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Warum denn immer gleich in die Luft gehen?
Die GEO-Rubrik "Werkstatt Zukunft" stellt nachahmenswerte Projekte und technische Lösungen vor. Folge 7: Kein Jetlag, keine VIP-Lounge - Manager aus Weltkonzernen treffen sich jetzt per "Telepräsenz"
In fünf Minuten muss Frank Kasparek in Kalifornien sein,
und es scheint ihn nicht zu beunruhigen, dass er noch immer
in der Kaffeeküche seiner Firma im schwäbischen Böblingen
sitzt. Seelenruhig zapft sich Kasparek ein Glas Wasser. Dann
spaziert er in Raum 0.3.02, drückt auf die Maustaste - und ihm
gegenüber sitzt Karin Taylor, am gleichen Tisch, lebensgroß
und 9311 Kilometer entfernt.
Bis vor ein paar Jahren hätte die Vorbereitung anders ausgesehen:
Taxi zum Flughafen, Checkin,
Sicherheitskontrolle,
Boarding, neun Stunden Flug nach New York, Umsteigen, sechs
Stunden Flug nach San Francisco, Taxi zur Firmenzentrale nach
Cupertino - im günstigsten Fall ein Reisetag pro Strecke.
Heute setzt sich Kasparek, bei HewlettPackard
(HP) für den
Vertrieb von Videokonferenzsystemen zuständig, in einen
Raum, der "Telepräsenz" ermöglicht. Anders als beim Bildanruf
per Skype vermittelt diese fortgeschrittenste Spielart der
Bildtelefonie den Eindruck, die Gesprächspartner befänden
sich im selben Zimmer. Identisches Mobiliar, gleiches Holz,
3D-Atmosphäre - Kaspareks halbrunder Tisch setzt sich auf
dem Bildschirm fort. Seine Kollegin erscheint farbecht und
verzögerungsfrei vor ihm. Und wenn Kasparek eine Idee äußert,
erfährt er Taylors Meinung meist, bevor sie geantwortet
hat: Ermunterndes Lächeln erscheint ebenso deutlich auf dem
Bildschirm wie Stirnrunzeln oder Augenrollen.
Die beiden diskutieren über die nächste Generation der
Videokonferenz-Architektur.
Wie kann man sie am besten mit
Desktop-PCs
verbinden? Wie ließe sich die Tonqualität weiter
optimieren? Bis zu vier Parteien können zusammengeschaltet
werden. Auf einer Art virtuellem Flipchart über den Konferenzmonitoren
lassen sich Diagramme und Videos verfolgen.
Von der simulierten Nähe profitieren - abgesehen von Fluggesellschaften
oder Hotelketten - alle Beteiligten: Seit HP vor
etwa fünf Jahren sein weltweites Telepräsenznetz einrichtete,
haben sich die Reisekosten um über ein Viertel reduziert. Manager,
die früher jede Woche in eine andere Stadt jetteten, leiden
weniger unter Stress. Und die Technik ist gut fürs Klima: Nach
einer Studie des englischen Carbon Disclosure Project (CDP),
das Konzerne beim Klimaschutz berät, könnten im Jahr 2020
allein britische und US-amerikanische
Konzerne dank Videokonferenzen
etwa 5,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen
einsparen,
die Menge, die eine Million Autos im Jahr ausstoßen.
Dass Unternehmen erst seit ein paar Jahren via Telepräsenz
konferieren, hat technische Gründe: Als sich die Tüftler bei HP
um 1996 erstmals an Telefongesprächen mit Bild versuchten,
waren E-Mail-Adressen
rar, und ISDN-Verbindungen
galten als
Internet-Turbo.
"Die Qualität war inakzeptabel", sagt Kasparek.
Ruckelig. Unzuverlässig.
Mittlerweile sitzt Kasparek täglich auf den schwarzgrauen
Netzstühlen und konferiert mit aller Welt. HP, zusammen mit
den Firmen Cisco und Polycom Marktführer der Technik, betreibt
über 100 eigene Räume. Sie sind gut ausgebucht, denn
seit sie in Betrieb sind, müssen Mitarbeiter jede Dienstreise
begründen.
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