Hauptinhalt
GEO Magazin Nr. 08/11 Seite 1 von 2

Warum denn immer gleich in die Luft gehen?

Die GEO-Rubrik "Werkstatt Zukunft" stellt nachahmenswerte Projekte und technische Lösungen vor. Folge 7: Kein Jetlag, keine VIP-Lounge - Manager aus Weltkonzernen treffen sich jetzt per "Telepräsenz"

Text von Sebastian Kretz

HP geht davon aus, dass Telepräsenz knapp 30 Millionen Euro im Jahr einspart (Foto von: Ocean/Corbis)
© Ocean/Corbis
Foto vergrößern
HP geht davon aus, dass Telepräsenz knapp 30 Millionen Euro im Jahr einspart

In fünf Minuten muss Frank Kasparek in Kalifornien sein, und es scheint ihn nicht zu beunruhigen, dass er noch immer in der Kaffeeküche seiner Firma im schwäbischen Böblingen sitzt. Seelenruhig zapft sich Kasparek ein Glas Wasser. Dann spaziert er in Raum 0.3.02, drückt auf die Maustaste - und ihm gegenüber sitzt Karin Taylor, am gleichen Tisch, lebensgroß und 9311 Kilometer entfernt.

Bis vor ein paar Jahren hätte die Vorbereitung anders ausgesehen: Taxi zum Flughafen, Checkin, Sicherheitskontrolle, Boarding, neun Stunden Flug nach New York, Umsteigen, sechs Stunden Flug nach San Francisco, Taxi zur Firmenzentrale nach Cupertino - im günstigsten Fall ein Reisetag pro Strecke. Heute setzt sich Kasparek, bei HewlettPackard (HP) für den Vertrieb von Videokonferenzsystemen zuständig, in einen Raum, der "Telepräsenz" ermöglicht. Anders als beim Bildanruf per Skype vermittelt diese fortgeschrittenste Spielart der Bildtelefonie den Eindruck, die Gesprächspartner befänden sich im selben Zimmer. Identisches Mobiliar, gleiches Holz, 3D-Atmosphäre - Kaspareks halbrunder Tisch setzt sich auf dem Bildschirm fort. Seine Kollegin erscheint farbecht und verzögerungsfrei vor ihm. Und wenn Kasparek eine Idee äußert, erfährt er Taylors Meinung meist, bevor sie geantwortet hat: Ermunterndes Lächeln erscheint ebenso deutlich auf dem Bildschirm wie Stirnrunzeln oder Augenrollen.

Die beiden diskutieren über die nächste Generation der Videokonferenz-Architektur. Wie kann man sie am besten mit Desktop-PCs verbinden? Wie ließe sich die Tonqualität weiter optimieren? Bis zu vier Parteien können zusammengeschaltet werden. Auf einer Art virtuellem Flipchart über den Konferenzmonitoren lassen sich Diagramme und Videos verfolgen. Von der simulierten Nähe profitieren - abgesehen von Fluggesellschaften oder Hotelketten - alle Beteiligten: Seit HP vor etwa fünf Jahren sein weltweites Telepräsenznetz einrichtete, haben sich die Reisekosten um über ein Viertel reduziert. Manager, die früher jede Woche in eine andere Stadt jetteten, leiden weniger unter Stress. Und die Technik ist gut fürs Klima: Nach einer Studie des englischen Carbon Disclosure Project (CDP), das Konzerne beim Klimaschutz berät, könnten im Jahr 2020 allein britische und US-amerikanische Konzerne dank Videokonferenzen etwa 5,5 Millionen Tonnen CO2-Emissionen einsparen, die Menge, die eine Million Autos im Jahr ausstoßen.

Dass Unternehmen erst seit ein paar Jahren via Telepräsenz konferieren, hat technische Gründe: Als sich die Tüftler bei HP um 1996 erstmals an Telefongesprächen mit Bild versuchten, waren E-Mail-Adressen rar, und ISDN-Verbindungen galten als Internet-Turbo. "Die Qualität war inakzeptabel", sagt Kasparek. Ruckelig. Unzuverlässig. Mittlerweile sitzt Kasparek täglich auf den schwarzgrauen Netzstühlen und konferiert mit aller Welt. HP, zusammen mit den Firmen Cisco und Polycom Marktführer der Technik, betreibt über 100 eigene Räume. Sie sind gut ausgebucht, denn seit sie in Betrieb sind, müssen Mitarbeiter jede Dienstreise begründen.



Seite 1 von 2

Kommentar verfassen

Ja, ich möchte eine Benachrichtigung per Mail erhalten, wenn es neue Kommentare zu diesem Artikel gibt.
* Bitte geben Sie einen Namen, unter dem Ihr Kommentar veröffentlicht wird, und eine gültige Mailadresse ein. Diese wird später nicht auf unseren Seiten zu sehen sein. Um Missbrauch zu vermeiden, senden wir Ihnen jedoch eine Mail mit einem Aktivierungslink - einfach anklicken und schon ist Ihr Beitrag online!

Mit der Abgabe eines Kommentars erkennen Sie die Nutzungsbedingungen an.

Momentan sind zu dem Artikel "Warum denn immer gleich in die Luft gehen?" keine Kommentare vorhanden.

GEO im Abo

Daten werden gesendet ...


Bitte geben Sie Ihren Namen an!


Bitte geben Sie Ihre E-Mail-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!


Bitte geben Sie eine Empfänger-Adresse an!
Die angegebene E-Mail-Adresse ist ungültig!




* Pflichtfeld

» E-Mail versenden «
Hinweis: Ihre E-Mail-Adresse und die E-Mail-Adresse des Empfängers werden ausschließlich zu Übertragungszwecken verwendet und nicht gespeichert oder an Dritte weitergeben!