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GEO Magazin Nr. 07/10 Seite 1 von 2


Welthandel: Hilft Fairtrade wirklich?

Internationale Boykotte gegen Kinderarbeit verschlimmern die Lage eher, als dass sie sie verbessern, glaubt der Ökonom Matthias Döpke

Text von Matthias Döpke

Wer heute etwas für sein Gewissen tun will, kann in jedem Café einen "fair trade"-Latte macchiato bestellen, dessen Bohnen garantiert nicht von Kinderhänden geerntet wurden. Ähnlich sieht es in der Textilbranche aus: Nach zahlreichen Medienkampagnen und Boykott-Aktionen haben praktisch alle großen Unternehmen von Adidas bis Zara ihren Zulieferern verboten, Kinder zu beschäftigen. Anders als noch vor wenigen Jahren können Konsumenten heute darauf vertrauen, dass die günstigen Preise für ihre Turnschuhe und T-Shirts immer weniger auf der Ausbeutung Minderjähriger beruhen. Doch kann der "richtige Konsum" tatsächlich Kinderarbeit verhindern? Steigert er das kindliche Wohl? Hilft er, Ausbeutung durch Ausbildung zu ersetzen?


Weltweit sind 57 Kakao-Produzentenorganisationen in Afrika und Lateinamerika in das Fairtrade-System integriert. Zusammen erzeugen sie allerdings weniger als 0,1 Prozent der Gesamtproduktion (Foto von: Marc-Oliver Schulz/laif)
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Weltweit sind 57 Kakao-Produzentenorganisationen in Afrika und Lateinamerika in das Fairtrade-System integriert. Zusammen erzeugen sie allerdings weniger als 0,1 Prozent der Gesamtproduktion

Boykotte sind kontraproduktiv

Zusammen mit dem Ökonomen Fabrizio Zilibotti von der Universität Zürich bin ich zu einer beunruhigenden Antwort gekommen: Boykotte westlicher Konsumenten oder "fair trade"-Zertifizierungen sind nicht nur unwirksam gegen Kinderarbeit - sie erschweren sogar deren Überwindung. Um das zu verstehen, muss man die Situation im Detail betrachten: Die Familien arbeitender Kinder sind meist extrem arm. Damit wenigstens ein oder zwei Geschwister zur Schule gehen können, müssen die anderen Geld verdienen. Werden die aber aufgrund von internationalem Druck aus einem exportabhängigen Unternehmen entlassen, verliert ihre Familie eine wichtige Einkommensquelle - und ist womöglich noch stärker als zuvor auf den Zuverdienst der Kinder angewiesen. Diese weichen dann lediglich auf andere Tätigkeiten aus, meist im informellen Sektor der Landwirtschaft, wo Löhne und Arbeitsbedingungen häufig noch schlechter sind. Es könnte also genau das Gegenteil des durch die Sanktionen Erhofften eintreten: mehr Kinderarbeit, weniger Schulbildung.

Es wäre aber immerhin denkbar, dass solche internationalen Maßnahmen längerfristig wirken, indem sie politische Reformen anstoßen. Allen Ländern, die Kinderarbeit überwunden haben, gelang dies, indem sie eine strikte Schulpflicht einführten, ein Mindestalter für erwerbstätige Kinder und strenge Arbeitschutzauflagen. Wie aber kommen solche Gesetze zustande? Welche Gruppen sind an der Abschaffung der Kinderarbeit nachhaltig interessiert? Zum einen sind das Nichtregierungsorganisationen, die aus humanitären Gründen gegen Kinderarbeit eintreten, vor allem gegen deren besonders gefährliche Formen. Doch letztlich, das zeigt die Geschichte, waren es meist konkrete wirtschaftliche Interessen, die zu durchgreifenden Maßnahmen gegen die Ausbeutung Minderjähriger geführt haben.

Warum die Gewerkschaften Kinderarbeit bekämpften
Wir haben zum Beispiel untersucht, wie es im 19. Jahrhundert in Großbritannien und anderen europäischen Ländern zu umfassenden Gesetzen gegen Kinderarbeit gekommen ist. Hatten Kinder zuvor nur im informellen Sektor der familiären Landwirtschaft und in Werkstätten gearbeitet (also dort, wo sie in der Regel andere Tätigkeiten als Erwachsene ausübten), drängten sie im Zuge der Industrialisierung auch in Mühlen, Minen und Fabriken. Dort verrichteten sie dieselben Aufgaben wie ältere Arbeiter, meist sogar für weniger Lohn, und traten somit in eine direkte Konkurrenz. Vor allem dieser neue "Wettbewerb" war es, der die Gewerkschaften damals motivierte, die Kinderarbeit ernsthaft zu bekämpfen: Sie wollten die Arbeitsplätze ihrer erwachsenen Mitglieder schützen und höhere Löhne erzielen.



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Kommentare zu "Hilft Fairtrade wirklich?"

Ralf Houven | 10.07.2013 01:08

Der Artikel läßt völlig außer acht, dass den Erwachsenen bei FairTrade mehr bezahlt wird und sie ihre Kinder deswegen nicht mehr arbeiten schicken müssen. Zudem sind die darin aufgestellten Behauptungen allesamt nur Denkmodelle, die nirgendwo im Artikel belegt sind. Ich habe den Eindruck, dass Herr Döpke den Artikel nicht sehr sorgfältig recherchiert hat. Beitrag melden!

Felix Patzelt | 05.01.2013 13:06

Ich finde den Artikel ein bisschen einseitig. Er versucht zu vermitteln, dass Fairtrade generell zu mehr Kinderarbeit führen. Das halte ich für totalen Quatsch. Die internationalen Boykotte kommen doch eher durch den Verbraucher der gar kein Produkt mit Kinderarbeit kaufen will, egal ob Fairtrade oder nicht. Fairtrade hat so einen geringen Anteil, dass es gar nicht diesen riesen Trend erklären kann. Ein anderes Thema ist die Bezahlung. Fairtradeproduzenten bekommen mehr Geld und können Kinder deswegen auch eher zur Schule schicken und auf ihre Arbeit verzichten. Dazu gibt es kein Wort in dem Artkel. Die These, dass eine völlige Handelsfreiheit Entwicklungsländern gut tut halte ich auch für größtenteils falsch. Exportfreiheit würde denen gut tun, aber ein freier Import wie zb der Fleischreste export von Europa nach Afrika hat fast die ganze örtliche Landwirtschaft runiniert und hält die Menschen in einer ewigen Abhänhihkeitsspirale. Beitrag melden!

Marco | 28.12.2012 13:52

Einspuriger Artikel...Danke Daniela! Beitrag melden!

Daniela | 24.12.2012 15:18

Es ist natürlich sehr geschickt, die Verhältnisse in europäischen Ländern mit denen der dritten Welt zu vergleichen und Fairtrade-Käufer mit Boykottkäufern gleichzuzsetzen. Natürlich leiden die Bauer darunter, wenn das Produkt, das sie produzieren boykottiert wird. Fairtrade-Organisationen zahlen den Bauern so viel, dass sie und ihre Familien davon leben können und Unterstützen die Menschen dabei, Schulen aufzubauen und selbstständig überleben zu können. Es wäre zu umfangreich, hier alles aufzuzählen, was Fairtrade-Organisationen machen, es ist ja auch bequemer, mal abzuwarten, ob die Gewerkschaft an der Elfenbeinküste es schaffen, die Kinderarbeit abzuschaffen, warum sollte wir uns damit belasten und gar die freie Marktwirtschaft in Frage stellen. Beitrag melden!

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