Kriegsende Die Gruppe "Nakam" und ihr Racheplan an den Deutschen

Kurz nach Kriegsende möchte die jüdische Gruppe "Nakam" Rache nehmen: Für jeden ermordeten Juden soll ein Deutscher sterben. Doch kurz bevor der erste Giftanschlag ausgeführt werden kann, wird der Plan aufgedeckt
Nakam

Die Gruppe »Nakam« will Millionen Deutsche vergiften. Der erste Anschlag ist Ende 1945 in Nürnberg geplant

An diesem Dezembertag haben sie alles vorbereitet für ihren tödlichen Anschlag. Sie warten nur noch auf das Gift, das Zehntausende Menschen in Nürnberg auslöschen soll. Jeden Moment kann es aus Palästina eintreffen. Monatelang haben sie zuvor das Wasserwerk am Stadtrand ausgespäht – die Brunnen, die Filteranlage, die Pumpenstation. Sie haben einen Ingenieur in die Anlage eingeschleust, die Wassermengen berechnet und danach die Dosis des Gifts. Und sie wissen, wie sie das Wohngebiet der US Army verschonen können, wenn es so weit ist. Denn töten wollen sie nur Deutsche. So viele wie möglich.

Die sieben Männer und zwei Frauen gehören zu einer Geheimorganisation polnischer und litauischer Juden, die schon während des Krieges gegen die deutschen Besatzer gekämpft hat. Die Organisation zählt etwa 50 Mitglieder und nennt sich „Nakam“ – zu deutsch: Rache. Für jeden in den Konzentrationslagern und Ghettos ermordeten Juden wollen die Nakam-Mitglieder einen Deutschen töten, insgesamt sechs Millionen. Auch jetzt noch, nach Kriegsende. Einige Zellen planen Aktionen in Hamburg, München und Frankfurt. Aber in Nürnberg, der Stadt, in der die nationalsozialistischen „Rassengesetze“ entstanden, die Reichsparteitage stattfanden, sollen die Ersten sterben.

Plan der Nakam-Gruppe schlägt fehl

Seit Monaten versucht der Nakam-Anführer, der Aktivist und Dichter Abba Kovner, das Gift dafür in Palästina zu besorgen. Er hofft, dass die Zionisten, die dort die Einwanderung überlebender Juden organisieren, eine Vergeltungsaktion unterstützen. Aber von Massenmord an Frauen und Kindern wollen die meisten nichts wissen. Erst am 4. Dezember kann Kovner das Schiff Richtung Europa besteigen, in seinem Rucksack 20 Milchdosen voll tödlicher Substanz. Drei Männer begleiten ihn als Leibwächter.

Doch kurz vor der französischen Küste verhaftet ihn die britische Militärpolizei. Vermutlich haben ihn Zionisten verraten, die den Aufbau des Staates Israel durch eine Vergeltungstat solchen Ausmaßes in Gefahr sehen. Kovners Begleiter schütten das Gift ins Meer. Einer von ihnen kann entkommen und die Nakam-Zentrale in Paris informieren. Die befiehlt den Genossen in Nürnberg den sofortigen Abbruch ihrer Aktion.

Nakam-Mitglieder entkommen nach Palästina

Die neun in Franken sind fassungslos – aber sie reaktivieren einen anderen Plan: Wenn sie schon nicht die Nürnberger töten können, dann wenigstens SS-Männer in einem Internierungslager. Diesmal besorgen sie sich Arsen bei einer Gerberei, die das Mittel für die Bearbeitung von Leder nutzt. Im Frühjahr 1946 gelingt es den Attentätern, in einer Großbäckerei, die das Lager beliefert, Brote mit vergiftetem Wasser zu bestreichen. 

Mehr als 2000 SS-Männer erkranken schwer, aber keiner von ihnen stirbt. Die Nakam-Mitglieder entkommen nach Palästina, wo sie sich fortan in einem Kibbuz ansiedeln. Die Zionisten fürchten weitere Anschläge – und hoffen, die Aktivisten in Zukunft unter Kontrolle zu halten.