Mord im Namen der Wissenschaft?

Die Amalie-Dietrich-Straße in der Gemeinde Germering in Oberbayern wird wegen eines Artikels in GEO Nr. 03/2011 möglicherweise umbenannt. In Australien gilt die Forscherin als "Todesengel der Aborigines"

Im Sommer 2007 suchte der Germeringer Stadtrat nach passenden Namensgebern für die Straßen im neuen Gewerbegebiet Nord. Statt oft verwendeter Männernamen sollten es diesmal Frauen sein, die sich durch besondere Leistungen hervorgetan hatten. Man einigte sich schließlich auf die fünf deutschen Naturwissenschaftlerinnen Gertrude Blanch, Amalie Dietrich, Lise Meitner, Ida Noddack und Emmy Noether.

Bei Amalie Dietrich ist sich die Stadt nun allerdings nicht mehr so sicher, ob das eine gute Wahl war. Die Forscherin (1821-1891) wird zwar als bedeutende Australien- und Naturforscherin, Botanikerin und Pflanzenjägerin im 19. Jahrhundert beschrieben. Wie der Berliner Evolutionsforscher Matthias Glaubrecht für einen Beitrag in der März-Ausgabe von GEO recherchiert hat, gilt sie in Australien allerdings als "Todesengel der Aborigines". Weil Skelette und Schädel der Ureinwohner im 19. Jahrhundert in westlichen Völkerkunde-Sammlungen hoch im Kurs standen, soll die Forscherin Gräber geplündert haben. Dass sie, wie australische Medien berichtet hatten, gar Siedler zum Mord an Ureinwohnern anstiftete, um deren Überreste für wissenschaftliche Zwecke nach Deutschland verschiffen zu können, lässt sich laut Glaubrecht jedoch nicht beweisen.

Porträt von Amalie Dietrich aus dem Familienarchiv
Porträt von Amalie Dietrich aus dem Familienarchiv
© Malte Jäger
Straßenschild im Gewerbegebiet Nord von Germering
Straßenschild im Gewerbegebiet Nord von Germering
© Vera Greif

In seiner Reihe "Terra X" hat das ZDF am 6. März um 19.30 Uhr den Beitrag "Mordakte Museum" zu diesem Thema ausgestrahlt.

In Germering wird man sich nun noch einmal mit dem Straßennamen beschäftigen. "Wir werden das Ganze auf jeden Fall kritisch beobachten und entsprechend handeln", kündigte Jochen Franz vom Rechtsamt an.