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Und was ist mit dem Welthunger?

Und was ist mit dem Kampf gegen den Welthunger?
Dass die deutsche oder europäische Landwirtschaft die Welt ernähren muss, ist ein Märchen. Im Gegenteil: Wir machen mit unseren Exporten die Weltlandwirtschaft kaputt. Unsere Produktion ist inzwischen so billig, dass wir Milch in Kamerun oder Weizen in Indien billiger anbieten können als einheimische Bauern. Und das ohne Exportsubventionen, die inzwischen fast vollständig abgeschafft wurden. In Indien sind 66 Prozent der Bevölkerung von der Landwirtschaft abhängig. Wir entziehen den Menschen dort ihre Lebensgrundlage.

2013 ist das Jahr der Agrarreform. Für sieben Jahre wird festgelegt, wer wieviel Geld bekommt. Kommissar Cioloş will, dass an die Subventionen weitere ökologische Vorgaben geknüpft werden. Wie stehen nach Ihrer Einschätzung die Chancen, dass er mit den Plänen für das "Greening" durchkommt?
Cioloş' Vorschläge waren für uns schon Kompromissvorschläge. Und es wird am Ende noch viel weniger werden. Denn wir haben die Erfahrung gemacht, dass in solchen Verhandlungen in den letzten Nächten noch viel verwässert wird, etwa durch den Ministerrat. Das ist allerdings in diesem Jahr nicht möglich, weil das EU-Parlament erstmals in den Verhandlungen mit am Tisch sitzt. Darauf ruhen im Moment unsere Hoffnungen. Das voraussichtliche Ergebnis kann man unterschiedlich bewerten. Einem engagierten Umweltschützer oder Biobauern wird es als empfindliche Niederlage erscheinen. Als jemand, der sich in der Agrarpolitik auskennt, sage ich: Immerhin sind bestimmte Denkweisen aufgenommen worden. Wenn wir Glück haben, geht es in dieser Richtung in sieben Jahren weiter.

Immer öfter wird öffentlich am Sinn der EU-Agrarsubventionen gezweifelt.
Ohne diese Mittel könnten die meisten europäischen Landwirte nicht überleben, bei den aktuellen Weltmarktpreisen für Nahrungsmittel. Also: Verteilt werden muss etwas.

Das fordert auch der Bauernverband.
Ja, aber wir fordern darüber hinaus eine gerechtere Verteilung. Der Bauernverband argumentiert heuchlerisch, wenn er den armen, kleinen Bauern vorschiebt als Grund für die Zahlungen. Klar ist: Wenn wir kleinbäuerliche Strukturen und Landwirtschaft in den Dörfern haben wollen, dann brauchen wir die Gelder. Aber dann sollen doch bitte auch diese Bauern das Geld bekommen und nicht die Großbauern. Die Form der Verteilung, vor allem bei den Direktzahlungen der ersten Säule, muss sehr viel gerechter werden. Knapp zwei Prozent der Betriebe in Europa erhalten rund 30 Prozent der Direktzahlungen. Natürlich haben große Betriebe auch mehr Beschäftigte. Aber nicht so viele, dass diese Verteilung gerechtfertigt wäre. In Deutschland beschäftigen beispielsweise die Betriebe ab 200 Hektar im Durchschnitt rund 1,5 Arbeitskräfte pro 100 Hektar. Bei Höfen mit 20 bis 50 Hektar sind es fast fünf. Die Direktzahlungen beziehen sich aber ausschließlich auf die Fläche. In Bezug auf die geleistete Arbeit bekommen daher die Großbetriebe doppelt bis dreifach so viel Unterstützung wie ihre kleinen Mitbewerber. Das ist eine ungeheure Wettbewerbsverzerrung. Deshalb gibt es in Cioloş' Plänen nicht nur das "Greening", sondern auch erste zaghafte Ansätze einer etwas gerechteren Verteilung.

Was ist denn Ihr Ideal einer gerechten Verteilung?
Wir wollen, dass die Gelder der ersten Säule "begrünt" werden. Und dass auch eine artgerechte Tierhaltung eine Bedingung für die Zahlungen wird. Denn nur so können wir echte Anreize schaffen, umweltverträglich und tierfreundlich zu wirtschaften. Die Agrarumweltmaßnahmen der zweiten Säule sind ja heute freiwillig. Wenn der Bauer nichts machen will, dann macht er eben nichts. So kommen wir nicht weiter. Und natürlich muss die ungeheure Wettbewerbsverzerrung innerhalb der Landwirtschaft aufhören.

Bürger gehen auf die Straße, Organisationen und Verbände schmieden Bündnisse ... Ist die politische Diskussion über Agrarpolitik demokratischer geworden?
Ja. Vor vielleicht 20 Jahren diskutierten die Vertreter der Agrarlobby noch unter sich. Aber etwa im Rahmen des Charta-Prozesses, den Frau Aigner im vergangenen Jahr angestoßen hat, sitzen wir mit dem Tierschutzbund, den Ökoverbänden, der Nahrungsmittelindustrie, dem Bauernverband an einem Tisch. Und alle dürfen nur jeweils einen Vertreter schicken. Auch die Bürger werden stärker beteiligt. EU-Kommissar Cioloş hat, bevor er im Oktober 2010 seine Vorschläge für die Agrarreform gemacht hat, einen öffentlichen, internetbasierten Diskussionsprozess angestoßen. Zwar kam vom Bauernverband sofort die Kritik, da würden Leute mitdiskutieren, die keine Ahnung haben. Aber so kann man nicht argumentieren. Über das Thema Landwirtschaft muss die gesamte Gesellschaft diskutieren.




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Kommentare zu "Agrarpolitik: "Landwirtschaft ist ein Thema geworden""

heutemalich | 19.02.2013 22:15

Eine Agrarwende wäre wirklich wichtig - ich würde gerne daran glauben, dass sie stattfinden wird. Biodiversität - ja, das ist das Problem. Die konventionelle und leider auch die ökologische Landwirtschaft (die ja nur auf Pestizide weitgehend verzichtet) bringen große Mengen Stickstoff in unsere Kreisläufe. Was das für Pflanzen, Pilze und indirekt auch Tiere bedeutet, kann man z.B. in den Roten Listen gut nachvollziehen. Eutrophierung ist heute der Haupt-Negativfaktor bezüglich Biodiversität. Man kann in Landstrichen, wo wenig und nur bäuerliche Landwirtschaft stattfindet, gut sehen, wie Biodiversität aussehen kann. Beispiel gar nicht weit weg: Kroatien Beitrag melden!

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