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Naturtalente: "Müll wird unterschätzt"

Für die einen ist es nur stinkender Abfall. Für Ina Körner ist Müll eine Fundgrube kostbarer Ressourcen. Die Hamburger Abfallwirtschaftlerin träumt von der "Zivilisations-Bioraffinerie"

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Kleine Frau mit großen Ideen: Ina Körner im Labor der Technischen Universität (Foto von: Oliver Lück)
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Kleine Frau mit großen Ideen: Ina Körner im Labor der Technischen Universität

Ina Körner ist eine kleine Frau mit großen Ideen. Eine davon geht so: Sie hat das Wort Müll aus ihrem Wortschatz gestrichen. Sie sagt: "An Müll oder Abfälle denke ich schon lange nicht mehr, das ist mir viel zu abfällig – für mich sind das wertvolle Ressourcen." Sie weiß zum Beispiel, wie man aus Essensresten Biogas macht. Sie weiß auch, wie aus Urin Stickstoff und Phosphor gewonnen werden kann, was wertvolle Mineraldünger sind. Und sie kennt eine Methode, wie man das Toilettenabwasser für die Produktion von Energie nutzen kann. "Und es gibt noch sehr viel mehr Ideen", sagt die Frau mit den dunkelbraunen, schulterlangen Haaren, "der Tag hat ja aber nur 24 Stunden."


Ina Körner ist Wissenschaftlerin. Sie sagt: "Ich denke ständig in die Zukunft", das bringe ihr Beruf so mit sich. Doch eine Träumerin sei sie nicht. "Dafür bin ich zu rational." Sie will Wissen schaffen, "das auch umgesetzt werden kann, das alltagstauglich ist". Das ist ihr wichtig. Seit bald 20 Jahren lehrt und forscht sie in Hamburg an der Technischen Universität Harburg, seit kurzem am Institut für Abwasserwirtschaft und Gewässerschutz. Und eines Tages, davon ist Ina Körner überzeugt, wird es keine organischen Reststoffe mehr geben. "Denn fast alles lässt sich als Dünger nutzen oder in Rohstoffe und Energie umwandeln - etwa in Biogas, Ethanol oder Wasserstoff."

Wie organischer Abfall zu Erde wird
Die 46-Jährige sitzt in ihrem Büro am Schreibtisch und erzählt jetzt von den idealen Bedingungen, die fleißige Mikroorganismen brauchen, um organisches Material zu Erde zu machen: ausreichend Sauerstoff, genügend Feuchtigkeit und die richtige Temperatur. Man kann sich mit ihr stundenlang über Kompostierung unterhalten. Das ist ihr Spezialgebiet. "Kompost wird noch immer unterschätzt", sagt sie, "doch er wird mehr und mehr an Bedeutung gewinnen. Noch haben unsere Böden ausreichend Nährstoffe, aber wie lange noch? Eines Tages werden diese überstrapaziert sein und der Ruf nach Humus wird lauter werden." Sie taucht jetzt etwas tiefer ein in die Welt des Kompostierens. Und wenn sie etwas Kompliziertes einfach machen möchte, malt sie es gerne auf ein Stück Papier und erklärt das Erzählte mit Hilfe kleiner Zeichnungen, mit Kurven und Diagrammen. Das ist dann wie im Hörsaal an der Tafel, wo sie im kommenden Semester Bioressourcen-Management und Bioraffinerietechnologie unterrichten wird.


Proben aus der Toilette: In Hamburg wird erforscht, wie aus Abwasser Energie werden kann (Foto von: Oliver Lück)
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Proben aus der Toilette: In Hamburg wird erforscht, wie aus Abwasser Energie werden kann

Nun zeigt sie, wie viele kleine Ideen zu einem großen Gedanken werden können, zu einem Projekt, das auch tatsächlich umgesetzt wird - wie die Neubausiedlung "Jenfelder Au": Ende 2013 sollen auf einem ehemaligen Kasernengelände im Hamburger Osten die Bauarbeiten beginnen. 2016 soll das Neubaugebiet mit mehr als 600 Wohnungen fertig sein. Und neben der Energieversorgung durch Solarkollektoren und Erdwärme werden diese auch mit einem bislang einzigartigen Abwassersystem ausgestattet sein. "Denn Abwasser ist nicht gleich Abwasser", erklärt Ina Körner. Das Konzept: Die Abwasserströme sollen bereits vor Ort getrennt werden - in so genanntes Schwarzwasser (aus der Toilette), in Grauwasser (aus Waschmaschine, Küche und Bad) und in Regenwasser.



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Kommentare zu ""Müll wird unterschätzt""

Elke Rossow | 18.01.2013 19:52

Der Ansatz ist gut und richtig. Dennoch: Ihre Forschungen betreffen organische Substanzen. Verheerender sind aber die Auswirkungen künstlich geschaffener Materialien. Diese sind in der Herstellung, als auch in der Entsorgung höchst problematisch. Kunststoffe wie PVC etc.sind enorm gesundheitsbelastend. Zudem bedroht Plastikmüll die Weltmeere mit Millionen Tonnen an Treibgut und den Fortbestand vieler Arten, da er in Tiermägen tötliche Auswirkungen hat. Erschwerend kommt hinzu, dass Wachstumszwänge und aufstrebende Schwellenländer, die den westlichen Lebensstandard zurecht erreichen wollen, die Müllberge um ein Vielfaches erhöhen werden. Darum sehe ich die Zukuinft nur in neuen naturnahen Technologien und Lebensweisen. auch auf Zinsen basierende Geldsysteme zerstören, da sie zwingend auf Wachstum angewiesen sind. Wir brauchen Aufklärung, Selbstverantwortung und ein schöpfungskonformes Gedankengut mit entsprechendem Kosumverhalten. Ansonsten kollabriert der Planet und wir mit ihm. Beitrag melden!

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