Wirtschaftsnobelpreis Was bewirkt Entwicklungshilfe? Esther Duflo und die Revolution der Armutsforschung

Die französische Ökonomin Esther Duflo ist zusammen mit Abhijit Banerjee und Michael Kremer mit dem Wirtschaftsnobelpreis ausgezeichnet worden. Duflo ist erst die zweite Frau, die diese Auszeichnung erhält. Für die GEO-Geschichte "Viel hilft viel. Oder nicht?" hat Christoph Kucklick die Ausnahmeforscherin schon vor einigen Jahren begleitet. Hier können Sie den Text noch einmal lesen.
Esther Duflo

Wirtschaftsnobelpreis: Abhijit Banerjee, Esther Duflo und Michael Kremer wurden 2019 für ihre Studien zur Armutsbekämpfung geehrt

Diese Geschichte erzählt davon, was Aaron Thindwa, Barbier in einer winzigen Hütte in Lusaka, mit Bill Gates zu tun hat, mit der Weltbank und mit der Frage, ob Entwicklungshilfe tatsächlich hilft. Sie dreht sich auch darum, ob Aaron Thindwas Verhalten die Gesundheitssysteme der Dritten Welt verändern wird. Und sie handelt von dem, was alle diese Fragen verbindet: vom Zufall.

Nicht von irgendeinem Zufall, sondern einem wissenschaftlich erzeugten Zufall.

Die Geschichte ist kompliziert. Weil man es sich seit Jahrzehnten zu einfach gemacht hat in der Entwicklungshilfe.

Sie beginnt vor etwa zehn Jahren mit einer jungen französischen Wirtschaftswissenschaftlerin in den USA. Esther Duflo ist idealistisch, hartnäckig, frustriert.

Darüber, dass auch nach 40 Jahren Entwicklungshilfe, nach über 3,04 Billionen US-Dollar noch immer unklar ist, wie Entwicklungshilfe wirkt. Ob sie überhaupt etwas bewirkt.

Bei einem Vortrag hat Duflo vor einiger Zeit zwei Kurven präsentiert. Die eine zeigte die Menge der Hilfsgelder für Afrika in den vergangenen Jahrzehnten.

Sie ist steil angestiegen. Die andere stellte die Wirtschaftsleistung pro Kopf in Afrika dar. Sie liegt heute unter dem Niveau der 1970er Jahre.

"Ohne die Hilfsgelder wäre Afrika vielleicht besser dran. Oder schlechter. Oder gleich", sagte Duflo. "Wir wissen es einfach nicht. Denn wir sind nicht besser als mittelalterliche Ärzte und ihre Blutegel, die auch nicht genau wussten, was dieses Schröpfen bewirkt." Duflo zeigte ein Bild von einem Blutegel.

Die medizinische Metapher wählt sie mit Bedacht. Denn sie wendet Verfahren der modernen Medizin auf die Entwicklungshilfe an. Jene Verfahren, mit denen Pharmafirmen ermitteln, ob ein Medikament hilft - randomized impact evaluations heißen sie im Fachjargon: Man teilt eine möglichst große Menge von Menschen in zwei Gruppen. Die eine Gruppe erhält das Medikament, die andere nicht. Dann sieht man im Vergleich, ob der Wirkstoff geholfen hat. Aber nur weil die Teilnehmer per Zufall auf die Gruppen verteilt werden, kann man so auch die Ursache einer Wirkung feststellen, nicht bloß einen vagen Zusammenhang. Der Zufall filtert statistisches Rauschen, verhindert das unbewusst Tendenziöse. Er verbindet Ursache und Wirkung.

Nach diesem Muster prüfen Duflo und rund 60 weitere Ökonomen der besten Universitäten der Welt, welche Maßnahmen in der Entwicklungshilfe tatsächlich, also ursächlich, nutzen. Ihr Hauptquartier haben die Forscher am legendären Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Cambridge, im Abdul Latif Jameel Poverty Action Lab (J-PAL), dem Labor gegen die Armut, das Esther Duflo 2003 mitbegründet hat.

Aber ihre Ergebnisse stammen aus dem, was sie "das Feld" nennen: die Slums und Dörfer der Dritten Welt.

In Kenia wurden 75 Schulen mit 30 000 Schülern in drei Gruppen eingeteilt, um herauszufinden, was am wirkungsvollsten den Schulbesuch steigert.

Das Ergebnis: Es sind nicht kostenlose Schulmahlzeiten und auch nicht, wie von der Weltbank empfohlen, direkte Zahlungen an die Eltern, damit sie ihre Kinder jeden Morgen losschicken. Sondern Medikamente gegen Würmer. Die meisten Kinder gehen schlicht nicht zur Schule, weil sie krank sind von Parasiten.

Keine Studie hatte dies bislang herausgefunden; denn wer die Familien nur nach den Ursachen der Abwesenheit befragt, wie es Forscher üblicherweise tun, hört alle möglichen Gründe. Nur nichts über Würmer, an denen so viele Kinder in der Dritten Welt leiden, dass niemand sie für erwähnenswert hält. Erst das Großexperiment deckte den Zusammenhang auf; die Wurmbehandlung steigerte die Anwesenheitsrate der Kinder um 25 Prozent.

So oft wie die Schüler fehlen die Lehrer.

"Wir müssen uns einfach mehr anstrengen", sagt Esther Duflo

In einigen Gebieten Indiens fällt die Hälfte aller Stunden aus: weil die Lehrer ihren mageren Lohn mit anderen Tätigkeiten aufbessern müssen; weil sie faul sind oder einfach nur weil niemand sie fürs Fehlen bestraft. Esther Duflo und andere testeten verschiedene Programme, Lehrer häufiger in die Schule zu bringen.

Die mit Abstand beste und billigste Maßnahme: Kameras. Damit fotografierten Schüler ihre Lehrer zweimal am Tag, und es erhielten nur die Lehrer Geld, die Fotos vorweisen konnten. Die Fehlrate sank drastisch, und die Leistungen der Schüler gingen messbar in die Höhe - für den Preis einer Kamera. Kosteneffizienz ist eines der wichtigsten Ziele der Zufallsexperimente: Effekt pro Dollar.

Alle anderen in Indien getesteten Maßnahmen klangen vorab ebenso einleuchtend: bessere Bezahlung der Lehrer, Überwachung durch Vorgesetzte oder die Dorfgemeinschaft. Würde eine Hilfsorganisation derartige Programme aufsetzen, sie könnte mit Spendengeldern rechnen. Und doch wären sie, im Vergleich, Geldverschwendung. Nur wissen das die wenigsten Organisationen. Weil sie ihre Programme nie so akribisch testen, wie es die randomistas, die Freunde des Zufalls, um Esther Duflo fordern.

"Wir wollen eine Kultur rigoroser Tests schaffen, die das Zeug hat, die Hilfspolitik des 21. Jahrhunderts zu revolutionieren", sagt Duflo. Gar eine "neue Ökonomie" sehen andere aufziehen, die der Entwicklungshilfe endlich den Schlendrian austreiben wird, um dann den "Gold-Standard" ihrer Experimente zu etablieren: den durch Zufall abgesicherten Vergleich. Den Randomistas schlägt in jenem Maße Sympathie entgegen, in dem die "klassische" Entwicklungshilfe sie verliert. Vielen erscheint diese nur noch als Abfolge ungeprüfter Moden: erst Staudämme, dann Frauenförderung, dann strukturelle Anpassung, dann Umweltschutz, dann Mikrokredite, derzeit wieder Staudämme.

Ein Prozess, "der nicht geleitet ist von zunehmenden Wissen", wie der Ökonom Angus Deaton von der Princeton- Universität kühl formuliert.

Nichts dazugelernt in 50 Jahren? Oder nur nicht richtig geforscht? Esther Duflo lebt von der Hoffnung, dass bloß die Strenge gefehlt hat. Der unbedingte Wille, zu wissen, was funktioniert und was nicht. Ein Ehrgeiz, der womöglich jenen mangelt, die in der Entwicklungshilfe ihren Lebensunterhalt verdienen. Wer unterzieht schon das eigene Tun der akribischsten Prüfung?

Eine Studie fand, dass in der Effektivitätsforschung auffällig wenige negative Ergebnisse veröffentlicht werden - als gäbe es eine Verabredung, dass selbst die ineffizienten Programme besser seien als gar keine. "Aber es geht um Milliarden. Und um Menschenleben", sagt Duflo mit hartem französischem Akzent. "Wir müssen uns einfach mehr anstrengen." In Lusaka, der Hauptstadt von Sambia, ölt Aaron Thindwa seine Haarschneidemaschinen.

Vier Fläschchen stehen vor dem verstaubten Spiegel in seinem Barbier-Büdchen: Alkohol und Talkum für die Menschen, Paraffin und Öl für die Maschinen. Mehr braucht Thindwa nicht, um im Viertel New Kanyama den Männern meist einen von drei Haarschnitten zu verpassen: table cut, das kantige Stutzen der Krause, brush cut, kurz geschoren, potato cut, Glatze. Preis pro Schnitt: umgerechnet 20 Eurocent.

Mit der Schere kann Aaron nicht umgehen, er hat seinen Beruf ja nie erlernt.

Sondern ihn einfach begonnen, nachdem er mit dem Verkauf von Trinkwasser in Plastiktüten am Straßenrand genug Geld verdient hatte für dieses Geschäft: aus Holzbrettern zusammengenagelt, von Lumpen gedeckt und groß genug für zwei Stühle sowie ein Regal voll raubkopierter DVDs; am populärsten sind Zeichentrickfilme und Pornos. Aaron Thindwas zweite Einkommensquelle. Er hat noch eine dritte (Handel mit Pfandflaschen) und eine vierte (Prepaid-Karten für Handys) und eine fünfte (Kisten schleppen), also eine ganz normale Jobvielfalt in Sambias Städten. Überhaupt: Thindwa, ein fröhlicher 40-Jähriger, geschieden, zwei halbwüchsige Kinder, wohnhaft in einem Stadtteil mit etwa 50 Prozent HIV-Rate unter den Erwachsenen, in einem Land mit einer durchschnittlichen Lebenserwartung von etwa 46 Jahren, mit einem Einkommen von ein paar Dollar pro Tag und heute bekleidet mit einem T-Shirt von Borussia Dortmund aus der Altkleidersammlung - Aaron Thindwa lebt ein ganz normales, ein repräsentatives Leben für die ärmsten Regionen der Welt.

Bill Gates lädt Duflo gern zum Abendessen ein

Das ist gut. Das macht sein Handeln aussagekräftiger. Denn er ist Teil eines Experiments, das eine wichtige Frage zu beantworten versucht: Motiviert arme Leute vor allem die Aussicht auf Geld, auf Einkommen? Oder spielen andere Motive eine ähnlich gewichtige Rolle: etwa Anerkennung, Status?

Das alles will Nava Ashraf beantworten, Ökonomin an der Harvard Business School und Teil der Forscherriege um das J-PAL. So merkwürdig es klingt: Die Frage nach der Motivation der Armen wurde nie wissenschaftlich geklärt, sie galt als stillschweigend beantwortet: Je ärmer, desto wichtiger das Geld. Der Kampf ums Überleben lasse keinen Platz für andere Motive. Um das zu überprüfen, haben Nava Ashraf und zwei Forscherkolleginnen eines der bislang kompliziertesten Experimente der Randomistas aufgesetzt: Sie haben alle Friseure und Barbiere von Lusaka erfassen lassen und rund 1222 von ihnen per Zufall in vier verschiedene Gruppen eingeteilt.

Jede Gruppe hat die gleiche Aufgabe: möglichst viele Kondome für Frauen zu verteilen oder zu verkaufen. Diese Verhütungsmittel sind in einigen Ländern Afrikas populär, weil Frauen damit unabhängiger werden von den Vorlieben der Männer. Aber um Kondome geht es gar nicht, sie sind nur ein Vorwand. Auch der Umstand, dass die Teilnehmer Friseure und Barbiere sind, ist zweitrangig.

Wichtig ist allein, welche der vier Gruppen sich besonders ins Zeug legt: Diejenigen, die pro Kondom viel Geld verdienen, fast so viel wie durch einen Haarschnitt. Oder die Gruppe, die pro Kondom praktisch nichts verdient. Oder die gänzlich unbezahlten. Oder die Gruppe jener, die mit Anerkennung belohnt werden: Pro verkauftem Kondom erhalten sie einen Stern auf einem sichtbar angebrachten Poster und die Chance, als bester Verkäufer in einer Zeremonie vor Freunden geehrt zu werden.

Hätten die Wissenschaftlerinnen um Nava Ashraf vorher gewettet, die Gruppe der Geldverdiener wäre auch von ihnen als sicherer Sieger genannt worden...

Als Esther Duflo sich vor zehn Jahren aufmachte, die Entwicklungshilfe an rigorosen Standards zu messen, rieten ihr fast alle Ökonomen ab. Wissenschaftlich brauchbare Experimente jenseits der kontrollierten Laboratmosphäre? Vergiss es! Sie erwiderte: "Ich werde mich der Komplexität der Welt stellen, auch wenn sie mich um den Verstand bringt." In ihrem kleinen Büro in Boston umklammert sie ein wenig fester das Bein, das sie auf dem Stuhl zu sich herangezogen hat. Auf dem anderen Bein sitzt sie.

Sie trägt einen grauen Pullover, das Haar glatt, das Gesicht ungeschminkt - auf dem Campus ginge die 39-Jährige als Studentin durch. Ihre Vorträge beginnt sie zuweilen mit den Worten: "Ich bin klein, ich bin Französin, und ich bin nicht sonderlich unterhaltsam." Bill Gates, der größte private Entwicklungshilfe-Stifter der Erde, lädt sie dennoch gern zum Abendessen; schonungslosere und konstruktivere Einschätzungen des aid business, des Geschäfts mit der Hilfe, erfährt er nirgendwo. Aber auch Akademiker hören längst auf die Gründerin des J-PAL; 2009 erhielt sie das sogenannte Genie-Stipendium der MacArthur-Stiftung und den Preis für den wichtigsten Nachwuchs-Ökonom unter 40. Er gilt als Anwartschaft auf den Nobelpreis.

Allerdings hat Esther Duflo wohl noch mehr Gegner als Auszeichnungen. Denn die Randomistas zerschlagen Gewissheiten schneller, als sie neue schaffen. Ihr prominentestes Opfer sind die Mikrokredite.

Muhammad Yunus hat sie vor 30 Jahren populär gemacht, um die Ärmsten der Armen mit Kleinstkrediten zu versorgen. Er erhielt dafür den Friedensnobelpreis, auch weil er und andere behaupten, dass Kleinkredite nicht nur den Unternehmergeist befördern, sondern auch die Rolle der Frauen stärken, die Gesundheit der Kinder verbessern und deren Schulleistungen. Mikrokredite als Saat für ein rundum besseres Leben.

J-PAL-Forscher haben die Programme ihren Tests unterzogen. Mit höchst umstrittenen Ergebnissen. Einige lesen darin: die völlige Wirkungslosigkeit der Mikrokredite. Denn die großen Versprechen von Yunus wurden nicht bestätigt.

Esther Duflo sieht es anders: "Wir haben entdeckt, dass die Mikrokredite genau das tun, was sie tun sollen: arme Leute mit Krediten versorgen. Das ist eine große Leistung." Für das Geld kaufen sich Leute Fernseher oder sie bezahlen Spielschulden oder sie investieren in ein Geschäft. Nur bewirken die Kredite eben auch nicht mehr als das. Im Vergleich zu Kontrollgruppen ohne Kredite leben die Empfänger nicht unbedingt gesünder, gebildeter, gleichberechtigter.

Entwicklungshilfe

Nur wenige Projekte der Entwicklungshilfe werden je auf ihre Wirksamkeit geprüft

"Wir sind sehr für Mikrokredite", erklärt Duflo, "wir sind nur gegen übertriebene Versprechen." Die Mikrofinanz-Industrie, die inzwischen mehr als 60 Milliarden Dollar Umsatz macht, bekämpft die Studien dennoch mit aller Macht. Duflo reagiert mit ihrer berüchtigten Unterkühltheit: "Wir haben versucht, ihnen zu helfen. Sie wollen die Hilfe nicht. Zu schade." Jetzt nehmen sich die Forscher den nächsten Gral der Entwicklungshilfe vor: die sogenannte community participation.

Deren Idee: Je umfassender Dorfgemeinschaften an Projekten beteiligt sind, desto besser gelingen diese. Zudem verlagere sich durch solche Teilhabemechanismen die Macht von den Eliten zum Volk. Neun Prozent aller ihrer Ausgaben investiert die Weltbank in derartige Projekte, Milliarden Dollar auf der Basis einer Wirkungsvermutung.

In Sierra Leone hat eine J-PAL-Forscherin nun ein solches Programm analysiert, mit dem Ergebnis: Viele Dinge haben sich durch die Entwicklungsprojekte in den Dörfern verändert, nur die Entscheidungswege nicht. Die Macht der Eliten besteht ungebrochen fort, trotz Community Participation. Es ist ein klarer Herbstmittag in Boston, es gibt Lunch von Plastikgeschirr, während die Forscherin diese Ergebnisse vorträgt. Allen ist klar:

Diese Studie könnte die nächste Krise in den Machtzentralen der Entwicklungshilfe auslösen. Wieder ein maßloses Versprechen gestutzt. Es ist nicht leicht, den Zufall über Lusaka zu stülpen. Die meisten der zwei Millionen Einwohner leben in winzigen Hausquadern an engen Gassen, die keine Namen tragen. Dazwischen Felder, auf denen Bäuerinnen mit Hacken und bloßen Händen die rote Erde umgraben. Die Hauptstadt Sambias, im Herzen ein Dorf.

Weil es so etwas wie Gelbe Seiten nicht gibt, ließen die Forscherinnen um Nava Ashraf zwei Monate lang ein Team von 24 Leuten jede Straße, jede Gasse abschreiten, um alle Friseure und Barbiere zu registrieren: die meisten von ihnen in Lumpenhütten, wenige in Glaspalästen.

Das war mühsam und gefährlich, in einem Viertel wurden die Frauen belästigt und beklaut, dann verjagt. Auch das gehört zur Wissenschaft, obwohl keine Studie es je erwähnt. Die Positionen aller Friseurläden wurden per GPS vermessen und auf handgezeichneten Karten vermerkt, um sie beim nächsten Besuch wiederzufinden. Was nicht immer gelang.

Armut verträgt sich nicht mit Konstanz: Die Menschen hier sind in ständiger Bewegung, ziehen um, flüchten vor Hausbesitzern, suchen vorübergehende Jobs, wandern zur Saisonarbeit in Nachbarländer, kehren zurück, finden neue Partner, sterben. Eine flirrende, fiebrige Welt. Ein Albtraum für Forscher.

Diese Welt überzogen die Wissenschaftlerinnen um Nava Ashraf mit einem virtuellen Netz aus 500 mal 500 Meter großen Feldern. Dazwischen jeweils 150 Meter breite Pufferstreifen.

Rechte Winkel, gerade Linien. Dann wurden die Friseure in den Feldern per Zufall den vier treatment-Gruppen zugeteilt: viel Geld pro Kondom, wenig Geld, freiwillige Arbeit, Anerkennung. Computer haben die Rollen zugewiesen, nicht Menschen. Was wichtig ist. Menschen, Forscher, sind unzuverlässig.

Sie lassen sich von Zuneigungen leiten, sie gehen den Weg des geringsten Widerstandes. Grace Msichili, die einheimische Managerin der Studie, hatte vor den Zufallsstudien schon viele soziologische Untersuchungen auf konventionelle Weise durchgeführt. Dabei schwärmen Forscher aus und befragen nach Gutdünken: "Natürlich sucht man sich dann die Sympathischen aus und jene, die bereitwillig Auskunft geben." Und schon wird die Studie vom selection bias verunreinigt, von einer verzerrten Auswahl der Studienteilnehmer, die im Extremfall die Ergebnisse wertlos macht: Wenn nur die Sympathischen, die Redefreudigen Auskunft geben, weiß man nichts über die Schweigsamen, die Widerborstigen. Und die denken und verhalten sich womöglich völlig anders.

Das brutale Ziel der Forscherinnen: eine Fehlerrate nahe null

Es gibt noch etliche weitere Verzerrungsgefahren, und nur ein Mittel dagegen: den Zufall. Er neutralisiert die Vorlieben der Forscher, damit sie nicht die Vorlieben der Studienteilnehmer verdecken.

Er sorgt dafür, dass außer den untersuchten keine anderen Faktoren die Studie stören. Kurz: Er macht es den Forschern so schwer wie möglich.

"Du musst sehr hart zu dir selbst sein", sagt Nava Ashraf, "sonst scheitern diese Untersuchungen." Und sie muss hart zu allen Mitarbeitern sein, was ihr nicht anzusehen ist. Sie trägt Boston auch in Lusaka. Pumps, weiße Bluse, zuweilen Business-Kostüm, und ist das exakte Gegenteil von Esther Duflo: weite Gesten begleiten jeden Satz, ein großzügiges Lachen mildert jeden Konflikt.

Doch sie pflegt die gleiche Ambition.

Viele junge Wissenschaftler streben in das neue Feld, geschult an statistischen Verfahren und an allen Enttäuschungen der Entwicklungsforschung. Dies sind nicht mehr die Dritte-Welt-Nostalgiker der 1970er Jahre, die im Süden den Kampf gegen den Norden fochten; nicht die Romantiker des freien Slum-Unternehmertums aus den 1980ern oder die Demokratie-Fans der 1990er Jahre.

Aber sie sind nicht weniger idealistisch.

Mit 13 Jahren hat Nava Ashraf ihr erstes Hilfsprojekt gegründet, in Kanada, wo sie nach der Flucht ihrer Familie aus dem Iran aufwuchs. Die Mullahs hatten die Jagd auf ihre Religionsgemeinschaft, die Bahai, eröffnet, ihr Großvater wurde verschleppt, bis heute weiß die Familie nicht, was mit ihm geschehen ist.

Die Enkelin wuchs in einem "sehr weißen Dorf" in West-Kanada auf, wo sogar eine hellhäutige Perserin als "sehr fremdartig" galt. "Ich weiß, wie es ist, sich gegen Widerstände zu behaupten." Ihre Schlüsselerfahrung aber machte sie als Praktikantin in der Weltbank, Abteilung Strategien für den ländlichen Raum. "Nur hatte keiner der Strategen je Erfahrungen gesammelt im ländlichen Raum. Die hatten keine Ahnung, wie Bauern in der Dritten Welt leben", sagt Ashraf. Anschließend lebte sie eine Weile lang in einem Dorf in Sierra Leone.

In Lusaka ermuntert sie die Schar von Befragern, noch einmal loszuziehen in die Gassen der Slums, um die letzten Unstimmigkeiten in den Fragebögen zu klären und den Schlussstein der Studie zu sichern: die letzte Erhebung.

Insgesamt sind die Friseure 13-mal im Laufe eines Jahres befragt worden: 13 data points, Messpunkte. Das ist viel für eine Studie, "aber weniger wäre inakkurat", sagt Ashraf. Jeder Messpunkt: ein 15-seitiger, detailversessener Fragebogen. Wie viele Stühle und Föhne hat der Salon; was ist deine Motivation, Friseur zu sein (mehrheitlich: "Leute schöner machen"); worüber reden die Kunden oft (vor allem: ihre Kinder, HIV, Beziehungen, Begräbnisse); wer kauft die Kondome hauptsächlich (Singles und sex workers, Prostituierte); bist du zufrieden mit deinem Leben (mehrheitlich: nein)? Nur aus der Kombination vieler solcher Fragen lassen sich brauchbare Antworten gewinnen:

Sind eher "reiche" Friseure an Status interessiert? Oder arme? Verhalten sich Männer anders als Frauen? Die Antworten sind hart erkämpft.

Die Befrager schlagen sich wieder und wieder ins Gewirr der Gassen, um Teilnehmer aufzuspüren; jeder Fragebogen wird zweimal von unterschiedlichen Forscherinnen auf Unklarheiten geprüft, bei Zweifeln müssen die Befrager nachhaken. Das brutale Ziel: eine Fehlerrate nahe null.

Wie es sich lebt als Schrecken der Entwicklungshelfer? Esther Duflo versteht die Frage zunächst nicht. Dann erwidert sie: Worin besteht der größere Schrecken - in unseren Tests oder in der Tradition, die seit Jahrzehnten am Leid der Menschen mit ungeprüften Methoden herumkuriert?

Ihre Referenz sind 50 Jahre ergebnisloser Debatten in der Entwicklungsforschung, die sich mit ermüdender Vorhersagbarkeit wiederholen. Die beiden Standardpositionen werden derzeit von Jeffrey Sachs und William Easterly besetzt, am Abstand zu ihnen lässt sich die Philosophie der Randomistas vermutlich am besten verstehen.

Jeffrey Sachs, Weltstar an der Columbia- Universität, fordert schlicht: mehr Geld. Die reichen Länder müssten mehr, viel mehr geben, nur so lasse sich der Skandal der Armut beseitigen. Sachs hat das "Millennium Villages Project" initiiert, das ausgewählte Dörfer in Afrika förmlich in Geld tränkt, mit einem zusätzlichen Jahreseinkommen für jeden Dorfbewohner. Gesamtkosten für die Pilotphase: 120 Millionen, später sind Milliardenausgaben geplant, um so zu beweisen, dass die Theorie des "viel hilft viel" funktioniert.

Als das Projekt bereits lief, bat Jeffrey Sachs Esther Duflo um eine ihrer rigorosen Untersuchungen. Sie fragte ihn, welche Daten er vor dem Projektstart erhoben habe; wie er die Dörfer randomisiert habe; welche laufenden Daten erhoben würden? Seine Antworten genügten nicht annähernd den strengen Anforderungen des Poverty Lab an seine Studien.

Irgendwann verebbte der E-Mail-Verkehr zwischen Sachs und Duflo. "120 Millionen Dollar", sagt sie. "Und wir werden nie wissen, ob das Programm etwas taugt. Ob man mit dem gleichen Geld nicht viel wirkungsvoller helfen könnte." William Easterly, Superstar der Skeptiker, sieht eine ganz andere Welt als sein Widersacher Sachs: "Wir wissen nicht, welche Maßnahmen Entwicklung bewirken, unser Rat und unsere Hilfe nützen nichts, wir sind noch nicht einmal sicher, wer dieses ‚Wir' ist, das Entwicklung bringen soll. Ich schließe daraus, dass Entwicklungshilfe ein Fehler war." Aber auch das ist Duflo viel zu groß gedacht: "Man kann die Frage doch nicht generell beantworten: Hilft Entwicklungshilfe oder hilft sie nicht? Man muss sich jedes Projekt, jede Politik einzeln anschauen." Die Randomistas wollen vor allem eine neue Bescheidenheit. Um die Entwicklungshilfe zu retten, bevor sie an ihren eigenen Übertreibungen stirbt.

Abhijiit Banerjee hat mit seiner Schätzung provoziert

Es gäbe ja so viele sinnvolle Projekte, sagt Duflo, man müsse sie nur finden.

Alle zusammen aber würden sich zu einer deutlich vorsichtigeren Hilfe addieren.

Abhijiit Banerjee, Mitgründer des Armuts-Labors am MIT, hat mit der Schätzung provoziert, dass derzeit ein paar Milliarden Dollar pro Jahr ausreichten, um alle belegbar effektiven Entwicklungsprogramme umzusetzen. Das würde sich steigern, wenn die Randomistas mehr funktionierende Projekte finden - aber während sie noch weltweit danach suchen, wächst mit jeder neuen Studie auch die Zahl ihrer Kritiker.

Es ist ein nervöser Tag in Lusaka:

Die Forscherinnen stellen einigen befreundeten sambischen Entwicklungshelfern erstmals vorläufige Ergebnisse ihrer Studie vor. Die Daten der Abschlusserhebung sind darin noch nicht eingeflossen, aber alle anderen Messpunkte haben die bemerkenswerte Tendenz bestätigt: Status schlägt Geld. Mit deutlichem, mit riesigem Abstand. Die Status-Gruppe hat doppelt so viele Kondome verkauft wie die anderen Gruppen.

Nicht zusätzliche Einnahmen haben die Friseure am stärksten motiviert, sondern soziale Anerkennung - die Auszeichnung für gute Kondomverkäufe und die Aussicht auf die große Zeremonie zum Abschluss der Studie: auf das "Angeben vor Freunden", sagt Aaron Thindwa unumwunden. "Ich wollte die Feier unbedingt bekommen, was wäre das für eine Show geworden", sagt er.

Aber er hat sie knapp verfehlt, ein anderer in der Status-Gruppe war besser.

"Geld verdiene ich auf anderem Wege", sagt Thindwa, als wäre das ein Leichtes.

"Bei den female condoms ging es um den Dienst an der Gemeinschaft. Ich wollte die Leute vor HIV-Ansteckungen schützen und auf die Gefahren aufmerksam machen." Entsprechendes Wissen hatten alle Friseure in einem Training der Harvard- Forscher erhalten.

Nun genießt es Aaron Thindwa, dass seine Kunden auch wegen Rat in Sexualfragen zu ihm kommen. "You know, wenn die jungen Kerle unsicher sind, wie sie sich schützen sollen, dann fragen sie jetzt mich." Der Barbier, er gilt nun etwas in New Kanyama, an der staubigen Straße, zwischen den Kneipen, aus denen rund um die Uhr Musik schreit: "Ich bin ein Vorbild für mein Viertel." Das klingt so selbstverständlich, dass die kleine Sensation der Studie leicht zu übersehen ist: Noch nie wurden unterschiedliche Motivationsquellen unter solchen Bedingungen getestet. Geld hatte sich bislang nicht zu messen an anderen menschlichen Motiven, jedenfalls nicht hier, wo die Armut scheinbar alle Fragen beantwortet.

Aber die Studie passt zu dem Anliegen, das Nava Ashraf und die anderen Randomistas jenseits aller Statistiken und Daten verfolgen: "Den Reichtum menschlichen Verhaltens viel genauer als bisher zu erfassen." Den Reichtum, die Vielfalt auch der Armut.

Es geht den Forschern längst nicht mehr darum, bloß einzelne Programme zu bewerten. Sondern tiefer zu gehen, in "universales menschliches Verhalten", wie Ashraf sagt: "Wann und wie entscheiden sich Menschen zu sparen, auch die Armen?" Sie hat dazu auf den Philippinen geforscht und ein sehr erfolgreiches Programm zum freiwilligen Zwangssparen identifiziert, das den Sparern verwehrte, vorzeitig an ihr Geld zu kommen. Mehr Wissen über solche Zusammenhänge, so Ashraf, bringt die Chance auf zielgerichtete Hilfe: "Warum adaptieren Bauern billige Technologien nicht, die ihnen viel mehr Einkommen bringen würden? Wann investieren Menschen in Gesundheitsvorsorge? Wir wissen noch viel zu wenig über diese grundlegenden Fragen." Auch die Lusaka-Studie wirft viele weitere Probleme auf. Status ist ein komplexes Phänomen. Was genau Aaron Thindwa und die anderen motiviert hat, warum der Effekt so groß ist, das alles ergibt sich erst aus Nachfolgestudien. "Wir sind stolz, überhaupt einen Weg gefunden zu haben, das Phänomen mit Daten zu hinterlegen", sagt Nava Ashraf.

Schon jetzt werten einige Hilfsorganisationen und Regierungen die Studie aus. Ihre Hoffnung: mangelndes Geld durch Anerkennung zu ersetzen. Man stelle sich vor, erklärt Ashraf, das Gesundheitssystem eines Landes könnte zumindest einige Helfer durch Status motivieren! Vielleicht kann, wo Geld knapp ist, Anerkennung als eine Art Ersatzwährung dienen!

Die sambische Regierung überlegt bereits, ein entsprechendes Programm für community health workers einzurichten, für Hilfskräfte im Gesundheitssystem, Nava Ashraf würde es testen. Andere Länder könnten sich anschließen. Es wäre: der lange Weg aus Aaron Thindwas Büdchen zur Veränderung der Welt.

Aber ist diese Ausweitung sinnvoll?

Handeln health workers wie Friseure?

Darf die Studie aus Sambia auf andere Länder übertragen werden, auf Indien, auf Ecuador? Das ist die Krux aller Zufallsstudien: Lassen sich ihre Ergebnisse verallgemeinern?

Besonders dieses Problem ist das Einfallstor, vor dem sich die Kritiker des neuen Ansatzes formieren. Sie bringen vor allem drei Einwände vor: Sie bezweifeln, erstens, die Aussagekraft der Untersuchungen über den jeweiligen Studienzweck hinaus; sie fürchten, zweitens, dass die Ergebnisse nicht einfach hochzurechnen sind, sondern völlig unberechenbare Effekte auftreten, wenn aus kleinen Test- Projekten große Politik-Programme werden; und sie monieren, drittens, dass es keine Langzeitstudien gibt - mehr als drei Jahre hat kein Forscher bislang die Effekte seiner Interventionen verfolgt.

Darf man solche "Experimente mit Menschen" durchführen?

Esther Duflo ist aus ungezählten Konferenzen geübt im Parieren: "Wir behaupten ja gar nicht, alle Fragen beantworten zu können." Sie fügt freimütig weitere Begrenzungen ihrer Studien hinzu: Viele wichtige Fragen der Armutsbekämpfung, die nach dem richtigen Wechselkurs eines Landes etwa, lassen sich mit der Methode der Randomistas gar nicht beantworten.

Aber. Sie richtet sich auf. "320 Studien", sagt sie, "wir haben inzwischen rund 320 Studien gemacht, ganz genau kenne ich die Zahl nicht." Von denen haben viele dieselben Fragen beantwortet:

Wird der Effekt von Anti-Wurm-Mitteln auf den Schulbesuch in Asien und Afrika belegt - muss man ihn dann noch in Südamerika belegen? "Können wir unsere Zeit nicht sinnvoller verbringen?" Und ob als wirksam erkannte Programme unerwünschte Effekte haben können, wenn man sie in einem viel größeren Maßstab anwendet? "Natürlich kann das passieren", stößt Esther Duflo aus, "und wir haben nur einen Weg, diese unerwünschten Effekte zu erkennen: durch Zufallsstudien im großen Maßstab." Erste Erfahrungen mit solchen Projekten sammeln die Ökonomen nun in Indien: die Regierung des Bundesstaates Bihar etwa hat sie um eine randomisierte Analyse mit 6000 Haushalten in 400 Dörfern gebeten.

Und dann ist, nein: war da noch das ethische Problem: Darf man solche "Experimente mit Menschen" durchführen, in der Dritten Welt oder anderswo? Jede Intervention nach Art der Randomistas bedeutet doch: Eine Maßnahme, die allen helfen könnte, wird der Kontrollgruppe vorenthalten. Dieses Dilemma ist aus der Medikamentenforschung bekannt und wurde auch bei der Entwicklungshilfeforschung vor allem zu Beginn der Studien vor zehn Jahren aufgeregt debattiert.

Doch bald wurde klar: Die Alternative ist fast nie Hilfe für alle, sondern: für niemanden.

Noch überzeugender aber war die Entgegnung der Randomistas selbst: "Wer ein Entwicklungsprojekt ohne vorherigen Test durchführt, hat keine Ahnung, ob und wie es wirkt - und das solle kein Experiment sein?" Weniger als die Kritiker müssen die Randomistas aber vielleicht ihre Unterstützer fürchten. Denn die Methode könnte die nächste Mode der Entwicklungshilfe werden: nach den Staudämmen die Zufallsstudien? Obwohl klar ist, dass diese nicht alle relevanten Fragen der Entwicklungshilfe beantworten.

Dennoch: Die Weltbank unternimmt inzwischen eigene Untersuchungen. Die Gates-Stiftung fordert oft Zufallstests, bevor sie eine Maßnahme unterstützt; Spaniens Regierung hat einen Fonds aufgesetzt, der ausschließlich randomized studies fördert. Verwässert dies die Methode, dass sie sich kaum noch von konventionellen Studien unterscheidet? Bis sie dann bloß die alte Selbstbestätigung der Entwicklungshelfer betreibt?

Esther Duflo antwortet mit ihrer Lieblingsformulierung: "Woher soll ich das wissen?" Ohne Studien, ohne Daten.

Die Gefahr der Banalisierung kann sie später bekämpfen. Zunächst geht es um die Ausdehnung des Zufalls auf die ganze Welt, auch auf die entwickelte. In Frankreich hat J-PAL eine Filiale errichtet, die sich staatliche Sozialhilfeprogramme vorknöpft.

Die ersten Tests haben die französische Regierung bereits in Bedrängnis gebracht. Als Präsident Sarkozy Polizisten in Schulen schicken wollte, um Schwänzer zu maßregeln, entdeckten die Forscher eine effektivere Methode: intensive Information der Eltern, die mehrmals in die Schulen eingeladen wurden, die Lehrer kennenlernten und ihre Vorbehalte verloren. Ganz ohne Zwang. Die Polizisten sind nie angerückt. Und die einst so vielgeschwänzten Schulen aus dem Testgebiet haben jetzt die gleiche Fehlrate wie Elitegymnasien.

Dieser Beitrag erschien zuerst in GEO 05/2012.