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Äthiopien: Landraub in Äthiopien?
Nomaden zu Feldarbeitern, Naturschutzgebiet zu Ackerland: Der Inder Karuturi baut in Äthiopien eine Megafarm, angeblich so groß wie Luxemburg. Agrarinvestoren wie er haben sich in den vergangenen Jahren weltweit geschätzte 80 Millionen Hektar Land gesichert - vor allem in Afrika. Ist das der Entwicklungsschub, den viele Hungerländer dringend brauchen? Oder der Ausverkauf ihrer kostbarsten Ressource?
Ein paar Tage noch,dann
soll sein Feldzug beginnen.
Auf den Stock eines Wischmopps
gestützt, steht Karmjeet
Singh Sekhon in der Tür
eines Wohncontainers. Sein Bart ist sorgsam
gezwirbelt, sein Haar von einem
Turban bedeckt. Auf dem Hof vor ihm:
zwölf neue Traktoren mit mannshohen
Doppelrädern, ein jeder über 20 Tonnen
schwer, ein jeder über 400 PS stark. Mit
ihnen soll Sekhon den Sumpf urbar
machen und die Savanne bezwingen.
Sein Arbeitgeber ist das indische
Unternehmen Karuturi, nach eigenen
Angaben weltgrößter Rosenzüchter.
Künftig will Karuturi in Äthiopien auch
Nahrungsmittel anbauen. Damit alle
Welt Zeuge werde von seinem prometheischen
Unterfangen, haben die Traktoren
wochenlang an einer großen Kreuzung
in Addis Abeba gestanden. Zeitungen
berichteten, auch das Fernsehen.
Aber wer verirrt sich schon auf
Sekhons Farm? Sie liegt zwei Tagesfahrten
südwestlich der Hauptstadt, in
der glühend heißen GambellaTiefebene.
Eine unwirtliche Region. In den Wäldern
grassiert die Tsetsefliege, in den Sümpfen
der Medinawurm. Überall Schlangen,
und Malaria sowieso.
"Sind Sie Ärztin?", fragt mich der
Manager im Tourist-Hotel
der Regionalhauptstadt.
"Oder Investorin?" Andere
Gründe, freiwillig nach Gambella
zu kommen, kann er sich nicht vorstellen.
Karuturi hat hier, an der Grenze
zum Südsudan, nach eigenen Angaben
300.000 Hektar gepachtet. Das wäre einer
der größten Deals in jenem weltweiten
Trend, der private oder auch staatliche
Investoren in entlegenen Regionen der
Erde nach Ackerflächen suchen lässt.
Laut einer Weltbank-Studie
wurden
allein im Jahr 2009 Geschäfte über 46,6
Millionen Hektar abgeschlossen. Was
fast der Fläche Spaniens entspricht und
zwölfmal so viel ist wie in den Jahren zuvor.
Wer immer nach Land sucht, schaut
zuerst nach Afrika - dort sollen 80 Prozent
aller nutzbaren Böden brachliegen.
Auslöser des Booms war die Krise im
Jahr 2008. Innerhalb von nur drei Jahren
hatten sich die Preise für Nahrungsmittel
weltweit fast verdoppelt. In Ägypten,
Mexiko, Algerien, auf Haiti gingen Menschen
auf die Straße, die um ihre tägliche
Mahlzeit fürchteten. Manche dieser
"Brotaufstände" endeten in Gewalt. Um
das aufgebrachte Volk zu beruhigen und
die Preise zu drücken, verhängten Regierungen
vieler Exportländer Ausfuhrverbote
für Getreide. Und schreckten damit
jene Nationen auf, die ihre Nahrung zum
größten Teil importieren müssen. Länder
wie Saudi-Arabien, die Vereinigten Arabischen
Emirate oder Südkorea beschlossen,
fortan mehr Grundnahrungsmittel
selber anzubauen - allerdings auf fremdem
Boden, weil zu Hause Felder oder
Wasser fehlen.
Auch Finanzinvestoren entdeckten
Agrarland als sichere Anlage: solider Gegenwert,
limitiertes Angebot, garantiert
wachsende Nachfrage. Denn die Weltbevölkerung
wird bis 2050, so eine UN-Prognose,
auf über neun Milliarden
Menschen steigen. Um sie alle zu ernähren,
muss sich die landwirtschaftliche
Produktion um kaum vorstellbare 70 Prozent
erhöhen.
Weil Land deshalb so extrem kostbar geworden ist, warnen Hilfsorganisationen schon vor "Agro-Imperialismus" oder "Neo-Kolonialismus". Auf Websites wie www.farmlandgrab.org sind Hunderte Beispiele von dubiosen Deals und teils brutalen Enteignungen von Kleinbauern dokumentiert. Dagegen hoffen die Weltbank und die Welternährungsorganisation FAO, dass die Landgeschäfte zu einem Gewinn für alle Beteiligten werden können - wenn sie fair ablaufen. Vor allem die afrikanische Landwirtschaft braucht dringend Investitionen. Denn nur mit Hacke und Handarbeit kann sich der Kontinent nicht ernähren.

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Kommentare zu "Landraub in Äthiopien?"
Schlimme Zustaende. Einerseits fast allmaechtige korumpierbare Herrscher, andererseits eine ueberwiegend unwissende fast rechtlose und um ihre nackte Existenz kaempfende Bevoelkerung. Ideal fuer Raubritter aller Art. Der Auspluenderung von Natur und Bevoelkerung stehen damit viele Wege offen. Von ausserhalb kann es da hoechstens kompetente Beratung geben. Ob die allerdings interessenfrei moeglich ist wage ich zu bezweifeln. Ausserdem muss sie dann noch gewollt sein und auch umgesetzt werden. Fast Aussichtslos. Aber sind wir nicht auch gerade dabei solche Verhaeltnisse zu schaffen! Mieserable Politik macht es moeglich. Erst wird die Karre durch Fehlentscheidungen und handlungsunfaehige Politik gegen die Wand gefahren und dann muss sie ausgerechnet von den Raubrittern gerettet weden. So verkauft man Demokratie in Europa! Alles wird dann nur noch den Interessen des grossen Geldes untergeordnet. Wenn die Politik dann nicht mehr frei handlungsfaegig ist sind wir in Afrika.
Es ist erschütternd. Warum unternimmt die UNO dagegen nichts? Die FAO kann doch nicht glauben, dass dieser Landraub fair abläuft? Warum gibt man den Bauern in Äthiopen nicht die Unterstützung, dami sie ihr Land effizienter Bearbeiten können? Ich werde meinen privaten Konsum noch mehr einschränken, sonst kann ich als Einzelne nichts unternehmen. Diese billigen Rosen aus Afrika kaufe ich schon lange nicht mehr, aber wer kann mir garantieren, dass auch die teuren Rosen nicht aus einer farm aus Afrika kommen? Die Frage bleibt auch stürze ich mit der Konsumverweigerung die Menschen dort nicht noch in größeres Elend? Es ist ein Teufelskreis!
Das ist ja echt supergruselig. :-( Und all das nur, weil wir reichen Industrienationen unser Luxusleben immer noch weiter steigern wollen. Danke für diesen erschütternden Bericht.
war das nicht schon in der GEO-Ausgabe von voriger Woche???