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GEO Magazin Nr. 07/10 Seite 2 von 2


Heute ist in den Entwicklungsländern der direkte Wettbewerb um Arbeitsplätze zwischen Kindern und Erwachsenen gerade in der exportorientierten Industrie am größten. Durch internationale Sanktionen werden die Kinder aber von dort zurück in den informellen Sektor gedrängt, auf dem keine Konkurrenz besteht. Dadurch verlieren die erwachsenen Arbeiter die Motivation, im eigenen Interesse für Reformen zur Bekämpfung der Kinderarbeit einzutreten: Der politische Prozess, der in den Industriestaaten einst zur Abschaffung der Kinderarbeit geführt hat, wird ausgebremst.

Unpopuläre Restriktionen
Es überrascht daher nicht, dass in vielen Entwicklungsländern effektive Maßnahmen gegen Kinderarbeit unpopulär sind, und zwar nicht nur unter Industriellen, sondern auch in den armen Bevölkerungsschichten, die auf die Einkommen ihrer Kinder angewiesen sind. Gerade in Ländern, in denen es keine Gesetze gegen Kinderarbeit gibt, haben Familien oft sehr viel Nachwuchs, um ihr Einkommen zu maximieren. Entsprechend gering ist ihr Interesse an schärferen Gesetzen. Die Konsequenz ist, dass Kinderarbeit trotz zahlreicher Bemühungen, sie einzudämmen, immer noch weit verbreitet ist. Nach Angaben der ILO (der Internationalen Arbeitsorganisation der Vereinten Nationen) arbeiten auch heute noch mehr als 200 Millionen Kinder.

Von den Gefahren für ihr Leben und ihre Gesundheit ganz abgesehen, werden sie ihrer Bildungschancen beraubt. Das kann dazu führen, dass sich die Armut über Generationen hinweg fortpflanzt. Boykottaktionen seitens der Industriestaaten können also sogar die Überwindung der Kinderarbeit hinauszögern. Das heißt jedoch nicht, dass gar nichts unternommen werden kann. Ein Beispiel für eine erfolgreiche Maßnahme ist das staatliche PROGRESA-Programm in Mexiko: 1998 beschloss die damalige Regierung, nicht länger den Preis von Tortillas zu subventionieren - und damit indirekt auch reiche Familien -, sondern arme Haushalte direkt finanziell zu unterstützen. Der entscheidende Punkt: Geld bekommt nur, wer seine Kinder zur Schule statt zur Feldarbeit schickt. Zahlreiche wissenschaftliche Studien belegen den Erfolg dieses direkten wirtschaftlichen Anreizes: In Regionen, in denen das Programm eingeführt wurde, ist die Kinderarbeit deutlich rückläufig, und mehr Kinder - insbesondere ältere - besuchen die Schule. Auch die von Friedensnobelpreisträger Muhammad Yunus gegründete Grameen Bank in Bangladesch vergibt Mikrokredite nur an Frauen, die ihre Kinder zur Schule schicken.

Vom freien Handel könnten Entwicklungländer profitieren
Über solche gezielten Programme hinaus sollten wir im Auge behalten, dass die Ursache für Kinderarbeit immer Armut ist. Die große Mehrzahl der Eltern würde ihrem Nachwuchs lieber eine gute Schulbildung ermöglichen, wenn sie die finanziellen Mittel hätten. Daher ist auch Wirtschaftsförderung in Entwicklungsländern zugleich ein Schritt zur Überwindung der Kinderarbeit. Wenn die westlichen Industriestaaten dazu einen Beitrag leisten wollen, wäre der Abbau von Barrieren im Welthandel der beste Anfang: Entgegen den Aussagen vieler Globalisierungskritiker können nämlich Entwicklungsländer von einem freien Handel meist deutlich profitieren.

So haben die Ökonomen Eric Edmonds und Nina Pavcnik vom Dartmouth College am Beispiel von Vietnam gezeigt, dass ein verbesserter Zugang zu internationalen Märkten zu höheren Einkommen in ärmeren Bevölkerungsschichten geführt hat - worauf die Kinderarbeit deutlich zurückgegangen ist. Auch wenn wir Entwicklungsländer international vergleichen, können wir sehen, dass das Familieneinkommen dort höher und die Kinderarbeit seltener ist, wo ein freierer Marktzugang herrscht.

Es gibt also keinen Grund, in Pessimismus zu verfallen und Kinderarbeit als unabänderliche Tatsache hinzunehmen. Sie zu überwinden bleibt eine zentrale Herausforderung für die Entwicklungspolitik. Doch die Maßnahmen sollten an den wirtschaftlichen Ursachen ansetzen und reformorientierte politische Kräfte stärken, anstatt Erfolge durch ein verändertes Kaufverhalten zu erwarten.




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Kommentare zu "Hilft Fairtrade wirklich?"

Ralf Houven | 10.07.2013 01:08

Der Artikel läßt völlig außer acht, dass den Erwachsenen bei FairTrade mehr bezahlt wird und sie ihre Kinder deswegen nicht mehr arbeiten schicken müssen. Zudem sind die darin aufgestellten Behauptungen allesamt nur Denkmodelle, die nirgendwo im Artikel belegt sind. Ich habe den Eindruck, dass Herr Döpke den Artikel nicht sehr sorgfältig recherchiert hat. Beitrag melden!

Felix Patzelt | 05.01.2013 13:06

Ich finde den Artikel ein bisschen einseitig. Er versucht zu vermitteln, dass Fairtrade generell zu mehr Kinderarbeit führen. Das halte ich für totalen Quatsch. Die internationalen Boykotte kommen doch eher durch den Verbraucher der gar kein Produkt mit Kinderarbeit kaufen will, egal ob Fairtrade oder nicht. Fairtrade hat so einen geringen Anteil, dass es gar nicht diesen riesen Trend erklären kann. Ein anderes Thema ist die Bezahlung. Fairtradeproduzenten bekommen mehr Geld und können Kinder deswegen auch eher zur Schule schicken und auf ihre Arbeit verzichten. Dazu gibt es kein Wort in dem Artkel. Die These, dass eine völlige Handelsfreiheit Entwicklungsländern gut tut halte ich auch für größtenteils falsch. Exportfreiheit würde denen gut tun, aber ein freier Import wie zb der Fleischreste export von Europa nach Afrika hat fast die ganze örtliche Landwirtschaft runiniert und hält die Menschen in einer ewigen Abhänhihkeitsspirale. Beitrag melden!

Marco | 28.12.2012 13:52

Einspuriger Artikel...Danke Daniela! Beitrag melden!

Daniela | 24.12.2012 15:18

Es ist natürlich sehr geschickt, die Verhältnisse in europäischen Ländern mit denen der dritten Welt zu vergleichen und Fairtrade-Käufer mit Boykottkäufern gleichzuzsetzen. Natürlich leiden die Bauer darunter, wenn das Produkt, das sie produzieren boykottiert wird. Fairtrade-Organisationen zahlen den Bauern so viel, dass sie und ihre Familien davon leben können und Unterstützen die Menschen dabei, Schulen aufzubauen und selbstständig überleben zu können. Es wäre zu umfangreich, hier alles aufzuzählen, was Fairtrade-Organisationen machen, es ist ja auch bequemer, mal abzuwarten, ob die Gewerkschaft an der Elfenbeinküste es schaffen, die Kinderarbeit abzuschaffen, warum sollte wir uns damit belasten und gar die freie Marktwirtschaft in Frage stellen. Beitrag melden!


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