Wrestling, Höhlenbau, Paarung - und, lediglich für Frauen, Gewichtheben: Während des Marathons tragen die Läuferinnen bis zu 100.000 Eier bei sich. "Das ist, als müsste ein Mensch einen Fünf-Kilo-Sack Kartoffeln 35 Kilometer weit schleppen", erklärt der Krabbenforscher Morris.


Die Roten Krebse sind geschickte Hindernisläufer. Brettwurzeln erklimmen sie mit zehn rundum beweglichen Gliedmaßen ebenso souverän wie Felswände und Hausmauern. Umwege sind ihnen fremd (Foto von: Roland Gockel)
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Die Roten Krebse sind geschickte Hindernisläufer. Brettwurzeln erklimmen sie mit zehn rundum beweglichen Gliedmaßen ebenso souverän wie Felswände und Hausmauern. Umwege sind ihnen fremd

Höchst eigenwillige Lauftechnik

Die internationalen Wettkampfbeobachter suchen noch immer den Himmel nach Wolken ab - da gerät der Waldboden plötzlich in Bewegung. Trockenes Laub verschiebt sich in windloser Stille. Unter den Blättern tasten sich behaarte Beinspitzen hervor. Kräftige Scheren hieven Körper aus dem Boden, glänzend im frühen Sonnenlicht. Dann setzt ein sanftes, gleichmäßiges Prasseln ein, als regnete es endlich. So klingen Tausende Bein- und Scherenspitzen, die über einen Blätterteppich eilen. In der Nacht zuvor hat sich die Luftfeuchtigkeit auf 94 Prozent erhöht. Das muss reichen, denn die Läufer spüren: Wenn sie jetzt nicht starten, schaffen sie den nächsten Termin für die Eiablage nicht und müssen ihr Programm um einen vollen Monat verschieben.

Um ihren breiten Körper schneller tragen zu können, bewegen die Crab-Sportler ihre zehn Beine, Scheren mitgezählt, im Seitwärtsgang. Dabei lässt sich jedes Gliedmaß in alle Richtungen bewegen - dank seiner sieben Segmente. So schaffen die Marathoniken in der Ebene Spitzengeschwindigkeiten von bis zu sechs Metern pro Minute, können aber auch schwierigste Klettergrade an waagerechten Felsüberhängen bezwingen. Überhaupt sind die Krabbenpanzer Wunderwerke der Rüstungstechnik: Die Tiere benötigen keine Visiere - die Augen selbst lassen sich in passgenaue Mulden herunterklappen. Zu eng gewordene Außenskelette werden abgelegt, deren kostbare Wertstoffe recycelt: Die kalziumreiche Chitin-Kruste landet auf dem Speiseplan. Die männlichen Einzelgänger finden sich binnen Stunden zu dichteren Feldern zusammen, die in allen Himmelsrichtungen auf die Küste zustreben. Sie haben schwieriges Terrain zu überwinden: Die Streckenverläufe führen über steile Felswände, Überhänge und Geröllhalden aus messerscharfem Kalkgestein.



 

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Kommentare zu "GEO TV: Der Marathon der Krabben"

libi | 23.10.2007 17:15

ich finde diesen artikel super!!!
ich mache einen vortrag darüber!!! Beitrag melden!

Karina R. | 14.08.2007 01:33

Dieses Phänomen haben wir in Europa mit den Fröschen. Weiter im Norden sínd es die Lemminge. Solche Wanderungen gibt es auf der ganzen Welt. Ich möchte zu gerne wissen, ob das auch für uns Menschen eine tiefere Bedeutung hat. Gab es jemals solche immer wiederkehrenden Menschenwanderungen ? Oder hat es sie vielleicht mal gegeben ?
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Sahil | 11.08.2007 23:57

Ich finde diesen Artikel super geschrieben und äusserst lehrreich! Habe gerade die Sendung auf Arte am TV mitverfolgt und bin weiterhin sehr interessiert an diesem Thema! Wäre es möglich weitere Information zu erhalten? Da ich an der ETH in Zürich (Schweiz) Umwelt studiere und gerne meine Master Arbeit wenn möglich in diesem Gebiet auf Australien machen würde. Das wäre also mein grösster Traum der in Erfüllung gehen könnte! Haben Sie vielen Dank...mit freundlichsten Grüssen Sahil Puri
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