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GEO Magazin Nr. 10/03 - Wie der Geist den Körper heilt - Heft vergriffen - › Abonnieren

Neurobiologie: Aufgrund der Regel gegen die Regel

Die Sprachverarbeitung bei Frauen ist unerwartet zyklus-abhängig: In der Zeit nach dem Eisprung wird neben der linken auch die rechte Seite des Hirns einbezogen


"Wir sprechen mit der linken Hirnhälfte", schrieb 1885 der berühmte französische Neurobiologe Paul Broca. Bei der Anatomie mehrerer Patienten, denen wegen eines Schlaganfalls die Sprache völlig abhanden gekommen war, hatte der Arzt massive linkshemisphärische Schäden festgestellt. Trotz mancher Einschränkungen - Linkshänder verarbeiten Sprache relativ häufig mit der rechten Hemisphäre - gilt Brocas Erkenntnis noch heute.


Wenn da nicht die Frauen wären. Nach dem Ergebnis einer neuen neurobiologischen Untersuchung an zwölf weiblichen Versuchspersonen verarbeiten Frauen gegen Ende des Monatszyklus' Sprache mit beiden Hirnhälften; zum Zeitpunkt der Menstruation hingegen konzentriert sich das Geschehen wie bei Männern auf die linke Hemisphäre.


Die Ursache sieht Projektleiter Guillén Fernández von der Universität Bonn im Wirken der weiblichen Hormone im Gehirn. Vor allem die Konzentration von Progesteron und Östrogen, die bei der Monatsblutung am geringsten und nach dem Eisprung am höchsten ist, korrelierte im Experiment deutlich mit der relativen Ausbreitung von Spracharealen über die linke Hirnhälfte hinaus. Gehirnleistungen sind also nicht auf einen Ort festgelegt, sondern flexibel und unterliegen sogar hormonellen Schwankungen.


Getestet wurde die Gehirntätigkeit der Probandinnen beim Auffinden von Synonymen, also Wörtern mit ähnlicher Bedeutung. Aufnahmen mit einem Kernspintomographen zeigten bei geringer Konzentration von weiblichen Hormonen eine Gehirnaktivität im so genannten Wernicke-Sprachzentrum im linken Schläfenlappen. Bei hoher Hormonkonzentration wurden aber auch entsprechende rechtshemisphärische Bereiche einbezogen.


Bei anderen Aufgaben - zum Beispiel dem Erkennen gleicher Buchstabenfolgen - blieb der Effekt dagegen aus. Das heißt: Der Einfluss der Hormone ist relativ spezifisch auf bestimmte Verarbeitungsaufgaben festgelegt und berührt nicht die Arbeitsweise des Gehirns allgemein. Dass die zyklische Ausbreitung der Hirnareale mit verbesserten sprachlichen Leistungen einhergeht, konnte Fernández anhand des Synonymtests zwar nicht belegen: Alle Probandinnen lösten die Aufgaben zu jeder Zeit gleich gut. Aber gesonderte Untersuchungen der Psychologin Elizabeth Hampson von der University of Western Ontario haben sehr wohl ergeben, dass Östrogene die Fähigkeiten von Frauen auf Gebieten, in denen sie Männern ohnehin meist überlegen sind, sogar noch steigern. Dazu gehören insbesondere verbale Fertigkeiten.


Andererseits sind die gleichen Substanzen unter Umständen hinderlich bei der - vorrangig die rechte Hirnhälfte beanspruchenden - räumlichen Orientierung: Auf diesem Gebiet sind Frauen nach dem Eisprung Männern gegenüber ganz besonders benachteiligt. Bei minimalem Östrogen- und Progesteronhaushalt verschwindet der Unterschied zwischen Mann und Frau dagegen fast vollständig - zumindest, was das Hirn betrifft.




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