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Das Online-Jobangebot richtet sich an Menschen in Brasilien und klingt leicht skurril: „Besuchen Sie Ihren lokalen Lebensmittelladen, und wir bezahlen Sie jedes Mal, wenn Sie uns die Preise von 30 Waren übermittelt haben.“ Honorar: umgerechnet jeweils 15 US-Dollar, außerdem 50 Cent pro Laden. Bisheriger Stand der Auszahlung: 147.574 Dollar. Auftraggeber: die Weltbank.
Auch in Kolumbien und Indonesien schwärmen neuerdings Hilfskräfte aus, um in ihrer Nachbarschaft zu notieren, was Reis, Zucker oder Bananen kosten. Seit 2012 geht die Weltbank beim Sammeln der Daten für ihr Lebensmittelpreis-Monitoring einen neuen Weg. In einem Pilotprojekt arbeitet sie mit der Firma „Jana“ mit Sitz in Boston zusammen. Jana ist das Sanskrit-Wort für „Mensch“. Das Geschäftsmodell besteht darin, Mobilfunkteilnehmer in Entwicklungs- und Schwellenländern zu Mini-Jobbern zu machen. Wer dabei sein will, meldet sich als Mitglied bei Jana (ehemals txteagle) an; dafür reicht eine SMS mit Informationen wie Alter, Geschlecht, Schulabschluss, Wohnort. 15 Sprachen sind im Angebot. Ende 2010 gab es schon 52.000 Mitglieder, knapp zwei Jahre später sind es fast eine Million.
„Theoretisch haben wir Zugang zu 2,1 Milliarden Kunden mit Prepaid-Verträgen“, sagt Jana-Chef Nathan Eagle. 232 Telefonanbieter weltweit sind Partner. Der Clou des Geschäftsmodells ist die Art der Honorierung. Jana zahlt nicht bar oder per Scheck, sondern in Gesprächseinheiten. „In der Dritten Welt gehen bei vielen Menschen bis zu zwölf Prozent des Einkommens für Telefongebühren drauf“, sagt Eagle.
Seine Doktorarbeit schrieb der heute 35-Jährige über „Maschinenwahrnehmung und das Lernen in komplexen sozialen Systemen“ am renommierten amerikanischen Massachusetts Institute of Technology, MIT. Die zündende Idee für die Praxis kam ihm eher zufällig, als er eine Weile in Kenia lehrte. In abgelegenen Krankenhäusern waren Blutkonserven oft knapp. In solchen Notsituationen wurde dringend zu Spenden aufgerufen. Eagle gehörte zu den Spendern. Um das System zu verbessern, schlug er den Krankenhäusern vor, Kenias zentrale Blutbanken regelmäßig über die eigenen Bestände zu informieren, um immer rechtzeitig Nachschub zu erhalten. Das funktionierte eine Weile, dann schliefen die Meldungen wieder ein. Der Grund: Die Kosten der SMS mussten die Krankenschwestern tragen. Ihre Gesprächsgebühren zu ersetzen und mit einem kleinen Bonus zu belohnen war der einfache Ausweg. Daraus entstand die weiter gehende Idee, Telefonbesitzer auch für andere Aufgaben einzuspannen.
So haben zum Beispiel Amateurübersetzer englische Fachwörter in lokale Stammessprachen übertragen, die Nokia für Handy-Gebrauchsanleitungen brauchte. Und Marktforscher befragen über Jana Kunden per SMS: „Welches Waschmittel benutzen Sie?“, „Wie zufrieden sind Sie damit?“, „Welche anderen Marken gibt es in dem Laden, in dem Sie es kaufen?“ Kern des Ganzen ist eine ausgeklügelte Software, die für die Gutschriften sorgt, aber auch einschätzt, wie vertrauenswürdig einzelne Auskunftgeber sind - zum Beispiel, indem sie Aufgaben verschickt, deren korrekte Antworten bei Jana bereits bekannt sind.
Nathan Eagles Ziel geht über Service für die Privatwirtschaft hinaus. Er will diejenigen zu Wort kommen lassen, die „untererforscht sind“ und „deren Stimme bisher ungehört ist“. Dafür sind Handys interessante Hilfsmittel. Denn ihre Verbreitung ist auch in ärmeren Ländern hoch, weit höher als die von PCs. „In einem Land wie Vietnam gibt es mehr Mobiltelefone als Einwohner“, sagt Eagle. Davon können nicht nur Firmen, sondern auch internationale Organisationen profitieren. Für die „UN-Momentaufnahme des Wohlbefindens“ sammelte Jana zwischen August und November 2011 rund 90 000 Antworten in mehr als 30 Ländern. Sofort im Anschluss war die Studie samt Visualisierung der Antworten zum aktuellen Gesundheitszustand verfügbar. Solches Tempo freut Daten-Fans; herkömmliche Statistiken sind oft veraltet, noch ehe sie veröffentlicht werden.
Im Vergleich ist die neue Methode außerdem verführerisch preiswert. Das zeigen zwei Studien des UN-Teams für „Disaster Risk Reduction“ zum Katastrophenschutz. Im Jahr 2009 interviewten speziell geschulte Mitarbeiter in 48 Ländern ihre Landsleute zur Einschätzung von Schäden und lokalen Schutzmaßnahmen. Teilnehmer: über 7000 Befragte; Kosten: 53 Dollar pro Interview. 2011 übernahm Jana einen Teil der Arbeit und befragte 28 000 Personen in 36 Ländern per SMS und Internet. Kosten: unter 5 Dollar pro Interview.
Ein Allheilmittel sind solche technischen Lösungen aber nicht. Gerade in besonders gefährdeten Regionen, wo Analphabetismus und Armut vorherrschen, bleibt der persönliche Besuch für Umfragen unersetzlich. Jana-Mitglieder kommen eher aus der gut ausgebildeten urbanen Mittelschicht: Der Anteil der Landbevölkerung lag bei der Handy-Umfrage bei 20 Prozent, bei den persönlichen Interviews waren es 57 Prozent. Auch Frauen und Jugendliche kamen bei den von Jana rekrutierten Befragten etwas seltener zu Wort. Ein Evaluations-Team begrüßte den neuen Ansatz deshalb als „wertvolles Mittel, geografisch weite Räume preiswert abzudecken“, warnte aber davor, ausschließlich auf Kosteneffizienz zu schauen. Die salomonische Empfehlung: ein Umfrage-Mix aus beiden Methoden.
Die Idee, Handy-Nutzer nicht nur als Datenquelle anzuzapfen, sondern sie zu Kleinstunternehmern zu machen, ist bestechend und noch längst nicht ausgereizt. Ihr Erfinder wird schon jetzt mit Auszeichnungen überhäuft. Die Zeitschrift „Wired“ hat Nathan Eagle auf die aktuelle „Smartlist“ der 50 Menschen gesetzt, „die diese Welt verändern werden“. Im Juni 2012 überreichte Bundespräsident Gauck ihm den „Global Economy Prize“ des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).
In seiner Laudatio rühmte IfW-Direktor Dennis Snower die „revolutionären neuen Wege“, die Eagle nutzt, als „Kooperation in einer noch nie da gewesenen Dimension“ und „Instrument zur Unterstützung der Benachteiligten in den armen Ländern der Welt“. Die Nutznießer erfahren nichts vom Überschwang im fernen Kiel. Sie freuen sich über die Gesprächsgutschriften auf ihrem Handy-Konto und hoffen auf die nächste SMS: „Gesucht: anonyme Antworten auf eine UN-Umfrage. Machen Sie mit!“
Zum Unternehmen: www.jana.com
Über UN-Projekte mit Handy-Einsatz gibt es Informationen unter www.unglobalpulse.org/node/14533