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Naturschutz: Mehr Wildnis wagen!

Ungezähmte Natur in Deutschland: eine Illusion. Noch im Nationalpark wird Management betrieben. Aber einige Ökologen gehen jetzt weiter - und fordern Freiräume ohne jeden Eingriff

Text von Andreas Weber

Die Wildnis beginnt hinter vielfachem Elektrozaun. Mannshoch gespannte Drähte grenzen einen ungeordneten Baumbestand ab. Kiefern, aus deren Zweigspitzen frische Triebe drängen, umschlingen einander, Birken lassen ihre jungen Blätter flattern. "Wildnisgebiet" steht auf einem Warnschild und "Betreten verboten!".


Naturschützerischer Großversuch: Die Döberitzer Heide, ein ehemaliger Truppenübungsplatz der Bundeswehr (Foto von: Berthold Steinhilber/laif)
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Naturschützerischer Großversuch: Die Döberitzer Heide, ein ehemaliger Truppenübungsplatz der Bundeswehr

Der Sicherheitsdraht soll das vielleicht Un- gestümste an Fauna einhegen, das derzeit über Deutschlands Naturflächen stapft: eine Herde Wisente. Fast 30 Wildrinder bahnen sich ihre Trampelpfade durch das Kerngebiet des stillgelegten Militärareals. Jahrzehntelang mahlten hier russische Panzerketten durch den Sand. Heute gehören die 3600 Hektar, die sich westlich vom Berliner Bezirk Spandau bis an die Außenränder Potsdams erstrecken, zum Tafelsilber der Heinz-Sielmann-Stiftung.

Urviecher als Naturschützer
Die Wisente dürfen im Winter täglich am Schaugatter bestaunt werden. Dennoch sind sie keine Museumsstücke, im Gegenteil. Die bis zu 900 Kilogramm schweren Tiere haben eine Aufgabe: fressen. Sie sollen Gras, Schösslinge, frische Triebe, jungen Wald "verbeißen" - und so verhindern, dass ein geschlossener Baumbestand heranwächst. Mithilfe der einst überall in Europa heimischen Großtiere soll sich die Landschaft in das verwandeln, was sie einmal war - vor Tausenden Jahren.


In der Döberitzer Heide testen die Sielmann- Biologen ein ungewöhnliches Naturschutzmodell. Es kommt weitgehend ohne menschliche Steuerung aus; und ohne kostspielige Pflegemaßnahmen. Ohne teure Mahd und Baumschnittarbeiten. Ohne Eingriffe seitens der Förster und Jäger. Und im Prinzip auch ohne Naturschützer. Die Sielmann-Wildnis bricht mit vielen Kontrollaufgaben, die Ökologen bislang lieb und teuer waren. Dafür muss sie hinter Elektrodraht.

Es ist kein Zufall, dass die Döberitzer Heide nicht den Status eines Nationalparks hat und dafür vorerst auch nicht infrage kommt. Sie ist nicht einmal sonderlich bekannt. Die Zugänge verstecken sich in Feldeinfahrten, die wenigen Wege sind wegen Munitionsräumung immer mal wieder gesperrt.

Ökologen sind uneins
Die Vision einer vom Menschen gänzlich unabhängigen Wildnis, die auf dem Sielmann-Areal wiederauferstehen soll, ist in Deutschland heiß umkämpft. Der Großtierversuch im Berliner Umland stößt eine Kette von empfindlichen Naturschutz- Fragen an, über die in den Reihen der Ökologen tiefer Zwist herrscht. Aber sein Erfolg könnte mit darüber entscheiden, ob Deutschland es schafft, einen minimalen Rest an Refugien unberührter Natur zu erhalten. Denn die Zeit läuft davon. Sang- und klanglos haben Umweltpolitiker das europaweite "2010-Ziel" zu Grabe getragen, welches vorsah, das Verschwinden von Arten und Lebensräumen in der ersten Dekade dieses Jahrhunderts zu stoppen. Kaum etwas hat sich getan. Trotz Hege und Pflege schmelzen die Bestandszahlen dahin. Bedroht ist vor allem Offenland, sind Magerrasen, Wiesen, Heiden, lichte Wäldchen, Bachufer.

Um dem zu begegnen, hat die Bundesregierung einen weiteren Stichtag eingeführt. "Bis zum Jahr 2020 kann sich die Natur auf mindestens zwei Prozent der Landesfläche Deutschlands wieder nach ihren eigenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln", formulierte das Bundeskabinett 2007 in seiner "Nationalen Strategie zur biologischen Vielfalt". Derzeit liegt der Anteil bei geschätzten 0,6 Prozent.

"In der Ökologie herrscht akuter Pflegenotstand", sagt Ulrich Simmat, Projektkoordinator der Sielmann-Stiftung. Denn die klassische Betreuung eines Hektars Öko-Wiese kann jährlich über 400 Euro kosten - etwa für die Mahd zur rechten Zeit, Verbissschutz oder Pflanzarbeiten. Zu Buche schlägt aber auch das ökologisch fragwürdige Ausbaggern von Drainage-Gräben, das von den Wasserwirtschaftsämtern vorgeschrieben ist, oder die "Verkehrssicherungspflicht": In der Nähe aller Wege, aber auch aller befahrbaren Gewässer, ist jeder bruchgefährdete Baum zu fällen.



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Kommentare zu "Mehr Wildnis wagen!"

Neuhäuser | 24.10.2012 14:01

Wir brauchen dringend mehr echte Wildnis, und wir brauchen dringend mehr Wilde Landschaft, die durch das Wirken von großen Weidetieren gestaltet wird! Aber nicht nur auf Truppenübungsplätzen und in Bergbaufolgelandschaften, sondern auch und gerade in den großen FlussAuen Deutschlands, wo auch die Eichen natürlicherseits stocken.
Dies ist ein zäher Kampf ...; siehe www.wildnis.info
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