Innere Stärke Freundlichkeit wirkt: Sieben Tipps, wie wir sie wiederentdecken

Frau und Mädchen lächeln
Lächeln - und ein Lächeln zurückbekommen: Das funktioniert
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Freundlich zu sein fühlt sich für viele wie eine Selbstverständlichkeit an – und trotzdem scheitern wir im Alltag erstaunlich oft daran. Gleichzeitig zeigen Studien klar: Wer freundlich handelt, profitiert psychisch und körperlich messbar davon

Freundlichkeit kurbelt die Ausschüttung von Dopamin und anderen sogenannten Glückshormonen an, stärkt so das Wohlbefinden, senkt Stress und kann indirekt sogar das Immunsystem stützen. Gleichzeitig verbessert sie unsere sozialen Beziehungen, weil wir auf andere zugänglicher und vertrauenswürdiger wirken.

Wer sich freundlich verhält, bringt damit einen ganzen biochemischen Prozess in Gang: Der Körper schüttet Dopamin, Serotonin und oft auch Oxytocin aus – einen Mix, den Forschende als eine Art "Helfer-High" beschreiben. Dieses Hochgefühl wirkt entspannend, kann Blutdruck und Stresslevel senken und so entzündliche Prozesse im Körper dämpfen, was wiederum die Abwehrkräfte unterstützt. Freundlichkeit gibt uns zudem das Gefühl von Sinnhaftigkeit und Zugehörigkeit, was nachweislich die Lebenszufriedenheit erhöht und depressive Symptome abmildern kann.

Auch im Miteinander zeigt Freundlichkeit Wirkung: Menschen, die freundlich auftreten, werden eher als zuverlässig, offen und kooperationsbereit wahrgenommen. Laut Kommunikationsexperte René Borbonus wird Freundlichkeit "fast immer gespiegelt" – wer wertschätzend kommuniziert, lädt sein Gegenüber dazu ein, ebenfalls kooperativ und zugewandt zu reagieren. Ein freundliches Wort kann, so seine Beobachtung, aus Nachbarn Verbündete machen, erschöpfte Menschen aufrichten und sogar dafür sorgen, dass jemand eine Ausnahme von starren Regeln macht – etwa bei Ladenöffnungszeiten. Doch wie fängt man an? 

Freundlich sein ist eine bewusste Entscheidung

Freundlichkeit kann – wie jede andere Fähigkeit – durch regelmäßiges Üben zur Gewohnheit werden. Es beginnt mit der inneren Einstellung.

1. Bewusstsein schaffen: Freundlichkeit ist eine Entscheidung. Und wer sich vornimmt, freundlicher zu sein, merkt schnell die positive Wirkung. "Gerade im Stress reagieren wir oft mit Unfreundlichkeit. Wer sich bewusst stoppt, kann dieses Muster durchbrechen", sagt Nora Blum. "Die Kunst liegt darin, auch dann freundlich zu sein, wenn es schwerfällt." Die Berliner Psychologin und Unternehmerin praktiziert "radikale Freundlichkeit" - und zwar nicht nur, weil es nett ist, nett zu sein, sondern auch für sich selbst, weil es die eigene Lebenszufriedenheit steigere. 

2. Respekt haben, Empathie entwickeln: Sich in andere hineinzuversetzen, fördert das gegenseitige Verständnis. "Wir wollen niemanden verletzen, tun es aber oft", sagt Borbonus. Ein Beispiel sei das Bagatellisieren von Gefühlen. Die Antwort "Das ist doch nicht schlimm" nehme die Angst eines Kindes nicht ernst. Respekt bedeutet, den anderen wirklich zu sehen, um sich entsprechend verhalten zu können. Denn: "Das, was andere wahrnehmen, passiert auf der Verhaltensebene. Da kann man einiges falsch machen", erklärt Kommunikationsprofi Borbonus. Ein überzogenes Trinkgeld kann freundlich wirken – oder herablassend. Entscheidend ist, wie die freundlich gemeinte Geste beim Gegenüber ankommt.

Auch bei Unfreundlichkeit oder Ablehnung sollte man respektvoll bleiben. "Ich versuche bei Verhalten, das mich stört, nach drei tiefen Atemzügen eine wohlwollende Erklärung zu finden", sagt Blum. Dabei gehe es vor allem darum, die Sache nicht persönlich zu nehmen und selbst anders zu reagieren: "Ein zugewandtes, freundliches Gesicht hilft direkt, die Situation zu entspannen", rät sie. Und dann: nachzufragen und geduldig zu sein. "Das sind Fähigkeiten, die uns abhandengekommen sind", so die Psychologin.

3. Präsenz zeigen: Freundlichkeit und Aufmerksamkeit gehören zusammen. Wer seinem Gegenüber echte Präsenz schenkt, legt das Smartphone weg und lässt sich auf den Moment ein. "Wenn ich durch die Straßen gehe oder in der U-Bahn sitze, haben drei von vier Menschen die Nasen in ihren Smartphones – und das raubt uns einen der Grundbausteine für Freundlichkeit – unsere Wahrnehmung", sagt Nora Blum.

Blickkontakt ist ein einfaches Mittel, um Präsenz zu zeigen. Denn "ohne Kontakt zur Umgebung kann ich niemandem freundlich begegnen", so Blum. Eine offene Körperhaltung signalisiert Interesse und Offenheit. Entscheidend ist, den Körper dem Gegenüber zuzuwenden - vom Kopf bis zum Bauchnabel.

4. Aktiv zuhören: Gutes Zuhören ist wesentlich für Gespräche. "Wir denken immer, wir würden wirken, wenn wir viele Worte machen. Tatsächlich wünschen die meisten Menschen sich, dass man sie wahrnimmt und ihrer Meinung Beachtung schenkt", sagt Borbonus. Wer aufmerksam zuhört, ohne innerlich zu kommentieren oder eine Antwort vorzubereiten, erfährt eine neue Resonanz. 

5. Positive Sprache verwenden: Auch eine wohlwollende Sprache kann Spannungen abbauen. Allerdings reagiert jeder anders auf bestimmte Worte. "Menschen fühlen sich unfreundlich behandelt, wenn sie Worte hören, die schlechte Gefühle bei ihnen auslösen", so Borbonus. "Müssen", "Nein" und "Aber" sind für viele Menschen Reizworte. Ebenso Gewaltmetaphern. "Wenn wir jemandem schon ankündigen, dass wir "einen Anschlag vorhaben", dürfen wir uns nicht wundern, wenn der sich angegriffen fühlt", sagt er.

6. Kleine Gesten, große Wirkung: Freundlichkeit muss nicht spektakulär sein. Ein Lob, ein Kompliment oder eine helfende Hand sind einfache, aber wirksame Mittel. "Helfen macht froh", sagt Borbonus. Und ein Lächeln wirkt Wunder – "viele Leute lächeln zurück, wenn man sie anlächelt", erzählt Blum. Das schafft positive Begegnungen und steckt an. Auch Höflichkeitsformeln wie "Bitte" und "Danke" sind weit mehr als Floskeln – sie zeigen Wertschätzung und bauen Vertrauen auf.

7. Verbindlich sein:  "Verbindlichkeit bildet die Grundlage für Vertrauen", erklärt René Borbonus. Ohne Vertrauen entstehen keine guten Beziehungen. Die Grundregel ist simpel: Versprechen halten. Dabei geht es nicht nur um große Zusagen – auch kleine Gesten der Beständigkeit zählen. "Die Bedeutung von Kontinuität wird massiv unterschätzt" - wer regelmäßig Interesse zeigt und Kontakt hält, wird als verlässlicher Gesprächspartner wahrgenommen.

Freundlich sein – aber bestimmt bleiben

Freundlichkeit entfaltet ihre Wirkung nur dann wirklich, wenn sie aus innerer Stabilität kommt – nicht aus der Sorge, anderen zu missfallen oder abgelehnt zu werden. Die Psychologin Nora Blum betont, dass Freundlichkeit keine Schwäche ist; viele würden sie fälschlicherweise mit Nachgiebigkeit gleichsetzen. Dabei gehe es vielmehr um die Haltung: "Es ist sehr viel freundlicher, klar seine Bedürfnisse auszusprechen, Grenzen zu setzen und Nein sagen zu können, damit das Gegenüber nicht im Dunkeln tappt." Wer seine Grenzen verschweigt, wirkt nach außen zwar angepasst, ist aber weder sich selbst noch anderen gegenüber aufrichtig.

Im Berufsleben hält sich dennoch hartnäckig das Bild, man müsse sich mit Härte, Lautstärke und Ellbogenmentalität durchsetzen, um erfolgreich zu sein. Dieses alte Ideal des knallharten Managers verkennt, dass Zusammenarbeit heute auf Vertrauen, Dialogfähigkeit und psychologischer Sicherheit beruht – Qualitäten, die mit wertschätzender, klarer Kommunikation wachsen. Die Realität zeige: Wer freundlich kommuniziert und dabei konsequent bleibt, gewinnt Verbündete statt Gegner, so Blum.

So wird Freundlichkeit zu einer Form von innerer Souveränität: Sie erlaubt, andere mit Respekt zu behandeln, ohne sich kleinzumachen. Wer diese Haltung kultiviert, wirkt nicht weich, sondern verlässlich – und sorgt dafür, dass Zusammenarbeit weniger von Angst und mehr von Kooperation geprägt ist.

sho